FOLKER – Judy Collins
JUDY COLLINS

Folkdiva mit silberner Stimme

Judy Collins mit fünfundsiebzig

Engagiert wie eh und je

JUDY COLLINS
„Ich wurde mehrmals festgenommen – bei Demos gegen den Vietnamkrieg oder gegen Apartheid. Ich war so zornig wegen des Kriegs, dass ich kaum klar denken konnte.“ Jedes Mal, wenn Judy Collins von einer Demonstration kam, habe sie sich gesagt, „dieses Mal müssen diese Schurken es doch kapieren. Aber nein. Sie tun es nicht und werden es auch nie begreifen.“ An der engagierten Haltung der Künstlerin hat sich bis heute nichts geändert. „Ich bin immer noch stinksauer. Ich muss sehen, was ich gegen die herrschenden Zustände unternehmen kann. Und wenn es das Letzte ist, was ich in meinem Leben mache.“ Am 1. Mai wurde Judy Collins fünfundsiebzig. Sie gilt neben Joan Baez als die große Diva der Folkmusik in den USA. Mit ihrer kristallklaren Stimme klinge sie immer noch „wie ein Alphorn“, schrieb die New York Times. Gerade ist mit Live In Ireland ein neues Album von ihr erschienen. Es ist der Livemitschnitt eines Konzerts, das Judy Collins im vergangenen September in Irland gegeben hat.

TEXT: MICHAEL KLEFF

1977 veröffentlichten Crosby, Stills & Nash die „Suite: Judy Blue Eyes“ auf ihrem Debütalbum.
PETE SEEGER, BOB DYLAN, JUDY COLLINS & ARLO GUTHRIE 1969 * FOTO: DAVID GAHR
Als Stephen Stills diesen Song zu Ehren seiner Exfreundin schrieb, hatte Judy Collins schon fünfzehn Alben veröffentlicht und war längst eine feste Größe der US-Folk- und Singer/Songwriterszene. Wäre es nach ihrer Klavierlehrerin Antonia Brico gegangen, hätte Collins eine Karriere in der klassischen Musik eingeschlagen. Geboren am 1. Mai 1939 in Seattle, übte sich die kleine Judy im zarten Kindesalter nämlich erst einmal am Piano. Mit dreizehn hatte sie ihren ersten Auftritt mit dem Denver Symphony Orchestra – mit Mozart. Doch dann entdeckte sie die Folkmusik für sich – nicht zuletzt durch ihren Vater Chuck, einen Sänger und Radiomoderator. „Er sang oft traditionelle Songs, darunter viele Stücke aus Irland. „Daher kannte ich zum Beispiel ‚Danny Boy‘“, erinnert sich Judy Collins. Und dann hörte sie im Radio „Barbara Allen“ und „The Gypsy Rover“. „Diese Musik hat mich völlig in ihren Bann gezogen.“ Sehr zur Enttäuschung Antonia Bricos dauerte es dann nicht mehr lange und Collins tauschte die Klaviertasten gegen die Saiten einer Gitarre aus. Welche wichtige Rolle Brico dennoch für die Musikerin spielte, kann man in dem 1972 erschienenen Dokumentarfilm Antonia: A Portrait Of The Woman sehen, bei dem Collins mit Jill Godmilow Regie führte und der für einen Oscar nominiert und mehrfach ausgezeichnet wurde.

Als Judy Collins in Denver studierte, hörte sie Woody Guthrie und Pete Seeger.
» Ich bin
immer noch
stinksauer.
«

In der Hauptstadt des Bundesstaates Colorado hatte sie Ende der Fünfzigerjahre auch ihre ersten Auftritte. Wenig später kam sie nach New York, wo sie als Straßenmusikerin auftrat und in Clubs wie Gerdes Folk City spielte. Für sie war Greenwich Village die Heimat aller „eigensinnigen, entschlossenen, wilden und unterdrückten Leute mit mitreißenden und auf der Suche befindlichen Ansichten“. Über Bob Dylan schrieb sie: „Die Locken rahmten sein Gesicht ein, ein süßes Gesicht, aber voller Widersprüche. Eine Kombination aus Unschuld und Arroganz.“
JUDY COLLINS & JOAN BAEZ NEWPORT 2009 * FOTO: CRAIG HARRIS
Von Jac Holzman, dem Gründer von Elektra Records, wurde Collins dann 1961 unter Vertrag genommen und veröffentlichte mit zweiundzwanzig Jahren ihr erstes Album — A Maid Of Constant Sorrow — mit vornehmlich traditionellen Liedern.

