Polen

TRADITION, REVIVAL UND KULTURELLE IDENTITÄT
POLNISCHE FOLKMUSIK IN ZEITEN DES GLOBALEN DORFES
NEUBEWERTUNG EINES BELASTETEN BEGRIFFS

MACIEJ CIERLINSKI ALIAS MACKO KORBA,
STAR DER POLNISCHEN DREHLEIER-SZENE 2007
* Foto:Maria Baliszewska

MACIEJ CIERLINSKI
ALIAS MACKO KORBA,
STAR DER POLNISCHEN
DREHLEIER-SZENE 200
7
Foto:Maria Baliszewska

JUNGER DUDELSACK-
SPIELER IN DER TRADI-
TIONELLEN TATRA-TRACHT

Foto: Maria Baliszewska

JUNGER DUDELSACKSPIELER IN DER
TRADITIONELLEN TATRA-TRACHT 2011
* Foto: Maria Baliszewska

Als Polen zu Beginn der Neunzigerjahre seine Freiheit wieder erlangte, war der Begriff „Volksmusik“ belastet: Man verstand darunter die kostümierten Tanz- und Gesangsensembles, die auf großen Bühnen mit einstudierter Choreografie Propaganda für den „Arbeiter- und Bauernstaat“ machten. „Musik, die nach Stalin klingt“, sagten wir damals. Doch daneben existierte in den kleinen Dörfern auch echte traditionelle Musik, die von einfachen Leuten gespielt und gesungen wurde. Damals begann die faszinierende Entdeckung dieser vielfältigen Traditionen, aus denen sich bald eine neue, junge Folkszene entwickelte. Auch zwanzig Jahre später gibt es einige dieser alten Traditionen noch – und viele neue Folkbands benutzen die Musik kreativ und in verschiedensten Stilen.

TEXT: MARIA BALISZEWSKA*

 

AUTOREN-INFO

* Maria Baliszewska leitete bis zu ihrer Pensionierung vor einigen Jahren die Volksmusikabteilung von Polskie Radio. Nach dem Vorbild des Young-Trad-Wettbewerbs der BBC etablierte sie im polnischen Rundfunk das jährliche Festival Nowa Tradycja.

„Anderes Dorf – anderes Lied“ – so ungefähr lautet eine polnische Redewendung. In der Vergangenheit war das wirklich so. Im ganzen Land gehörte Musik zum Alltag und war Teil des Lebenszyklus: Geburt und Liebe, Hochzeit und Tod, Festtage wie Ostern und Weihnachten, die Erntezeit und die Natur – alles wurde im Lied besungen. Das hat sich geändert. Heute leben diese alten
CACI VORBA * Foto: Werema Krzysztof
Formen in manchen Regionen nur noch in den Herzen einiger weniger sehr alter Menschen.

„Chopin brachte in
seinen Mazurkas die
polnische Seele
zum Klingen.“

Die vielleicht bekannteste Volkstradition ist die Musik der Region Podhale im Süden. Die Góralen, die Menschen aus dem Hochland der Tatra, singen mit einer sehr lauten Kopfstimme – wir nennen das „weiße Stimme“. Die Ensembles bestehen meist aus Streichern, etwa vier Geigen und einem kleinen, selbstgebauten Bass. Die Musik der Tatra ist sehr rhythmisch und kraftvoll – ein Spiegelbild des harten Lebens der dort lebenden Menschen. Noch heute hört man die traditionellen Klänge bei Hochzeiten, aber auch in fast allen Restaurants und Hotels in Zakopane, der polnischen Hauptstadt des Wintersports.
KROKE 2009 * Foto: Jacek Dylag
Auch für die sonntägliche Messe ist dieser Gesang typisch. Die Liebe der Góralen für ihre Musik kommt von Herzen. Außerdem trägt der Tourismus dazu bei, dass die Tradition bis heute fest verankert ist. Die Musik Podhales inspirierte viele bedeutende polnische Komponisten – etwa Karol Szymanowski, Henryk Mikolaj Górecki oder Wojciech Kilar. Namhafte Künstler der Pop-, Rock- und Jazzszene spielen mit traditionellen Musikern der Region und übernehmen stilistische Einflüsse.

