Polen
WIDYMO 2012 * Foto: Jozef Horbik

HÜBSCH,
ABER NICHTSSAGEND
Von einer, die auszog,
polnische Folkmusik
zu präsentieren

VON BARBARA STASIAK *

„Traditionelle polnische Musik ist langweilig!“, „Was hat das Land anderes zu bieten als Chopin und Mazurka?“, „Regionale Musiktraditionen gibt es in Polen nicht.“ Ich lebe in Deutschland und höre fast jeden Tag solche Meinungen. Und wenn man mich vor einem Jahr nach polnischer Folkmusik gefragt hätte, hätte ich ähnlich geantwortet. Bis heute wird das Bild von der traditionellen Musik in Polen geprägt durch Vorzeigeensembles wie Mazowsze und Slask. Die bringen stilisierte ländliche Bauernhochzeiten auf die Bühne, mit strenger Choreografie, in kitschigen Kostümen: ein Überbleibsel kommunistischer Staatsideologie.

AUTOREN-INFO

* Die junge polnische Kulturmanagerin Barbara Stasiak kam im Herbst 2011 dank eines Stipendiums der Robert-Bosch-Stiftung für ein Jahr nach Deutschland und arbeitete im Organisationsteam der Veranstaltungsreihe Klangkosmos Weltmusik NRW.

BARBARA STASIAK 2011

Doch innerhalb des letzten Jahres hat sich in meinem Kopf viel verändert. Ich entdeckte, dass in Polen eine große Vielfalt von lokalen traditionellen und „kreolischen“ Musiken existiert. Und es gibt exzellente, gut ausgebildete Musiker, die außerhalb Polens kaum wahrgenommen werden. Ich habe intensive Arbeit und viel Energie darauf verwendet, zuverlässige Informationen über die polnische Musikszene, über Folk, Welt- und Ethnomusik zu finden. Auf dieser Grundlage initiierte und organisierte ich schließlich im September 2012 die erste Deutschlandtournee des Ensemble Widymo, einer A-cappella-Frauenformation aus dem Südosten Polens, die traditionelle polyphone Lieder aus dem San-Tal singt.

„Unsere Folk- und
Weltmusikszene ist
reichhaltig und viel-
fältig, aber die Prä-
sentation ist bekla-
genswert schlecht.
Und das im Zeitalter
der Globalisierung!“

Mein Einstieg in die Weltmusik begann mit einem Kulturschock: Ich erlebte ihn beim Besuch der Weltmusikmesse WOMEX in Kopenhagen. Fünf Tage lang kam ich dort in Kontakt mit verschiedensten Kulturen und Sprachen der Welt. Ich lernte interessante Menschen, auch aus Polen, kennen. Ein Musikjournalist aus meiner Heimat erzählte mir damals: „Es gibt kein Ensemble in Polen, das wirklich interessante regionale Folkmusik spielt. Manche Bands beschäftigen sich mit Gypsymusik oder Klezmer; andere arrangieren unsere „nationalen“ polnischen Rhythmen wie Mazurka und Oberek. Aber kaum jemand sucht die Klänge der eigenen Region. Hinzu kommt, dass die Ensembles meist kein professionelles Management haben. Wer in Polen Erfolg haben will, muss alles über Warschau organisieren. In dieser Beziehung herrscht in unserem Land noch so etwas wie Kommunismus. Und es wird viele Jahre dauern, bis sich das so ändert.“ Mit dieser wenig hoffnungsvollen Aussicht kehrte ich von meiner ersten WOMEX heim.

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TIMOTHY J. COOLEY
Making Musik in the Polish Tatras
Tourists, Ethnographers, and Mountain Musicians

Bloomington, IN : Indiana Univ. Pr., 2005. - XVII
293 S. : mit Abb. u. Notenbeisp. + CD
ISBN 0-253-34489-1

Polnische Musik? Die Leerstelle dürfte bei Nennung von Namen wie Muddy Waters oder dem der Rolling Stones einem Fragezeichen weichen. Denn weder der Bluesmann aus Chicago noch seine britischen Schüler wären ohne polnische Emigranten zu Ehren gekommen. Das Nachkriegschicago war das Mekka polnischer Emigranten, nur hier konnte jene Spielart des Blues entstehen, die den Stones als Sprungbrett diente und die auf der strukturellen Ähnlichkeit zwischen afrikanischer, arabischer, hebräisch-jüdischer und swlawischer Musik basiert. Im Haus der Gebrüder Czyz kam alles zusammen, Klezmer, Jazz und Blues, und als sich die polnischen Emigranten in Chess umbenannten und ein Schallplattenlabel gründeten, hatten sie den Grundstein für den Chicago-Blues gelegt, der als erstes musikalisches Nachkriegsidiom rund um die Welt ging. Ein Zufall, dass der amerikanische Bluesforscher Jeff Titon einer der theoretischen Gewährsmänner von Timothy J. Cooley ist, dem wir diese ethnomusikalische Untersuchung über die archaisch anmutende Musik und Kultur der Goralen (Bergmenschen) in der Hohen Tatra zu verdanken haben? Sein Bericht liest sich wie eine jener legendären Feldforschungsberichte, in denen einst die Kultur der Afroamerikaner im Mississippi-Delta dargestellt wurde. Nur diesmal geht’s in die Hohe Tatra, und der Ich-Erzähler erfährt, dass die Zeit bei den Goralen nicht stehen geblieben ist. Ethnologen, Touristen und die Finanzpakete der Verwandten aus Chicago haben die Tradition einem Transformationsprozess unterzogen. Indigene Musik hat, wie die beigefügte CD belegt, den Anschluss an Techno und Reggae gefunden, selbst im hintersten Winkel Polens erklingt Musik, wie sie heute in Chicago und sonst wo zu hören ist. Geht so die Saat auf, die einst von polnischen Auswanderern in Chicago gesät wurde?

Harald Justin

Bezug: go! www.iupress.indiana.edu
Bezug: go! www.amazon.co.uk

 

TIMOTHY J. COOLEY – Making Musik in the Polish Tatras

Update vom
24.10.2012
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