Rezensionen EUROPA


JAREK ADAMÓW
Fall In Mountains

(Folken Music CD05 go! www.myspace.com/folkenmusic )
7 Tracks, 45:34, mit engl. Infos

Vor zehn Jahren veröffentlichte der polnische Sänger und Multiinstrumentalist Jarek Adamów ein Album mit ähnlicher Thematik – auf Songs Of The Medieval Polish Bards spürte er den Liedern und Melodien der fahrenden Sänger und Geschichtenerzähler nach, einem Berufsstand, der sich in den eher dörflich strukturierten Gebieten Polens ein gutes Stück länger gehalten haben dürfte als im Rest Europas, Irland vielleicht einmal ausgenommen. Auch Fall In Mountains widmet sich dieser untergegangenen Kunst. Adamów und sein langjähriger Kompagnon Marek Durda – der Widmung „In memory of Marek Durda – the best friend in my life …“ nach zu schließen inzwischen verstorben – begaben sich mit Drehleier, Klarinette, Flöten und Trommeln hinaus in die freie Wildbahn, entzündeten ein Feuer, machten Musik, sangen Lieder und erzählten sich Geschichten; ganz so, wie es die alten Barden machten. Herausgekommen ist ein sehr archaisch klingendes, schönes Album. Das Klangbild lässt vermuten, dass die beiden Musiker wirklich irgendwo in den Karpaten gesessen und die drei Lieder und vier Instrumentalstücke ebendort aufgenommen haben – „Feldaufnahmen“ aus einer verlorenen Zeit.

Walter Bast

 

JAREK ADAMÓW    – Fall In Mountains


BUDIÑO
Sotaque

(Fol Musica 100FOL1068/Galileo MC, go! www.xosemanuelbudino.com )
10 Tracks 39:10, mit galic. u. dt. Infos

Hinter Budiño verbirgt sich der galicische Gaitaspieler und Flötist Xosé Manuel Budiño, begleitet von Carlos Castro (perc), Chisco (voc, perc), Alfonso Merino (v, bouz, g), Juan de Dios Martin (b) und Paulo Borges (p, synth), und beim Titelstück „Sotaque“ („Akzent“) wirkt noch der Flötist Michael McGoldrick mit. Es werden Texte von Carlos Blanco und Celso Emilio Ferreiro rezitiert und gesungen, bei „Riamonte“ sind die Cantareiros de O Fiadeiro zu hören. Bis auf diesen traditionellen Titel handelt es sich bei allen Tracks um neue Kompositionen von Budiño. Die Melodien verströmen meist jenen vollen und üppigen Sound, wie ihn eine Gaita eben produziert, und Budiño gehört zu den Besten auf diesem Instrument in Galicien, wobei er verschiedene Stimmungen einsetzt. Die Arrangements sind abwechslungsreich und erinnern gelegentlich an die Art, wie man sie aus der Bretagne kennt, mit der in der galicischen Szene ein reger Austausch besteht, wobei die perkussiven und auch elektronischen Elemente sehr ausgeprägt sind. Aufgenommen wurde das Album in Budiños eigenem Studio Ardora.

Michael „Andel“ Bollé

 

BUDIÑO – Sotaque


DREAMERS’ CIRCUS
A Little Symphony

(GO’ Danish Folk Music GO0913, go! www.dreamerscircus.com )
13 Tracks, 60:48, mit engl. Info

Was für eine Musik! Ale Carr, Rune Tonsgaard Sørensen und Nikolaj Busk sind drei fantastische Multiinstrumentalisten, die Cister, Gitarre, Piano, Spinett, Akkordeon, Harmonium, Vibrafon, Geige und Kontrabass beherrschen und sich in vielen Stilen auskennen. Damit es nicht zu leicht wird beim Arrangieren haben sie sich The Danish String Quartett und The European Traveling Brass Carnival mit dem Bansurispieler Rishab Prasanna dazugeholt. Das Projekt, Folk und Klassik zu mischen, entstand 2009 anlässlich des Diplomkonzerts von Sørensen, einer Zusammenarbeit von Dreamers’ Circus und der Copenhagen Phil unter der Leitung des schwedischen Komponisten Hans Ek. Die musikalische Bandbreite der Gruppe ist enorm. Es geht von der modernisierten traditionellen Musik über die konzertante Klassik bis zum Experimentellen. Das heißt aber nicht, dass diese Musik kopfgesteuert ist. Sie trifft die Gefühlsnerven. Im Begleittext versucht es Kristian Leth auf den Punkt zu bringen: Der spezielle Ton von Dreamers’ Circus liegt zwischen der Melancholie der postmodernen Leere, die es zu überwinden gilt, und den Träumen der jungen Generation. Ein Album, das man mehrmals hören kann und muss.

