„Patricia Kaas ist keine Sängerin, sondern eine Maschine zum Gelddrucken.“ Wer diese Mahnung einer ihrer Kolleginnen im Ohr hat, wird überrascht – bei der Lektüre ihres gerade erschienenen Buches wie auch im Interview. Das Unnahbare, mit dem sie bei Auftritten kokettiert, scheint einzig zu ihrem Bühnenleben zu gehören. Über ihr Leben in der Wirklichkeit berichtet sie unverstellt, erzählt mit Selbstverständlichkeit von Erfolgen und Ängsten, von Geliebten und Stalkern.

TEXT: STEPHAN GÖRITZ

VERLASSENE
SCHLAFZIMMER
UND DIE
SOMMERSPROSSEN
DER NACHT

PATRICIA
KAAS

CHANSONS IM POPKOSTÜM
AUF DER HÖHE DER ZEIT

go! www.patriciakaas.net

AUSWAHLDISKOGRAFIE:
Mademoiselle Chante …
(Polydor, 1987)
Je Te Dis Vous
(mit deutschen Textübersetzungen im Booklet; Sony, 1993)
Ce Sera Nous
(Live-DVD; Sony, 2000)
Kabaret
(Sony, 2008)

Kabaret

BUCHTIPP:
Mademoiselle singt den Blues - Mein Leben
(Edition Elke Heidenreich bei C. Bertelsmann, 2012)

RADIOTIPP:
11.07.12: Deutschlandfunk, 01:05-02:00 (Mittwochmorgen), Lieder-Laden: Patricia Kaas im Gespräch mit Stephan Göritz

„Immer dasselbe zu singen, ist die Katastrophe für jede Leidenschaft.“

Oft wurde sie gefragt, ob sie nicht Lust hätte, ihre Autobiografie zu schreiben. Immer hat sie abgewehrt, denn sie wollte nicht nur die bekannte Geschichte erzählen von dem Kind deutsch-französischer Eltern, das mit sechs Geschwistern in einem französischen Bergarbeiterstädtchen nahe der deutschen Grenze aufwächst und wenige Jahre später weltweit über zwanzig Millionen CDs verkauft hat. „Ein Buch ist etwas Persönliches“, meint Patricia Kaas, „und muss auch von Irrtümern und Einsamkeit sprechen.“ Erst jetzt fühle sie sich in der Lage, „sozusagen die
PATRICIA KAAS
Rückseite der Platte aufzulegen“. Der französische Originaltitel L’Ombre De Ma Voix beschreibt diese Intention mit einem poetischen Bild, das aber kaum in „vernünftigem“ Deutsch wiederzugeben ist (Welchen Schatten sollte eine Stimme werfen?), deshalb heißt die Übersetzung nun Mademoiselle singt den Blues, in Anlehnung an ihren ersten Hit „Mademoiselle Chante Le Blues“.

„Ich habe schon meine Meinung zu politischen Fragen, die will ich aber keinem aufzwingen. Fans sind ja schnell bereit, sich mit dem zu identifizieren, was man singt. Da muss man aufpassen.“

Dieses Lied, das ihr Markenzeichen wurde, sei keineswegs für sie geschrieben worden, erzählt sie schmunzelnd, der Komponist Didier Barbelivien und der Texter Bob Mehdi hatten es in der Schublade. Aus heutiger Sicht scheint es, als hätte es auf „die kleine Patricia“ gewartet, jenes schmächtige Mädchen mit der rauen und erwachsenen Stimme. Doch genau diese Stimme werfen ihr viele Kritiker als „zu alt“ vor, und es braucht Ende der Achtzigerjahre Ausdauer, die Platte bei Radiosendern durchzusetzen. Dass es gelingt, ist nicht nur den Kontakten von Élisabeth Depardieu zu verdanken, der Frau des französischen Starschauspielers, der einer ihrer Produzenten wird. Es liegt zu mindestens genauso großen Teilen an der Hartnäckigkeit der jungen Sängerin. Kaas will den Erfolg, nicht irgendwann einmal, sondern sofort, will ihrer Mutter beweisen, dass sie nicht nur, auf einem wackligen Holztisch stehend, die Stammgäste einer Bergarbeiterkneipe begeistern kann. „Mir blieb nicht viel Zeit, denn Maman war an Krebs erkrankt. Ich musste gewinnen.“ Es ist schwer für „die Kleine vom Dorf“, wie sie die Patricia von damals nennt, sich zurechtzufinden im fremden Paris, in dem, anders als in ihrer Großfamilie, nicht jeder jeden lieb hat, und im Showgeschäft schon gar nicht. Ihr lothringisch gefärbtes Französisch entlarvt sie als Eindringling, sobald sie den Mund aufmacht, und die für viele höchst bewegenden Fragen nach der angesagtesten Frisur – Schnittlauchlocken oder doch besser Bananenknoten? – erscheinen ihr wie die Gedanken von Außerirdischen.

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Update vom
10.07.2012
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