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Nordlichter
Volksmusiker gegen Fremdenfeindlichkeit

Nein zum marktliberalen Blick auf Kultur, kulturelles Erbe und Kulturförderung

Schwedische Folkmusiker gegen Rechtspopulismus und Distanzierung von Musiktraditionen

Ein Dokument

Überall in Skandinavien und in Finnland feiern die rechtspopulistischen Parteien Erfolge. In Dänemark sitzt die Dänische Volkspartei (Dansk Folkeparti, DF) in der Regierung, die norwegische Fremskrittspartiet, die „Fortschrittspartei“, erreichte bei den letzten Wahlen über 22 Prozent der Stimmen und hätte beinahe Regierungsbeteiligung erreicht, die Sverigedemokraterna (schwed. „Schwedendemokraten“, SD) sind mit über 5 Prozent erstmalig ins Parlament eingezogen und attackieren die bürgerliche Mehrheit, und auch Finnland erlebte mit dem Erfolg der Perussuomalaiset (finn. „wahre Finnen“), die von fast jedem Fünften gewählt wurde, einen Rechtsruck.


Die schwedische Volks- und Folkmusikszene fühlt sich in diesem Zusammenhang in die Zange genommen von der Vereinnahmung durch die Rechtspopulisten einerseits und den hilflosen Reflexen gegen diese Politik und die aufkommende Fremdenfeindlichkeit der „fortschrittlichen“ Kräfte andererseits. Von letzteren wird das „Nationale“ zunehmend negiert und stattdessen eher von „lokalen“ Traditionen und Phänomenen gesprochen. Die Situation erinnert an die Befindlichkeiten gegenüber Volksmusik in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg, den Rechtfertigungsdruck und die Verunsicherung, die tatsächlich zum Beispiel bei Volkstanzveranstaltungen in Schweden schon zu beobachten sind. Es droht auch die Gefahr, dass die Prioritäten in der Kulturförderung mehr und mehr auf zeitgenössische, „neu geschaffene“ Kultur verlagert werden und sich dabei ein „marktliberaler“ Blick durchsetzt.

Führende schwedische Spielleute und Folkmusiker, wie Sven Ahlbäck, Mats Edén, Ellika Frisell, Jonas Simonsson, Mattias Pérez und Susanne Rosenberg, die an den Musikhochschulen in Stockholm, Lund/Malmö, Göteborg und Ingesund unterrichten beziehungsweise mit der Leitung der dortigen Volks- und Weltmusikausbildung
Sven Ahlbäck
betraut sind, haben sich Ende vergangenen Jahres mit einer Pressemitteilung in die Debatte eingemischt, die wir hier in Ausschnitten dokumentieren.

„Im Sydsvenska Dagbladet behauptete der kulturpolitische Sprecher der Schwedendemokraten, Mattias Karlsson, dass es an den Musikhochschulen viel weniger Platz und Ressourcen für schwedische Volksmusik gäbe, wenn die Beschäftigung mit ‚ausländischen‘ Volksmusiken ausgeweitet würde. Als Verantwortliche für die Volksmusik- beziehungsweise Weltmusikausbildung an einigen der größten Musikhochschulen des Landes weisen wir diese Behauptung als vollkommen haltlos zurück. Tatsächlich ist die Zahl der Studenten, die sich mit schwedischer Volksmusik beschäftigen, merklich gestiegen, seit die Hochschulen ihr Profil um Musik aus anderen Kulturen erweitert haben. Das spiegelt sich auch in der Zahl der Bewerbungen wieder, die heute zehnmal so hoch ist wie noch vor fünfzehn Jahren.

In unserer mehr als fünfzehn Jahren andauernden Arbeit in der Entwicklung der Volksmusikausbildung konnten wir verfolgen, wie die Begegnung zwischen ‚eingewanderter‘ Volksmusik und schwedischen Traditionen zu neuen Möglichkeiten in der Entwicklung und Erforschung der Traditionen geführt hat. Unsere Erfahrung ist, dass die Musikkulturen, die die Einwanderer in den letzten Jahrzehnten mit
Ellika Frisell
hierher brachten, unser Musikleben enorm bereichert haben. Das, was wir ‚schwedische Volksmusik‘ nennen, ist nicht eingeschränkt, sondern im Gegenteil durch neue Ausdrucksformen, stilistische Tiefe und neu geschaffene Musik erweitert worden – gleichwohl es sich hier um ein kleines subkulturelles Phänomen im allgemeinen Musikleben handelt. ergänzen

