Geheimnisvolle Reibungsklänge und Obertonresonanzen
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Von einem Wunder sprachen Musikkritiker und von der Überwindung der Grenze zwischen Volksmusik und Neuer Musik, als sie diesen Chor zum ersten Mal hörten. Der Boston Globe jubelte 1988 sogar: Der Klang dieser bulgarischen Frauen ist wundervoll, unvergleichbar und unvergesslich. Damals war dieser Frauenchor aus Bulgarien noch unter dem Namen Le Mystère des Voix Bulgares unterwegs. Inzwischen wurde er nach einem Rechtsstreit in The Bulgarian Voices Angelite umbenannt und gehört längst zu den renommiertesten Ensembles in den Sparten Weltmusik und Folklore.
TEXT:
CHRISTIAN EMIGHOLZ
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Bei aller Freude
am Experiment
die Heimat nicht
aus den Augen
verloren.
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The Bulgarian Voices Angelite
Zwischen Tradition und Kunstmusik
Als der Chor Mitte der Achtzigerjahre bekannt wurde, waren Worte wie Ethno und Weltmusik noch nicht in aller Munde. Vor allem der osteuropäische Raum war noch weitestgehend ein weißer Fleck auf der Musiklandkarte. Denn der Eiserne Vorhang ließ nur bei seltenen globalen Festlichkeiten wie Olympischen Spielen etwas von der reichen Musikkultur Osteuropas über die Grenzen hinausgelangen. Die mehr oder weniger geschlossenen Grenzen führten aber zugleich dazu, dass traditionelle Folklore weitaus stärker als in westlichen Staaten in ihrer ursprünglichen und unverwässerten Form erhalten blieb.
www.jaro.de
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AKTUELLE Auswahldiskografie:
A Cathedral Concert (Jaro, 1987)
Mystèries (Jaro, 1989)
From Bulgaria With Love (Jaro, 1992)
Fly Fly My Sadness (mit Moscow Art Trio, Huun-Huur-Tu; Jaro, 1996)
Mercy For The Living (Jaro, 1999)
Balkan Passions (Jaro, 2002)
Passion & Tales (DVD; Jaro, 2007)
Legend (mit Moscow Art Trio, Huun-Huur-Tu; Jaro, 2010)
Angelina (Jaro, 2013)
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Der Frauenchor des Bulgarischen Rundfunks und Fernsehens schaffte es dennoch schon 1987 in den Westen. Großen Anteil daran hatte vor allem der Schweizer Musikforscher Marcel Cellier, eine Art früher Scout der Weltmusik, der in der gesamten Balkanregion intensive Feldforschungen betrieb und dabei auch auf diesen Frauenchor gestoßen war. Die eigenartig schwebende, mit Reibungsklängen (wie großer und kleiner Sekunde) operierende und vollkommen vibratolose Singweise der Frauen wirkte derartig geheimnisvoll, dass schnell eine passende französische Bezeichnung gefunden war: Le Mystère des Voix Bulgares. Was zunächst als ein Oberbegriff für die in westlichen Ohren eigenartigen und ungewöhnlichen Gesangstechniken Bulgariens gemeint war, wurde schnell zum Namen des Chores, der damit seinen Siegeszug zunächst durch Europa und Amerika und schließlich auf der ganzen Welt antrat.
Im Jahr 1991 begann dann ein einigermaßen kurioser Namensstreit zwischen Marcel Cellier sowie der deutschen Plattenfirma Jaro, die den bulgarischen Frauenchor unter Vertrag genommen und deren erste LP A Cathedral Concert veröffentlicht hatte. Der Chor durfte den französischen Namen zwar als Gruppennamen verwenden, nicht aber als Plattentitel, weil sich diesen Marcel Cellier mit seinem Label Disques Cellier gesichert hatte. Nach einem langwierigen Rechtsstreit verpflichteten sich der Chor und Jaro, die französische Bezeichnung nicht mehr zu verwenden. Im Ergebnis war das eine sinnvolle Entscheidung. Längst war es zu Irritationen gekommen war, weil inzwischen drei unterschiedliche bulgarische Chöre unter der französischen Bezeichnung durch die Welt reisten. Der Frauenchor aus Sofia trat daraufhin für einige Zeit unter dem Namen The Bulgarian State Female Choir auf.
... mehr im Heft
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THE BULGARIAN VOICES ANGELITE
Angelina
(Jaro, www.jaro.de
)
13 Tracks, 44:54, mit englischer Übersetzung der bulgarischen Texte
Mit Angelina legen die zwanzig Sängerinnen ein Album vor, das wieder auf die Anfänge des Chores zurückverweist, nämlich die geschickte Mischung traditioneller bulgarischer Folklore mit Stücken, die speziell für den Chor komponiert worden sind. In diesem Fall haben Bulgarian Voices Angelite den Kaval-Bläser Kaval ist die traditionelle bulgarische Flöte Theodosii Spassov um zwei Stücke gebeten, bei denen er selbst mitwirkt. Das lautmalerische Vrabche (Spatz) und das Titelstück Angelina streichen gerade im reizvollen Zusammenspiel mit dem rauen und bewusst rauschenden Flötenton die Stärken des Frauenchores heraus: ein sich wie eine Farbpalette auffächernder Klang von irisierender Schönheit. Bei dem flotten Dva Tapana Biyat (Zwei Trommeln werden geschlagen) kommt die Tapan, die große Trommel des Balkans, zum Einsatz, bis der Chor ihren Schlag übertönt. Ungewöhnlichstes Stück auf der CD ist ein Hirtenlied aus den Bergen. Ta Nyata (Jugend) steht für eine völlig andere musikalische Tradition. Es klingt eingängiger und harmonischer, fordert die Sängerinnen aber auch nicht so sehr.
Christian Emigholz
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FOLKER auf Papier
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