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Die Jagd nach dem einzig Wahren
AUTHENTIZITÄT
IN FOLK- UND
WELTMUSIK
Über ein populäres Missverständnis
Trotz aufopferungsvoller Arbeit dieser Zeitschrift ist es leider immer noch so,
dass sich gewisse Fraktionen der Folk- und der Weltmusikszene teils spinnefeind
sind. Langweilige Hinterwäldler! schimpfen die einen, Arrogante
Kopfmenschen! kontern die anderen. Dabei gibt es zwischen beiden Szenen
wesentlich mehr Gemeinsames als Trennendes, nicht zuletzt die bewusste oder auch
versteckte Jagd nach der wirklich authentischen Musik. Zwei relativ aktuelle
Bücher nehmen sich dieses Themas an: ganz zentral das amerikanische
Faking It: The Quest for Authenticity in Popular Music
von Hugh Barker und Yuval Taylor sowie eher auf Umwegen das
wiederveröffentlichte englische The Imagined Village – Culture,
Ideology and the English Folk Revival
von Georgina Boyes. Wer oder was ist denn nun authentisch, und wie stehen die
Akteure der Szene zu diesem Begriff?
TEXT: MIKE KAMP
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Literaturtipps
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HUGH BARKER & YUVAL TAYLOR
Faking It: The Quest for Authenticity in Popular Music. London: Faber & Faber, 2007, 375 S., ISBN 978-0-571-22659-7
www.faber.co.uk

GEORGINA BOYES
The Imagined Village: Culture, ideology and the English Folk Revival. Leeds: No Masters Cooperative Limited, Wiederveröffentlichung 2010 (Orginal 1993), 283 S., mit s/w-Fotos.
IBN 978-0-9566227-0-9
www.nomasters.co.uk
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Es macht es Sinn, sich über die Bedeutung eines Fremdwortes klar zu werden,
bevor man Wertungen vornimmt. Der Duden ist eine gute, fundierte
Ausgangsposition, und dort erklärt man in seiner Fremdwörterausgabe das Wort
Authentizität mit den Begriffen Echtheit, Zuverlässigkeit,
Glaubwürdigkeit.
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Wunderbar, genau so sehen wir doch die Folk- und Weltmusik: echt, zuverlässig
und glaubwürdig. Martin Weber vergibt im Kölner Stadt-Anzeiger ausgerechnet
anlässlich einer Mumford-&-Sons-Konzertbesprechung explizit das Prädikat
Authentizitätsgenre Folk. Haben wir nicht irgendwann einmal gesagt, dass uns
die Rock- und Popmusik viel zu kommerziell ist, dort geht es nur um Geld, Ruhm
und schönen Schein? Wie kann eine Musik, die Stadien füllt, denn echt sein? Wenn
aber eine kleine Combo im Klub um die Ecke traditionelle englische Lieder singt,
die akustische Gitarre am Lagerfeuer erklingt, oder der ältere farbige Herr so
herzergreifend den Blues hat, das bevorzugen wir, denn das ist das wahre Ding,
die richtig echte, zuverlässige und glaubwürdige Musik. Diese Musiker sind also
authentisch. Aber sind sie und ihre Musik das wirklich?
Die Autoren von Faking It
widmen ihr komplettes, empfehlenswertes Buch dieser Frage, und sie tun das aus
einem ziemlich amerikanischen Blickwinkel. Das ändert nichts an der
Allgemeingültigkeit ihrer Erkenntnisse, zumal ihre Definition von populärer
Musik von Elvis Presley über Disco, Punk und Nirwana hin zu Folk, Weltmusik und
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Blues reicht. Vereinfacht lautet ihre These: Authentizität festzustellen, ist
ungemein schwierig, denn – höflich ausgedrückt – nicht alles, was
uns vorgesetzt wird, entspricht dem, was auf dem Label steht.
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Ein interessantes Beispiel ist der renommierte Feldforscher John Lomax, der in
der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts teils zusammen mit seinem Sohn Alan
(der die Dinge später unter dem Einfluss Woody Guthries differenzierter
betrachtete) etliche schwarze Bluesmusiker entdeckte. Ihm ging es um die
reine, die pure, unverfälschte und primitive afroamerikanische Musik. Deshalb
konzentrierte er seine Forschungstätigkeiten auf die Gefängnisse der
amerikanischen Südstaaten, weil dort die schwarzen Gefangenen hermetisch von
ihrer (weißen) Außenwelt abgeriegelt waren. Das Prinzip ist in Kunst und Politik
nicht neu: Ich bastle mir meine Theorie, suche dann nach den Dingen, die meinen
Vorstellungen entsprechen, und klammere alles andere aus. Lomax fixe Idee von
der Kraft des reinen, simplen Wilden ist jedoch doppelter Unsinn. Zum einen wird
jeder, der sich je mit afrikanischer Musik beschäftigt hat, bestätigen, dass sie
alles andere als simpel ist. Die Rhythmen alleine sind unendlich ausgefeilt. Und
zum anderen übernimmt Musik generell immer und von überall her Einflüsse. Macht
sie das nicht, existiert sie unter einer Käseglocke, stagniert und stirbt ab.
Woher kam denn die Faszination, die zum Beispiel ein Leadbelly auf sein Publikum
ausübte?
... mehr im Heft
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FOLKER auf Papier
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