MICHAEL SEZ

Vor fünfundsiebzig Jahren, am 12. Mai 1939, erschien in People’s World, dem Westküstenableger der New Yorker Tageszeitung Daily Worker der kommunistischen Partei CPUSA, die erste von 174 Kolumnen, die Woody Guthrie bis Januar 1940 unter dem Titel „Woody Sez“ schrieb. Themen waren politische Ereignisse, Alltagsbeobachtungen, persönliche Erlebnisse sowie Film- und Buchbesprechungen, die er jedes Mal mit einem Cartoon versah. Orientiert an der bodenständigen Philosophie und dem politischen Humor des Komikers und Schauspielers Will Rogers, nahm Guthrie die Herrschenden aufs Korn und brachte die Sorgen und Wünsche der einfachen Menschen zum Ausdruck.

MICHAEL KLEFF * FOTO: INGO NORDHOFEN
Die neue Folker-Kolumne „Michael Sez“ zu überschreiben, mag angesichts der Größe des Vorbilds vermessen, aber zugleich eine Herausforderung sein. Und Themen, die es ganz in der Tradition von Woody Guthrie aufzugreifen gilt, gibt es reichlich. Oder soll es etwa unkommentiert bleiben, wenn der selbst ernannte Robin Hood der Rockmusik, Bono, meint, dass es der Wirtschaft eines Landes diene, wenn Großunternehmen Steuern vermeiden? Oder wenn Wolf Biermann, auch so ein selbst ernannter Freiheitskämpfer, dem jede Demut fremd ist, nachdem er nach seinem unerträglichen Auftritt im Deutschen Bundestag die sächsische Abgeordnete Susanna Karawanskij gefragt hatte, ob sie von der Linkspartei sei, meinte, dass man das am Gesicht erkennen könne? Oder wenn Chris de Burgh in einem Interview sagt: „Wenn Sie den Kapitalismus nicht mögen, dann sollten Sie an einem Ort leben, wo es keinen Kapitalismus gibt. Nichts einfacher als das.“? Eine Einstellung, die mich an die Menschen erinnert, die auf Kritik an der BRD mit der Aufforderung reagierten: „Dann geh doch rüber in die DDR.“ Oder wenn der Popstar Xavier Naidoo sein Auftreten vor „Reichsbürgern“ oder NPD damit begründet, das seien „alles Systemkritiker so wie ich“? Manchmal beschleicht mich das Gefühl, dass der Untertitel „Wie Egoisten, Hohlköpfe und Psychopathen uns um die Zukunft bringen“ von Karen Duves aktuellem Buch Warum die Sache schiefgeht nicht nur auf die Herrschenden in Politik und Wirtschaft zutrifft, sondern auch auf weite Teile des Musikgeschäfts – die Rundfunk- und Fernsehlandschaft nicht zu vergessen.

Ich werde an dieser Stelle auch immer in das eine oder andere Buch hineinschauen oder in die eine oder andere Platte hineinhören. Allein schon deshalb, um daran zu erinnern, dass vieles, was schon geschrieben oder gesungen wurde, von bestechender Aktualität ist. Und man sich fragt, warum sich die Verhältnisse nicht verändert haben. Hier ist ein Beispiel, Georg Danzers Lied „Wir werden alle überwacht“:

Steht dauernd wer vor deinem Haus
mach dir nichts d’raus, mach dir nichts d’raus
wahrscheinlich bist du radikal
verflixt noch mal, verflixt noch mal
und machst du einen kleinen Schritt
die krieg’n das mit, die krieg’n das mit
frag’ nicht beleidigt, was das soll
es ist ja nur zu deinem Wohl

drum schlaf schön ein und gute Nacht
wir werden alle überwacht
kein Grund, dass man sich Sorgen macht
wir werden alle überwacht

Georg Danzer hat dieses Lied 1979 auf seinem Album Feine Leute veröffentlicht. Die Überwachung der Menschen hat heute mit der Weiterentwicklung der technischen Möglichkeiten ungeahnte Größenordnungen erreicht. Empörung und Widerstand scheinen jedoch mit dieser Entwicklung nicht Schritt gehalten zu haben.

Zeichnung: Woody Guthrie
Mit freundlicher Genehmigung von Woody Guthrie Publications

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06.01.2015
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