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„Ein bedeutender Künstler,
aber kein Gott“

Interview mit dem Musikkritiker RICHARD GOLDSTEIN zu BOB DYLANs 65.

Bob Dylan 2006; Foto: William Claxton

Anfang Mai versammelten sich Dylanologen in Frankfurt/Main, um drei Tage lang ihr Idol anlässlich seines 65. Geburtstags von allen möglichen Seiten unter die Lupe zu nehmen: Von Politik und Recht bis zu Religion, Sprache, Kulturindustrie, Poesie und natürlich Musik reichte das Spektrum der Themen, die auf dem ersten Bob-Dylan-Kongress in Deutschland auf Einladung des Instituts für Sozialforschung und des Hessischen Rundfunks diskutiert wurden – auf hohem theoretischen Niveau, versteht sich. Entsprechend fielen auch die Berichte in Zeitungen wie u. a. dem Freitag, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung oder der Süddeutschen Zeitung aus, die per Mausklick über Google noch nachzulesen sind.

Für alle, die immer noch nicht genug von der so genannten „Ikone der Protestbewegung“ haben, sei darauf hingewiesen, dass man trotz jüngster Pleiten auf diesem Gebiet (Musicals über Elton John und die Beach Boys wurden nach wenigen Wochen abgesetzt) demnächst Bob Dylans Leben auch auf dem Broadway erleben kann – unter dem Titel The Times They Are A-Changin’ choreographiert von Twyla Tharp. Und auch die Dreharbeiten zu einer Verfilmung unter dem Titel I’m Not There sollen in diesen Tagen beginnen – u. a. mit Richard Gere, Colin Farrell und Cate Blanchett). Wer so lange nicht warten kann, dem sei Dylans wöchentliche XM-Satellitenradioshow in den USA empfohlen, in der er, über alles Mögliche plaudernd, seine Lieblingsplatten auflegt. Unser Beitrag zum Dylan-Geburtstag ist ein Folker!-Gespräch mit Richard Goldstein, der sich ausgesprochen kritisch über die aktuelle Dylan-Rezeption äußert. Der Journalist und Autor, einer der Väter der „Rockkritik“ in den USA, war 30 Jahre lang Redakteur der angesehenen Alternativzeitschrift The Village Voice und schreibt heute u. a. für die politische Wochenzeitschrift The Nation.

VON MICHAEL KLEFF

Blonde on Blonde

Infidels

The Original Mono Recordings

Wo steht Bob Dylan Ihrer Ansicht nach in seiner Bedeutung für die populäre Kultur?

Ich denke, Bob Dylan hat als Meister lyrischer Strophen einen großen Beitrag für die populäre Kultur geleistet. Er hat die Beschränkung von Texten in der Popmusik gesprengt. Durch ihn wurden sie kunst- und ausdrucksvoller. Er hat ihnen eine Bedeutung verliehen, die sie vorher nicht besaßen. Dabei wandte er eine Technik an, die er beim Lesen von Lyrik gelernt hatte. Das hat er mit seinem Wissen um die amerikanischen Musiktraditionen verbunden. So hat er eine neue Art entwickelt, einen Song zu schreiben. Das gehört heute zu den Grundlagen amerikanischen Songwritings. Darin liegt sein größter Beitrag. Damit ist aber überhaupt nichts Mystisches verbunden. Die Annahme, dass Dylan einen größeren philosophischen oder ästhetischen Einfluss auf die Kultur hätte, ist falsch.

Warum ist diese Annahme falsch? Vielleicht können Sie das etwas erläutern.

Nur wenige Künstler sind von seiner Sichtweise geprägt, nur wenige schreiben Musik so wie er. Die Ideen, die er heute vertritt, sind ausgesprochen reaktionär. Die Menschen, die sich ihm als Philosoph oder Ästhet verpflichtet fühlen, teilen seine Verbitterung über das moderne Leben. Darunter sind übrigens nicht viele junge Menschen. Junge Leute interessieren sich für sein frühes Werk, für die Songs, die er geschrieben hat, als er jünger war. Darin steckte ein Gefühl von Hoffnung und von Wut. An seine Stelle ist heute eine beschränkte, selbstgerechte und manchmal auch verächtliche Sicht der Dinge getreten. Es ist sicherlich nicht gerade hip, so etwas zu sagen. Ich glaube aber, dass diese erschreckenden moralischen Aspekte in Dylans Musik wichtig sind. Es ist ein Fehler, das zu übersehen und sich im syntaktischen Zauber seiner Formulierungen zu verlieren.

Wenn man zurückdenkt an 1963, damals stand Bob Dylan mit Joan Baez u. a. beim Marsch auf Washington mit auf der Bühne. Und heute fehlt seine Stimme bei der politischen Auseinandersetzung.

