
WENN DIE DICHTER SÄNGER SIND
Lieder ohne Pose und Eitelkeit
Von: Hans-Eckardt Wenzel*
www.wenzel-im-netz.de
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* Hans-Eckardt Wenzel war nach Billy Bragg der zweite Künstler, der ein
komplettes Album mit unveröffentlichten und von ihm vertonten Guthrie-Texten
aufnahm. Für Februar ist ein neues Album mit Songs von Woody Guthrie
angekündigt.
CD-TIPP:
Ticky Tock – Wenzel singt Woody Guthrie (deutsch- und englischsprachige
Version; Conträr Musik, 2003)
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Nach einem Radiokonzert in New York mit Songs von Woody Guthrie bekam ich einen
Anruf. Der Anrufer erzählte, dass er sich durch mein Lied an einen Tag erinnert
habe, an dem Woody mit Zettel und Stift am Strand von Coney Island entlang
spazierte. Es war ein Neunzig-Meilen-Orkan angekündigt. Den Text Ninety Mile
Wind hatte ich bei meinen Recherchen im Guthrie-Archiv entdeckt. Woody hatte in
seinem Text den Sturm, die Furcht davor und zugleich die Furcht vor der Habgier
der Menschen beschrieben. Zwei Dinge, die scheinbar nichts miteinander zu tun
hatten, aber wie wir heute wissen, doch zusammenhängen. Welche Prophetie, denke
ich manchmal, wenn ich dieses Lied singe. Wie genau Woody aus den alltäglichen
Begebenheiten Zusammenhänge aufzeigt. Absichtslos, scheint es, ganz aus dem
konkreten Moment gespeist. Der Mann hatte Woody an diesem Tag beobachtet. Woody
lebte mit ihm in der gleichen Welt. Das Ereignis und der Song fanden in der
Erinnerung dieses Mannes wieder zueinander.
»Woody hat dem Volkslied den revolutionären Charakter zurückerobert.«
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Wenn Poesie sich in Abhängigkeit von der Wirklichkeit begibt, wird sie oft von
den Verwaltern abstrakter Freiheit verlacht. Sie wäre auf Erfolg und Funktion
aus, nicht auf Erkenntnis, Entdeckung, Innovation, meinen sie. Manchmal muss
sich die Dichtung schützen vor niederem Sinn, unsinnigen Wichtigkeiten und dem
Geplapper der Politiker. Dann geht sie abstruse Wege und zerstört alte Formen;
aber nur, um letztlich wieder bei sich selbst anzukommen. Es steht ihr zu, sich
zu schützen. Aber welchen Sinn hat sie in der Welt? Die Menschheit hat in ihrer
frühen Kindheit die Künste erfunden. Höhlenmalerei, Musik, Tanz, Mythen, um der
unwirtlichen Welt souveräner begegnen zu können. Dafür wurden in ihren Stämmen
und Völkern die Begabtesten von den Härten des Lebensunterhalts befreit und von
der Gemeinschaft mit versorgt. Der Sinn der Kunst hat dort seinen Ursprung, auch
wenn wir uns heute gelegentlich scheuen, solche Zusammenhänge zu benennen. Die
Unfreiheit, die uns das Leben auferlegt, trifft auch die Kunst.
»Seine Songs sind eine Art soziologische Enzyklopädie. Sie nehmen alles
in sich auf, was die Wirklichkeit an Unrecht, Schönheit oder Schmerz bereithält.«
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Der Dichter Woody Guthrie ist ein Sänger, einer, dem Text und Musik
gleichermaßen bedeutsam sind. Seinen Versen merkt man an, dass sie vom Gesang
angefeuert werden, dass sie durch Rhythmus und Gestus am Sprechen gehalten
werden. Dort, wo die Sprache verstummen könnte, nimmt sie die Musik in die
Pflicht. Die Worte treiben ins Offene, in die Welt. Dialoge zwischen Wort und
Klang, zwischen Zeit und dem Raum, wo sie erklingen. Er hat aufgegriffen, was
lange Zeit die Volkspoesie bestimmte. Er hat die Erfahrungen des modernen,
täglichen Lebens hinzugenommen: Flucht, Naturkatastrophen, soziale
Ungerechtigkeit und Utopie. Er hat dem Volkslied den revolutionären Charakter
zurückerobert. Seine Form scheint tradiert, seine Inhalte sind modern. Die Reihe
der Dichter, in der er steht, ist lang: Walther von der Vogelweide, Villon,
Bellman, Heine, Wedekind
Manchmal borgt er sich Melodien, damit seine Dichtung
Atem findet, nicht anders als einst Bertolt Brecht. Oft genug habe er nicht
genau gewusst, woher er diese Melodien hatte, bis man es ihm dann sagte,
erinnert sich Pete Seeger. Die Melodien scheinen dabei fast wie eine
Versicherung in der Tradition. Er beruft sich auf die Meister, mögen sie auch
anonym sein oder vergessen. Das Eifern der Musikverlage und
Verwertungsgesellschaften hatte noch nicht die heutige Absurdität erreicht. Die
Musik gehörte noch dem Volk. Die fremden Melodien liefern den Gestus, den Sound,
mit dem sich die eigene Poesie entwickeln kann. So finden die Worte allmählich
zu sich und es beginnt eine Kompositionstechnik, die sich ohne Vorsatz in den
Zusammenhang des Volksliedes stellt. Immer, wenn die Verhältnisse zu Umbrüchen,
Revolutionen oder Krisen führen, greifen die Menschen in großer Not nach diesen
Versen. Dann, durch den niederen Gebrauch, werden diese Lieder zu Hymnen,
vermögen sie Menschen zusammenzubringen, Solidarität zu erzeugen.
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