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Rudolstadt 2011

„DIE WISSEN GAR NICHT, WAS HIER ABGEHT!“

Gespräche mit Besuchern beim TFF Rudolstadt 2011

Zeltplatz auf der Bleichwiese 2009; Foto: Petra und Mona Meinert

AUFGEZEICHNET VON KAI ENGELKE

Wenn wir früher am späten Freitagnachmittag in Rudolstadt ankamen, dann fanden wir mit unserm alten VW-Bus immer noch einen Platz direkt an der Saale. Ach, was war das schön! Strom hatten wir zwar keinen und die Klos waren weit weg, aber das haben wir gerne in Kauf genommen“, schwärmt Walter (69). Er kommt seit 1993 regelmäßig zum TFF und auf die Bleichwiese.

Straßenmusik; Foto: Frank Szafinski

„Was sich seit damals verändert hat? Ich habe den Eindruck, dass das gesamte Festival früher viel traditioneller ausgerichtet war. Die Programmplaner sind inzwischen zunehmend bemüht, den Zeitgeschmack, die Musik von heute mit der Folklore zu verbinden. Das finde ich gut, auch im Sinne der jüngeren Leute. Was ich etwas schade finde ist, dass es früher eher möglich war, direkten Kontakt mit den Künstlern haben. Das geht heute kaum noch. Die kommen aus ihrem abgesperrten Bereich auf die Bühne und verschwinden nach dem Auftritt wieder dorthin. Na ja, ist ja auch alles viel größer und unübersichtlicher geworden, da geht das wohl nicht anders.“

Auf die Frage, welche Bands oder Einzelinterpreten ihn im Laufe der Jahre am meisten beeindruckten, verfällt Walter in langes Nachdenken. „Ich glaube, das waren die Sofia Singers, diese bulgarischen Frauenstimmen, die haben mich tief in meiner Seele berührt. Etwas Vergleichbares hatte ich vorher noch niemals gehört oder gesehen. Oder die Kriegstänze der Männer von den Osterinseln, die waren geradezu martialisch, fast schon bedrohlich – Kriegstänze halt. Und dann erinnere ich mich an eine brasilianische Gruppe mit einem Zwerg als Kapellmeister. All diese Schokoladenmädchen, die waren schon toll!“

Bei den „Magic Instruments“ (Instrumentenschwerpunkt) gefiel Walter das Zimbal am besten, jenes zitherartige Instrument, das völlig zu Unrecht oft als Hackbrett bezeichnet wird.

Headbanging im Heinepark; Foto: Michael Pohl

Gibt es für ihn Lieblingsplätze in Rudolstadt? „Ich glaube, das ist der Neumarkt. Da habe ich immer die besten Konzerte gesehen. Oder auch die Stadtkirche. Nicht nur wegen der tollen Akustik, auch wegen der intensiven Zuhöratmosphäre.“

Welche Künstler er sich gut in Rudolstadt vorstellen könnte? Da zögert Walter keinen Augenblick: „Die Sago-Leute würden hervorragend hierher passen, all die jungen Liedermacher und Kabarettisten aus Christof Stählins Mainzer Akademie für Poesie und Musik“ (siehe go! Folker 3/2009 ).

Ein abschließender Satz zu Rudolstadt? „Das mit Abstand beste Festival in Deutschland“, sagt Walter voller Überzeugung. Und im nächsten Jahr ist er wieder dabei? „Logisch!“

Julian kam schon als Kleinkind mit seinen Eltern nach Rudolstadt. Inzwischen ist er siebzehn und wird nicht mehr mitgenommen, sondern kommt aus eigenem Antrieb zum TFF. „So sieben- oder achtmal bin ich schon hier gewesen. An die ersten Male kann ich mich überhaupt nicht mehr erinnern, da war ich noch zu klein. Später dachte ich dann, das ist nichts für Jüngere, aber heute bin ich schlauer. Vielleicht hat sich ja auch mein Musikgeschmack gewandelt. Ich finde hier jedenfalls immer etwas, das mir gefällt, zum Beispiel Ska, Reggae oder Hip-Hop.“

Impression Heinepark; Foto: Michael Pohl

Die beste Band, die er bisher in Rudolstadt sah? „Rotfront, natürlich!“, sagt Julian ohne zu zögern, jene multinationale Band, die 2010 in Rudolstadt den deutschen Weltmusikpreis in der Kategorie „Globale Ruth“ verliehen bekam.

Am liebsten hält Julian sich während des Festivals im Heinepark auf: „Hier treten die Bands auf, die am meisten abgehen“, meint er.

