Zwischen Pizzica und Banda

Eine musikalische Erkundungsreise
nach Apulien



Seit geraumer Zeit sorgt Apuliens Musikszene für Furore. Allein zum Abschlusskonzert eines Festivals, das sich dem regionalen Volkstanz Pizzica verschrieben hat, finden sich jeden Sommer bis zu einhundertfünfzigtausend Menschen in einem Zweitausend-Seelen-Dorf ein. Und noch im letzten Winkel der süditalienischen Provinz ertönt mit den vielerorts ansässigen Banda-Ensembles eine einzigartige Blasmusik. Grund genug, sich einmal vor Ort zu begeben …

TEXT: ANDREAS KISTERS

NACHWUCHSTAMBURINSPIELER * FOTO: ANDREAS KISTERS
Mein erstes Ziel ist die Halbinsel Salento, hierzulande besser bekannt als der Stiefelabsatz. Der Weg über die Dörfer führt vorbei an endlosen, jahrhundertealten Olivenhainen mit knorrig verwachsenen Stämmen.
» Wenn bei uns die Jungen
ein Mädchen umwerben,
tun sie das nicht in
Adidas-Schuhen,
sondern nehmen lieber
ihr Tamburello mit,
das hat mehr Aussicht
auf Erfolg!
«
Hier und da erscheint eine Masseria, einer jener feudalen befestigten Gutshöfe, die im Zuge der Agriturismo-Bewegung („Ferien auf dem Land“) ihre imposanten Innenhöfe auch für kulturelle Veranstaltungen öffnen. Bei solch einer Gelegenheit treffe ich auf die Sängerin Anna Cinzia Villani, eine der vielversprechenden Stimmen Apuliens, die zum einen über sehr gute Kenntnisse der volksmusikalischen Tradition verfügen – nicht zuletzt, da sie eigene Feldforschung betreiben – und zum anderen selbst komponieren und die Musik kreativ weiterentwickeln. Während des Konzertes gibt Anna Cinzia Villani einen Einblick in die regionale Volksmusik: Liebeslieder, Worksongs, Spottverse und Wiegenlieder sowie die Pizzica in ihren diversen Spielarten. Im Vordergrund steht die Pizzica de Core („Pizzica des Herzens“), ein Paartanz, bei dem sich die werbenden Partner winden und wenden, ohne sich je zu berühren. Da sind die amourösen Anspielungen in den Liedtexten schon expliziter. Und ich erfahre einiges über die berüchtigte Pizzica Tarantata, eine Art Veitstanz, der auf den Mythos der Tarantelspinne verweist.

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CD-TIPPS:
Raffaela Aprile, Papagna (Anima Mundi, 2009)
Banda di Ruvo di Puglia, La Banda – Musica Sacra Della Settimana Santa (Enja Records, 2010)
Bandadriatica, Arriva La Banda! (Finisterre, 2012)
Cancionere Grecanico Salentino, Pizzica Indiavolata (Ponderosa Music & Art, 2012)
Antonio Castrignanò, Fomenta (Ponderosa Music & Art, 2013)
Cesare Dell’Anna feat. Esma Redzepova, Girodibanda (11/8 Records, 2008)
Diverse, Bande Italiane (Network Medien, 2012)
Diverse, Puglia Sounds World 2012 (Puglia Sounds, 2012)
Diverse, Puglia Sounds World 2013 (Puglia Sounds, 2013)
Faraualla, Ogni Male Fore (Digressione Music, 2013)
Insintesi, Fimmine In Dub (Anima Mundi, 2012)
Mascarimirì, Tam! (Mascarimirì, 2014)
Enza Pagliara, Bona Crianza (Anima Mundi, 2012)
Anna Cinzia Villani e Macuran Orchestra, Fimmana, Mare E Focu! (Anima Mundi, 2012)

Zugrunde liegt eine bis in die Sechzigerjahre hinein im Salento belegte, seltsam exorzistisch anmutende Praxis, bei der sich „vom Teufel Besessene“ einem spezifischen Ritual unterzogen, bei dem sie zu Klängen insbesondere von Schellentamburinen bis zur völligen Erschöpfung Pizzica tanzten. Die Besessenheit wurde auf die Tarantel zurückgeführt, eine giftige Spinne, mit der früher vor allem Frauen bei der Feldarbeit in Kontakt kamen. Das ekstatische Tanzen sollte angeblich helfen, das durch den Biss injizierte Gift wieder loszuwerden.

Das Ritual gehört längst der Vergangenheit an, geblieben ist die Musik, die sich bei der jungen Generation größter Beliebtheit erfreut.
PINO MINAFRA * FOTO: ANDREAS KISTERS
Nach einer ersten volksmusikalischen Rückbesinnung, die mit dem europaweiten Folkrevival der Siebzigerjahre einherging, interessierte sich im Salento seit den Neunzigern eine neue Generation für die eigenen Wurzeln und initiierte eine Vielzahl von Veranstaltungen zur Wiederbelebung volksmusikalischer Praxis.

In dieser Szene werden die meisten Lieder – traditionelle wie neue – im auch für den Durchschnittsitaliener nur schwer verständlichen salentinischen Dialekt gesungen. Einige Lieder erklingen sogar in Griko, einem alten griechischen Dialekt aus der Zeit Homers, der bis heute in immerhin noch neun zweisprachigen Kommunen mitten im Salento gesprochen wird. In Melpignano, einer dieser Gemeinden, schlägt das Herz des aktuellen Pizzica-Booms. 1998 hatten ein paar Lokalpolitiker das Festival La Notte della Taranta („Die Nacht der Tarantel“) ins Leben gerufen. Mittlerweile ist es zahlenmäßig das bedeutendste Musikfestival Italiens; Rai 3, das dritte italienische Fernsehprogramm, überträgt große Teile des „Concertone“ genannten Abschlusskonzerts sogar live. Das Konzept klingt schlicht: Ein renommierter Gastmusiker, oft in einem anderen musikalischen Genre beheimatet und meistens von auswärts angeheuert, leitet ein riesiges Ensemble mit Musikern aus dem Salento, um einheimische Volksmusik – allen voran die Pizzica – neu und anders zu präsentieren. Die Liste der Gastdirigenten der letzten Jahre ist beeindruckend, darunter etwa Joe Zawinul, Stewart Copeland oder Goran Bregovic.

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Update vom
27.02.2014
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