EDITORIAL

Liebe Musikfreundinnen und -freunde,

ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Die politischen und kulturellen Entwicklungen der jüngsten Zeit erzeugen bei mir akuten Brechreiz. Dass die sogenannten sozialen Medien mehrheitlich voll von irrelevantem Zeug sind und bei manchen Musikveranstaltungen wie den Grammys oder dem Echo alles andere, nur nicht die Musik eine Rolle spielt, ist ja nun keine Neuigkeit mehr. Aber die Niveaulosigkeit lässt sich doch noch überbieten. Billboard und Twitter haben eine neue Hitparade angekündigt: die „Billboard Twitter Real-Time Charts“.
Bewertungskriterium ist die Anzahl des Twitter-Geschwätzes über einen Künstler und/oder seine Songs. Vor diesem Hintergrund kann auch der künstlerische Niedergang des South-by-Southwest-Festivals (SXSW) in Austin, Texas, nicht überraschen. Bei der Veranstaltung, die 1987 als Musikfestival mit Schwerpunkt Rootsrock und Alternative Country begonnen hat, wurde vor sieben Jahren Twitter einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt. Das SXSW war Vorbild für die Berlin Independence Days und die Popkomm in Deutschland. Diese beiden deutschen Ereignisse gehören der Vergangenheit an. Und auch SXSW ist nicht mehr das, was es einmal war. „Big Bands, Big Brands“ so überschrieb die New York Times ihren Bericht über die diesjährige Veranstaltung. Lady Gaga trat für Doritos-Chips auf. Jay Z und Kanye West spielten für Samsung. Und Coldplay sang für Apple und I-Tunes. Jede Bühne war eine Ansammlung von Firmenlogos. Die New York Times fragte, wer hier eigentlich wen präsentiere: der Künstler eine Ware oder ein Unternehmen den Künstler. Über den Niedergang von SXSW als Musikfestival hat einer seiner Gründer einen nachlesenswerten Beitrag in seinem Blog http://wardinfrance.blogspot.de geschrieben: Edmund „Ed“ Ward, der zwischen 1993 und 2008 in Berlin lebte, wohnt seit letztem Jahr in Austin und schreibt für diverse Musikmagazine und Tageszeitungen.
Wohin es mit dem Journalismus geht, lässt sich dieser Pressemeldung entnehmen, die ich den Folker-Leserinnen und -lesern nicht vorenthalten möchte: „‚Communities‘ sind in aller Munde – doch wie sie richtig funktionieren und wie sie sich in rentable Geschäftsmodelle verwandeln lassen, das kann in deutschsprachigen Medienhäusern kaum jemand erklären. Umso mehr beeindruckt es, was die Gründer von FreundevonFreunden.com aufgebaut haben: Sie starteten 2009 in Berlin als unabhängiges Online-Magazin über den urbanen Lifestyle kreativer Menschen, und sie repräsentieren heute eine äußerst facettenreiche Medienmarke. Ihre große virale Stärke resultiert aus einem einzigartigen Mix aus Qualitätsjournalismus (Identität), sozialer Interaktion (Sharing) und ECommerce (Demand creation).“ Beim diesjährigen European Newspaper Congress Anfang Mai in Wien berichtet Tim Seifert, Mitgründer und Kogeschäftsführer von Freunde von Freunden, wie er mit journalistischen Mitteln eine sehr begehrte Kundengruppe erschließt. Dem haben sich auch etablierte Medien wie die Wochenzeitschrift Die Zeit nicht verschlossen. Unter www.zeit.de/serie/freunde-von-freunden lässt sich das nachlesen. Hm … Vielleicht sollte auch aus der Folker-Redaktion jemand nach Wien fahren und schnell noch ein „Schedule fixen“ (diesen grandiosen Ausdruck aus der Presseinformation für ein neues Album musste ich einfach irgendwo unterbringen). Wäre doch gar nicht so schlecht, wenn wir unsere Themen ebenfalls in ein „rentables Geschäftsmodell“ einbringen könnten. Oder?
Dank Ihrer Unterstützung als Leserinnen und Leser muss der Folker sich jedoch nicht den Weg anderer Musikzeitschriften gehen, die sich zum Lifestylemagazin entwickelt haben. Wir bleiben unserer Kernaufgabe treu: Wir berichten auf solider journalistischer Grundlage über das musikalische Geschehen in dem weiten Feld von Folk, Lied und Weltmusik. Davon können Sie sich überzeugen, wenn Sie das vorliegende Heft durchblättern. Da steht Historisches – zu fünfzig Jahren Liederfeste auf Burg Waldeck oder sechzig Jahren Sidmouth Folk – neben Aktuellem – wie die Geschichte über den universellen Klangsammler Bibi Tanga oder den Förderpreisträger der Liederbestenliste Christoph Theußl. Besonders möchte ich Sie auf die Titelgeschichte von Birger Gesthuisen hinweisen. Kurdische, griechische oder türkische Klänge haben bislang viel zu wenig im Folker stattgefunden. Umso erfreulicher ist es, mit Çigdem Aslan eine Grenzgängerin in diesen Musikbereichen vorstellen zu können, die gleichzeitig für den Geist der Oppositionellen des Istanbuler Gezi-Parks steht, die sich von rückwärtsgewandter Politik, von Ethnozentrismus, Stadtzerstörung und einem restriktiven Verständnis von Religion nicht mehr behindern lassen wollen.
Dies ist übrigens das vorletzte Editorial aus meiner Feder. Das letzte Mal werde ich mich an dieser Stelle in unserer bevorstehenden Jubiläumsausgabe Juli/August, dem hundertsten Heft des Folker seit der Nummer eins im Jahr 1998 zu Wort melden. Herausgeber Mike Kamp erläutert in der Szene die anstehenden personellen Veränderungen in der Folker-Redaktion im Detail. Und apropos hundertste Ausgabe: Wenn Sie der Redaktion für Heft 4/2014 einen Glückwunsch, Kritik oder Anregungen mit auf den Weg geben wollen, dann schreiben Sie uns doch unter dem Stichwort „Folker 100“ an info@folker.de.

