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Joan Baez - Foto: Dana Tynan

Ein Stück Zeit- und Musikgeschichte

JOAN BAEZ
    mit siebzig

Den Menschen Mut machen, den Herrschenden ein Dorn im Auge sein

go! www.joanbaez.com

AUSWAHLDISKOGRAFIE:
Joan Baez
(Vanguard, 1960; Debütalbum)
The First Ten Years
(Zusammenstellung; Vanguard, 1970)
Diamonds - The Best Of The Vanguard Years
(Boxset; Vanguard, 1991)
Rare, Live & Classic
(Boxset; Vanguard, 1993)
Live At Newport
(Vanguard, 1996)
Complete A&M Recordings
(Boxset; A&M, 2003)
Day After Tomorrow
(Razor & Tie, 2008)

Über sechzig Plattenproduktionen, acht Goldene Schallplatten, sechs Grammy-Nominierungen, einen Grammy für ihr Lebenswerk und mit „The Night They Drove Old Dixie Down“ ein Nummer-eins-Hit: Das sind nur einige der Erfolgsdaten der musikalischen Seite der Karriere der „Queen of Folk“. Die andere Seite ihres Lebens ist von sozialem und politischem Engagement geprägt. Dafür wurde die amerikanische Künstlerin verfolgt – Gefängnisse hat Joan Baez mehr als einmal von innen gesehen -, aber auch geehrt, unter anderem mit zwei Ehrendoktortiteln. Am 9. Januar wurde die Tochter eines mexikanischen Physikers und einer schottischen Lehrerin siebzig.

„Das kann eine Regierung schon das Fürchten lehren, wenn man sich auf einmal nicht nur auf das Singen beschränkt.“

TEXT: MICHAEL KLEFF

„Hallo Newport – fünfzig Jahre später. Guter Gott, hier sind wir immer noch.“ Mit diesen Worten betrat Joan Baez im August 2009 beim Jubiläum des Newport Folk Festivals die Bühne. Schon im Juli 1959, als das heute legendäre Ereignis zum ersten Mal stattfand, war sie dabei. In Newport begann die Karriere der damals 18-jährigen Sängerin. „Joan Baez war ein junges Mädchen“, erinnert sich George Wein, der heute 85 Jahre alte Mitbegründer des Festivals. „Sie hatte sich gerade aufgemacht, ihren Weg in der Folkszene zu gehen. Drei Tage lang stand sie damals am Backstageeingang, damit ihr ja kein Künstler entging.“ Und dann holte Bob Gibson die Sängerin am Ende seines Auftritts auf die Bühne.

Joan Baez und Bob Dylan 1963

Nach ihrem sensationellen Erfolg in Newport avancierte Joan Baez schnell zur ungekrönten „Königin der Folkmusik“. Ihre im Oktober 1960 veröffentlichte Debüt-LP Joan Baez wurde zur meistverkauften Folkmusikplatte in den USA. Schnell folgten weitere Studioproduktionen und ausverkaufte Konzerte. Innerhalb kürzester Zeit wurde sie zur Symbolfigur sowohl gegen saturierte Bürgerlichkeit als auch gegen hohlen Pazifismus. Sie verweigerte dem amerikanischen Fiskus Steuern, weil davon Gelder an die Armee abgeführt wurden, sie fuhr barfuß Auto, als sie bereits ein Star war. Und sie litt an der unerfüllten Liebe zu einer weiteren Symbolfigur der Sechzigerjahre: Bob Dylan. Mit ihren Liedern kämpfte sie gegen die Rassentrennung in ihrer Heimat, gegen den Vietnamkrieg, gegen Menschenrechtsverletzungen in Chile und Südafrika ebenso wie in Osteuropa. Eine Haltung, die auch in ihrer fünfjährigen Ehe mit dem Aktivisten David Harris zum Ausdruck kam, mit dem sie einen Sohn hat. 1963 beteiligte sich Joan Baez beim legendären Marsch der Bürgerrechtsbewegung auf Washington, bei dem Martin Luther King seine berühmte Rede „Ich habe einen Traum“ hielt. „Man forderte auch mich auf zu singen“, erzählt sie, „und wir stimmten ‚We Shall Overcome‘ an. Das war für mich einer dieser historischen Momente. Ich bin bis heute glücklich, dass ich dabei war.“ 1972 verbrachte Baez zwölf Bombennächte im umkämpften Hanoi, 1976 war die Streiterin gegen Unrecht in Nordirland, in den Achtzigerjahren in Nicaragua und in Polen bei Lech Walesa. Auch beim großen Live-Aid-Konzert für die Hungernden in Äthiopien stand sie 1985 auf der Bühne. Sie setzte sich für die Mütter der Verschwundenen in Argentinien ebenso ein wie für die Opfer jeglichen Terrors, wie dem südafrikanischen Studenten Steve Biko.

