Deutsche DNS, schottisches Herz

Eddi Reader

„Ich glaube nicht an die Isolation von Kulturen“

EDDI READER * FOTO: DORIS JOOSTEN

Seit sie 1988 mit Fairground Attraction „It’s got to beeeeeee … perfect“ trällerte, ist sie aus vielen Gehörgängen nicht mehr verschwunden. Sadenia – kurz: Eddi – Reader ist während ihrer drei Jahrzehnte umfassenden Karriere immer wandelbar geblieben, von Pop über Songwriting zu Scottish Folk. Für den Folker ging sie auf eine Reise von der Kindheit und Jugend im Glasgower „Slum“ über eine turbulente Zeit als Straßenmusikerin in Frankreich bis zur Wiederentdeckung ihrer schottischen Wurzeln und der zufälligen Enthüllung ihrer deutschen DNS. All das bündelt sie auch auf ihrem aktuellen Album Vagabond in einer ganz beiläufigen Autobiografie.

TEXT: STEFAN FRANZEN

go! eddireader.co.uk

AUSWAHLDISKOGRAFIE:
Solo:
Mirmama (RCA/Sony, 1992)
Eddie Reader (Blanco y Negro/Warner, 1994)
Candyfloss & Medicine (Blanco y Negro/Warner, 1996)
Angels & Electricity (Blanco y Negro/Warner, 1998)
Simple Soul (Rough Trade, 2001)
Eddie Reader Sings The Songs Of Robert Burns (Reveal, 2003)
Live In Japan (Reveal, 2010)
Vagabond (Reveal, 2014)


Mit Fairground Attraction:
The First Of A Million Kisses (RCA/Sony, 1988)
Ay Fond Kiss (RCA/Sony, 1990)

COVER VAGABOND

TERMIN:
07.02.15: Lüdenscheid, Kulturhaus (Folkpack)

Die Szene hat fast etwas Rührendes. Da steht sie an diesem knallig heißen Spätnachmittag im Juli 2014 mit ihrer Band auf der großen Bühne der Heidecksburg über Rudolstadt. Mitten in einer ihrer Ansagen springen ein paar Leute johlend auf. Eddi Reader ist sofort im Bilde: „Okay, ihr habt das Viertelfinale gegen Frankreich gewonnen. Also, lasst uns nun etwas für unsere französischen Freunde tun.“ Und aus voller Kehle stimmt sie spontan a cappella Édith Piafs „La Vie En Rose“ an, als Trost für die Grande Nation.
» Dieses Album spiegelt wider, wie die Musik mir erlaubt hat, durchs Leben zu reisen – ohne Ausbildung, mit viel Glück, ein bisschen Planung und ein paar natürlich erworbenen Fertigkeiten. «
Und das, obwohl sie doch selbst deutsches Erbe in sich trägt. Nur eines von vielen spannenden Details, die sich während des langen Gesprächs mit ihr entrollen. Ein Gespräch, das wegen ihres engen Zeitplans nicht etwa vor oder nach dem TFF-Auftritt, sondern ein paar Tage zuvor am Telefon stattfindet, während sie noch in Tokio weilt. Das passt genau in die Logik dieser außergewöhnlichen Frau, die sich – und ihr neues Werk – selbst „Vagabund“ nennt.

„Dieses Album spiegelt wider, wie die Musik mir erlaubt hat, durchs Leben zu reisen – ohne Ausbildung, mit viel Glück, ein bisschen Planung und ein paar natürlich erworbenen Fertigkeiten“, fasst Eddi Reader den Charakter von Vagabond zusammen. Ist das schon eine Retrospektive auf das Lebenswerk? Das ginge vielleicht ein wenig zu weit, zumal die Fünfundfünfzigjährige natürlich keinerlei Anstalten zeigt, sich in der Blüte ihrer Jahre auf ein Ruhekissen zu legen. Doch man kann sich aus den neuen Songs fast jeden beliebigen herauspicken und damit tatsächlich jeweils ein Kapitel aus ihrem Leben aufschlagen, sich damit an ihrer ereignisreichen Vita entlanghangeln.

Gleich der Opener führt sehr eindrücklich zurück in die Kindheit, in den Glasgower Arbeitervorort Anderston, der damals landläufig „Slum“ genannt wurde, für Eddi Reader aber ein Hort der Wärme war. Die Tochter eines Schweißers wächst als Älteste von sieben Geschwistern in einem Wohnblock mit acht Familien auf, wo Alkohol ein großes Problem ist. Ihre musikalische Prägung erfolgt dort zunächst in einer ganz anderen Richtung als auf schottische Musik. „Meine Tanten und Onkel liebten das Jazzzeitalter.
EDDI READER * FOTO: GENEVIEVE STEVENSON
Sie brachten diese Lieder zu uns ins Haus und sangen ohne Gitarrenbegleitung. Ich lernte also von diesen Amateursängern, für die die Musik ein Mittel war, dem Grau der industriellen Alltagswelt zu entkommen. Für sie war das wirksamer, als in die Kirche zu gehen. Das Singen ging reihum, jeder kam dran, auch wenn er gar keine Stimme hatte. Aber jeder wurde wie der beste Sänger oder die beste Sängerin der Welt behandelt. ‚I’ll Never Be The Same‘ aus den frühen 1930ern war so ein Song, den mein Großvater gerne aufgriff, mit diesem Louis-Armstrong-Shuffle, der damals in Glasgow populär war.“ Man wird bis heute kaum ein Eddi-Reader-Album finden, auf dem nicht ein paar Stücke von diesem jazzigen Feeling geprägt sind. Im Film Me and Orson Welles aus dem Jahr 2008 von Richard Linklater tritt sie gar als glamouröse Sängerin dieser Zeit auf – und tut dies sehr glaubhaft.

Readers erstes Vorbild ist die Mutter, die sich für Nat King Cole, Peggy Lee und Doris Day begeistert, während für den Vater die einzige Religion „Elvis Presley“ heißt. Diese „Hollywood-artige Sweetness“ der Mum versucht die Tochter schon mit sechs, sieben Jahren zu imitieren. „Ich lernte daran, auch zu unterscheiden, wann meine Mutter schlecht und wann sie gut gelaunt war. Wenn sie sang, war sie glücklich, und deshalb identifiziere ich das Singen mit einer glücklichen, friedlichen, meditativen Zeit.“ Das sanfte Timbre eignet sie sich ganz bewusst an, denn für sie ist Musik bis heute kein Mittel, um Ärger rauszulassen, sondern um sich „aus dem Käfig der Schmerzen zu befreien“. Reader sieht darin auch eine Erklärung für ihren späteren, anhaltenden Erfolg in Japan. Dieses Volk, meint sie, während sie im Hotel in Shibuya sitzt, sei ja so romantisch, sogar im Frühstücksraum gebe es nur zarte Nylongitarren. „Die haben hier einen sehr weichen Zugang zum Leben.“

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Update vom
26.12.2014
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Dieser Text ist nur ein Auszug des Original-Artikels der Print-Ausgabe!

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