FOLKER – Woody Guthrie: Lieder ohne Pose und Eitelkeit

WOODY 100
WOODY GUTHRIE

WENN DIE DICHTER SÄNGER SIND
Lieder ohne Pose und Eitelkeit

Von: Hans-Eckardt Wenzel*

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* Hans-Eckardt Wenzel war nach Billy Bragg der zweite Künstler, der ein komplettes Album mit unveröffentlichten und von ihm vertonten Guthrie-Texten aufnahm. Für Februar ist ein neues Album mit Songs von Woody Guthrie angekündigt.

CD-TIPP:
Ticky Tock – Wenzel singt Woody Guthrie
(deutsch- und englischsprachige Version; Conträr Musik, 2003)

Nach einem Radiokonzert in New York mit Songs von Woody Guthrie bekam ich einen Anruf. Der Anrufer erzählte, dass er sich durch mein Lied an einen Tag erinnert habe, an dem Woody mit Zettel und Stift am Strand von Coney Island entlang spazierte. Es war ein Neunzig-Meilen-Orkan angekündigt. Den Text „Ninety Mile Wind“ hatte ich bei meinen Recherchen im Guthrie-Archiv entdeckt. Woody hatte in
WOODY GUTHRIES GEBURTSHAUS IN OKEMAH, OKLAHOMA 1979 * Foto: Walter Smalling - Wikipedia
seinem Text den Sturm, die Furcht davor und zugleich die Furcht vor der Habgier der Menschen beschrieben. Zwei Dinge, die scheinbar nichts miteinander zu tun hatten, aber wie wir heute wissen, doch zusammenhängen. Welche Prophetie, denke ich manchmal, wenn ich dieses Lied singe. Wie genau Woody aus den alltäglichen Begebenheiten Zusammenhänge aufzeigt. Absichtslos, scheint es, ganz aus dem konkreten Moment gespeist. Der Mann hatte Woody an diesem Tag beobachtet. Woody lebte mit ihm in der gleichen Welt. Das Ereignis und der Song fanden in der Erinnerung dieses Mannes wieder zueinander.

»Woody hat dem Volkslied den revolutionären Charakter zurückerobert.«
WOODY GUTHRIE * Courtesy of Woody Guthrie Foundation

Wenn Poesie sich in Abhängigkeit von der Wirklichkeit begibt, wird sie oft von den Verwaltern abstrakter Freiheit verlacht. Sie wäre auf Erfolg und Funktion aus, nicht auf Erkenntnis, Entdeckung, Innovation, meinen sie. Manchmal muss sich die Dichtung schützen vor niederem Sinn, unsinnigen Wichtigkeiten und dem Geplapper der Politiker. Dann geht sie abstruse Wege und zerstört alte Formen; aber nur, um letztlich wieder bei sich selbst anzukommen. Es steht ihr zu, sich zu schützen. Aber welchen Sinn hat sie in der Welt? Die Menschheit hat in ihrer frühen Kindheit die Künste erfunden. Höhlenmalerei, Musik, Tanz, Mythen, um der unwirtlichen Welt souveräner begegnen zu können. Dafür wurden in ihren Stämmen
WOODY GUTHRIE 1943 * Foto: Al Aumuller - Courtesy of the Woody Guthrie Archives
und Völkern die Begabtesten von den Härten des Lebensunterhalts befreit und von der Gemeinschaft mit versorgt. Der Sinn der Kunst hat dort seinen Ursprung, auch wenn wir uns heute gelegentlich scheuen, solche Zusammenhänge zu benennen. Die Unfreiheit, die uns das Leben auferlegt, trifft auch die Kunst.

»Seine Songs sind eine Art soziologische Enzyklopädie. Sie nehmen alles in sich auf, was die Wirklichkeit an Unrecht, Schönheit oder Schmerz bereithält.«

Der Dichter Woody Guthrie ist ein Sänger, einer, dem Text und Musik gleichermaßen bedeutsam sind. Seinen Versen merkt man an, dass sie vom Gesang angefeuert werden, dass sie durch Rhythmus und Gestus am Sprechen gehalten werden. Dort, wo die Sprache verstummen könnte, nimmt sie die Musik in die Pflicht. Die Worte treiben ins Offene, in die Welt. Dialoge zwischen Wort und Klang, zwischen Zeit und dem Raum, wo sie erklingen. Er hat aufgegriffen, was lange Zeit die Volkspoesie bestimmte. Er hat die Erfahrungen des modernen, täglichen Lebens hinzugenommen: Flucht, Naturkatastrophen, soziale Ungerechtigkeit und Utopie. Er hat dem Volkslied den revolutionären Charakter zurückerobert. Seine Form scheint tradiert, seine Inhalte sind modern. Die Reihe der Dichter, in der er steht, ist lang: Walther von der Vogelweide, Villon,
WOODY GUTHRIE CA. 1942 * Foto: Robin Carson - Courtesy of Woody Guthrie Archives
Bellman, Heine, Wedekind… Manchmal borgt er sich Melodien, damit seine Dichtung Atem findet, nicht anders als einst Bertolt Brecht. Oft genug habe er nicht genau gewusst, woher er diese Melodien hatte, bis man es ihm dann sagte, erinnert sich Pete Seeger. Die Melodien scheinen dabei fast wie eine Versicherung in der Tradition. Er beruft sich auf die Meister, mögen sie auch anonym sein oder vergessen. Das Eifern der Musikverlage und Verwertungsgesellschaften hatte noch nicht die heutige Absurdität erreicht. Die Musik gehörte noch dem Volk. Die fremden Melodien liefern den Gestus, den Sound, mit dem sich die eigene Poesie entwickeln kann. So finden die Worte allmählich zu sich und es beginnt eine Kompositionstechnik, die sich ohne Vorsatz in den Zusammenhang des Volksliedes stellt. Immer, wenn die Verhältnisse zu Umbrüchen, Revolutionen oder Krisen führen, greifen die Menschen in großer Not nach diesen Versen. Dann, durch den „niederen Gebrauch“, werden diese Lieder zu Hymnen, vermögen sie Menschen zusammenzubringen, Solidarität zu erzeugen.

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Update vom
09.02.2023
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