DVD-TIPP:
Joan Baez – How Sweet The Sound (Razor & Tie, 2009)

Der Film dokumentiert das Leben und die Karriere von Joan Baez; mit seltenen Archivaufnahmen, darunter ihr Auftritt beim Newport Folk Festival 1959 und ein Konzert als Teenager im historischen Club 47 in Cambridge, Massachusetts, sowie sehr persönliche Interviews unter anderem mit David Crosby, Bob Dylan, David Harris, Reverend Jesse Jackson, Roger McGuinn, Steve Earle und Václav Havel. Die Bonus-CD enthält den DVD-Soundtrack mit fünfzehn Songs.

Zwar hat die „andere Stimme Amerikas“ weder Nixon noch Reagan verhindern können. Dennoch ist die „Jeanne d’Arc des Folksongs“, wie Baez auch oft genannt wurde, sicher, dass sie mit ihren Liedern den Menschen Mut machen konnte und den Herrschenden ein Dorn im Auge war. „CIA, FBI und KGB wären mir sonst wohl kaum um die halbe Welt gefolgt“, meint die Musikern und ergänzt: „Was sehr schmeichelhaft für mich ist. In einem Saal voller Menschen steckt eine enorme Kraft. Das kann eine Regierung schon das Fürchten lehren, wenn man sich auf einmal nicht nur auf das Singen beschränkt.“

Joan Baez 2010

Anfang der Achtzigerjahre – mit dem Ende der Protestwelle – wurde es auch um Joan Baez etwas ruhiger. 1986 gelang ihr bei der ersten Tournee für Amnesty International in den USA mit U2, Police und Bob Geldof ein Comeback. Nach siebenjähriger Pause veröffentlichte sie dann 1987 mit Recently eine Platte, die schon andeutete, was bei den Nachfolgealben Speaking Of Dreams und Play Me Backwards noch deutlicher wurde: Die US-amerikanische Künstlerin wollte endlich einmal die Politik hintenan und die Musik in den Mittelpunkt ihrer Karriere stellen. „Es ging mir darum, endlich einmal nur für die Musik da zu sein“, sagte Baez damals zur Begründung. „Natürlich ändert das nichts an meinen inneren Gefühlen und meinen Einstellungen. Aber ich muss mir ernsthaft Gedanken darüber machen, wie viel Zeit mir mit meiner Stimme bleibt. Dieser Gabe schulde ich einfach, andere Sachen zurückzustellen. Ich weiß, dass es Leute gibt, die das schockiert. Es kommt jetzt darauf an, wie viele Stunden ich am Tag übe, dass ich meinen Körper im Interesse meiner Stimme in Form halte, dass ich mir neue Musik anhöre, um an einem neuen Album arbeiten zu können, dass ich einen Manager einstelle und eine Promotiontour plane – wie das andere auch tun.“

„Die Leute in unserer Regierung sind verrückt. Doch die breite Masse der amerikanischen Bevölkerung hält sie für Helden.“
(1986)

Ein weiterer Grund, dass die Alben der Singer/Songwriterin seinerzeit mehr von Musik und Gesang als von Politik geprägt waren, lag in den Jahren der Präsidentschaft Ronald Reagans. Dazu sagte sie vor fast 25 Jahren: „Die Leute in unserer Regierung sind verrückt. Doch die breite Masse der amerikanischen Bevölkerung hält sie für Helden. Das ist so ungemein frustrierend, dass ich mich für eine Weile zurückgezogen habe und versuche, Geduld zu zeigen.“

