HEIMSPIEL



 

Deutschlands einziger Weltmusikwettbewerb vor der Spaltung

Krach bei der Creole

Entfremdung zwischen Berliner Werkstatt der Kulturen und übrigem Trägerkreis

Das Konzept ist nach wie vor attraktiv: In acht Regionen gibt es Creole-Vorentscheidungen. Im Bundeswettbewerb werden drei Sieger gekrönt. Doch unter den Veranstaltern herrscht dicke Luft.

TEXT: CHRISTIAN RATH

 WERKSTATT DER KULTUREN * FOTO: FRANK SCHUBERT, WIKIPEDIA

Die Wiege des Creole-Wettbewerbs liegt in Berlin. Ab 1995 veranstaltete die dortige Werkstatt der Kulturen alle zwei Jahre den regionalen Weltmusikwettbewerb Musica Vitale. 2006 wurde daraus ein bundesweites Projekt – mit regionalen Vorentscheidungen, einem Bundesfinale und einem neuen Namen: Creole.

go! creole-weltmusik.de
Die Ausweitung kam gut an: beim Publikum, bei der Politik und vor allem bei den Musikern. Hunderte Bands und Projekte nahmen am Wettbewerb teil, vernetzten sich, und die jeweiligen Sieger bekamen Preisgeld und Ehre.

Nach einigen Jahren zeigten sich jedoch Probleme bei der Finanzierung der Vorentscheide. Im bislang lockeren Creole-Trägerkreis entstand 2011 deshalb die Idee, einen Verein zu gründen, der institutionelle Fördermittel einwerben sollte.

LOGO CREOLE
Doch die Vereinsgründung erwies sich als schwierig. Die Werkstatt der Kulturen verlangte ein Vetorecht bei Entscheidungen, schließlich habe sie das Wettbewerbskonzept entwickelt. Die anderen Mitglieder des Trägerkreises – darunter das TFF Rudolstadt, das Masala-Festival Hannover oder das Kulturamt Nürnberg – lehnten das einhellig ab: alle sollten gleichberechtigt sein. Inzwischen hat die Werkstatt kein Interesse mehr an einer Vereinsgründung, das sei zu viel Aufwand, heißt es nun.

Raus aus der Weltmusiknische

Auch inhaltlich geriet die Werkstatt mit dem Rest des Trägerkreises aneinander. Die seit 2008 amtierende neue Werkstatt-Geschäftsführerin Philippa Ebéné wollte „raus aus der Weltmusiknische“ mit deren „weißem Mittelschichtspublikum“. Um breitere Kreise anzusprechen, sollten die Wettbewerbskonzerte künftig umsonst und draußen stattfinden. Doch die Mehrheit des Trägerkreises sah keinen Bedarf für radikale Änderungen und wollte auch auf eine Teilfinanzierung über Eintrittsgelder nicht verzichten.

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Traditionsbewusst, heimatverbunden, schwul

Schwuhplattler

Brauchtumspflege auf Bayerisch – nur anders

Schuhplatteln ist wohl der Inbegriff bayerischer Folklore: Knackige Männer in Lederhosen, die sich zackig nach einer unergründlichen Choreografie bewegen, komplizierte Sprünge machen, sich dabei mit den Händen auf Oberschenkel, Gesäß und Waden klatschen und archaische Schreie ausstoßen. Die Schwuhplattler machen das genauso, nur die Mädchen, die sich zwischen den Tänzern im Kreis drehen, fehlen. D’Schwuhplattler e. V. aus München ist der bislang einzige Plattelverein mit schwulen Mitgliedern.