Bernd Künzer

 

DREAMERS’ CIRCUS – A Little Symphony


JAMES FINDLEY, BELLA HARDY, BRIAN PETERS, LUCY WARD
The Liberty To Choose – A Selection Of Songs From The New Penguin Book Of English Folk Songs

(Fellside Recordings FECD257, go! www.fellside.com )
16 Tracks, 58:25, mit engl. Infos

Die letztjährige Wiederveröffentlichung einer für die englische Folkmusik sehr einflussreichen Publikation mit traditionellen Liedern veranlasste den erfahrenen Musiker Brian Peters (Melodeon, Konzertina, Gitarre, Mandoline) bei Fellside-Labelchef Paul Adams anzuklopfen, ob das denn nicht erneut ein Album mit Liedern aus dem Buch rechtfertigen würde. Adams war sofort Feuer und Flamme, und sie waren sich einig, dass es sich bei den Interpreten, die Peters zur Seite stehen sollten, um junge, frische Nachwuchskräfte handeln sollte: James Findlay (Gitarre, Fiddle), Bella Hardy (Fiddle) und Lucy Ward, die wie alle vier Beteiligten eine interessante Stimme hat. Das Resultat dieser Sessions kann sich hören lassen, schöne und stimmungsvolle Interpretationen, a cappella oder begleitet, wenn auch wesentlich konservativer als bei einem so jungen Personal zu erwarten. Freunde zeitgemäßer Interpretationen werden ob der jungen Musiker von einer vertanen Chance sprechen. Wer seine Folkmusik aber im Stile des letzten Jahrhunderts bevorzugt, und das ist nicht abwertend gemeint, der wird begeistert sein. So oder so ist die Qualität jedenfalls hoch.

Mike Kamp

 

JAMES FINDLEY, BELLA HARDY, BRIAN PETERS, LUCY WARD – The Liberty To Choose – A Selection Of Songs From The New Penguin Book Of English Folk Songs


THE PAUL MCKENNA BAND
Elements

(Greentrax Recordings CDTRAX373, go! www.paulmckennaband.com )
10 Tracks, 40:20

Touren, touren, touren – das Erfolgsrezept der Paul McKenna Band. So trägt man den Namen in alle Welt und sorgt dafür, dass der Gruppenklang kräftig, stimmig und kompakt wird. Das herausragende und treibende Element dieses Klangs ist der Gesang von McKenna selbst, der Kraft und Vitalität ausstrahlt. Diese Eigenschaften machen den gelegentlich etwas dick aufgetragenen Hall eigentlich unnötig. Die Instrumentierung ergänzt die kraftvolle Stimme vorzüglich, wobei besonders Flöte und Bouzouki hervorstechen. Auch die Songauswahl ist clever: drei eigene Stücke, zwei Traditionals und fünf zeitgenössische Kompositionen, wobei in der letzten Kategorie die amerikanischen Themen dominieren – schließlich tourt die Paul McKenna Band regelmäßig in Nordamerika. Lediglich zwei Dinge stören den positiven Gesamteindruck ein wenig. Zum einen wird Mike Vass (Banjo, Fiddle) von der Plattenfirma als Gruppenmitglied gelistet, gilt auf dem Album jedoch als Gast. Und apropos Album: Zum anderen wird dessen Schlichtheit etwas übertrieben. Zu einer auf Songs fokussierten Veröffentlichung gehören die Texte. Die liegen jedoch weder bei noch sind sie wenigstens auf der Homepage zu finden. Sehr schade!

Mike Kamp

 

