HEIMSPIEL



 

Nicht nur Samba, Sonne, Fußball

Brasilianisches Kulturzentrum in Frankfurt am Main

Ein neues Brasilienbild für Deutschland

Wenn Carlos Frederico Graf Schaffgotsch die klassischen Stereotype über Brasilien hört, stößt er einen Seufzer aus. Der Vorsitzende des brasilianischen Kulturzentrums Frankfurt am Main e. V. findet: „Brasilien ist ein an Kultur und Regionen enorm reiches und vielfältiges Land. Für uns ist es erstrebenswert, dass sich ein differenzierteres Bild des kulturellen Angebots Brasiliens durchsetzen kann. Das ist ein wichtiges Anliegen unseres Vereins. Solche Schlagwörter nützen vielleicht der Tourismusindustrie, aber nicht den Künstlern und Menschen, die diesen Klischees längst nicht mehr entsprechen.“ Keine leichte Aufgabe, wie sich manchmal herausstellt – zumal Deutschland im Unterschied zu Ländern wie England, Spanien oder Frankreich von vielen brasilianischen Stars bei deren Tourneen bislang eher ausgelassen wird. Über seine Veranstaltungskoordinatorin Susanne Lipkau hat das Kulturzentrum aber genaue Einblicke in die brasilianische Szene, in neue Tendenzen und finanzierbare Projekte, um dem entgegenzuwirken.

TEXT: HANS-JÜRGEN LENHART

Der gemeinnützige Verein, auf Portugiesisch Centro Cultural Brasileiro em Frankfurt (CCBF) genannt, wurde 1999 gegründet und hat über zweihundert ehrenamtliche Mitglieder, die sich zu etwa gleichen Anteilen aus Brasilianern und Deutschen zusammensetzen. In jüngster Zeit versucht der Verein gerade durch Konzerte das gängige Brasilienbild zurechtzurücken. Er orientiert sich dabei weniger an den brasilianischen Superstars der Marke Gilberto Gil, da hier laut Schaffgotsch „der finanzielle Aufwand und die professionelle Produktion unabdingbar sind. Vielmehr geht es darum zu zeigen, was in Brasilien aktuell geschieht. Es gibt zum Beispiel eine junge Nachwuchsszene aus dem Nordosten, die bei uns kaum bekannt ist, die aber die eigentlichen Fortschritte repräsentiert.“
SUSANNE LIPKAU UND CARLOS FREDERICO GRAF SCHAFFGOTSCH * FOTO: HANS-JÜRGEN LENHART
Gemeint ist jene Szene, die einst von der Mangue-Beat-Bewegung Recifes in den Neunzigerjahren angestoßen wurde. Hierbei handelt es sich um Musiker, die sowohl brasilianische Musik, Rock, Electronika, Pop und vieles mehr verbinden als auch das Spektrum der Música Popular Brasileira enorm erweitert haben. Insofern hatten Konzerte des Vereins mit wichtigen Vertretern dieser Entwicklung wie Lucas Santtana oder Céu schon Symbolcharakter. Man nahm dabei auch in Kauf, dass manche Besucher, die nur tanzende Brasilianerinnen erwarteten, irritiert sein mochten.

go! ccbf.info

Logo CCBF

E- und U-Musik werden nicht streng getrennt

„Doch geht es“, so Schaffgotsch, „genauso darum, zu vermitteln, dass in Brasilien der Unterschied zwischen E- und U-Musik wesentlich anders gesehen wird als bei uns und zum Beispiel Virtuosität und allgemeiner Anspruch nicht immer ein ‚E‘ vor ‚Musik? haben müssen.“ So trat jüngst der Brazil-Rocker Lenine erfolgreich beim Museumsuferfest, dem größten Frankfurter Volksfest, mit Band und zusätzlichem Streichquartett auf. Das Volksfestpublikum dürfte so etwas noch nie erlebt haben, war aber begeistert. Allein an diesem Beispiel ist zu erkennen, wie innovativ der Verein wirkt, fernab von den unzähligen Bossa-Nova- und Samba-Aufgüssen. Und wenn es denn schon Samba sein soll, dann in Form der vermittelten Kooperation der HR-Bigband mit der Sambasängerin Fabiana Cozza.

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Von Irish Folk bis zu Latinosounds

Der Folk-Club Taunusstein e. V.

Über drei Jahrzehnte musikalische Basisarbeit

In den Siebzigerjahren bildete der Chemie- und Sozialkundelehrer Jürgen Weller an seiner Schule im hessischen Bleidenstadt mit Schülern ein Folkensemble, das des Öfteren von der Stadt Taunusstein engagiert wurde, die 1971 aus der Zusammenlegung von Bleidenstadt und verschiedenen anderen Kommunen vor den Toren der Landeshauptstadt Wiesbaden entstanden war. Zum zehnten Jahrestag der Stadtgründung kam die Bitte, eine ganze Serie von Veranstaltungen in möglichst allen Ortsteilen durchzuführen. Aus diesem Anlass wurde der Folk-Club Taunusstein gegründet.

