FOLKER
präsentiert:
TFF RUDOLSTADT 2013

Maria Tanase
in Tracht
Ende der 1930er

Maria Tanase in Tracht Ende der 1930er

Die Stimme Rumäniens

Maria Tãnase

Verbeugung vor einer göttlichen Sängerin



Es gibt in jedem Jahrhundert nur eine Sängerin wie Maria Tanase. 1913 wurde Tanase in Bukarest geboren, 1963 starb sie. Und nicht nur in Rumänien, sondern auch in Berlin, London oder New York erinnern Musiker an diese Künstlerin. Gerade erschien dazu das neue Album von Oana Catalina Chitu Divine, und die ebenfalls in Bukarest geborene Sängerin Sanda Weigl trat im Juni mit dem Balanescu Quartet unter anderem mit Tanase-Liedern in der gemeinsamen Geburtsstadt auf. Anfang Juli bringt der Geiger Alexander Balanescu sein Konzertprogramm „Maria T“ zum TFF nach Rudolstadt.

TEXT: GRIT FRIEDRICH



» SIE WAR EINE
ART POPSTAR
IN RUMÄNIEN. «
Alexander Balanescu hat bereits auf seinem Album Luminitza mit unterschiedlichen Erfahrungswelten gespielt. Der überorganisierte, sinnenfeindliche Westen auf der einen, der chaotische, aber vitale Osten Europas auf der anderen Seite. Und er als Geiger irgendwo dazwischen.

Extravagante Diva und individualistische Künstlerin

Maria Tanase entwickelte einen expressiven Interpretationsstil, der Lieder jeder Herkunft zu ihren eigenen machte. Die meisten ihrer Plattenaufnahmen stammen aus den Jahren 1937/39 und 1957/58. Dazwischen lag ein Weltkrieg, dann kam der Eiserne Vorhang, trennte Ost- und Westeuropa für Jahrzehnte. In den Fünfzigerjahren herrschte das stalinistische Gheorghiu-Dej-Regime in Rumänien, es gab Schauprozesse gegen Politiker oder Intellektuelle wie den Musikethnologen und Tanase-Entdecker Harry Brauner. In Rumänien geriet Maria Tanase ab den Fünfzigerjahren mehr und mehr in Vergessenheit. Sie war zu sehr extravagante Diva und individualistische Künstlerin, als sich vollkommen vereinnahmen zu lassen oder sich nur einen Millimeter dem Mittelmaß anzupassen. Im Juni 1963 wurde sie wie eine Königin auf dem Bukarester Bellu-Friedhof beigesetzt. Hunderttausende Menschen säumten ihren letzten Weg. Erst die Neunzigerjahre warfen ein neues Licht auf das Erbe Tanases. Sie konnte wiederentdeckt werden. Vier Jahrzehnte nach dem Tod der Sängerin schließlich erschienen bei Oriente in Berlin CDs mit ihren Liedern.
Maria Tanase ist kein unerklärliches Phänomen, ihre Stimme hat große Suggestivkraft und diese fühlbare Tiefe, die ihr den Ruf einer rumänischen Édith Piaf einbrachte. Doch diese Einschätzung greift zu kurz. Ihre Aufnahmen aus den Fünfzigerjahren sind geprägt vom damaligen musikalischen Zeitgeist, als Volkslieder überwiegend in Orchesterarrangements präsentiert wurden und Konzerte mit kleinen Kapellen eher in Lokalen üblich waren. Ihre ältesten Aufnahmen aus den Dreißigerjahren finden sich auf dem Album Magic Bird, mit authentischen, Taraf genannten Romabands und einer sehr jungen aber ergreifenden Stimme.
Grit Friedrich
Trotzdem entziehen sich seine Kompositionen schneller Kategorisierung, weil sie Elemente von Klassik, minimalistischer und traditioneller Musik zu etwas sehr Bewegendem verbinden. Balanescu entwickelte auf seiner Geige einen perkussiven, rauen Klang, mit dem er sich bewusst abgrenzt vom geschliffenen Vibrato klassischer Musik. Schon bei der Ars Electronica Linz hat Alexander Balanescu im Jahr 2000 den Klangpark an der Donau mit elektronisch bearbeiteten Liedern der rumänischen Sängerin Maria Tanase bespielt. Seitdem hat er mit seinem Quartett am Konzept für das Programm „Maria T“ gearbeitet. „Ich bin in Rumänien aufgewachsen und habe zuerst eine offizielle Version von Volksmusik erlebt, das war wirklich abstoßend. Die Folgen dieser Politik können wir bis heute in Rumänien sehen, die jungen Leute interessieren sich kaum für das phänomenale Erbe. Dazu gehört Maria Tanase, die eine Art Popstar war in Rumänien, sie verkörperte mehr als nur Volksmusik. Sie transformierte diese Lieder auf eine außergewöhnliche Art und Weise, die wirklich etwas zu sagen hatte.“

