GASTSPIEL

ZWISCHEN MATSCH UND MYTHOS

Gedanken zur Festivalkultur

VON ANDREAS KISTERS*

DR. ANDREAS KISTERS
Alle Jahre wieder. Hunderttausende machen sich auf den Weg zum ultimativen Festivalerlebnis. Während des Sommers lässt sich in ganz Europa seit Jahrzehnten ein Trend zur Massenfreiluftveranstaltung beobachten. Verlassen in der Provinz liegende, im übrigen Jahresverlauf vor sich hin schlummernde Ortschaften werden plötzlich überrannt, Wiesen und Weiden plattgetreten, gleichsam Platz schaffend fürs kollektive Happening: Headbanging in schwarzer Lederkluft oder ein paar verträumte Walzerschritte in Ökosandalen. Das Publikum erscheint mehr oder weniger gut gerüstet mit Zelt und Regenklamotten, dem Handy für die Festival-App und einem Bollerwagen – wahlweise für den Transport von Kleinkindern oder den Getränkenachschub.
Autoreninfo:

*DR. ANDREAS KISTERS, Jahrgang 1962. Studien der Musik, Pädagogik, Sprachen etc. in Grenoble und Oldenburg mit Hang zu mediterraner Kultur. 1996 Promotion über okzitanische Musik. Seit 1989 als Journalist für Radio Bremen, den Hessischen Rundfunk und andere ARD-Anstalten tätig, seit 2002 gelegentlich auch als Hochschuldozent.

Die einschlägige Website www.festivalticker.de listet ohne Anspruch auf Vollständigkeit für den Monat Juli 2014 allein in Deutschland 357 [!] Festivals auf. Vom TFF Rudolstadt bis zum Wacken Open Air ist stilistisch von Folkpop bis Heavy Metal wohl für jeden etwas dabei. Mehrtägige Völkerwanderungen sind die Folge. Hin zum Festival, häufig auch während desselben, wenn die Gänge von der einen zur nächsten Bühne oft mehr Zeit in Anspruch nehmen als das Verfolgen einzelner Konzerte. Was dem Erleben des Festivalfeelings oder der Chance auf Neues nicht zwangsläufig einen Abbruch tut; nur zu häufig erweisen sich spontane, ungeplante „Unterwegserlebnisse“ als musikalische Entdeckungen. Nicht nur die viel beschworene Rudolstädter TFF-Straßenmusik weiß ein Lied davon zu singen.

Die Anfänge der grassierenden Festivalflut werden im fernen Amerika gesehen: Die Älteren erinnern sich vielleicht an das Newport Jazz Festival (seit 1954) oder das Newport Folk Festival (seit 1959). Noch legendärer und bis heute ein Mythos ist das Woodstock Festival, gerne als Höhepunkt der amerikanischen Hippiebewegung
» Ein Ende der
Festivalvermarktung
scheint noch nicht
in Sicht. «
gefeiert und als Ausdruck eines Lebensgefühls betitelt, ein Festival, das im August 1969 mit den Auftritten von 32 Bands und Künstlern an drei Tagen „peace and music“ versprach und die gesamte Flower-Power-Generation ins Schwärmen brachte, allen widrigen Rahmenbedingungen zum Trotz: zwei Regenstürme in drei Tagen und sechshundert Toiletten für geschätzte gut vierhunderttausend Menschen, ein Verkehrschaos ohnegleichen, miserable Beschallung und eine katastrophale Nahrungsmittel- sowie medizinische Versorgung. Aber eine Stimmung, die noch Jahrzehnte später mittels Soundtrack und Dokumentarfilm gewinnbringend vermarktet werden kann und die für viele ein emanzipatorisches Erlebnis persönlicher wie gesellschaftlicher Befreiung bedeutete.

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26.08.2014
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