Der Titel der Platte – „Mädchen mit den ständigen Sorgen“ – war irgendwie bezeichnend für Judy Collins’ Leben. Auf dem Weg zum Erfolg musste die Künstlerin im Laufe der Jahre manche persönliche Hürde meistern.
JUDY MIT IHREM SOHN CLARK
Mit sieben erkrankte sie an Kinderlähmung. 1962, kurz nach ihrem ersten Auftritt in der Carnegie Hall, bekam sie Tuberkulose und musste ein halbes Jahr lang in einem Sanatorium verbringen. Als Teenager heiratete Collins 1958 den Literaturstudenten Peter Taylor. Doch schon sieben Jahre später ließ sich das Paar scheiden. Zu diesem Zeitpunkt war die Musikerin fast ständig auf Tournee. Und ihr bester Freund war der Alkohol. Schon ihr Vater war Alkoholiker gewesen. In ihrer Autobiografie beschreibt Collins den Alkohol als eine Krankheit, die „zu meiner Geschichte, meiner Familie und meiner Seele [gehörte]. Ich war zwanzig, und er war Teil meiner Körperchemie.“ Und weiter: „Ich habe nicht getrunken, weil ich Probleme hatte. Sondern ich hatte Probleme, weil ich trank.“ Vater und Tochter hatten jedoch die Kraft, deswegen trotzdem nie ihre Pflichten zu verletzen. Allerdings verlor Judy Collins das Sorgerecht für ihren Sohn Clark. Erst Ende der Siebzigerjahre gelang es ihr nach einem Entzug, vom Alkohol loszukommen. Seitdem ist sie trocken. Trotz traumatischer Erlebnisse wie dem Selbstmord ihres Sohnes, der sich 1992 im Alter von nur dreiunddreißig Jahren das Leben nahm. Seitdem engagiert sich Collins in der Suizidprävention.

JUDY COLLINS & LEONARD COHEN 1976 * FOTO JON RANDOLPH
Auch ihre zweite LP Golden Apples Of The Sun war von traditionellem Repertoire geprägt – und von ihrem romantischen Gesang, der sie neben Joan Baez zur wichtigsten Folksängerin jener Jahre werden ließ. Dann verlegte sich Judy Collins darauf, Coversionen von Songs unter anderem von Phil Ochs, Woody Guthrie, Bob Dylan und Tom Paxton aufzunehmen. Als die Folkmusikwelle Mitte der Sechzigerjahre abebbte, begann sie eigene Stücke zu schreiben und interpretierte Songs damals noch junger und unbekannter Talente wie Joni Mitchell, Leonard Cohen und Randy Newman.
» Einer der Gründe,
warum ich all diese Jahre
‚Amazing Grace‘ singe, ist,
dass ich glaube, die
Menschen müssen diesen
Song einfach hören.
«

Dessen Stück „It’s Going To Rain Today“ nahm sie auf, bevor es Newman 1968 auf seinem Debütalbum veröffentlichte. Für ihr 1966 erschienenes, von Mark Abramson produziertes und von Joshua Rifkin mit opulenter Orchestrierung arrangiertes Album In My Life entdeckte Collins als eine der ersten unter den US-Singer/Songwritern auch europäisches Liedgut – von Jacques Brel bis Kurt Weill. „Ich wollte einfach etwas anderes machen. Ich wollte Drama in meiner Musik“, sagt sie. „So kamen wir auf Kurt Weill. Ich wollte weg von dem Singer/Songwriter-Klischee Gitarre und Stimme, das man von mir erwartete. Ich wollte mich mit anderem Material beschäftigten. Auch weil ich die Leute gerne mit etwas Unvermutetem überrasche.“

go! www.judycollins.com

LOGO PARADISE

Auswahldiskografie:
A Maid Of Constant Sorrow (Elektra, 1961)
Golden Apples Of The Sun (Elektra, 1962)
Judy Collins 3 (Elektra, 1963)
Fifth Album (Elektra, 1965)
In My Life (Elektra, 1966)
Who Knows Where The Time Goes (Elektra, 1968)
Whales & Nightingales (Elektra, 1970)
True Stories & Other Dreams (Elektra, 1973)
Judy Collins Sings Dylan … Just Like A Woman (Geffen, 1993)
Come Rejoice! A Judy Collins Christmas (Wildflower, 1994)
Shameless (Atlantic, 1995)
Judy Collins Sings Leonard Cohen: Democracy (Elektra, 2004)
Judy Collins Sings Lennon & McCartney (Wildflower, 2007)
Paradise (Wildflower, 2010)
Live In Ireland (Wildflower, 2013)