TEXT: DANIELA MÜHLBAUER

go! schwuhplattler.de

SCHWUHPLATTLER * FOTO: MICHAEL POHL

Josef „Sepp“ Stückl ist der Vorsitzende des 1997 gegründeten Vereins. Gut achtzig Mitglieder, darunter zwei Frauen, zählen die Schwuhplattler, wobei nur etwa die Hälfte aktiv plattelt, wie es in Bayern heißt. Zu den Plattelproben und Tanzabenden in München kommen die Mitglieder aus ganz Bayern, ein Tänzer reist sogar aus Düsseldorf an. „Die Leute bei uns werden mehr“, hat Stückl bemerkt. „Viele Männer kommen aus der Münchener Umgebung, aber auch aus Regensburg oder Rosenheim und dem Allgäu, weil sie daheim nicht die Möglichkeit haben, miteinander zu tanzen. Für einige unserer Mitglieder ist der Schwuhplattler auch eine Coming-out-Hilfe. Hier geht es locker zu, da traut man sich eher mal, zu einer Probe zu kommen oder mitzutanzen. Für viele ist der Verein auch einfach die Möglichkeit, als Schwuler traditionelles Brauchtum zu pflegen. Vergleichbare Vereine gibt es meines Wissens nicht, ich kenne nur schwule Karnevalsgruppen in Köln und Düsseldorf und schwule Schützenvereine im Rheinland.“

München ist die große Ausnahme

Als die Schwuhplattler ins Leben gerufen wurden, ging ein Aufschrei der Empörung durch die bayerische Traditionalistenszene. Die Trachtenvereine zerrissen sich das Maul über die schwulen Plattler und sagten, die Männer würden die Tracht missbrauchen. Sepp Stückl und seine Kameraden durften sich Sprüche wie „Bei uns gibt’s keine Schwulen.“ oder „Die wollen doch eh nur provozieren!“ anhören. „Dann ging das lange durch die Presse, und der Vorsitzende der Trachtler hat sich ein bissel zusammengerissen, und jetzt hören wir nichts mehr davon.“ Ganz im Gegenteil: In München ist die Männertruppe so beliebt, dass sie bei Hochzeiten, Geburtstagen und anderen Feiern auftritt, fürs Oktoberfest gebucht wird und neuerdings im Rahmen der Imagekampagne der Bayern Tourismus Marketing GmbH „Bayern einfach anders“ für den Freistaat wirbt.

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Hänschen klein erinnert

Volkslieder gegen Demenz

Erfahrungen der Sängerin Wiebke Hoogklimmer

Es gibt Melodien und Lieder, die man nie vergisst. Als die Berliner Altistin Wiebke Hoogklimmer im Jahr 2005 bemerkte, dass ihre an Demenz erkrankte Mutter Rotraud Wortfindungsprobleme bekam und ganz allmählich ihre Sprache verlor, begann sie, ihr deutsche Volkslieder vorzusingen. Vielleicht weckte sie damit Erinnerungen an alte Zeiten, als die Familie Hoogklimmer singend durch den Schwarzwald wanderte. Auf jeden Fall hilft das Singen seit neun Jahren, einen fühlbaren Kontakt zwischen Mutter und Tochter aufrechtzuerhalten.

TEXT: KAY REINHARDT

Wiebke Hoogklimmer sagt: „Es ist für den Angehörigen ausgesprochen ermüdend, langweilig und deprimierend, am Bett zu sitzen und Monologe zu halten. Beim gemeinsamen Singen aber hat er erst mal ein schönes Gefühl und kommt sich nicht so verloren bei dem stummen Ansprechpartner vor. Außerdem ist der demente Mensch beim Singen am besten über Körperkontakt zu erreichen, und wenn er dann emotional reagiert, sind es für beide wunderschöne intime Momente. Es geht also um nonverbale Kommunikation.“