KWADROFONIK

MUZYKANCI 2010

TSIGUNZ FANFARA AVANTURA * Foto: Radek Spassóvka

Nicht nur in Podhale, auch in anderen Gegenden Südpolens ist die traditionelle Volksmusik heute noch populär. Sowohl in den Beskiden als auch in Bieszczady, den Bergen an der ukrainischen Grenze, hat die alte Musik überlebt. Keine Hochzeitsfeier wäre ohne diese Klänge denkbar. Das Tragen der Tracht gehört zum sonntäglichen Besuch der Messe. Instrumente wie Dudelsack, diverse Obertonflöten und natürlich Geigen sind weit verbreitet, auch bei jungen Musikern.

In Mazowsze (Masowien) im Herzen Polens, sieht die Lage völlig anders aus – obwohl diese Landschaft vielleicht die wichtigste Region der polnischen Volksmusiktradition ist. Von hier nämlich stammt die Mazurka, der polnische „Nationaltanz“. Im 19. Jahrhundert faszinierte dieser Rhythmus viele unserer Komponisten – vor allem den jungen Frédéric Chopin. Wenn er seine Freunde auf dem Land besuchte, hörte er die traditionellen Klänge von Oberek, Kujawiak und Mazurka. In seinem Tagebuch beschreibt Chopin, wie er die Dorfmusikanten auf einem kleinen Bass begleitete. Später komponierte er seine eigenen Mazurkas, in denen er wie kein anderer die „polnische Seele“ zum Klingen brachte. Vor dreißig oder vierzig Jahren gab es in fast allen kleinen Dörfern Mazowszes Musikanten, die auf Geigen, Holzflöten oder kleinen Akkordeons spielten. Damals konnten wir für den Rundfunk wertvolle Aufnahmen machen. Heute gibt es dort kaum noch traditionelle Interpreten: vielleicht zwanzig Geiger, die allesamt über achtzig Jahre alt sind. Langsam verschwindet die Tradition. Doch zum Glück gibt es junge Musiker, etwa die der Warsaw Village Band, die sich ihrer Wurzeln bewusst sind. Sie besuchen diese alten Meister und lernen von ihnen Melodien, Technik und Stilistik.

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Polen braucht eine Creole!
Kritische Worte zum Festival Nowa Tradycja

VON BARBARA STASIAK

Voller Neugier besuchte ich im Mai 2012 erstmals das Festival Nowa Tradycja des polnischen Rundfunks in Warschau. Ich lernte dabei einige interessante und kreative Bands kennen. Etwa das Ensemble Sutari, das Lieder aus der Region Kujawien arrangiert, gespielt auf Instrumenten wie Küchenmixer oder Küchenreibe. John Cage lässt grüßen! Auch das Ensemble Tsigunz Fanfara Avantura überraschte. Die Musiker sagen über sich: „Wir wollen eine Brücke zwischen der Kunst des Ostens und des Westens bilden, wollen die heißen Rhythmen der Mallorca-Party mit der Freiheit der Gypsys und mit deutscher Ordnung kombinieren“. Tsigunz leihen sich Melodien vom Balkan, aus der Türkei, dem Nahen Osten sowie Indien aus und verfremden sie mit musikalischen Mitteln des 21. Jahrhunderts. Dabei treffen Blechblas- und Perkussionsinstrumente auf neueste japanische Elektronik. Das alles geschieht auf der Grundlage der polnischen Jazztraditionen. Und wie lautete der Kommentar der Festivaljury, deren Besetzung seit einigen Jahren fast konstant geblieben ist: Tsigunz sollten polnischen Musiktraditionen mehr Aufmerksamkeit schenken! Was bedeutet das? Warum soll sich die Band mehr auf polnische Musik beziehen? Warum soll sie sich nicht mit Traditionen der im Land lebenden Einwanderer befassen? Auch heute noch bläst der Wind manchmal gefährlich nationalistisch und erinnert an die Zeit kommunistischer Propaganda.

