Hüpfer, Drehung und Verneigung
Alle Mazurkas der Welt
Eindrücke vom Festival Wszystkie Mazurki Świata
Wuschelige, dunkle Locken umrahmen ihr feines Gesicht: dezent geschminkte Augenbrauen, eine kleine, spitze Nase, Wangen,
die vor Begeisterung leicht gerötet sind die Tänzerin ist mindestens siebzig Jahre alt. Sie trägt ein feines Röckchen,
eine weiße Bluse, spitze Ballettschühchen und dreht sich immerfort. Alleine und ekstatisch, in graziösen Tanzschritten:
leichter Hüpfer, angedeutete Verneigung, der rechte Fuß geht kurz nach vorne, wieder eine Drehung. Meist hat sie die Augen
geschlossen, sieht die vielen jungen Paare nicht, die sich auf der Tanzfläche bewegen: manche im schwungvollen
Mazurka-Schritt, andere bedächtig, einige hölzern. Auch ein paar Kinder hüpfen ausgelassen mit. Als die Musik endet,
verbeugt sich die alte Dame vor den Musikern und wartet auf den nächsten Tanz. Sie sei früher professionelle Balletteuse
gewesen, flüstert mir Janusz Prusinowski zu, der Organisator des Festivals. Nur hin und wieder sucht sie sich unter den
Anwesenden einen Partner. Meist tanzt sie alleine.
VON TOM DAUN
Und schon geht es weiter: Jetzt spielen wir eine Mazurka aus Janów, ruft Stanisław Głaz, der fast
achtzigjährige Geiger aus einem Dorf an der ukrainischen Grenze. Begleitet wird er nicht nur von seinem ebenso alten Freund
Piotr auf einer großen Trommel; ein paar junge Musiker haben sich auf der Bühne neben die beiden Alten gestellt; ein Mädchen
AUTOREN-INFO
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* Tom Daun unternahm schon zu Beginn der Neunzigerjahre für die
Musikredaktion des WDR mehrere Aufnahmereisen nach Polen und lernte die volksmusikalischen Traditionen
des Landes kennen. Als Harfenist war er im Mai 2012 gemeinsam mit Bruder Rafael (Dudelsack) zum Festival
Wszystkie Mazurki Świata eingeladen.
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kratzt mit Inbrunst einen dreisaitigen Bass, zwei junge Männer spielen auf Geigen. Archaische Klänge, ein wenig schräg,
zugleich melancholisch. Die Trommel gibt ein langsames Dreiermetrum vor, die Melodie scheint merkwürdig losgelöst davon,
spielt schwebende Rhythmen, die nur hin und wieder ins metrische Raster fallen.
Archaische Klänge, schräg und melancholisch.
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Głaz ist ähnlich wie die alte Tänzerin nicht zu stoppen. Kaum hat er ein Stück beendet, grinst er übers ganze
Gesicht, kichert, so dass die lange Nase und das spitze Kinn sich fast berühren und sagt schon den nächsten Tanz an.
Welch überraschende Wende in seinem Leben: als junger Mann spielte er jeden Samstag im Dorf zum Tanz, aber irgendwann
wollte niemand mehr das alte Zeug hören. Und plötzlich holt man ihn nach Warschau, in die Hauptstadt. Er spielt vor
hunderten jungen Tänzern, die ihn bewundern und ihm zujubeln.
Warschau im Mai 2012 ist eine boomende Stadt: lärmend, verkehrsreich und bunt. Man bereitet sich auf die
Fußball-Europameisterschaft vor, Plakate und Werbung überall. Pferdekutschen schaukeln Touristen durch die
Altstadt, die zum Ende des letzten Krieges von deutschen Truppen dem Erdboden gleichgemacht und bald darauf
mustergültig wieder aufgebaut wurde.
Krakauer Vorstadt heißt der angrenzende Bezirk. Hier schlägt das Herz der polnischen Hauptstadt. Entlang der
breiten Flaniermeile mit ihren teuren Geschäften, Bistros und Restaurants erhebt sich der Präsidentenpalast.
Ein paar hundert Meter weiter stehen die Gebäude der Universität. Skwer, so heißt das Veranstaltungszentrum,
das hier vor wenigen Jahren gebaut wurde. Drinnen ist der Festivalclub von Wszystkie Mazurki Świata untergebracht.
Ein großer Saal mit niedriger Decke, Disco-Beleuchtung, professionellem Sound. Fast so voll wie auf der Tanzfläche ist
es an der Bar im Nachbarraum. Auch kurz vor Mitternacht ist die Stimmung grandios.
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