THE PAUL MCKENNA BAND – Elements


JOHAN MEIJER
Europeana – Zeitenwechsel

(Nederossi, go! www.nederossi.com )
17 Tracks, 70:49, mit dt. Texten u. Infos

Zielgerichtet, hoch motiviert und in knappen Zeitabständen treibt der Deutsch-Niederländer Johan Meijer sein engagiertes Europeana-Projekt voran. Nach Raum & Zeit und Liedermannen liegt nun mit Zeitenwechsel bereits das dritte Album dieser Reihe vor. Europeana – angelehnt an den Begriff Americana – will poetisch und musikalisch zum grenzüberschreitenden Denken ermuntern und gleichzeitig den Blick auf die politischen Kämpfe in den europäischen Ländern richten. „Wenn wir zurückschauen, sind viele gesellschaftliche Veränderungen von Liedern begleitet worden“, sagt Johan Meijer. Seine Europeana-Reihe stellt politische Liedermacher, Texter und Komponisten aus ganz Europa vor, indem er ihre Lieder auf Deutsch interpretiert: „Der Wind (Al Vent)“ beispielsweise, das berühmte Lied des unter Franco verfolgten katalanischen Sängers Raimon, oder „Prager Frühling“ („Primavera Di Praga“) von Francesco Guccini. Der Bogen reicht von George Brassens und Mikis Theodorakis über Italo Calvino bis hin zu Gerhard Gundermann und Dota Kehr. Der hoffnungsfrohe Grundgedanke all dieser Lieder ist von Martin Luther King entlehnt: „We still have a dream“.

Kai Engelke

 

JOHAN MEIJER  – Europeana – Zeitenwechsel


MKF
Hürven

(Mustradem/L’Autre Distribution, go! http://mkf.mustradem.com )
10 Tracks, 56:04

MKF steht für Musical Kinematic Factory. Also etwa: „Fabrik zur musikalischen Bewegungserzeugung“ – Kinematik ist die Lehre der Bewegung von Körpern im Raum. Eigentlich könnte sich jede Folktanzkapelle so nennen. Aber bei MKF passt der Begriff „Factory“ besonders gut, denn MKF verbinden französische Tanzmusik mit Industrial-Elementen, was es noch nicht oft gegeben hat. Hinter MKF stehen drei Musiker aus Grenoble: Die beiden Akkordeonisten Norbert Pignol und Stephane Milleret sind mit ihren Bands Dédale und Djal längst Größen der Folkszene; dagegen kommt der E-Gitarrist und Toningenieur Daniel Bartoletti vom Rock und ist auch dort noch nicht sehr bekannt. Pignol und Milleret spielen schon seit einiger Zeit als MKF zusammen. Wenn Bartoletti dabei ist, wird der Bandname zu MKF[trio] ergänzt. Gemeinsam haben sie einen großartigen neuen Sound kreiert, der seine Verankerung im Folk nie verleugnet, aber nach vielen Seiten anschlussfähig ist: von Postrock über Metal bis zum Hörspiel. Für traditionelle Tanzabende ist dies allerdings kaum noch geeignet. Dafür hat MKF wunderbare und kraftvolle neue Musik und Kunst geschaffen. Eine echte Innovation. Hoffentlich keine Eintagsfliege.

Christian Rath

 

MKF    – Hürven


MOSTAR SEVDAH REUNION
Tales From A Forgotten City

(Snail Records SR66021/World Connection/Edel, go! www.mostarsevdahreunion.com )
10 Tracks, 62:56, mit Infos, kroat. u. engl. Texten

Es gibt Musik, deren Kraft stärker wirkt als die reale Umgebung. Die den Alltag bereits nach wenigen Minuten überlagert. Die Kraft dieses Albums liegt in seiner tiefen Traurigkeit und Melancholie. Die Gefühle rühren aus dem sicheren Gefühl des Verlustes, aus der Erkenntnis, dass nichts mehr so werden wird, wie es einmal war. Bei der Mostar Sevdah Reunion und ihrem Produzenten Dragi Šestic prägt die Sehnsucht nach der bosnischen Stadt vor dem Bürgerkrieg die Atmosphäre der Stücke. Musikalisch nutzt das Septett den uralten Sevdalinka-Stil, um sich auszudrücken – eine Form, die die Schwermut in sich trägt wie der portugiesische Fado. Textlich würdigt man die Dichter der Stadt, adaptiert Volkslieder und deren Inhalte. Wobei die so oder so gelesen werden können, etwa in „Što Te Nema?“ – „Warum bist du nicht da?“ Die Geliebte ist gemeint, aber ebenso die alte Stadt Mostar. Es sind hervorragende und oft junge Musiker, die diesen Balkan-Blues interpretieren. Hier findet keine Party statt, aber auch keine Beerdigung. Es geht um eine schmerzvolle musikalische Betrachtung zum Verschwinden der Vergangenheit und dem Versuch, sie vor dem Vergessen zu bewahren.