Oana Catalina Chitu * FOTO: INGO NORDHOFEN
Maria Tanase wird in Rumänien tief verehrt. Zu Beginn ihrer Karriere, vor dem Zweiten Weltkrieg, interpretierte sie in Bukarester Restaurants, Revuetheatern und im Rundfunk rumänische Volkslieder aus allen Regionen des Landes, aber auch Tangos, Romanzen oder Couplets. Dann kam der Eiserne Vorhang und Tanase geriet mehr und mehr in Vergessenheit. Ab den späten Fünfzigerjahren hörte man sie immer seltener im Radio. Die orientalisch klingenden Lieder aus den Mahala genannten Vorstädten passten nicht ins beschränkte Menschenbild einiger Parteifunktionäre.
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CD-TIPPS:
Maria Tanase
Malédiction D’Amour (Oriente, 2000) Ciuleandra (Oriente, 2001) Magic Bird – The Early Years (Oriente, 2002)

Balanescu Quartet, Maria T (Mute, 2005) Sanda Weigl, Gypsy Killer (Knitting Factory Records, 2002; Oriente, 2010 ) Sanda Weigl, Gypsy In A Tree (Barbes Records, 2011; Oriente, 2012) Oana Catalina Chitu, Divine – Romanian Songs From The Repertoire Of Maria Tanase (1913-1973) (Asphalt Tango, 2013)

TERMINE:
„Maria Tanase“ beim TFF Rudolstadt:
05.07.13: „Maria Tanase – Singen mit dem blauen Herz“, Vortrag mit Musikbespielen von Grit Friedrich, Altes Rathaus 05.07.13: Balanescu Quartet feat. Steve Argüelles & Klaus Obermaier, Landestheater 06.07.13: Balanescu Quartet feat. Steve Argüelles & Klaus Obermaier, Landestheater

Auf seinem Album Maria T gelingt Alexander Balanescu eine starke Fusion mit seinen Wurzeln. Da gibt es mit „Aria“ eher abstrakte Kompositionen oder in „Interlude“ eine mitreißende Bearbeitung des Volksliedes „Uhai, Bade“. Viel über die rumänische Seele erzählt das Stück „The Young Conscript And The Moon“, ein subtiles Antikriegslied im Stil der getragenen Doina. An einigen Stellen spielt Balanescu seine Geige direkt auf die voluminöse Stimme der Tanase und reiht sich Jahrzehnte nach dem Tod der Künstlerin in ihr Orchester ein. Man kann in diesem Konzert des Balanescu Quartet Maria Tanase auch sehen, denn Klaus Obermeier, ein Videokünstler und Komponist aus Österreich, hat Originalaufnahmen von Konzerten, Porträts und Bildern aus dem Bukarest der Dreißiger- bis Sechzigerjahre zu einer sinnlichen Multimediareise in die Vergangenheit montiert.

Sanda Weigl und Alexander Balanescu verbindet mehr als die gemeinsame Kindheit in Bukarest. Zuletzt standen sie im Sommer 2012 gemeinsam auf der Bühne in Berlin und stellten ihre Sicht auf die Tanase-Lieder vor. Kurz zuvor hatte Balanescu das zweite Album Weigls, Gypsy In A Tree, gehört und wollte unbedingt mit der New Yorkerin zusammenarbeiten. Nicht nur, weil Weigl dem Duktus und der Stimme der Tanase erstaunlich nahekommt, sondern auch weil sie offen ist für Jazz, Songs des American-Songbook-Repertoires und traditionelle Musik im Stil der muzica lautareasca.

Sanda Weigl wurde als Kind jüdischer Intellektueller geboren, in den Sechzigerjahren emigrierte die Familie nach Ostberlin. Im Gepäck hatte sie nicht viel mehr als einen Schatz an Liedern. Lieder, aufgeschnappt auf den Straßen von Bukarest.

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Update vom
30.06.2013
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