Aus is’ und går is’ und schåd is’, daß’ wåhr is!

TSCHÜSS, BAYERNLAND

BIERMÖSL BLOSN

Trennung nach 35 Jahren

DIE BIERMÖSL BLOSN 2003 – V.L.N.R. CHRISTOPH, HANS, MICHAEL * Foto: Christian Kaufmann

„SOLANGE ES DIE BIERMÖSL BLOSN GIBT, IST BAYERN NOCH NICHT VERLOREN“, SCHRIEB EINST DIE FRANKFURTER RUNDSCHAU. NUN WIRD ES ENG, NICHT NUR FÜR DIE BAJUWAREN. AM 18. JANUAR 2012 IST SCHLUSS, NACH 35 JAHREN. EIN HERBER VERLUST FÜR DAS POLITISCHE KABARETT UND FÜR DIE BAYERISCHE VOLKSMUSIKKULTUR. FANS IM GESAMTEN DEUTSCHSPRACHIGEN RAUM SIND IN TRAUER VEREINT.

TEXT: ULRICH JOOSTEN

go! www.biermoesl-blosn.de

AUSWAHLDISKOGRAFIE:
Wo samma
(Mood Records, 1994)
Wellcome to Bavaria
(Mood Records, 1998)
Unterbayern
(Mood Records, 2003)
Jubiläum
(mit Gerhard Polt; Kein & Aber Records, 2009)


DVDs:
Offener Vollzug
(Kennen, 2007)
Plattln in Umtata - Mit der Biermösl Blosn in Afrika
(Arthaus, 2008)
Respekt! 30 Jahre Gerhard Polt & Biermösl Blosn
(Kennen, 2011)


BÜCHER:
Biermösl Blosn - Grüß Gott, mein Bayernland. Alle Lieder und Musikstücke
(Kein & Aber, 2010)
Biermösl Blosn - Welcome to Bavaria
. Ein Liederbuch für die Hosentasche (Kein und Aber 2011)

BIERMÖSL BLOSN – Grüß Gott, mein Bayernland

Sie waren, so Annette Ramelsberger in der Süddeutschen Zeitung, der „Stachel im Fleisch der Obrigkeit, die anarchische Seele des Volkes“ und haben die musikalische „Enteignung des Begriffs Heimat durch die CSU Schritt für
FAMILIE WELL 1964 (V.L.N.R.: MONI, STOFFERL, MICHAEL, KARL, BÄRBI, USCHI, HANSI, BURGI, HELMUT, VRONI, WERNER, CHRISTA, TRAUDI, BERTI, HERMI, VATER HERMANN. IM VORDERGRUND SITZEND: MUTTER GERTRAUD WELL) * Foto: Archiv Familie Well
Schritt, Lied für Lied“ rückgängig gemacht. An die zwanzig CDs, fünf DVDs und zehn Liederbücher sind in diesen 35 Jahren entstanden. Fünf bayerische Ministerpräsidenten haben sie in dieser Zeit „derbleckt“. Institutionen wie der Bayerische Rundfunk, die Bayerische Landesbank und die Warsteiner Brauerei wurden Ziel ihres Spottes, jedoch nie der liebe Gott. Dessen weltliche Vertreter hingegen mit Wonne, wie der von ihnen als „Alpen-Ayatollah“ bezeichnete frühere Kardinal Joseph Ratzinger.

„WIR SIND IN EINEM ALTER, IN DEM WIR NOCH EINIGE PROJEKTE REALISIEREN MÖCHTEN, DIE BISHER IMMER ZURÜCKSTEHEN MUSSTEN.“
Michael Well

Um die bayerische Volksmusik derart gekonnt liebevoll mit anarchischem Humor zu unterwandern, braucht es vor allem Kenntnis dieser Tradition. Die drei Brüder aus Günzlhofen gehören zu einer Großfamilie mit fünfzehn musizierenden Kindern, einer Art „bayerischer Trapp-Familie“, erinnert sich Michael Well, die schön brav Stubenmusi gespielt habe.

DIE BIERMÖSL BLOSN 1988 (V.L.N.R.: CHRISTOPH , HANS, MICHAEL) - MÜNCHNER KAMMERSPIELE ´MÜNCHEN LEUCHTET´ * Foto: Oda Sternberg

Einer der Well-Sprösslinge jedoch entzündete eine Rebellion innerhalb dieser Familienidylle. Hans Well studierte damals Pädagogik und Germanistik. Er entdeckte den humoristischen bayerischen Volkssänger Fredl Fesl und beschloss, es dem Barden gleichzutun, spielte etwa ein Jahr lang dessen Couplets, ehe er seine Brüder Christoph (Stofferl) und Michael dazuholte. Er probierte sich zunächst allein, dann zu zweit und dann zu dritt im Hörbacher Montagsbrettl aus,
BIERMÖSL BLOSN UND GERHARD POLT 2010 * Foto: Usien-Wikipedia
ehe sie in (heute längst geschlossenen) legendären Münchener Clubs wie dem Muh oder dem Song Parnasse im Unionsbräu reüssierten.

