DAVE VAN RONK

Filmheld der Coen-Brüder

Dave Van Ronk

Bürgermeister der MacDougal Street





Mit dem Film Inside Llewyn Davis wird Dave van Ronk (1936-2002) vom Folkmusiker zum Filmstar – Bob Dylan nannte ihn den Mann, der aus jedem Song ein surrealistisches Melodrama machen konnte.

TEXT: CHRISTOPH WAGNER

New York, Downtown Manhattan, Ende Februar 2012. In der MacDougal Street in Greenwich Village ist eine Filmcrew bei der Arbeit. Die Straße vor dem Cafe Wah? ist gesperrt, Produktionsassistenten, Kameraleute und andere Mitarbeiter wuseln herum. Reste künstlichen Schnees liegen auf dem Gehsteig. Ein paar antike Automobile sind als Requisiten am Straßenrand geparkt. Eine Frau mit Megafon bittet die Schaulustigen, das Trottoir zu räumen – gleich soll es mit den Dreharbeiten weitergehen. Als ich sie frage, wer hier filme, antwortet sie knapp: die Coen-Brüder! Oscar-dekoriert zählen Ethan und Joel Coen, bekannt durch Filme wie O Brother, Where Art Thou?, No Country For Old Men, Fargo, The Big Lebowski und True Grit, zu den bedeutendsten Filmemachern der Gegenwart.

SZENENFOTO AUS INSIDE LLEWYN
Der Drehort war nicht zufällig gewählt. Das Café Wah? im Village war in den Sechzigerjahren ein Brennpunkt der Folkbewegung. Und davon handelt der Film. Er zeigt eine Episode im Leben des Folksängers Dave Van Ronk, der auf der Leinwand Llewyn Davis heißt und sich mit einer Katze auf dem Arm durch die Szene von Greenwich Village schlägt. Davis wird dabei von Oscar Isaac dargestellt, der selbst Gitarre spielt und singt. In weiteren Rollen sind Justin Timberlake und Carey Mulligan zu sehen.

SZENENFOTO AUS INSIDE LLEWYN DAVIS
Der Titel des Films Inside Llewyn Davis ist dem Album Inside Dave Van Ronk nachempfunden, das 1964 erschien. Für die Dreharbeiten wurden historische Fassaden der Folkclubs Kettle of Fish und The Gaslight rekonstruiert, die neben dem Café Wah? wichtige Orte des damaligen Folkrevivals waren. Dave Van Ronk war in den frühen Sechzigern Mentor Bob Dylans gewesen: „Bobby schnorrte sich sein Essen zusammen und schlief irgendwo auf dem Sofa, ziemlich oft auf meinem“, notierte der „Bürgermeister der MacDougal Street“. So lautet auch der Titel seiner Autobiografie The Major of MacDougal Street, die er zusammen mit dem Journalisten Elijah Wald verfasst hat und die erst nach Van Ronks Tod erschien. In der deutschen Ausgabe, die pünktlich zum Filmstart in die Läden kommt, wurde daraus Der König von Greenwich Village!

„Dave Van Ronk war der einzige Musiker, bei dem ich darauf brannte, Näheres über ihn zu erfahren. Auf Aufnahmen hörte er sich fantastisch an, aber persönlich war er noch fantastischer. Van Ronk stammte aus Brooklyn, hatte Seemannspapiere, einen dicken Walrossschnurrbart und langes, glattes braunes Haar, das ihm halb übers Gesicht fiel“, schreibt Bob Dylan in den Chronicles.
» Dave machte aus jedem Song ein Theaterstück, das bis zur letzten Minute spannend blieb. «
(Bob Dylan)
„Dave machte aus jedem Song ein surrealistisches Melodrama, ein Theaterstück, das bis zur letzten Minute spannend blieb. Er ging den Dingen auf den Grund. Van Ronk wirkte uralt und kampferprobt. Jede Nacht fühlte ich mich, als säße ich einem altehrwürdigen Denkmal zu Füßen. Dave Van Ronk sang Folksongs, Jazzstandards, Dixielandsachen und Bluesballaden ohne bestimmte Reihenfolge und ohne dass in seinem gesamten Repertoire auch nur eine Nuance überflüssig gewesen wäre. Es waren zarte, weit ausgreifende, persönliche, historische und ätherische Songs – alles, was man sich nur vorstellen konnte. Er steckte alles in einen Zylinder und holte – Abrakadabra – etwas Neues ans Licht. Dave beeinflusste mich stark. Er phrasierte nie das gleiche Stück zweimal auf die gleiche Art. Manchmal hörte ich ihn einen Song spielen, den er schon in einem vorangegangenen Set zum Besten gegeben hatte, und er überrumpelte mich mit einer völlig neuen Version.
BOB DYLAN, SUZE ROTOLO & DAVE VAN RONK IN DEN SECHZIGERN
Seine Stücke waren von perverser Komplexität und trotzdem ausgesprochen schlicht. Er hatte alles im Griff und konnte sein Publikum hypnotisieren oder außer Gefecht setzen, es aber auch zur Raserei treiben. Ganz wie er wollte. Er hatte die Statur eines Holzfällers, trank viel und redete wenig. Er hatte sein Revier abgesteckt. Wenn man abends auf der MacDougal Street unterwegs war und jemanden spielen hören wollte, war er die erste und einzige reelle Wahl für den Rest der Nacht. Er beherrschte die Straße wie ein Berg, kam aber nie groß raus. Er war groß, himmelhoch, und ich sah zu ihm auf. Er kam aus dem Land der Riesen.“