Volker Dick

 

MOSTAR SEVDAH REUNION – Tales From A Forgotten City


ALWIN SCHÖNBERGER
The Fingerstyle File

(Blind Lemon Records BLR CD 1301, go! www.alwinschoenberger.at )
13 Tracks, 48:37, mit dt. Infos

Der Wiener Gitarrist und Sänger der jüngeren Generation hat sich im Bluesgenre viel vorgenommen. Obwohl in verschiedenen Formationen aktiv, beweist er auf seinem zweiten Soloalbum ein gutes Händchen für Titelwahl und Interpretation. Ragtime, Folkblues, Bluegrass und natürlich der akustische Blues der Dreißiger- bis Sechzigerjahre sind Schönbergers Basis. Sein Saitenspiel ist dynamisch und besticht durch Rhythmik. Die Stimme mit ihrem warmen Grundton ist unangestrengt. Auch beim Slidespiel beherrscht der 45-jährige Musiker die so wichtigen Blue Notes. Auf The Fingerstyle File sind Titel von Mississippi John Hurt über Doc Watson und Merle Travis bis Big Bill Broonzy zu hören. Die Aufnahmen entstanden bei einem Livekonzert im Wiener ORF-Kulturcafé im Rahmen der Reihe Stormy Monday. Für das noch junge, sehr ambitionierte Label ist es erst die vierte Produktion. Inhaber Thomas Schleiken zeigt ein gutes Gespür für die Zukunft des Blues.

Annie Sziegoleit

 

ALWIN SCHÖNBERGER – The Fingerstyle File


SHOW OF HANDS
Wake The Union

(Hands on Music HMCD36/Rough Trade, go! www.showofhands.co.uk )
15 Tracks, 57:01, mit engl. Texten

Gnadenlos gut sind sie, die beiden Jungs Steve Knightley und Steve Beer sowie das Mädel am Kontrabass, Miranda Sykes. Das ist nichts Neues. Auch nicht, dass die Songs, meist von Knightley geschrieben, eher ins Ernste tendieren. Es geht um Hurrikan Katrina; um Kriege und ihre Toten – ergreifend ist die Verbindung von Tradition und Gegenwart in „Coming Home“; um Sklaverei, komplizierte Liebesbeziehungen und das Internet – alles nicht gerade lustige Themen. Ungewöhnlich jedoch ist der leichte Schwerpunkt Amerika, für den auch Interpretationen von Songs von Chris Hoban, Richard Shindell oder Bob Dylan stehen. Ein wenig ungewöhnlich auch die große Gastfreundschaft im Studio – Seth Lakeman, Martin Simpson, Andy Cutting oder Paul Sartin sind nur vier Beispiele. Und schließlich ist es definitiv ungewöhnlich, dass ein Album uns alle zu Monarchisten macht. Man höre „King Of The World“ und rufe enthusiastisch „Ich bin für König Steve!“ Ein weiteres Meisterwerk – was eigentlich nur eine Frage offen lässt: Wann akzeptieren die Herren Miranda Sykes eigentlich als vollwertiges Gruppenmitglied bei Show of Hands – was sie für die meisten Fans ohnehin schon lange ist?

Mike Kamp

 

SHOW OF HANDS – Wake The Union


HUBERT VON GOISERN
Im Jahr des Drachen – Live

(Capriola/Blankomusik 88883700492//G010002938210U/Sony, go! www.hubertvongoisern.com )
Do-CD, 18 Tracks, 90:56

Mit einem getragenen „ÜOUÖ (Über-unter-ober-Österreicher)“ beginnt das Live-Doppelalbum des österreichischen Alpenrockvolksmusikers. Akkordeon und E-Gitarre, E-Piano, ganz langsam und sachte geht es weiter, leicht anders, als man es von ihm gewohnt ist. Mit „Mercedes Benz“ wird an Janis Joplin erinnert, eine Bluesgitarre schlägt den Bogen zu Hoagy Carmichael. Erst auf der zweiten CD geht es dann mit Maultrommel, Trommel und den bekannten Jauchzern rockiger zu, kommt mehr als nur lauschige Stimmung auf. Im Jahr des Drachen – Live ist die Essenz aus gut hundert Konzerten des Jahres 2012 und ein schönes Souvenir für alle, die dabei oder nicht dabei waren. Hubert von Goisern bedient mittlerweile ein großes Publikum und kann sich anscheinend alles erlauben, selbst Gesänge über Indianer, bei denen sich „Hoden“ auf „Bogen“ reimt. Der Humor der Österreicher bleibt Deutschen wohl auf längere Zeit noch fremd.

Harald Justin

 

HUBERT VON GOISERN  – Im Jahr des Drachen – Live

Update vom
30.08.2013
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