Bob Dylan und Robbie Robertson 1965

Dylan beschäftigt sich durchaus mit der Politik dieses Landes – aber mit einer rechten Gesinnung. Er ist immer noch ein sehr fundamentalistischer Künstler. Seine Ansichten über die Geschlechter sind rechts. Sie sind traditionell geprägt und beschränken Frauen auf ihre Rolle im Haus. Andere Frauen in seinen Songs beschreibt er als schamlos, böse, nicht vertrauenswürdig oder als gefährlich. Die guten Frauen in seinen Liedern sind die, die zu Hause sind und sich um ihre Männer kümmern. Das ist nur ein Beispiel für Dylans konservative politische Ansichten. Er spielt also eine Rolle für die Politik. Er steht für eine Gruppe von Menschen, deren Verbitterung über die sozialen Veränderungen in Amerika in den letzten 30 Jahren groß ist. Aus lauter Verehrung wird über diesen Aspekt, diese magische Verbindung zwischen Dylan und seinen Fans und Schülern, die seine Einstellungen teilen, nicht geredet. Nur die Komplexität seiner Texte wird herangezogen, obwohl es doch auch gerade seine Einstellung ist, die viele fasziniert. Ich finde, auch damit muss man sich auseinander setzen.

The Times They Are A-Changin'

DVD: No Direction Home 2005

Bei diesem Punkt möchte ich gerne etwas nachhaken. Es ist wirklich interessant festzustellen, dass es sehr schwer ist, Dylan zu kritisieren. Weil die meisten seiner Fans jede Kritik ablehnen. Woran liegt das?

Zunächst einmal muss gesagt werden, dass Dylan einige fürchterliche Songs geschrieben hat. Vor allem seine späteren Sachen sind von sehr unterschiedlicher Qualität. Er hat zwei schreckliche Filme gemacht. Dass er nicht immer ein guter Künstler ist, wird jedoch nicht wahrgenommen. Dass dies vielmehr als Tugend angesehen wird und alle seine Sachen als Meisterwerke eingestuft werden, mag ein Hinweis darauf sein, dass wir es hier mit etwas völlig Irrationalem zu tun haben. Dieser mystische Aspekt offenbart sich in einer Verbindung, die mit Männlichkeit zu tun hat. Viele Werte in Dylans späten Songs, und in gewisser Weise auch bei einigen frühen Sachen, sind traditionell und machohaft. Das hat meiner Ansicht nach mit Paranoia zu tun, mit der Angst vor starken Frauen, mit der Unsicherheit, sich in der modernen Welt zu bewegen, mit übertriebener Religiösität – und mit anderen Einstellungen, die typisch für Machoverhalten sind. Seine Musik ist ebenfalls sehr patriarchalisch. Die biblischen Aspekte seiner Songs unterstreichen den patriarchalischen Gehalt des judäisch-christlichen Glaubens. Bei Dylan geht es um männliche Rituale. Der Kult um ihn, seine Verehrung und die Unfähigkeit, Qualitätsunterschiede festzumachen, sowie die Kritik an jedem, der diese Dinge beim Namen nennt, zeugen von der Irrationalität, mit der wir es hier zu tun haben. Darin liegt die große Gefahr der Dylan-Schüler. Dass sie dies nicht erkennen und nicht unterscheiden zwischen dieser Machoverbindung und dem wirklichen Künstler und seinen Verdiensten.

Bob Dylan

Das bedeutet ja auch, dass diese Einschätzung sehr viel aussagt über seine Fans, seine Kritiker und über Dylan selbst.

Als Konservativer sagst du: „Ja, ich stimme ihm zu. Ich glaube an das Patriarchat. Ich mag ihn, weil er meine Ansichten teilt.“ Als Liberaler oder Progressiver kannst du das natürlich nicht sagen. Also unterdrückst du die wahren Gründe, die ihn für dich interessant machen. An ihre Stelle setzt du etwas, das mit dem Zauber seiner Poesie zu tun hat – mit der Größe oder auch „Heiligkeit“ des künstlerischen Prozesses. Du betrachtest nur den Text und siehst den Zusammenhang nicht, in dem das Werk steht – seine Bedeutung und seinen moralischen Gehalt. Wenn die Leute das erkennen würden, kämen sie zu einer realistischeren Einschätzung Dylans. Er ist natürlich ein bedeutender Künstler. Aber er ist kein Gott.

Vielleicht noch eine Frage zum Buch Chronicles, das ja von vielen Kritikern als eine wirklich neue Form von Autobiographie gelobt worden ist. Auf der anderen Seite gibt es Zeitzeugen, die von Dylan in dem Buch erwähnt werden, die sich aber ganz anders an das Ereignis erinnern, als Dylan es beschreibt.

Ich glaube, dass man Dylan überhaupt nichts glauben darf, was er über sein Leben sagt. Er hat immer Geschichten über sich erfunden. Das ist Teil seiner Persönlichkeit, dass er sein wahres Selbst nicht offen legt. Seine Autobiographie sollte daher nicht unbedingt in jedem Punkt als faktisch angesehen werden. Für mich ist es auch stilistisch kein so herausragendes Werk. Es unterscheidet sich aber von seiner bisherigen Art zu schreiben. Das Buch ist so klar und verständlich, dass ich mich frage, ob er es überhaupt selbst geschrieben hat. Oder zumindest nicht ohne große lektorische Hilfe.


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Update vom
03.05.2011
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