Vorwärts mit der Tradition

NEUER FOLKBOOM AUF DER INSEL

Der Jungbrunnen sprudelt weiter





ELIZA CARTHY & NORMA WATERSON
BELLOWHEAD (JON BODEN IN DER MITTE) * FOTO: PAUL HEARTFIELD


SCHWER
PUNKT

ENGLAND

England hatte immer ein schwieriges Verhältnis zu seiner eigenen Volkskultur. Man brauchte Begriffe wie „Folk Music“ oder „Folk Dance“ nur zu erwähnen, und schon wurde die Situation peinlich. Verlegenheit, Schmach und Schande verstellte dabei schnell den Blick auf eine Nation, die sich entweder ihrer aufgeblasenen Bedeutung als Empire brüstete oder schwanger ging mit dem Idyll anschaulicher Bilder schöner Ackerknechte, rotwangiger Dienstmägde, bierseliger Bauern und ewig gutgläubiger Jungfrauen. Es gibt immer noch Comedians, die diese längst abgelutschten Klischees aus der Mottenkiste holen, wenn zum Beispiel Morris Dancer auf der Bildfläche erscheinen, und sie ergänzen um stereotype Nonsensballaden, knorrige Sänger, die sich ein Ohr mit dem Finger zuhalten, von Ängsten erfüllte Singer/Songwriter und gefällige junge Dinger, die sittsam ihre Liedchen trällern und dabei fantasielos ihre Gitarren schrammeln. TEXT: COLIN IRWIN

So war es schon immer. Das entsprach der althergebrachten Gleichgültigkeit gegenüber der eigenen Musiktradition. Als Anfang des letzten Jahrhunderts Cecil Sharp und andere Sammler durch das Land zogen, um nach den „alten“ Liedern zu
» DIE ENGLÄNDER MöGEN IN SACHEN FUSSBALL DERZEIT NICHT GERADE ASPIRANTEN AUF DEN WELTMEISTERTITEL SEIN, ABER WENN ES UM FOLKMUSIK GEHT, GING ES IHNEN NOCH NIE SO GUT WIE JETZT. «
suchen, begegneten sie oft Sängern, die der Sammelwut dieser Fremden misstrauisch gegenüberstanden, weil diese sich für Lieder interessierten, die sie selbst, entsprechend der landläufigen Meinung, eigentlich als wertlos und unzeitgemäß betrachteten.

Das Revival begann in den Fünfzigern mit Größen wie Ewan MacColl und A. L. Lloyd, nahm Fahrt auf in den zahlreichen Folkklubs der Sechzigerjahre und erreichte in den Siebzigern einen vorläufigen Höhepunkt mit dem Folkrock von Bands wie
SAM CARTER
Fairport Convention, Steeleye Span oder der Albion Band. Gegen Ende der 1970er-Jahre fiel der englische Folk zurück auf den alten bedauerlichen Status: ein gleichgültiges Publikum und Hohn seitens der Medien. Vergessen selbst von der Generation, die mit diesem Genre aufgewachsen war, blieb „English Folk“ im Schatten der aufsteigenden und attraktiveren keltischen Musik.

In den Siebzigern und Achtzigern waren Schottland und Irland die Herren im Hause. Trotz größter Anstrengungen der Zähesten, was in der Regel die Überlebenden aus besseren Tagen waren, verschwand Folkmusik aus England fast vollständig aus dem öffentlichem Leben, wurde zu einer Domäne alternder Interpreten und Zuhörer, die ob ihrer Unzeitgemäßheit in eine Bunkermentalität verfielen. Für jeden, dem am Fortbestand und der Weiterentwicklung dieser Musik gelegen war, bedeutete es eine Phase erdrückend auswegloser Trostlosigkeit, aus der es kein Zurück zu geben schien.

Übersetzung: Delf Maria Hohmann

COLIN IRWIN schreibt seit fast vierzig Jahren über Musik und war Redaktionsmitglied bei Melody Maker sowie Chefredakteur des Number One Magazine. Er veröffentlichte eine Reihe von Büchern, darunter In Search of the Craic und In Search of Albion mit Geschichten seiner Reisen in Irland und England, Sing When You’re Winning über die Geschichte des Liedes im Fußball sowie Biografisches über Bob Dylan, Neil Young und Abba. Er ist Autor verschiedener Theaterstücke und arbeitete als Radiomoderator für die BBC. Mit dem Schwerpunkt Folkmusik schreibt er heute Beiträge für Mojo und Froots sowie für verschiedene britische Tageszeitungen wie den Guardian oder den Daily Telegraph. Irwin lebt in London und an der irischen Westküste.

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Update vom
23.12.2013
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