TEXT: WOLFGANG KÖNIG

go! folk-club-taunusstein.de

Logo Folk Club Taunusstein

Bis heute fungiert Jürgen Weller als Vorsitzender und Programmleiter. Auch ein großer Teil seiner Mitstreiter ist seit den Anfangstagen dabei. Der Club hat keinen festen Veranstaltungsort, obwohl im Lauf der Jahre verschiedene Lokalitäten zeitweilig die Hauptrolle spielten.
MASELTOV MIT JüRGEN WELLER (GANZ RECHTS)

Momentan erfüllt diese Funktion das intime Salon-Theater im Ortsteil Bleidenstadt mit sechsundneunzig Sitzplätzen, das bisher bei den Veranstaltungen des Folk-Clubs immer ausverkauft war. Konzerte gibt es aber zum Beispiel auch im Lehenshof in Hahn, einer ehemaligen Scheune, die das älteste Gebäude ganz Taunussteins ist und bereits im dreizehnten Jahrhundert urkundlich erwähnt wurde.
Der Club erhält einen Zuschuss von der Stadt, die ein- bis zweimal im Monat stattfindenden Konzerte finanzieren sich aber zum überwiegenden Teil durch den Kartenverkauf. Manchmal übernehmen die Folkies die Gastronomie, was zusätzliche Einnahmen bringt.

Nachwuchs gesucht

Das Folk-Club-Publikum, das in den ersten Jahren mehr oder weniger aus einer verschworenen Gemeinschaft bestand, in der jeder jeden kannte, hat sich mittlerweile diversifiziert. Auf die Konzerte aufmerksam wird es vor allem anhand der Programmwerbung per Informationsheft und Internet; aber auch die Mundpropaganda spielt nach wie vor eine große Rolle. Viele Besucher kommen heute auch aus Wiesbaden, Mainz oder Frankfurt. Beinharte Fans mancher Gruppen reisen selbst aus Hamburg oder München an. „Für ein Blowzabella-Konzert in Taunusstein kamen sogar zwei Frauen aus London“, erinnert sich Jürgen Weller. „Allerdings geht der Altersdurchschnitt des Publikums langsam aber sicher nach oben, das heißt, uns fehlt ein bisschen die Jugend. Aber das ist nicht nur im Folkbereich so, sondern auch beim Jazz. Bei unserer Fiesta Latina kommen schon jüngere Leute, die tanzen wollen. Aber Folkmusik ist eben nicht mehr so populär wie in den Achtzigerjahren.“

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Ein Haus mir drei musikalischen Säulen

Villa Erckens

Starke Marke am Niederrhein

Grevenbroich ist eine Flächengemeinde im Städtedreieck Düsseldorf-Köln-Mönchengladbach, sogenannte Bundeshauptstadt der Energie, umgeben vom Braunkohletagebau mit seinem gigantischen Bagger, umringt von zwei Kohlekraftwerken. Ansonsten: plattes Land mit Wäldern, Wiesen und Äckern, man meint, bis zur nahen niederländischen Grenze schauen zu können. Heimatliebe ist hier, ganz im Einklang mit dem wohl bekanntesten Niederrheiner Hanns Dieter Hüsch, Liebe auf den zweiten Blick. Die Schönheit des Niederrheins, sagte er einst, gehe tiefer, der Niederrhein wolle angeguckt werden.

TEXT: ULRICH JOOSTEN

Inmitten eines Parks am Rande der Stadt liegt eine neoklassizistische Villa. Einst gehörte sie dem Industriellen Oskar Erckens, der sie als Familienwohnsitz in unmittelbarer Nähe seiner Baumwollspinnerei an dem Flüsschen Erft errichten ließ. Seit Mitte der Achtzigerjahre ist in diesem prächtigen Bau ein Heimatmuseum untergebracht.
MUSEUM VILLA ERCKENS
Diese Bezeichnung mag der Hausherr, Kulturamtsleiter Stefan Pelzer-Florack, nicht wirklich: „Der Begriff ist piefig besetzt. Wir möchten ein modernes Haus sein, und der Name ‚Museum der niederrheinischen Seele? ist gewollt provokant gewählt.“ In der Villa Erckens gibt es allerdings nicht nur Heimatliches anzugucken, es gibt auch etwas zu hören. Seit sieben Jahren hat sich das ehemalige Herrenhaus nicht nur als Kunsthalle, sondern ebenfalls als attraktiver Veranstaltungsort etabliert. Im Grunde wurde, so Pelzer-Florack, aus der Not eine Tugend. Eine völkerkundliche Sammlung, die in der Villa beheimatet war, wurde nach der Pensionierung des damaligen Museumsleiters nicht weitergeführt. Also musste eine neue Aufgabe gefunden werden, um weiterhin die Landeszuschüsse zu rechtfertigen.