„ANFANGS IST EINEM NUR DIE GRUPPE WICHTIG, ABER MIT DEM ALTER INTERESSIERT MAN SICH AUCH MEHR FüR SICH SELBER.“
Stofferl Well

Volksmusik mit Satire und politischen Aussagen zu koppeln war in den Siebzigerjahren ein Novum. Die drei Burschen, die sich als Clique (bayerisch: Blosn) nach dem Beeren- oder Biermoos in der Nähe ihres Heimatortes nennen, kamen mit ihren rotzfrechen Dialekttexten beim Publikum gut an. Für die strengen Sittenwächter des Bayerischen Rundfunks (BR) allerdings war ihr politisches Engagement gegen die heilige bayerische Dreifaltigkeit aus Kirche, Staat und Kapital schnell ein Stachel im Ohr. Dabei sorgte der BR selbst für breitere Bekanntschaft der Gruppe. Versehentlich sendete das Bayerische Fernsehen 1979 ihre Version der „Bayernhymne“, in der sie den landwirtschaftlichen Warenvermittler BayWa und die Zerstörung der Natur scharf kritisieren: „Gott mit dir, du Land der BayWa, / deutscher Dünger aus Phosphat / Über deinen weiten Fluren / liegt Chemie von fruah bis spaat...“. Es war der erste und für lange Zeit letzte Auftritt im, laut Biermösl Blosn, „öffentlich-rechtlichen Privatsender“. Die bayerische Landesregierung sorgte umgehend dafür, dass das Trio fortan auf dem Index stand.


Wellness aus Bavaria

Letztlich haben sie sich durchgesetzt: Links und rechts der Bühne prangt je ein großes „BR“-Logo – nach jahrelangem Sendeboykott hat der Bayerische Rundfunk doch noch seinen Frieden mit dem „Bayerischen Kulturellen Störsender“ aus Günzlhofen (Dieter Hildebrandt) gemacht. Umso schmerzlicher macht die vorliegende DVD bewusst, was es künftig zumindest in dieser Form nicht mehr geben wird: GERHARD POLT & BIERMÖSL BLOSN. Als Abschiedsgeschenk für die Fans gibt es auf Respekt! 30 Jahre Gerhard Polt & Biermösl Blosn (Kennen/Rough Trade Distribution, go! www.biermoesl-blosn.de , 88:00 plus Bonusmaterial 58:45) brillantes Volksmusik- und Wortkabarett ohne Abnutzungserscheinungen. „Klassische“ Nummern mit aktualisiertem Text stehen neben Instrumentalstücken, die die grandiose Musikalität der Brüder zeigen,allen voran Stofferl Well als Michael Jackson der Bachtrompete oder an der Konzertharfe. Das Spießertum aufspießen ist die Spezialität des Wortakrobaten und Erzkomödianten Gerhard Polt, der gewohnt exzellent seine sanften Giftpfeile verschießt und vor Abenteuerurlaubern in Australien ebenso wenig halt macht wie vor bajuwarischen Europaskeptikern („Ein klares Ja zum Nein zu Europa!“). Im Bonusmaterial blicken Polt und die Well-Brüder auf 30 gemeinsame Jahre zurück, zeigen rares Filmmaterial aus der Frühzeit der Gruppe wie den Auftritt in Wackersdorf oder Ausschnitte von einem Auftritt mit den Toten Hosen – die Biermösl Blosn sind Geschichte.

Es tröstet, dass die Einzelbestandteile weiter aktiv bleiben, CHRISTOPH "STOFFERL" WELL zum Beispiel mit Ich küsse sie tausendmal, und bin knall und fall: Ihr W.A. Mozart – Die Bäsle-Briefe gelesen von Christoph Well (Kein & Aber Records, go! www.keinundaber.ch , 26 Tracks, 79:34). Stofferl Well gibt dem „alten jungen Sauschwanz“eine kongeniale Stimme. Gerade der Gegensatz von Genie und derbem Lausbub machen den Reiz aus. Dazu spielt das Bäsle-Quartett – Musiker der Bayerischen Staatsoper, der Münchner und Wiener Philharmoniker – auf Flöte, Violine, Viola und Violoncello die berühmten Flötenquartette des Meisters: ein Hochgenuss.

Was die Brüder können, können wir WELLKÜREN lange! Haben sich die Well-Schwestern Moni, Bärbi und Burgi, die „Bangles aus Günzlhofen“ (Ringsgwandl), vor 25 Jahren gesagt – und sind seitdem als Beste Schwestern (Kennen/Rough Trade Distribution, CD 59:18 + DVD 64:00, www.wellkueren.de) auf deutschen Bühnen unterwegs. Zum Jubiläum gibt es eine wunderbar aufgemachte CD/DVD-Kombi mit dickem Booklet voller Fotos und Texte. Die Schwestern präsentieren sich instrumental fast so vielseitig wie ihre Brüder, mal klingen sie mit Harfe und Hackbrett wie das Vorzeige-Stubnmusi-Trio, mal geben sie als schwermetallische Blasmusik-Combo richtig Zunder. Und ihr zunächst harmlos scheinender Dialektgesang entpuppt sich als sarkastisch und scharf, mit witzigen Texten, erfrischend respektlos und entlarvend, als höchst politische Gesellschaftssatire aus weiblicher Sicht. Einziges Manko der CD: Die Situationskomik auf der Bühne erschließt sich beim reinen Ton nicht immer. Das zeigt die DVD: die Wellküren live auf der Bühne, dazu Filmaufnahmen von 1987 bis heute, Erinnerungen der Damen und Gastkommentare von Stofferl und Michael Well. Eine würdiges Jubiläums-Paket.

Ulrich Joosten

 

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22.12.2011
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