Ein Zeichen für die stilistische Vertiefung ist die Tatsache, dass die meisten Musikerinnen und Musiker, die in den vergangenen Jahren als ‚Reichsspielmann‘ ausgezeichnet worden sind, in unseren Einrichtungen studiert haben. Darüber hinaus breitet sich schwedische Volksmusik international aus. Viele herausragende Interpreten schwedischer Volksmusik heutzutage kommen nicht aus Schweden. Hier irrt der kulturpolitische Sprecher der SD also völlig. Schwedischer Volkskultur geht es nicht besser in der Isolation, und die Entwicklung ist nicht Anfang des 19. Jahrhunderts stehen geblieben. Wir sind überzeugt davon, dass eine Kulturpolitik, die sich an dem Vorschlag der SD und an einer einseitig musealen Förderung der Traditionen orientiert, großen Schaden unter anderem für die schwedische Volksmusik anrichten würde.

Gleichzeitig sehen wir mit Besorgnis wie andere Wortführer in ihrem Eifer, sich von der Kulturpolitik und dem kulturellen Blick der SD zu distanzieren, riskieren, dass künstliche Gegensätze im Kulturleben und in der Gesellschaft entstehen. In Dagens Nyheter vom 6. Oktober 2010 sprach der neue und alte Kulturminister davon, dass ‚es keine spezifisch schwedische Kultur gibt‘.
Volksmusiker gegen Fremdenfeindlichkeit
Damit schließt er sich einer langen Reihe von Diskussionsteilnehmern an, die sich in Bezug auf Fremdenfeindlichkeit und lokale Kultur ähnlich äußerten, zum Beispiel im Jahrbuch der Schwedischen Tourismusvereinigung (STF) 2009. Was meint der Kulturminister damit? Nehmen wir nur die schwedische Sprache, an deren Entwicklung und Homogenisierung unzählige Dichter, Autoren, gesellschaftlich und politisch verantwortliche Menschen jahrhundertelang mitgewirkt haben. Sollen wir in Zukunft vom ‚allgemeinen Sprachgebrauch in Schweden‘ sprechen? Das wäre absurd und spiegelt hoffentlich nicht die Meinung des Kulturministers wieder.

Um die Zusammengehörigkeit zu einem Kollektiv zu spüren, muss man nicht ausgrenzend oder fremdenfeindlich sein, und dieses Gefühl muss sich nicht darauf beschränken, ein Fußballteam anzufeuern oder Flaggen zu schwenken. Zusammengehörigkeitsgefühl kann sehr inspirierend sein und dabei helfen zu verstehen, wer man ist und wie man sich zur Gegenwart verhalten kann. Man muss nicht selbst Nyckelharpa spielen oder joiken, um von der Menschlichkeit, der Kontinuität und dem Ausdrucksreichtum fasziniert und inspiriert zu werden, die diese Überlieferungen repräsentieren. Es schafft eine Zusammengehörigkeit, weil es einen Ausdruck darstellt dessen, was in der Gemeinschaft, zu der wir gehören, existiert und sich entwickelt hat. Genau den gleichen Respekt, die gleiche Faszination und Inspiration kann man wahrnehmen, wenn man sich mit den Musikkulturen beschäftigt, die in anderen Ländern entstanden sind. Als Volks- und Folkmusiker spürt man oft eine größere Gemeinschaft mit Musikern aus anderen Kulturen als mit Fußballspielern – wie blau-gelb sie auch immer sein mögen.

Kultur handelt also nicht von ‚Blut und Boden‘ sondern von Gemeinschaft, die quer über nationale Grenzen gehen kann, die inkludierend und nicht exkludierend ist. Nationale Etiketten auf kulturelle Phänomene sind dann gefährlich, wenn sie
Mats Edén, Jonas Simonson und Mattias Pérez
Zeichen kultureller Überlegenheit, kultureller Abschottung und einer Einheitskultur sein sollen.

