EDITORIAL

Liebe Musikfreundinnen und -freunde,

um das Newport Folkfestival rankt sich so mancher Mythos. Darunter die Geschichte über Dylans Griff zur E-Gitarre bei seinem Auftritt 1965. Wollte Pete Seeger damals das Kabel wirklich mit einer Axt durchhauen, weil der Sound so schlecht war oder weil der neue Star am Himmel der Folkmusik sich einen Teufel um akustische Traditionen scherte? Wie sich die Zeiten ändern. Dieses Jahr dominierten in Newport die lauten Töne – von Wilco über Conor Oberst bis Dawes. Was den kalifornischen Musiker Joel Rafael bei seinem Auftritt zu dieser Bemerkung veranlasste: „Ich weiß nicht, ob ihr dieses Instrument erkennt. Das ist eine akustische Gitarre. Ich werde wohl ganz schön Ärger bekommen, weil ich es gewagt habe, in Newport den Stecker zu ziehen.“ Ein anderes Ereignis beim diesjährigen Festival zeigte, dass die mit dem Kampf für die Bürgerrechte und gegen den Vietnamkrieg verbundene Geschichte von Newport auch nur eine Fassade ist. Als Tom Morello unter Anspielung auf die Occupy-Bewegung das Publikum zu sich auf die Bühne einlud, griff die Polizei mit teilweise unsanften Mittel ein, um die zu Dutzenden auf das Podium geströmten Fans wieder auf ihre Plätze zurückzudrängen. Uniformierte waren übrigens allgegenwärtig in Newport. Vor jeder Bühne gingen sie in John-Wayne-Manier auf und ab. Was für ein Unterschied zu Geist und Stimmung beim Festival in Rudolstadt. Das TFF zeigte in diesem Jahr einmal mehr, wie man ein Ereignis auf die Beine stellt, das Publikum, Künstler und Kulturen auf faszinierende Weise mehrere Tage zusammenbringt.

Interessanterweise sind es oft die „großen Namen“, die davon nichts mitbekommen. Dieses Mal hat sich Alison Krauss den Preis als Diva des Jahres verdient. Hinter der Bühne führten sich Künstler und Management auf, als wären sie Lady Gaga oder Madonna. Deren extravagante Verhaltensweisen sind bekannt. Aber Rudolstadt ist nicht der Madison Square Garden. Alle Mitarbeiter, die nicht direkt mit dem Auftritt von Alison Krauss & Union Station zu tun hatten, mussten den Backstagebereich auf der Heidecksburg verlassen. Interviews? Natürlich nicht. Und Sicherheitskräfte vor und hinter der Bühne sorgten zudem dafür, dass auch keine Fotos gemacht werden durften. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, 1987 in Newport mit einem damals gerade einmal sechzehn Jahre alten, ziemlich naiven Mädchen gesprochen zu haben, das ganz aufgeregt war, für den deutschen Rundfunk interviewt zu werden. Wie sich die Zeiten doch ändern. Schade, dass fast dreißig Grammys offensichtlich den Charakter verderben können.

In der Ausgabe März/April haben wir über die Versuche des Gitarrenbauers Gibson berichtet, ein Umweltgesetz zu kippen, das die Einfuhr illegaler Hölzer in die USA verbietet. Dafür spannt das Unternehmen jetzt nicht nur Lobbyvereinigungen und die Tea-Party-Bewegung ein, sondern auch die Republikaner. Bei der Wahlversammlung der Partei Ende August präsentierte sich Gibson als Sponsor eines „VIP hospitality bus“. Doch die Kritiker des Gitarrenherstellers haben jetzt prominente Unterstützung bekommen. Sting erklärte: „Ich würde nie eine Gibson spielen!“ Und er forderte seine Musikerkollegen auf, immer zu hinterfragen, woher ihre Instrumente kommen. Und Mick Jagger, Bonnie Raitt, Lenny Kravitz, Willie Nelson und einige andere Künstler unterzeichneten einen Appell, der sich gegen die Lockerung der bestehenden Gesetzgebung ausspricht.