Auswahlbibliografie:
Shameless (Pocket Books, 1995)
Singing Lessons: A Memoir of Love, Loss and Healing (Pocket Books, 1999)
Sanity and Grace: A Journey of Suicide, Survival and Strength (Tarcher, 2003)
Sweet Judy Blue Eyes: My Life in Music (Crown Archetype, 2011)

1969 bekam Judy Collins für ihre Version von Joni Mitchells „Both Sides Now“ einen Grammy für den besten Folksong. Für ihr im Jahr zuvor erschienenes Album Who Knows Where The Time Goes stellte Collins eine Begleitband zusammen, der auch Stephen Stills angehörte. Produzent David Anderle hatte den damaligen Gitarristen und Sänger von Buffalo Springfield vorgeschlagen. Sein Gitarrenspiel begeisterte sie sofort. Aber nicht nur das. „Man muss bedenken, wie er damals aussah“, erinnert sich Collins. „Er war wahnsinnig attraktiv, sexy und unglaublich begabt. Natürlich habe ich mich sofort in ihn verliebt.“ Die Liaison war jedoch nur von kurzer Dauer. Schon nach einem Jahr trennten sich die beiden wieder. Bis heute jedoch sind Judy Collins und Stephen Stills Freunde geblieben. Sie erzählt, dass Stills in gewisser Weise sogar ihr Leben gerettet habe. 1978, kurz nach Abschluss ihrer Entziehungskur, wollte sie ihn in Florida besuchen. Doch er habe ihr geraten, besser nicht zu kommen, da sie in seinem Umfeld wohl kaum trocken bleiben werde. Für ihr Album Paradise von 2010 lud Collins Stills ein, mit ihr Tom Paxtons Song „Last Thing On My Mind“ zu singen.

JUDY COLLINS UND STEPHEN STILLS 1968 * FOTO: ROWLAND SCHERMAN
Von Anfang war Judy Collins auch Teil der wachsenden Protestbewegung innerhalb der Folkszene. Mit Kollegen wie Pete Seeger und Phil Ochs zog sie durch die Südstaaten, um Schwarze an die Wahlurnen zu bringen. „Ich war außer mir. Wie kann man auch nur denken, dass Rassentrennung überhaupt akzeptabel sein könnte – wo und unter welchen Bedingungen auch immer.“ Judy Collins unterstützte auch die Yippies, die Anhänger der 1968 aus der Free-Speech- und der Antikriegsbewegung hervorgegangen Youth International Party. Collins war mit einigen ihrer Führungsfiguren wie Abbie Hoffman und Jerry Rubin befreundet. 1969 sagte sie im Rahmen des über fünf Monate dauernden „Chicago-Seven“-Prozesses aus. Hoffman und Rubin gehörten zu den sieben wegen krimineller Verschwörung und Volksverhetzung bei der Democratic National Convention von 1968 Angeklagten. Während ihrer Aussage stimmte Judy Collins Pete Seegers Song „Where Have All The Flowers Gone“ an und wurde daraufhin von Staatsanwalt Tom Foran und Richter Julius Hoffman verwarnt. Zu ihren eigenen politischen Songs gehört der Titel „Che“, eine über sieben Minuten lange Ballade zu Ehren Che Guevaras, die Collins 1973 auf ihrem Album True Stories & Other Dreams veröffentlichte. Vor einer Reise nach Bosnien nahm sie für das Album Come Rejoice! A Judy Collins Christmas 1994 den Song „Song For Sarajevo” auf. Beide Titel – der eine interpretiert von James Mudriczki, der andere Ali Eskandarian – finden sich auch auf dem Album Born To The Breed — A Tribute To Judy Collins. Auf dem 2008 veröffentlichten Tonträger würdigen sowohl bekannte Namen wie Joan Baez, Chrissie Hynde, Dolly Parton und Leonard Cohen als auch eher jüngere Künstler wie Shawn Colvin und Dar Williams Songs und Musik von Judy Collins.