Studiert er vorher das Programm und macht sich einen Plan, den es abzuarbeiten gilt? „Den Stress tue ich mir nicht an. Ich suche mir ein paar Highlights aus, die ich auf keinen Fall verpassen will, ansonsten lasse ich mich treiben und bleibe immer da, wo’s mir gerade gefällt. Das hat bisher ganz gut funktioniert.“

Wen würde Julian gerne einmal in Rudolstadt sehen und hören? „Apocalyptica wären geil! [Finnischer Rock und Metal auf Cellos; Anm. d. Verf.] Oder Dalriada [ungarische Folkmetalband; Anm. d. Verf.]. Die würden so richtig abräumen! Ich hab auch schon einige Metalfans im Publikum gesehen.“

Hat er seinen Freunden von Rudolstadt und vom TFF erzählt? „Ja, aber die hören nur das Wort ‚Folk‘ und dann haben sie Vorurteile. Die wissen gar nicht, was hier abgeht. Ich freue mich schon aufs nächste Jahr.“

Auch Anne (46) ist eine alte Rudolstadt-Häsin. Sie hat – mit wenigen Ausnahmen – fast alle Festivals besucht. „Natürlich hat sich viel verändert im Laufe der Jahre, ist doch klar. Früher haben wir auf der
Bühne am Neumarkt; Foto: Ingo Nordhofen
Bleichwiese für unsern Bus fünf Mark bezahlt, heute sind die Preise etwas anders. Und dennoch, wenn du bedenkst, was dir hier drei Tage lang – jetzt sogar schon vier Tage – an hochklassigen Konzerten, an Atmosphäre und dem ganzen Drumherum geboten wird, dann kannst du einfach nur feststellen: Die Preise sind insgesamt völlig in Ordnung.“

Auch ihr bevorzugter Ort ist der Heinepark. „Allein schon wegen der vielen Möglichkeiten für die Kinder. Das ist ja praktisch ein Festival für sich. Sehr gerne gehe ich auch zu den CD-Ständen. Früher wurden hier auch Bücher angeboten, viele Musik- und Liederbücher, aber auch interessante politische Bücher, die du sonst nicht überall findest. Die Bücherstände gibt es nicht mehr. Das vermisse ich schon.“

Konzerte, die sie besonders in Erinnerung behalten hat? „Da muss ich überlegen. Vielleicht Floyd Westerman, der indianische Liedermacher, der auch in einigen Filmen mitspielte. Er war obendrein ein engagierter Umweltaktivist. Eine beeindruckende Persönlichkeit. Auch an das Gianna-Nannini-Konzert denke ich sehr gerne zurück. Was für eine Powerfrau!“

Gab es für sie besondere Länder-, Instrumenten oder Tanzschwerpunkte? Anne lacht. „Die vielen Dudelsäcke haben mich genervt. Ein Dudelsack allein ist ja schon schwer zu ertragen, aber dann gleich ein ganzer Haufen? Das hält keiner aus! Ist aber vielleicht auch Geschmackssache.“

Vermisst sie auch Begegnungsmöglichkeiten mit manchen Künstlern nach den Konzerten? „Nein, überhaupt nicht. Dafür gibt es ja zum Beispiel die musikalischen Talkshows im Schminkkasten. Da besteht durchaus die Möglichkeit, mit den Künstlern in direkten Kontakt zu kommen. Oder auch bei den vielen Straßenmusikkonzerten. Kein Problem.“

Straßenmusik; Foto: Andreas Häckel

Wie geht sie mit dem gigantischen Programmangebot um? „Ich habe eigentlich alles ausprobiert: Programmheft durcharbeiten, Plan erstellen und Punkt für Punkt abhaken oder nur ein paar wichtige Konzerte heraussuchen und den Rest dem Zufall überlassen. Einmal bin ich einfach nur drei Tage durch die Stadt gebummelt, ganz ohne Plan. Da hab ich dann später aber festgestellt, dass ich viel verpasste. Wichtig ist für mich auch immer, Freunde zu treffen. Da kannst du auch schon mal ein Konzert sausen lassen. Gut ist ja, dass viele Künstler mehrmals spielen, sodass du manchmal Versäumtes nachholen kannst.“

Wünscht sie sich bestimmte Künstler in Rudolstadt? „Ach, ich lass mich gerne überraschen. Für mich ist Rudolstadt jedes Jahr aufs Neue wie eine riesengroße Wundertüte.“


Eine ausführliche Fotostrecke der Folker-Fotografen zum TFF 2011 findet sich unter diesem go! Link .


Eine Liste der exklusiv auf der Folker-Webseite erschienenen Artikel findet ihr im go! Archiv .

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Update vom
27.08.2011
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