Gesangsakrobatik ohne Worte
Der Joik der Samen

|
In Ländern und Regionen, die für ihre besondere Kultur bereits reichlich bekannt
sind, finden sich oft in den entlegensten Gebieten noch verlockende und nicht
ausgeschlachtete Kulturformen. Die Tundra im Norden Norwegens, Schwedens,
Finnlands und der äußerste Nordwesten Russlands – im Deutschen etwas
irreführend Lappland, von den Samen selbst bevorzugt Sámiland oder Sápmi
genannt – sind ein solches Gebiet.
TEXT: ANDREW CRONSHAW*
Außenstehenden sind die verschiedenen Urvölker dieser Region schlechthin als
Lappen bekannt, obwohl sie sich selbst allgemein als Samen bezeichnen. Die nach
unterschiedlichen Angaben 70.000 bis 140.000 Samen, von denen die Mehrzahl im
Norden Norwegens zu finden ist, charakterisieren sich durch ein Kulturerbe, das
von einer eigenen, noch von etwa 20.000 Menschen gesprochenen, zur
finnougrischen Sprachfamilie gehörenden Sprache und der Rentierherdenhaltung
getragen wird. Sie stellen eine kleine Minderheit im weiten Feld unter der
nordischen Bevölkerung dar, jedoch mit einer international anerkannten hohen
Kulturform, die sich besonders durch ihr musikalisches Profil auszeichnet.
Eine kleine Minderheit unter der nordischen Bevölkerung,
jedoch mit einer international anerkannten hohen Kulturform.
|
Im Zentrum der samischen Musik steht der Joik. Er ist eine unbegleitete
Solostimmenimprovisation, die auf einer bereits existierenden Melodie beruht
oder neu komponiert wird, wobei der Joiker ein breites Tonspektrum gebraucht,
um eine Person, einen Ort oder Tiere zu besingen. Generell kommt der Joik ohne
Gesangstext aus, denn er wird bestimmt von der Art und Weise, wie die Stimme zum
Einsatz kommt. Obwohl es keine festgelegten Charakteristiken oder Regeln gibt,
lässt sich der Joik leicht vom üblichen Vokalgesang unterscheiden, dabei
benutzen individuelle Joiker unterschiedliche Formen ihres Vokalrepertoires. Es
entstehen gutturale Obertöne im unteren Bereich des Kehlkopfes, die bis ins
höchste Register, ja, bis zum Falsett reichen können.
Gutturale Obertöne im unteren Bereich des Kehlkopfes,
die bis ins höchste Register reichen können.
|
Das symbolische Instrument in Sápmi ist eine ovalförmige, einfellige
Rahmentrommel, die hauptsächlich bei schamanischen Weissagungen zum Einsatz kam.
Die Trommel wurde horizontal aufgelegt und mit einem ypsilonförmigen Schlegel
gespielt. Dabei hüpfte ein von der Schwingung angetriebener kleiner Knochen oder
ein Metallstäbchen, das mit rotem, aus vorgekauter Erlenholzrinde gewonnenem
Saft benetzt war, über das Fell und zeichnete durch seine Bewegung verschiedene
bildhafte Symbole auf. Bis auf einige wenige Exemplare, die sich heute in Museen
befinden, verschwanden im achtzehnten Jahrhundert die meisten der alten Trommeln
aufgrund der radikalen Christianisierung des Nordens.
... mehr im Heft
| |

FOLKER auf Papier
|
---|
Dieser Artikel ist nur ein Auszug des Original-Artikel der Print-Ausgabe!
Bestelle sie Dir! Einfach das
Schnupper-Abo!
bestellen und
drei Ausgaben preiswert testen. Ohne weitere Verpflichtung!
Oder gleich das
Abo
?
|
|