ERIKA STUCKY * FOTO: FELIX STREULI

„Ich mag Datteln und Speck“

ERIKA STUCKY

Menschliche Jukebox

Ohne Zweifel: Sie ist die abenteuerlichste Vokalistin der Schweiz. Mit Wurzeln in San Francisco und dem Wallis erschafft sich die Sängerin Erika Stucky auf jedem neuen Werk ein fantastisches Universum aus Popzitaten, Bluesigem, Trashigem und helvetischer Volksmusik. Wer zwischen den Hippies von Haight-Ashbury aufwächst und sich dann über Nacht in einem Schweizer Alpendorf zurechtfinden muss, wird wohl entweder wahnsinnig oder genial. Stucky hat ebendiesen Kulturschock in ihrer Jugend durchgemacht, denn ihre Eltern kehrten nach achtzehnjährigem kalifornischem Intermezzo in den frühen Siebzigerjahren wieder in die alte Heimat zurück. Ihrer Musik jedoch kam das zugute. Trainiert an einer Pariser Jazzschule, nutzt Erika Stucky heute spielerisch ihr doppeltes Erbe: Da kombiniert sie in ihren Songs gerne mal die näselnde Diktion von Bob Dylan mit einem Pygmäengesang, schafft einen Hybrid zwischen dem Yodel eines Countrygirls und dem Zäuerli eines Bergbauern. Sie konfrontiert Hendrix mit dem Schwyzerörgeli, lässt sich für Michael Jacksons „Bad“ auf der Tuba begleiten, trifft Fats Domino in einem Zürcher U-Bahn-Schacht. Oder sie stellt mit ihrer Landsfrau, der Walliser Liedermacherin Sina, die Mythen der Urschweiz in kuriosen Videoinstallationen auf den Kopf, taucht als Ensemblemitglied der „Rain-Dogs-Revisited“-Revue ins Erbe von Tom Waits ein. Mit ehemaligen Weggefährten von Waits hat sie sich auch an ihre neue Produktion gewagt: Black Widow heißt das Werk, das dieses Mal ganz wegführt von der urchigen Bergwelt und sich einem zunächst düster erscheinenden Thema mit schrägem, ja, sonnigem Humor nähert. Mit Erika Stucky sprach der Folker über einen nicht alltäglichen Songzyklus, in den sie neben Eigenkompositionen in ihrer typisch eklektischen Manier Zitate von Leadbelly, den Beatles, Brenda Lee und Pink Floyd hineingepuzzelt hat.

Die Fragen stellte STEFAN FRANZEN.


» Mir gefällt diese schwarze, erwachsene Witwenwelt. «
Erika Stucky, ist dieses neue Album die böse Schwester Ihres früheren Album Princess, auf dem es ja um eher liebe Frauen ging?

Black Widow ist die erwachsene Sister zu Princess. Mit Vierzig findet man, jetzt noch mal pinke Schuhe anziehen und auf Prinzesschen machen, nein, irgendwann ist fertig damit. Inspiriert war ich auch von meiner Kindheit: Als wir von San Francisco
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DISKOGRAFIE:
Bubbles & Bones (Traumton, 2001)
Lovebites (Traumton, 2003)
Princess (Traumton, 2005)
Suicidal Yodels (Traumton, 2007)
Stucky Live 1985-2010 (Traumton, 2011)
Black Widow (Traumton, 2013)

BLACK WIDOW

in die Schweiz kamen, da waren all diese Vierzigjährigen, deren Männer gestorben waren, und dann musst du im Wallis dein Leben lang in Schwarz gehen. Die „black widows“ vom Dorf. Die „schwarze Witwe“ ist aber auch eine Spinne. Ich habe immer Freude gehabt an Schlangen und Spinnen. Wenn meine Freundinnen kreischen, gehe ich hin, packe das Tierchen am Fuß und tu es raus, sie kann ja gerne draußen mit ihren Spiderlegs weitertanzen. Viele sagen beim Coverbild der CD: „Iiiih!“ Ich sage: „I like it!“

Die Black-Widow-Figuren geistern durch die neuere Kulturgeschichte von der russischen Spionin in den Marvel-Comics bis hin zu dem berühmten Edgar-Wallace-Krimi. Von welchen Frauengestalten waren Sie inspiriert?

Na, von der Morticia in der Addams Family natürlich, die habe ich geliebt. Und dann die Livia, die Mutter von Tony in The Sopranos, die ist doch noch toller als all die Killer rundum. Ich habe mir als Vorbereitung alle fünfundneunzig Stunden Sopranos nochmals angeschaut, und immer wenn die Livia gesprochen hat, habe ich mitgeschrieben. Dann dachte ich mir: Da mache ich einen super Mafiamutter-Song draus, und das wurde dann „Mob Mama“. Sehen Sie, ich komme ins Schwärmen. Mir gefällt diese schwarze, erwachsene Witwenwelt. Ich war gar nicht dunkel-düster drauf à la Nick Cave als ich das Album gemacht habe. Ich schaffe ja jetzt mit Engländern, die haben diesen schrägen Humor und sehen es ähnlich wie ich, Monty-Python-mäßig. Und nicht: Huch, die dunkle Frau. Man muss die Songs mit dem linken, englischen Ohr hören – und dann merkt man: Das ist eigentlich ein sonniges Programm!

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Update vom
23.12.2013
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