Helmut Meier

Kinder, Künste und Sozialkompetenz

Beobachtungen und Gedanken zum vierten Kinderliedkongress

Der Nachwuchs singt nicht mehr?

„Kinder brauchen Märchen!“ Als vor knapp vierzig Jahren das Plädoyer des bekannten Kinderpsychologen Bruno Bettelheim, Kinder so zu akzeptieren, wie sie sind, und sie in ihrer individuellen Entwicklung zu begleiten, veröffentlicht wurde, setzte eine grundlegende Diskussion um die Rolle von Kreativität und Kunst in pädagogischen und sozialen Prozessen ein, die inzwischen nichts an Brisanz verloren hat, im Gegenteil. Die moderne Hirnforschung bestätigt die unbedingte Notwendigkeit, Kindern die Möglichkeit zu geben, Sensibilisierung, Selbstwertgefühl und soziale Kompetenz in der Beschäftigung mit Musik, Malerei und Literatur zu entwickeln und warnt dringend vor „digitaler Demenz“ als Ergebnis übermäßigen Konsums von Computer und Co. Die Formulierung „Unsere Kinder singen nicht mehr!?“ bestätigt diese Warnung und zog sich als provokante, aber bezeichnende These durch die Foren, Seminare und Diskussionen des vierten Kinderliedkongresses im September 2013 in Hamburg. Wie lässt sich die Situation beschreiben? In welcher Form lässt sich darauf reagieren?
TEXT: CATHRIN ALISCH

» Wenn wir nicht endlich damit aufhören, die nächste Generation systematisch zu verdummen, dann werden spätestens deren Kinder zwar nicht in der Höhle, aber jedenfalls in ungünstigeren Umständen leben. «
Manfred Spitzer
Niemand geringeres als Manfred Spitzer, einer der hervorragendsten Gehirnforscher unserer Zeit, der sich seit vielen Jahren mit Formen des Lernens in allen Lebensphasen, besonders aber mit dem Lernen von Kindern beschäftigt, betont auch aus neuronaler Sicht die enorme positive Auswirkung gemeinsamen Singens, Tanzens, Musizierens, Theaterspielens und sagt ausdrücklich: „Wenn wir nicht aufpassen und nicht endlich damit aufhören, die nächste Generation systematisch zu verdummen, dann werden spätestens deren Kinder zwar nicht in der Höhle, aber jedenfalls in ungünstigeren Umständen leben.“ Gemeint ist der unkritische Gebrauch digitaler Medien, der nachweislich Körper und Geist schadet, vor allem dem Geist junger Konsumenten. Zahlreiche internationale Studien weisen inzwischen eindeutig nach, dass die Lernfähigkeit und das Konzentrationsvermögen bei Kindern und Jugendlichen durch Bildschirmmedien drastisch vermindert werden ebenso wie die soziale Kompetenz, von kreativem Selbstausdruck und sozialer Aktivität innerhalb der Künste ganz zu schweigen.

WEBTIPPS:
go! www.beatelambert.de
go! www.helmut-meier.de
go! www.irmimitderpauke.de
go! www.karibuni-web.de
go! www.kinderlied-kongress.de

LITERATURTIPPS:
Bruno Bettelheim, Kinder brauchen Märchen. New York: 1975; dt. München: 1980.
Manfred Spitzer, Digitale Demenz: Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen. München: 2012.

Zugespitzt und für ihren ganz konkreten Bereich formuliert wurde dieser Gedanke auch von den Bühnenprofis, Dozenten und Gästen des vierten Kinderliedkongresses, der wiederum für drei Tage in Hamburg die gesamte deutschsprachige Szene in Sachen Kinderlied zusammenbrachte. Dabei ging es keineswegs nur um Musik und Lied im engeren Sinne. Fragen zu Wertevermittlung und Überpädagogisierung spielten ebenso eine Rolle wie zur nonverbalen Kommunikation innerhalb der Musik, zu Lied und Gebärde für verschiedene Altersgruppen, Bodysound, Wiegenliedern, Ritual und Alltag, Toleranz und Tabu oder auch Überlegungen zur Religion für Atheisten und Überlagerungen von Musik und Märchen. Relativ unabhängig vom jeweiligen Blickwinkel wurde jedoch allgemein und immer wieder konstatiert, dass es zunehmend schwieriger wird, das junge und jüngste Publikum zum aktiven und konzentrierten Mitsingen oder überhaupt zum Mitmachen zu bewegen. Woran liegt das?



REIJKO KEKKONEN (Hg.)
Wiegenlieder aus aller Welt. Mit CD zum Mitsingen. In Zusammenarbeit mit der European Choral Association – Europa Cantat, Stuttgart: Carus-Verlag, 2013, mit Noten, orig. Texten, dt. Übers. u. vielen Farbfotos.
ISBN 978-3-89948-182-2, 24,90 Euro

Cover Wiegenlieder aus aller Welt „Das Singen eines Wiegen- oder Schlafliedes ist ein kostbarer und intensiver Moment zwischen Eltern und Kind. Wenn Eltern, Großeltern oder andere nahestehende Menschen abends für ein Kind singen, geben sie diesem ein sicheres und friedliches Gefühl mit in den Schlaf.
WEBTIPPS:
go! www.europeanchoralassociation.org
go! www.carus-verlag.com
go! www.liederprojekt.org
go! www.lullabiesoftheworld.org
go! www.thevoiceproject.eu
Und das Kind kann diesen Ritus später wiederum an eigene Kinder weitergeben. So bleiben wichtige menschliche Traditionen lebendig. Singen war schon immer ein Teil der menschlichen Kultur. Darüber hinaus hat das Singen einen wichtigen sozialen Aspekt: Menschen, die zusammen singen, erleben ein Gefühl von Zusammengehörigkeit und Sicherheit.“ Mit diesen Worten im Vorwort benennt der Herausgeber bereits Intention und Anliegen der Sammlung, die als Buch über 128 Seiten Wiegenlieder aus aller Welt mit Noten, originalen Texten und deutschen Übersetzungen präsentiert. Türkische, chinesische, armenische und italienische Wiegenlieder finden wir neben Liedern aus Lappland, Venezuela oder von den Kanarischen Inseln – jedes einzelne mit großen wunderschönen Farbfotos ergänzt, die bei allen Gemeinsamkeiten auch auf die vielen interessanten Unterschiede der Traditionen hinweisen. Als Besonderheit enthält die Sammlung das international vielleicht bekannteste Wiegenlied, „Guten Abend, gut’ Nacht“ von Johannes Brahms – und zwar in siebzehn Sprachen. Die beigefügte CD verbindet instrumental musizierte Fassungen der Lieder aus insgesamt vierundzwanzig Nationen mit von Muttersprachlern gelesenen Singtexten und erleichtert das unmittelbare Mit- und Nachsingen. Denn genau darum geht es, um das Wiederentdecken und die Wertschätzung des gemeinsamen Singens. Mit der vorliegenden Veröffentlichung wird uns dafür hinsichtlich der praktischen Nutzung eine wertvolle, hinsichtlich ihrer Ausführung aber außerdem auch ausgesprochen schöne Grundlage in die Hand gegeben.

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Update vom
26.12.2014
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