Es gibt zwei Probleme bei dem Verhältnis zum Kulturerbe und zur Nation, das in der Rede des Kulturministers zum Ausdruck kommt. Auf der einen Seite verneint man die Bedeutung der kollektiven Werte für die Entwicklung der Gemeinschaft. Das kann dazu führen, dass sich Menschen ausgeschlossen fühlen. Viele zerstörerische Konflikte in der Welt sind davon beeinflusst, dass man Menschen das Recht auf ihre Geschichte und Identität verweigert. Das andere Problem ist die Tendenz, eine Art marktliberalen Blick auf Kultur, kulturelles Erbe und Kulturförderung einzuführen: Individuen wählen sich ihre eigene Kultur; die Kultur, die am interessantesten für die Mehrheit ist, überlebt, die anderen Kulturen verschwinden. Die Konsequenzen für die schwedische Gesellschaft und Kultur wären umfassend. Soll zum Beispiel Strindbergs Werk in Zukunft nicht mehr zugänglich sein, weil es ja nun wirklich heutzutage keine allgemein ‚angesagte‘ Kunst mehr ist?

Als Bürgerinnen und Bürger Schwedens erwarten wir jedoch von unserer Regierung und vom Reichstag, dass besonderes Augenmerk auf kulturelle Formen gelegt wird, die es hier gibt und die sich hier entwickelt haben. Nicht als Gegensatz zu anderen Kulturformen, sondern auch! Solange wir nicht kollektiv davon überzeugt sind, dass es keinen Sinn macht, Strindbergs Werk, die ‚schwedische‘Sprache als akademische Sprache oder lokale Musiktraditionen weiter zu bewahren, ist es unsere gemeinsame Aufgabe, über die Regierung und das Parlament dafür zu sorgen, dass auf diese Werte geachtet wird. Diese kulturellen Ausdrucksformen können schließlich künstlerische und kreative Potenziale haben, von denen wir jetzt nichts ahnen und die die Grundlage für zukünftige, neu geschaffene Kultur bilden. Genauso ist es unsere gemeinsame Aufgabe, den kreativen künstlerischen Prozessen Raum zu verleihen, die sich nach marktökonomischen Gesichtspunkten nicht rechnen, unabhängig davon, ob sie etwas mit den Kulturtraditionen in Schweden zu tun haben oder nicht. Wie viele Beispiele in der wissenschaftlichen Forschung wie in der kulturellen Entwicklung gibt es, wo das Potenzial in der Gegenwart nicht sichtbar und die Qualität nicht nach ökonomischen Gesichtspunkten messbar war! Das Schwierige mit immaterieller Kultur aus der Sichtweise des Kulturministers ist die Tatsache, dass es nicht um Sachen oder Gebäude geht, sondern um Menschen. Es genügt nicht, dass man diese Dinge im
Susanne Rosenberg; Foto: Sven Ahlbäck
Archiv findet, sie müssen ausgeübt werden und ein Publikum treffen, um sich zu entwickeln.

Was hat das alles mit der politischen Agenda der Schwedendemokraten zu tun? Gar nichts, weil es sich dort um Einwanderungspolitik dreht und nicht um Kultur. Kulturelle Traditionen werden hier nur als Schlagstock missbraucht und sind eine Form, das Gefühl von Ausgeschlossenheit vieler Menschen in einer ökonomisch globalisierten Welt auszunutzen. Aber den SD das Feld der gemeinschaftlichen kulturellen Werte zu überlassen, ist skandalös. Man muss nicht verneinen, dass es einzigartige Werte in der schwedischen Kulturtradition gibt, um den SD den Schlagstock aus der Hand zu nehmen, man muss die Debatte nicht mit ‚Skansen-Romantik‘ und ‚zeitgenössischer Kunst‘ polarisieren, um zu vermeiden, dass die Schwedendemokraten politischen Einfluss bekommen.“

Der vollständige Text sowie weitere Informationen zum Thema finden sich (leider nur auf Schwedisch) auf der Website der Organisation Folkmusiker mot främlingsfientlighet (schwed. „Volksmusiker gegen Fremdenfeindlichkeit“): go! www.folkmf.se/artiklar .


Eine Liste der exklusiv auf der Folker-Webseite erschienenen Artikel findet ihr im go! Archiv .

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Update vom
27.08.2011
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