GASTSPIEL
Wo ist der Soundtrack?
Occupy Wall Street, Gewerkschaften und die Musik
VON MIKE MATEJKA*
UND BUCKY HALKER*
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Wenn Woody Guthrie heute in den Vereinigten Staaten unterwegs wäre, was würde er
wohl über die Lage der amerikanischen Arbeiter denken, über die Gewerkschaften,
die konzentrierte Macht des Kapitals und Occupy Wall Street? 1932, als er 20
Jahre alt war, wurde Guthrie nicht nur Zeuge der Sandstürme, die durch die
Straßen der Kleinstadt Pampa in Texas fegten, sondern er erlebte sein Land auch
in einer tiefgreifenden wirtschaftlichen Krise. Heute befindet es sich in einer
ähnlichen Situation. 1932 und 2012 hatte und hat die Konzentration von Reichtum
ungeahnte Ausmaße in den USA erreicht. 1932 gab es keine Sozialversicherung für
die ältere Generation, keine Arbeitslosenversicherung, keine Essensmarken, keine
soziale Krankenversicherung oder andere soziale Auffangnetze des Staates. Heute
werden die als Ergebnis der massiven Unruhen der Dreißigerjahre hart erkämpften
sozialen Errungenschaften torpediert. Damals erfuhren Guthrie und seine
Landsleute, was Hunger bedeutete. Sie würden heute verwirrt auf übergewichtige
Arme und schlanke Reiche schauen. Gleichzeitig aber würden sie ein weniger durch
Rassen getrenntes Land, eine ethnisch buntere Gesellschaft vorfinden als vor
achtzig Jahren.
Autoreninfo:
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*MIKE MATEJKA ist Leiter der Abteilung für Rechtsfragen beim Gewerkschaftsrat
Great Plains Laborers District Council, der 11.000 Gewerkschaftsmitglieder in
Illinois, Iowa, Nebraska und South Dakota vertritt. Seit 31 Jahren gibt er die
Gewerkschaftszeitung The Grand Prairie Union News heraus. Er ist
Vizepräsident der Vereinigung Labor History Society in Illinois
und Autor zahlreicher Veröffentlichungen zu Arbeitnehmerfragen in den USA.
www.bntrades.org
www.greatplainslaborer.org
*BUCKY HALKER ist Musiker und promovierter Historiker aus Chicago, Illinois. Zu
seinen Veröffentlichungen gehören zahlreiche CDs, darunter
Welcome to Labor Land (Illinois Labor Protest Songs, 1865-1955) und das Buch
For Democracy, Workers and God: Labor Song-Poems and Labor Protest, 1865-1895.
Er ist Mitglied im Vorstand der Woody Guthrie Foundation.
www.buckyhalker.com
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Die organisierte Arbeiterschaft hatte es 1932 sehr schwer. Während des
1. Weltkriegs hatte sich eine erfolgreiche Gewerkschaftsbewegung
etabliert, deren Mitgliederzahl jedoch schon in den Zwanzigerjahren
wieder drastisch abnahm. Die Arbeitgeber verfolgten mit ihrem
sogenannten American Plan eine Politik, die Verhandlungen mit
Gewerkschaften ablehnte. Stattdessen boten sie unternehmensgesponserte
Organisationen an, die, einhergehend mit Niedriglöhnen, Picknicke und
Sportgruppen organisierten. Eine gesetzliche Anerkennung der
organisierten Arbeiterschaft und ihrer Rechte gab es nicht. Gleichzeitig
hatte die Gewerkschaftsbewegung interne Probleme. Der Dachverband
American Federation of Labor (AFL) hatte die Facharbeiter organisiert,
die Arbeiter der Massengüterindustrie waren jedoch nicht
gewerkschaftlich zusammengeschlossen. Die radikaleren
Gewerkschaftsgruppen wie die Industrial Workers of the World (IWW)
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wurden während des 1. Weltkrieges unterdrückt. Die
Unternehmensgewerkschaft der AFL scheute sich vor sozialistischer
Politik und billigte den Kapitalismus. Viele Gewerkschaften
praktizierten Rassen- und Geschlechtertrennung und nahmen nur weiße
Männer als Mitglieder auf.
1935 bekamen die Gewerkschaften mit dem Wagner Act ihre Rechtsgrundlage und am
Ende des 2. Weltkrieges war die Arbeiterschaft in der Stahl-, Auto-, Verkehrs-,
Elektro-, und Fleischverarbeitungsindustrie weitgehend gewerkschaftlich
organisiert. Spätestens zu Beginn der Siebzigerjahre ließ der Einfluss der
Gewerkschaften nach. Fabriken schlossen oder verlegten ihre Produktion ins
Ausland, die Mitgliedszahlen verringerten sich. 1981 kündigte Präsident Ronald
Reagan den streikenden Fluglotsen der PATCO und gab damit der Unternehmenswelt
grünes Licht zur Attacke auf die Gewerkschaften. Die Deregulierung der
Wirtschaft zerstörte selbst gewerkschaftliche Bollwerke wie die
International Brotherhood of Teamsters, die Gewerkschaft der
Transportarbeiter. Zum landesweiten Niedergang der Gewerkschaften trug
u. a. bei, dass man keine einheitliche Strategie bei der Debatte über
die Reform des Gesundheitswesens fand und dass man den Einzelhandels-
und Dienstleistungsbereich gewerkschaftlich nicht einheitlich
organisieren konnte. Auch das in der Öffentlichkeit vorherrschende Bild
der organisierten Arbeiterschaft ist wenig schmeichelhaft.
Übersetzung aus dem Amerikanischen: Delf Hohmann
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FOLKER auf Papier
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