» Mit dem Erfolg der Folkbewegung waren wir plötzlich keine Außenseiter mehr. «
(Sam Charters)
Einen Song, den Bob Dylan von Dave Van Ronk übernahm, war „The House Of The Rising Sun“. In seiner Autobiografie wird die Episode ausführlich geschildert, in Martin Scorseses Film Bob Dylan – No Direction Home gibt Van Ronk eine gerafftere Version zum Besten: „Bobby übernahm die Akkordwechsel von mir. Er veränderte das Lied, hielt aber am Text und der Melodie fest. Als er sein erstes Album aufnahm, fragte er mich, ob ich etwas dagegen hätte, wenn er meine Version von ‚House Of The Rising Sun‘ aufnehmen würde. Ich hatte selbst Pläne, den Song einzuspielen, und sagte ihm, dass ich das nicht so gut fände. Er meinte: ‚Oh, au!‘ Nachdem Bobby es aufgenommen hatte, hörte ich auf, das Lied zu singen, weil Leute mich dauernd beschuldigten, es von Bob Dylan abgekupfert zu haben. Das war ärgerlich. Später, als Eric Burdon und die Animals den Song zu einem Hit machten, erzählte Bob Dylan mir, dass er jetzt das Lied nicht mehr singen könne, weil jedermann ihn beschuldigen würde, es von den Animals geklaut zu haben.“

DAVE VAN RONK
Die New Yorker Folkszene war in den Sechzigerjahren in Greenwich Village beheimatet, einem Viertel im unteren Teil Manhattans, westlich des Broadway. Die MacDougal Street war das Zentrum der Aktivitäten. Hier wohnten viele Musiker, hier waren die Clubs und Cafés. „Die MacDougal Street verwandelte sich tatsächlich in ein Irrenhaus, und sicher machte es keinen Spaß, wenn man versuchte, dort ein normales Leben zu führen“, bemerkte Van Ronk. In der MacDougal Street 115 befand sich das Cafe Wah?, wo Bob Dylan seinen ersten Auftritt absolvierte. Im Film ist die Atmosphäre dieser Aufbruchszeit wunderbar eingefangen. Alle tauchen sie wieder auf und sind auch einigermaßen zu identifizieren: Albert Grossman etwa, der Bob Dylan zum Superstar machte und dem Van Ronk einst in Chicago vorspielte, um einen Gig in seinem Club zu erhalten.

FILMTIPP:
Inside Llewyn Davis (Studiocanal; Filmstart: 5. Dezember 2013)

BUCHTIPP:
Dave Van Ronk mit Elijah Wald, Der König von Greenwich Village. Die Autobiografie (Heyne Hardcore)

Der König von Greenwich Village 2013

CDTIPPs:
Inside Llewyn Davis – Original Soundtrack Recording (mit Oscar Isaac, Justin Timberlake, Marcus Mumford, Dave Van Ronk, John Cohen, Bob Dylan u. a.; Nonesuch, 2013)

Dave Van Ronk:
Inside Dave Van Ronk (WVÖ von Folksinger, 1963, und Inside Dave Van Ronk, 1964; Fantasy, 1989)
The Folkways Years (Smithsonian/Folkways, 1991)
Sweet & Lowdown (Justin Time Records, 2001)
On Air (live; Tradition & Moderne, 2007)
Down In Washington Square – The Smithsonian Folkways Collection (Smithsonian/Folkways, 2013)