Vom Heimatmuseum zum multikulturellen Veranstalter

„Wir setzten in dieser Übergangszeit verstärkt auf Wechselausstellungen und auf Musikveranstaltungen“, erinnert sich Pelzer-Florack. Der bekennende Folkie hat ein Faible für Folk-, Liedermacher- und Weltmusik. Drei Jahrzehnte lang ist er selbst als Singer/Songwriter mit Bass und deutschen Texten unterwegs.
go! museum-villa-
erckens.de
Seine Szenekenntnisse kommen der Villa Erckens bald zugute, die anfangs noch kein rechtes Veranstalterprofil aufweisen kann. Das Museum übernimmt zunächst eine Ausstellung des Kulturamtes Gelsenkirchen zum Thema Klezmermusik und führt naheliegenderweise eine passende Veranstaltung durch.

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LEIPZIG 1813-2013

Sag mir, wer die Helden sind

Musik zweihundert Jahre nach der Schlacht

Vom 16. bis 19. Oktober 1813 tobte in und um Leipzig die sogenannte Völkerschlacht, das größte Gemetzel des neunzehnten Jahrhunderts. Mehr als hunderttausend der über fünfhunderttausend Menschen, die als Soldaten oder Zivilsten freiwillig, gezwungenermaßen oder – weil hier zu Hause – daran teilnehmen mussten, sind in Massengräbern rund um die „Heldenstadt“ verscharrt. Der Folker wollte wissen, wie die Nachfahren zweihundert Jahre nach der Schlacht musikalisch an diese Katastrophe erinnern, die Generationen traumatisierte und ins Elend stürzte, die immer wieder für politische Propaganda missbraucht wurde, deren Mystifizierung Nationalismus und Chauvinismus schürte und die angeblich eine Tradition von Waffen- und Klassenbrüdern begründete.

TEXT: KAY REINHARDT

Rund um das Völkerschlachtdenkmal marschieren jedes Jahr detailgetreu kostümierte Hobbykrieger mit Kanonen, Säbeln und Schießprügeln auf. Sie spielen historische Gefechte nach und versöhnen sich anschließend am Lagerfeuer im Biwak. Diesmal waren sechstausend Freizeitsoldaten aus siebzehn Nationen dabei.
PREMIERE 'EIN EINZIGES LANGES DONNERGEBRüLL' * FOTO: HEIMRICH & HANNOT
Befürworter nennen das „Reenactment“, lebendige Geschichtsvermittlung oder Beitrag zur Völkerverständigung. Gegner halten es für ein gefährliches, den Krieg als Abenteuerspiel verharmlosendes Spektakel. Außer Trommelwirbel auf dem Feld boten die Veranstalter ein breites Spektrum an Klängen, von der „historischen Militärmusikparade“ bis zum „Genussabend mit Musik und Napoleon-Geschichten“, von musikalisch-literarisch-pazifistischen Programmen bis zum Monarchenball, von Kabarett bis zu Beethovens Eroica, vom heiter-folkigen Liedgut der Fiddle Folk Family bis zu „Lili Marleen“ und anderen Klassikern.

Silcher, Seeger und ein singendes Denkmal

Besonders lobenswert aus pazifistischer Sicht waren drei Beiträge: Erstens das Programm „Gegen den Krieg. Gedichte & Appelle“ mit Musik des Trios Die Lyrischen Saiten (Cello, Percussion und E-Gitarre). Die Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e. V. tourte damit 2013 durch Deutschland und hat unter dem gleichen Titel ein Bändchen in der Reihe Poesiealbum neu herausgegeben. Es enthält Gedichte moderner Poeten mit dem Potenzial zu neuen Liedern. Zweitens: „Andere Helden“ von Ines Agnes Krautwurst und der Band Brassinezz, die Soldatenlieder des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts von Friedrich Silcher bis Pete Seeger für fünf Blechbläser und Stimme arrangiert haben. Und drittens: „Ein einziges langes Donnergebrüll – Die Völkerschlacht. Leben zwischen Pulverdampf und Freiheitsmythos“, ein Reigen aus Spielszenen, Zeitzeugenerinnerungen und Musik, präsentiert von den Schauspielern Maja Chrenko und Alexander Gamnitzer in Zusammenarbeit mit dem Musiker Albrecht Wagner.

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Update vom
23.12.2013
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