Abkehr vom Lagerdenken?

DIE SCHWARZEN WURZELN DER COUNTRYMUSIK

Erben der afroamerikanischen Old-Time-Tradition

 
 
DOM FLEMONS * FOTO: JIM BROCK
„Viele Schwarze hören Country und sind Fans der Musik“, sagt Dom Flemons, Gründungsmitglied der Carolina Chocolate Drops. Überraschend? Eigentlich nicht. Denn im Süden der USA kommt man im Alltag an weißen Countryklängen gar nicht vorbei. Egal ob man weiß oder schwarz ist. Und mehr noch: Die Countrymusik, das erfolgreichste Populärmusikgenre in den USA, wäre ohne die schwarzen musikalischen und persönlichen Einflüsse gar nicht denkbar. Beispiele gefällig? Carter-Family-Oberhaupt A. P. Carter hätte ohne seinen schwarzen Freund und Helfer Lesley Riddle nie und nimmer seine Volksliedsammlung zusammentragen können. Ohne den farbigen Schuhputzer „Tee-Tot“ Rufus Payne hätte Countrylegende Hank Williams das Gitarrespielen nicht gelernt. Und der Begründer des Bluegrass, Bill Monroe, profitierte vom musikalischen Können des afroamerikanischen Bluesgitarristen Arnold Shultz.
TEXT: THOMAS WALDHERR
 

Die ländliche amerikanische Populärmusik entstand durch die Vermischung von weißer und schwarzer Musik beim Musizieren.
» Ich bin ein schwarzer Kerl in der Countrymusik, und es gibt eben Menschen, die das nicht mögen. Aber deswegen werde ich bestimmt nicht aufhören. «
(Darius Rucker)
LESLEY RIDDLE
Nach Ende der Sklaverei im Süden fanden sich oftmals arme weiße und schwarze Pflanzer und Tagelöhner in ähnlichen Lebensbedingungen wieder. Zwar war in größeren Städten die Rassentrennung perfektioniert und wurde von den Behörden argusäugig überwacht, doch in den Dörfern und verstreuten Siedlungen entlegener armer Landstriche wie den Bergtälern der Appalachen oder dem kargen Mississippidelta, wurde die Trennung oftmals unterlaufen. „In kleineren Orten im Süden findet man viele Beispiele, wo die Trennlinien die sozialen Klassen waren. Wenn alle arm sind, dann haben sie keine andere Wahl, als den Nachbarn die Hände zu reichen, egal welcher Hautfarbe sie sind“, erklärt Dom Flemons diese Überwindung der Rassenschranken.

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CD-TIPPS:
Allerton & Alton, Black, White And Bluegrass (Bear Family Records, 2010)
Carolina Chocolate Drops, Genuine Negro Jig (Nonesuch/Warner, 2010)
Ray Charles, Modern Sounds in Country & Western Music (Concord/ Universal, 1962)
Charley Pride, Country Charley Pride (LP; RCA Victor, 1966)
Lionel Richie, Tuskegee (Universal, 2012)
Darius Rucker, Learn To Live (Capitol, 2008)

Und dieser Austausch fand gerade auch im Bereich der Musik statt. Schwarze Gruppen wie die Mississippi Sheiks spielten zum Squaredance oder im Juke Joint* auf. Die weißen String Bands der Old-Time-Musik hatten neben der europäischen Geige auch das afrikanische Banjo adaptiert, und so manchen Folksong sangen schwarze wie weiße Musiker. Als die Plattenindustrie und die Radiostationen die ländliche Populärmusik Ende der Zwanzigerjahre entdeckten und vermarkteten, packten sie diese jedoch in Schubladen: hier die weiße Countrymusik, dort die schwarze „race music“, der Blues. Die gesellschaftliche Rassentrennung fand ihre Entsprechung in der kulturell-kommerziellen
COWBOY TROY
Sphäre. Zwar hallten die alten Zeiten noch ein paar Jahre nach, als mit DeFord Bailey ein schwarzer Old-Time-Musiker einer der Stars der Radioshow Grand Ole Opry war. Doch mit der Zeit wurden seine Auftritte immer mehr verkürzt, wurde er zu einer Art Maskottchen degradiert und 1941 schließlich gefeuert. Es sollte mehr als ein Vierteljahrhundert vergehen, bis mit Charley Pride wieder ein Schwarzer in der Grand Ole Opry auftrat.

Doch zurück zu den Anfängen. 1927 fand in Bristol, Tennessee, der sogenannte „Big Bang“ der Countrymusik statt. Bei einer von Ralph Peer veranstalteten Aufnahmesession wurden Jimmie Rodgers und die Carter Family entdeckt – gleichsam Stifterfiguren wie erste Superstars des Country. Bei Rodgers lässt sich die Verschmelzung europäisch geprägter Musiktraditionen mit afroamerikanischer Melodieführung sehr gut studieren. Seine Songs besitzen Blue Notes wie sie überhaupt voller Bluesanleihen sind. Und auch der Slang der Schwarzen – „blues“ bedeutet hier eine klagende, traurige Stimmung – wird von Rodgers adaptiert. Paradebeispiel ist sein Hit „T for Texas (Blue Yodel No. 1)“. Hier entwickelt er das sogenannte „Blue Yodeling“, indem er Elemente des Blues und traditioneller weißer Musik mit Jodlern anreichert. Und er scheute sich auch nicht, zusammen mit Schwarzen zu musizieren. Legendär sind bis heute die Aufnahmesessions von 1930 mit Louis Armstrong. Rodgers wurde zum Vater der Countrymusik gerade durch die Kombination von weißer und schwarzer Musiktradition.

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Update vom
23.12.2013
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