Natürlich sollen an dieser Stelle auch ein paar Anmerkungen zum Inhalt des neuen Folker nicht fehlen. Hervorheben möchte ich die Replik von Stefan Franzen auf den Länderschwerpunkt China beim diesjährigen TFF Rudolstadt. U. a. geht er der Frage nach, inwieweit es mit dem Programm gelang, nicht nur die chinesische Musikkultur, sondern auch die Unkultur der Rechtlosigkeit zum Thema zu machen. Wie es Ferdinand Muggenthaler, Pressesprecher von Amnesty International in Deutschland, in seinem Gastspiel im Folker-Heft 3/2012 gefordert hat. Von größter Dringlichkeit ist das Gastspiel dieser Ausgabe. Lothar Fend, ein Berufsleben lang Redakteur beim Westdeutschen Rundfunk und Mitbegründer von „Die Radioretter – Initiative für Kultur im Rundfunk“, beschäftigt sich am Beispiel der „Reformen“ im Kulturprogramm seines ehemaligen Arbeitgebers mit dem Niedergang des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Deutschlandradio-Intendant Willi Steul meinte in einem Interview für die Taz, dass von den 18.000 Unterzeichnern des Radioretter-Appells vielleicht gerade einmal 1.200 wüssten, worum es wirklich geht. Hauptsache, er weiß es. Denn der nächste „Tatort“ in Sachen Qualitätsabbau ist sein Sender. Steul will eine „Wortnacht“ im Deutschlandfunk einführen. Ab Frühjahr 2013 würde das u. a. den Wegfall von Sendungen wie Soundcheck und Nacht-Radio bedeuten – Sendungen, die ein journalistisch hochwertiges Musikprogramm bieten. Was zeigt, dass der Intendant offensichtlich nur ein beschränktes Verständnis sowohl von „Wort“ als auch von „Musik“ besitzt. Diskutiert soll übrigens auch beim Deutschlandradio werden. Allerdings, so Steul, in Sachen Wortnacht keinesfalls ergebnisoffen. Demokratische Strukturen in Anwendung.

Damit zurück zum Inhalt des Folker. Wie Sie es gewohnt sind, finden Sie auch dieses Mal eine Fülle von Porträts, Hintergrundberichten und Informationen über das gesamte Spektrum von Lied, Folk und Weltmusik. Ich hoffe, Sie haben Vergnügen an der neuen Ausgabe der Musikzeitschrift Ihres Vertrauens.

Ihr Folker-Chefredakteur Michael Kleff

PS: Warum eigentlich immer nur Meldungen aus dem Land der Freien und Mutigen? Gibt es nicht auch andere Länder, die ich mir an dieser Stelle vornehmen könnte? Zum Beispiel die Teile der arabischen Welt, deren muslimische Sportlerinnen bei der Olympiade in London im Widerspruch zu Artikel 50 der Olympischen Regeln, der politische und religiöse Zeichen verbietet, verschleiert antraten. Oder das eigene Land, wo Körperverletzung bei der Beschneidung als Religionsfreiheit definiert, aber das Tragen von Burkas im öffentlichen Dienst verboten wird. Ich will erst gar nicht darüber nachdenken, wie die politische Debatte in Deutschland laufen würde, wenn die Beschneidung nur eine Tradition der Muslime und nicht auch der Juden wäre. Doch das alles ist gar nichts gegen den Wahnsinn, der in den USA über die Bühne geht. Und das ist das Land, dass der Welt – in der Regel mit Gewalt – erklärt, wie Demokratie auszusehen hat. Ein paar aktuelle Beispiele gefällig? Ende August fand in Tampa, Florida, die Wahlversammlung der Republikaner statt. Das Mitsichführen von Wasserpistolen bei den Demonstrationen wurde verboten. Das Tragen von Pistolen mit Waffenschein jedoch nicht. Sogenannte Terrorismusverdächtige, die auf der No-fly-Liste des Heimatschutzministeriums – welch eine Wortschöpfung! – stehen, dürfen zwar kein Flugzeug benutzen. Doch auf Druck der Waffenlobby dürfen sie dennoch Waffen besitzen. Apropos Waffenlobby: Auch nach dem Amoklauf von Colorado gibt es in den USA keine Bestrebungen, schärfere Waffengesetze zu erlassen. US-Präsident Obama forderte zwar stärkere Kontrollen beim Waffenkauf. Ein Sprecher des Weißen Hauses stellte aber klar, dass derzeit keine neue Gesetzgebung angestrebt werde. Aus der Unterrubrik „Only in America“ dann noch diese Anekdote: Per Gerichtsbeschluss wurde einem Unternehmen in Colorado erlaubt, Mitarbeiterinnen zu entlassen, die Verhütungsmittel nehmen. Die spinnen doch, die Amis, kann ich da nur in Anlehnung an Asterix und Obelix sagen!

Update vom
23.08.2012
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