Bei allem Engagement – unter anderem auch für UNICEF, Amnesty International und die Kampagne gegen Landminen — betrachtet sich Judy Collins nicht in erster Linie als politische Künstlerin. „Ich will einfach nur so viel wie möglich für das Gute in der Welt tun“, sagt sie. „Einer der Gründe, warum ich all diese Jahre ‚Amazing Grace‘ singe, ist, dass ich glaube, die Menschen müssen dieses Lied einfach hören.“

JUDY COLLINS UND STEPHEN STILLS 2009 * FOTO: JEFF FASANO
Mit „Amazing Grace“ hatte Collins 1970 einen ihrer größten Erfolge, einem Lied, das auf ein Schlüsselerlebnis seines Autors John Newton zurückgeht.
» Musik heilt und
stellt eine starke
Kraft dar in der
ganzen Welt.
«

Der Kapitän eines Sklavenschiffs war 1748 in schwere Seenot geraten und führte seine Rettung darauf zurück, dass er Gott um sein Erbarmen angerufen hatte. Behandelte er im Anschluss an dieses Erlebnis zunächst die Sklaven menschlicher, gab er seinen Beruf einige Jahre später ganz auf und wurde Geistlicher, der nun aktiv für die Bekämpfung der Sklaverei eintrat. Was sein Lied auch zu einem Protestsong gegen Sklaverei sowie zur Hymne christlicher wie nicht christlicher Menschenrechtsaktivisten werden ließ. 1975 dann war Judy Collins mit Stephen Sondheims „Send In The Clowns“ erfolgreich. Seitdem veröffentlichte sie gut zwei Dutzend weitere Platten, seit Mitte der Neunzigerjahre vor allem auf ihrem eigenen Label Wildflower Records. Das Vorbild für ihr Unternehmen ist Teresa Sterne, die von 1965 bis 1979 das Label Nonesuch leitete. „Sie war so klug und eine Perfektionistin. Aber sie bewegte sich in einer reinen Männerwelt, und man hat sie schrecklich behandelt. Dabei hat sie so viele großartige Alben veröffentlicht. Alben, die Bestand haben.“

Im Laufe ihrer nunmehr über fünf Jahrzehnte langen Karriere erfand sich Judy Collins immer wieder neu. So trat sie beispielsweise 1969 an der Seite von Stacy Keach beim New Yorker Shakespeare-Festival in Ibsens Peer Gynt auf.
JUDY COLLINS 2012 * FOTO: GARETT FISBECK
1994 war sie in der Filmkomödie Junior mit Arnold Schwarzenegger, Danny DeVito und Emma Thompson in den Hauptrollen zu sehen. Auch als Autorin trat Judy Collins auf, unter anderem mit dem Roman Shameless, der Autobiografie Sweet Judy Blue Eyes: My Life in Music und mit Sanity and Grace: A Journey of Suicide, Survival and Strength, einem Buch, in dem sie sich mit dem Selbstmord ihres Sohnes auseinandersetzt.

Seit 1996 mit dem Designer und Aktivisten Louis Nelson verheiratet, steht Judy Collins nach wie vor bis zu einhundert Mal im Jahr auf der Bühne und ist weiter politisch engagiert „gegen eine Regierung, die uns ständig belügt“, wie sie sagt. Der soziale Aktivismus unserer Tage steht für sie in direkter Linie mit den Bewegungen der Sechzigerjahre: „Die Menschen brennen darauf, etwas zu tun. Sie kommen zusammen, protestieren und sagen ihre Meinung. Und das führt manchmal auch dazu, dass sie tanzen“, meint Collins mit Blick auf die Occupy-Bewegung. Allerdings haben sich die Schwerpunkte ihres eigenen Engagements etwas verlagert. „Ich konzentriere mich heute darauf, etwas für unsere seelische Gesundheit zu tun. Wie können wir etwas für unsere seelische und spirituelle Verfassung tun. Das ist mir sehr wichtig. Musik heilt und stellt eine starke Kraft dar in der ganzen Welt.“