The Folkways Years Sweet & Lowdown On Air Down In Washington Square

Komplette Diskografie unter:
go! www.wirz.de/music/vanrofrm.htm

Der Bluesforscher und Schallplattenproduzent Sam Charters, der sich anfangs auch als Musiker versuchte, lebte damals in einer Wohnung mit Dave Van Ronk. Charters war Mitglied bei den Ragtime Jug Stompers, einer Jugband mit Waschbrett und Zuberbass, die Van Ronk gegründet hatte, um auf die damals grassierende Jugbandwelle aufzuspringen. „Zuerst einmal: Wir waren alle richtig arm und wohnten irgendwie gegenseitig in den Wohnungen voneinander“, erzählt Charters. „Unsere Lieder stammten aus der gewerkschaftlichen Liederbewegung, die von Woody Guthrie und den Almanac Singers angeführt wurde. In New York gab es nicht nur Schallplattenfirmen, sondern auch billige Wohnungen. Für sechzig Dollar im Monat bekam man ein tolles Apartment. Von drei Tagen Arbeit konnte ich leben. Jeder hatte irgendeinen kleinen Job. Es gab einen ungeheuren Hunger auf Entdeckungen. Mit dem Erfolg der Folkbewegung waren wir plötzlich keine Außenseiter mehr. Unsere Stimmen wurden gehört. Natürlich waren wir sehr politisch. Als ich mit Dave Van Ronk in einer Wohngemeinschaft in der MacDougal Street lebte, fanden bei uns die Zusammenkünfte seiner Zelle der sozialistischen Arbeiterpartei ab. Wie sich später herausstellte, waren von den zwölf Mitgliedern fünf FBI-Informanten.“

DAVE VAN RONK, JOAN BAEZ, LEONARD COHEN, JUDY COLLINS, CHAD MITCHELL 1966 * FOTO: DOMINIQUE BOILE
Van Ronk machte für unterschiedliche Schallplattenfirmen Aufnahmen: Verve und Prestige waren nur zwei der Labels. Auch für Folkways nahm er eine Langspielplatte auf. Geld war knapp, weshalb auf Tantiemenzahlungen ungeduldig gewartet wurde. Doch die ließen gewöhnlich auf sich warten. „Einmal hatte Dave schon länger keine Abrechnung mehr bekommen“, erinnert sich Ann Charters, Fotografin, Literaturprofessorin und mit Sam Charters verheiratet. „Er ging zu Folkways, um seine Tantiemen einzutreiben. Er zog die schäbigsten Kleider an mit Löchern in den Schuhen. Er sagte zu Moses Asch, dem Labelchef, wenn er sein Geld nicht bekäme, würde er unten vor der Türe herumlungern, damit alle Welt sehen könnte, wie erbärmlich ein Folkways-Künstler aussehe. Das beschreibt ungefähr die Situation damals.“

Den Behörden war das bunte Treiben ein Dorn im Auge. Ein Verbot wurde verhängt, um unerwünschte „Elemente“ fernzuhalten. Am Sonntag, dem 9. April 1961, kam es zu einer Protestaktion: Eine Menschenmenge von mehreren hundert Personen, darunter ein neunzehnjähriger Bob Dylan, ignorierte einfach das Verbot und fand sich zum Musikmachen am Brunnen im Park ein. Als die Polizei anrückte, kam es zu tätlichen Auseinandersetzungen, was als Beatnik-Aufstand in die Annalen der Popgeschichte einging. Nach weiteren Protesten wurde das Verbot wieder aufgehoben.

Die Folkszene traf sich in der warmen Jahreszeit jeden Sonntagnachmittag im Herzen von Greenwich Village. „Im Washington Square Park herrschte eine lebendige Atmosphäre. Gruppen von Musikern spielten und sangen jeden Stil von alten Folksongs bis zu Bluegrassnummern. Ältere Italiener aus der Nachbarschaft musizierten auf ihren Mandolinen. Alles spielte sich um den Brunnen herum ab, und man konnte von einer Gruppe zur nächsten gehen, um zuzuhören und vielleicht mitzusingen“, schrieb Suze Rotolo, Bob Dylans Freundin, in ihrer Autobiografie.
DAVE VAN RONK * FOTO: TONY BITONTI
„Poeten lasen ihre Gedichte, politische Aktivisten verteilten Flugblätter, die zu trotzkistischen, kommunistischen oder anarchistischen Versammlungen einluden, oder versuchten ihre Zeitungen an den Mann zu bringen. Kinder tollten auf dem Spielplatz herum, während ihre Mütter sich auf den Parkbänken unterhielten. Ab und zu tauchte auch ein religiöser Eiferer auf, der mit der Bibel herumfuchtelte und die Sünder zur Umkehr aufrief. Alles vermischte sich wunderbar.“

PHIL OCHS, MELANIE SAFKA, BOB DYLAN & DAVE VAN RONK IN DEN 60ERN
Die Interessen der jungen Folkmusiker entwickelten sich in zweierlei Richtungen. Ausgehend von traditionellem Liedgut, verstanden sich die einen als Singer/Songwriter, die ihre eigenen Lieder schrieben und sangen. Bob Dylan oder Phil Ochs fielen in diese Kategorie. Andere bemühten sich, die alte, vergessene Folkmusik der Hillbillys und Bluessänger aus dem Süden in möglichst authentischer Form zu rekonstruieren und wiederzubeleben. „Ich nahm mir diese alten Platten zum Vorbild, aber eigentlich – auch wenn ich es damals abgestritten hätte – entwickelte ich dabei einen Stil, der sich von dem unterschied, was ich mir anhörte“, schrieb Van Ronk. „Selbst wenn ich versuchte, genau wie Lead Belly zu klingen, es wollte mir nicht gelingen, und so klang ich am Ende wie Dave Van Ronk.“