Ihr Folker-Chefredakteur
Michael Kleff

PS: Die Chuzpe unserer US-„Freunde“ ist wirklich nicht zu überbieten. Die Regierung im Land der Freien und Mutigen kritisiert die Türkei, dass ihre Twitter-Blockade nicht mit einer demokratischen Staatsführung vereinbar sei. Gleichzeitig erklärt eine Sprecherin des US-Geheimdienstes NSA, dass das Ausspähen der chinesischen Staatsführung und des Technologiekonzerns Huawei nichts mit Firmengeheimnissen ausländischer Unternehmen zu tun habe. Die nachrichtendienstliche Aufklärung diene ausschließlich der Sicherheit der USA. Richtig. Dazu passt, dass die USA bis heute nicht auf schriftliche Anfragen Deutschlands zur NSA-Spähaffäre reagiert haben. Man möchte meinen, dass dieses Verhalten eines „Verbündeten“ zu Unmut bei der Bundesregierung führen würde. Mitnichten. Mit Erfolg haben die Koalitionäre sogar verhindert, dass der NSA-Untersuchungsausschuss noch vor dem Freundschaftsbesuch unserer Kanzlerin bei Präsident Obama in diesen Tagen über die Vernehmung von Edward Snowden entscheidet. Einmal mehr gilt die über einhundert Jahre alte Parole der Rotfrontkämpfer: „Wer hat uns verraten? Die Sozialdemokraten!“ Für ihre Beteiligung an der Macht sind Gabriel, Steinmeier und Co bereit, jedes Prinzip aufzugeben.

Update vom
23.04.2014
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