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WARSAW VILLAGE BAND
Nord

(Jaro Medien JARO 4308-2, go! www.warsawvillageband.net )
13 Tracks, 61:59

Düster und dramatisch klingt der Norden, den die Warsaw Village Band auf ihrem neuen, ihrem sechsten Album beschwört. Es beginnt mit einem hohlen, kratzigen Geigenton, eher gehaucht als gestrichen. Knirschende, gläserne Geräusche auf schwedischer Moraharpa und eine knarzende Drehleier kommen dazu. Und dann diese jungen Frauenstimmen: schneidend scharf, kehlig, reich an slawischen Zischlauten. Herb ist auch der Zusammenklang der drei Vokalistinnen. Da geht es nicht um Harmonie oder Schönheit. Eher wähnt man Hexen am Werk, die ihre bösen Flüche in die eisige Nacht schleudern…

Vor fünfzehn Jahren gründete sich die Warsaw Village Band; längst gilt sie als das Vorzeige-Ensemble der Folk- und Weltmusikszene Polens. Nord zeigt eindrücklich, warum! Die scharfen, dissonanten Frauenstimmen, die scheppernde Percussion auf Trommel mit aufmontiertem Becken, aber auch die melancholischen, reich verzierten Melodielinien der Geige und die zarten Cymbaltöne – das alles sind Klänge, die unmittelbar aus der polnischen Volksmusik-Tradition entliehen sind. Aber dabei belässt es die Warsaw Village Band nicht. Eingebettet werden die archaischen Töne in ein Gewand aus modernen Klängen. Mal wird eine einfache Melodie durch schräge Akkorde oder durch Hall-Effekte verfremdet, dann kommentiert ein Trompeter das Geschehen mit jazzigen Improvisationen; vor allem aber lebt die Musik vom Rhythmus. Stampfendes Metrum, wilde Muster, Ostinatofiguren und Schamanentrommeln sorgen für einen permanenten Groove.

Als Gastmusiker wirken bei zwei Stücken die schwedischen Kollegen von Hedningarna mit – der Albumtitel Nord spielt auf die jahrhundertealte Verbindung zwischen Polen und Skandinavien an, die auch musikalisch ihre Spuren hinterließ.

Schade nur, dass das Begleitheft neben den polnischen Texten nicht auch Übersetzungen oder wenigstens Zusammenfassungen der Texte anbietet. Man hätte zu gerne gewusst, wovon die Lieder handeln.

Tom Daun

 

WARSAW VILLAGE BAND – Nord


JANUSZ PRUSINOWSKI TRIO
Serce

(Eigenverlag, go! www.januszprusinowskitrio.pl )
15 Tracks, 62:03

„Serce“ heißt „Herz“ – genau dahin zielt das Album des polnischen Trios, das in Wirklichkeit schon lange ein Quartett ist. Traditionelle Musik aus dem Herzen des Landes, frisch aufbereitet und gespielt mit viel Herz. Der Ansatz des Prusinowski Trios erinnert an die historische Aufführungspraxis der Alten Musik. Traditionelle Instrumente der polnischen Volksmusik kommen zum Einsatz: Geige, ein klappriges Akkordeon, hölzerne Querflöten, diverse einfache Rohrblattinstrumente, ein derber Bass und scheppernde Percussion. Auch das Repertoire bleibt weitgehend traditionell: Kujawiaks und Mazurkas, Obereks und Polkas aus Masowien, der Region an der Weichsel. Nicht nur Melodien und Spielweise haben die Interpreten bei den alten Dorfmusikanten gelernt – sondern vor allem die Einstellung zur Musik. Die soll „von Herzen“ kommen. Und genau da liegt der Unterschied: Es geht eben nicht nur um Rekonstruktion, sondern darum, unmittelbar Emotionen zu wecken. Das gelingt, weil das Trio immer wieder auch die eigene Kreativität einbringt: melancholische Improvisationen, mit brüchiger Stimme vorgetragene Lieder, überraschende Tonartwechsel, rhythmische Freiheiten, wunderbare Trompetensoli. Musik, die an vergangene Zeiten erinnert und zugleich in unserer Zeit verwurzelt ist.

Tom Daun

Für Ende April 2013 ist die erste Deutschland-Tournee des Janusz Prusinowski Trios angekündigt:

17.04.13: Leipzig, Nato (t.b.c.)
24.04.13: Bonn, Brotfabrik
25.04.13: Solingen, Kammermusiksaal
26.04.13: Dortmund, Domicil

 

JANUSZ PRUSINOWSKI TRIO – Serce

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Update vom
24.10.2012
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