FOLKER
präsentiert:
TFF Rudolstadt 2014



Die Grenzgängerin und der Geist des Gezi-Parks

Çiğdem Aslan

Zeitgemäßer Zugang zur Rembetiko-Musikgeschichte

CIGDEM ASLAN * FOTO: YASSINE HAMROUNI

Wie lautet eigentlich der Plural von Heimat? Die deutsche Sprache tut sich schwer, wenn ausgedrückt werden soll, dass sich ein Mensch an mehreren Orten heimisch fühlt. Ein solches Selbstverständnis fehlt auch vielerorts im Umgang mit Einwanderern, die sich unbedingt für eine einzige Heimat entscheiden sollen. Auch viele Musiker fühlen sich an mehreren markanten Orten zu Hause. Die kurdische Sängerin Çiğdem Aslan [ausgesprochen „Tschidäm Asslan“; Anm. d. Verf.] wurde in Istanbul geboren, lebt in London und führt uns in die verruchten Kneipen des griechischen Lumpenproletariats. Ihr Debütalbum Mortissa erschien in Deutschland und erhielt den Preis der deutschen Schallplattenkritik. Diese Sängerin steht am Anfang einer internationalen Karriere.

TEXT: BIRGER GESTHUISEN

Çiğdem Aslan wuchs auf in den „Hütten, die über Nacht gebaut wurden“, den Gecekondular. Nach türkischem Gesetz durfte eine solch einfache Behausung nicht abgerissen werden, wenn sie derart schnell errichtet wurde. In Istanbul entstanden in den 1980er- und 1990er-Jahren zahlreiche Gecekondular.
» Ich bin Kurdin und
öffne mich verschiedenen
Kulturen und Musiken.
«
Sie wurden von den Migranten aus den verarmten Landregionen und den Flüchtlingen aus dem kurdisch-türkischen Krieg in Südostanatolien errichtet. Aslans Eltern kamen aus dem Dorf Topardiç in der zentralanatolischen Provinz Sivas. Sie hatte das Glück, in eine alevitische Familie geboren worden zu sein. In dieser liberalen Ausrichtung des Islam werden Mädchen ernst genommen, als gleichwertig betrachtet. Die Mutter machte Überstunden, damit ihre Tochter eine gute Schule in einem anderen Stadtteil besuchen konnte. Später studierte Aslan an der Universität Istanbul.
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DISKOGRAFIE:
Çiğdem Aslan, Mortissa (Asphalt Tango, 2013)
She’koyokh, Wild Goats & Unmarried Women (World Music Network, 2014)

COVER MORTISSA

TERMINE:
05.+06.07.14: Rudolstadt: TFF

Entscheidend für ihren weiteren Weg war aber nicht ihr Studium der englischen Literatur, sondern eine Folkband, die sich an der Uni gründete. Mehrere renommierte Ensembles der Türkei wie Mozaik und Kardes Türküler entstammen derartigen Studentenbands und Musikklubs. Obwohl schon in ihrer Familie viel musiziert wurde, bedeutete für Çiğdem Aslan das Ensemblespiel an der Universität einen Wendepunkt. „Von diesem Moment an hat Musik mein Leben grundlegend verändert. Ich wurde sogar eine aufgeweckte Studentin. Als ich dann nach London ging, setzte sich diese Entwicklung fort. Ich wurde Mitglied von Dunav, der ersten Balkanband Englands, die sich 1964 gegründet hatte, also bereits sechzehn Jahre vor meiner Geburt. In diesem Jahr feiert sie ihr fünfzigjähriges Bestehen. Unser Repertoire war vielfältig: Wir spielten bulgarische, makedonische und rumänische Stücke. Es folgte die SOAS Rebetiko Band – SOAS ist die Abkürzung für die Londoner School of Oriental and African Studies.“

CIGDEM ASLAN * FOTO: HANDAN EREK
Dann lud sie ein Ensemble zur Mitwirkung ein, deren begeisternde Konzerte Aslan schon länger verfolgt hatte: She’koyokh vereinen Professionalität und Ideenreichtum mit ungebändigter Spielfreude. Wie das der meisten Klezmerbands erschöpft sich auch deren Repertoire nicht in der Hochzeitsmusik der jiddischen Schtetl Osteuropas; das Oktett bearbeitet auch osteuropäische Gypsymusik, kurdische und russische Stücke. Çiğdem Aslan singt hier auch in Ladino und Jiddisch. Für sie war es eine punktgenaue Landung: „Wir ergänzen einander sehr gut. Die Leute von She’koyokh sind einfach erstaunlich. Sie stecken ihr Herzblut in die Musik. Wir sind auch eine sehr disziplinierte Band und wirklich gute Freunde.´“ Bei She’koyokh singt sie ebenso türkische Lieder wie in ihrem Rembetikoprogramm oder in einer Konzertreihe in London, bei der sie je einen Abend einem Modus der türkischen Musik widmete – etwa den Makams (Tonarten) Ussak, Hicaz oder Rast.

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Update vom
23.04.2014
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