Für so manchen Bluesveteranen bedeutete die Wiederentdeckung durch junge Folkfans den Neustart der Karriere. Die Folkenthusiasten hingen geradewegs an den Lippen ihrer Helden, lernten die alten Songs und Grifftechniken und sorgten dafür, dass sie zu Festivals und Clubgastspielen eingeladen wurden, wo sie zumeist begeisterten Zuspruch ernteten. Van Ronk coverte den Tom-Paxton-Song „John Hurt“, der die Szene beschrieb:

Es war eine frostige Nacht, es fing gerade zu schneien an,
und der Wind blies durch die Straßen der Stadt.
Wir stiegen in den Keller hinab, leerten die Bar,
um einem kleinen Burschen zuzuhören, der eine glitzernde Gitarre spielte.


» Es scheint typisch für mich zu sein, immer dann aufzutauchen, wenn das Beste gerade vorbei ist. «
(Dave Van Ronk)
Hast du John Hurt gehört, wie er „Creole Bell“ sang,
auch „Spanish Fandango“ seinen Lieblingssong.
Hat dir John Hurt gefallen? Hast du seine Hand geschüttelt?
Hast du gehört wie er „Candy Man“ sang?


Auf einem einfachen Stuhl, den Filzhut auf,
kitzelte er unsere Fantasie mit „Avalon“.
Und jeder, der die MacDougal Street hinabging,
reckte den Kopf und lauschte, wie die Füße den Takt schlugen.

DAVE VAN RONK 2001
Die junge Folkszene war eine eng geknüpfte Gemeinschaft von Gleichgesinnten. Politisch links gepolt, engagierten sich viele in der Bürgerrechtsbewegung für das Ende der Rassendiskriminierung und die Gleichstellung der Afroamerikaner. Demonstrationen und Proteste waren an der Tagesordnung. Jeder kannte jeden. Wenn Not am Mann war, half man sich gegenseitig aus – auch musikalisch.

SZENENFOTO AUS INSIDE LLEWYN DAVIS * FOTO: ALISON ROSA
Mit dem Erfolg und dem Aufstieg Bob Dylans zum Superstar veränderte sich das Klima. Geld kam ins Spiel, Folk wurde nun zu einem Geschäft. Talentsucher durchkämmten die Clubs und Coffeehouses von Greenwich Village auf der Suche nach dem nächsten Dylan. „Urplötzlich warfen die großen Plattenfirmen mit Verträgen nur so um sich, und überall stand Geld zur Verfügung“, notierte Van Ronk. „Leute, die bisher auf dem Boden geschlafen und im Imbiss gegessen hatten, konnten sich auf einmal einen Anzug, ein Auto, ja, ein Haus leisten.“

Doch er ließ sich von dem Hype nicht anstecken. Er trat weiterhin in kleinen Kellerbars auf und verließ nur ungern das Village, um irgendwo außerhalb New Yorks ein paar Konzerte zu geben. 2002 starb er im Alter von fünfundsechzig Jahren an Krebs. Van Ronk wäre wohl der Letzte gewesen, der geglaubt hätte, dass sein Leben eines Tages zum Stoff eines Spielfilms werden würde – und er zum Filmhelden! Die Coen-Brüder haben ihm mit Inside Llewyn Davis ein Denkmal gesetzt. „Es scheint typisch für mich zu sein, immer dann aufzutauchen, wenn das Beste gerade vorbei ist“, räsoniert Van Ronk in seiner Autobiografie. In diesem Fall ist es umgekehrt: Er hat sich zu früh vom Acker gemacht, weil es gut sein könnte, dass der Film der Folkmusik der Sechzigerjahre ein neuerliches Revival beschert, ähnlich wie es O Brother, Where Art Thou? der Coens mit Bluegrass und Hillbilly tat. Vielleicht wird Dave Van Ronk dadurch mehr als zehn Jahre nach seinem Tod doch noch die Aufmerksamkeit zuteil, die ihm Zeit seines Lebens verwehrt geblieben war. Eine Szene im Film drückt das überdeutlich aus. „Was machen sie beruflich?“, wird Llewyn Davis da gefragt. „Ich bin Musiker!“, antwortet er. „Und was spielen sie?“ – „Folksongs!“ Worauf der Fragesteller antwortet: „Folksongs? Ich dachte, sie wären Musiker?“

Update vom
29.10.2013
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