Wiebke und Rotraud Hoogklimmer
Singen statt sprechen

Rotraud Hoogklimmer konnte vor sieben Jahren nur noch stockend sprechen, aber überraschenderweise flüssig alle Lieder mitsingen. Später, als sie außer „ja“ und „nein“ kaum noch etwas sagte, sang die Kranke noch immer komplizierte Phrasen mit und kommentierte den Gesang ihrer Tochter mit „schön“ oder anderen Vokabeln, die sie ansonsten nicht mehr verwendete. Seit fünf Jahren lebt die 85-Jährige* im Endstadium der Krankheit, was bedeutet, dass sie sich nicht mehr eigenständig bewegen und gar nicht mehr sprechen kann. Manchmal bringt sie Unverständliches hervor, möchte sich also mitteilen, vermag es aber nicht mehr.
go! wiebkehoogklimmer.de
go! volksliedsammlung.de
Wenn Tochter Wiebke heute am Bett ihrer Mutter singt, wirkt diese manchmal zuerst vollkommen teilnahmslos. Dann, plötzlich bei irgendeinem Lied – einmal war es „Hänschen klein“ – versucht sie, sich zu bewegen und verzieht ihr Gesicht. Auf welches Lied sie reagiert, ist immer wieder unterschiedlich. Ob sie weint oder lacht, kann Wiebke Hoogklimmer nicht beurteilen, aber einige Lieder scheinen sie an etwas tief Empfundenes zu erinnern. Der Tochter kommt es so vor, als rührten die allerersten Lieder, die die Mutter im Leben gelernt hat, ganz besonders ihr Herz an.

* Rotraud Hoogklimmer ist nach Fertigstellung des Artikels am 21. September 2014, einen Tag vor ihrem 86. Geburtstag friedlich eingeschlafen.

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Argentinisch-deutscher Schatz im Breisgau

Tango- und Bandoneonmuseum Staufen

Die Sammlung Steinhart hat eine neue Heimstatt

In der Tangoszene war es seit Langem bekannt: In einem Schwarzwaldstädtchen schlummert die größte Sammlung an Bandoneons und Tangoaccessoires weltweit. Über Jahrzehnte haben Konrad Steinhart und sein Sohn Axel fast fünfhundert Instrumente, dreitausendfünfhundert Schellackplatten, historische Notenausgaben, Ansichtskarten und Plakate zusammengetragen. Berühmtheiten von der Sexteto-Mayor-Legende Luis Stazo bis zu Astor Piazzolla selbst reisten zu den Steinharts. Piazzolla verliebte sich dort in ein ganz besonderes Bandoneon, das die Familie einem ungarischen Grafen abgekauft hatte und das er seine „schwarze Freundin“ nannte.

TEXT:STEFAN FRANZEN

Nach dem Tod Konrad Steinharts 2009 stand sein Sohn vor einer großen Herausforderung:
AXEL STEINHART * FOTO: CHRISTOPHER SCHMITT
Der Wunsch des Vaters war es immer gewesen, die Sammlung der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Axel Steinhart ließ nichts unversucht, knüpfte Kontakte nach Buenos Aires und Berlin, machte sich parallel dazu akribisch an die Klassifizierung der Instrumente, deren Charakteristika er auf Handzetteln erfasste. Doch im Fall der argentinischen Hauptstadt scheiterte das Vorhaben an zu hohen bürokratischen Hürden, in anderen Fällen schlicht an der Verzagtheit der Entscheidungsträger.

Kontakt:
Tango- und Bandoneonmuseum Staufen
Grunerner Str. 1
79219 Staufen
tangomuseum-staufen@t-online.de

Öffnungszeiten (vorerst): samstags und sonntags, 15.00 bis 18.00 Uhr

Die Lösung kam schließlich aus ganz unerwarteter Ecke, wie Steinhart berichtet: „Der SWR griff das Thema sowohl im Radio als auch im Fernsehen auf. Nach der Sendung meldete sich Joachim Baar, der Leiter der Jugendmusikschule Südlicher Breisgau, bei mir. Er hatte die Vision, diese Sammlung nach Staufen zu holen.“ Durch die gute Vernetzung Baars konnten in kurzer Zeit viele Gleichgesinnte gefunden werden; auch auf politischer Ebene standen alle Türen offen, und Aktive aus den benachbarten Tangoszenen von Freiburg, Basel und Mulhouse sprangen auf den Zug auf. Im renovierten Kapuzinerhof fand man einen Raum in zentraler Lage, und schließlich gründete sich im Mai 2014 der Verein Tango- und Bandoneonmuseum Staufen e. V. Mittlerweile gibt es fast einhundert Mitglieder, die bis nach Oberfranken gestreut sind. „Für mich war es eine Lehrstunde, was möglich ist, wenn viele Leute gemeinsam für eine Idee an einem Strang ziehen“, so Steinhart.

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Update vom
22.10.2014
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