Auch vom Aussehen her erinnert schon lange nichts mehr an die junge Protestsängerin der Sechziger, die mit wallenden Gewändern und barfuß auf die Bühne kam. Mit kurzgeschnittenem Haar und edlem Goldschmuck erscheint sie elegant und damenhaft. Doch spätestens mit der Wahl von George W. Bush war es auch mit der Geduld Joan Baez’ vorbei. Im September 2005 stand sie in Washington bei einer Großdemonstration gegen den Irakkrieg und die Bush-Administration auf der Bühne. Und 2008 trat sie zum ersten Mal überhaupt öffentlich für einen politischen Kandidaten auf und engagierte sich für die Wahl Barack Obamas. In dem Steve-Earle-Song „Christmas In Washington“ – einem von vielen Stücken mit politischem Inhalt auf ihrem 2005 erschienenen Album Bowery Songs – beschwört sie die Rückkehr Woody Guthries als Ratgeber in politisch schwieriger Situation. „Die Zeiten haben sich geändert“, sagte sie zur Begründung ihrer Titelauswahl.

Joan Baez 2009

Steve Earle produzierte auch ihr bislang letztes Studioalbum Day After Tomorrow. Darauf singt Baez Coverversionen von Songs unter anderem von Elvis Costello, T Bone Burnett und Eliza Gilkyson. Für sie bedeutet das eine Rückkehr zu ihren Anfängen: „Eigene Lieder habe ich erst geschrieben als ich Ende zwanzig war. Als einige Leute meinten, ich sollte meine eigenen Stücke singen. Das habe ich dann eine ganze Zeit lang getan. Aber seit etwa zehn Jahren bin ich wieder dahin zurückgekehrt, die Lieder anderer zu interpretieren.“

Mit siebzig setzt Joan Baez auch privat neue Prioritäten. Im Juni 2009 veröffentlichte sie auf Youtube eine Neufassung von „We Shall Overcome“ mit einigen Strophen auf Persisch – zur Unterstützung der Opposition im Iran. Dennoch will die Künstlerin nicht mehr in der vordersten Linie politischer Auseinandersetzung auftreten. „Natürlich werde ich mich auch weiterhin engagieren. Aber ich will jetzt auch Zeit mit meiner Familie verbringen. Das ist früher bei mir zu kurz gekommen. Da sind meine Mutter, mein Sohn und mein Enkelkind, mit denen ich zusammen sein will. Auch wenn das nicht dem Bild entspricht, das viele von mir haben. Ich bin aber weiterhin auf Tour und melde mich von der Bühne aus zu Wort. Zudem stehe ich für ein Stück Geschichte. Das heißt der halbe Job ist für mich schon vollbracht.“

„Ich stehe für ein Stück Geschichte. Der halbe Job ist für mich schon vollbracht.“

Und die Abkehr von großer Bandbesetzung, mit der Joan Baez noch vor fünf Jahren auftrat, sowie die Rückbesinnung sowohl auf das eigene alte Material als auch auf Coverversionen bedeutet zudem nicht, dass sie keine politischen Lieder mehr singt. Wie der Titelsong ihrer aktuellen CD zeigt: „Day After Tomorrow“ von Tom Waits. „Es handelt von einem 21 Jahre alten Soldaten. Wahrscheinlich im Irak oder in Afghanistan. Aber wenn ein Song so genial ist, dann lässt sich die Geschichte auf jeden Soldaten überall übertragen.“

Joan Baez

Anlässlich des sechzigsten Geburtstags von Joan Baez gratulierte der heute 92-jährige Pete Seeger mit diesen Worten: „Joan ist etwas gelungen, was nur sehr wenige schöne Frauen schaffen: zu einer reifen Persönlichkeit heranzuwachsen und ihr Publikum zu behalten. Jedes Jahr bekommt irgendein Star mit Sex-Appeal viel Aufmerksamkeit. Nur wenige Zeit später ist es irgendein anderes Promi-Sternchen. Aber gelegentlich tauchen ungewöhnliche Frauen auf. Marlene Dietrich war eine. Ich denke, Madonna gehört dazu. Und Joan. Sie zeigen, dass es oft darauf ankommt, was du machst. Und Joan hat wunderbare Sachen vollbracht. Ich ziehe meinen Hut vor ihrem Einsatz für den Frieden überall auf der Welt. Ich wünsche ihr ein langes, langes Leben. Ich hoffe, dass sie hundert wird und dass ihre Freunde und ihre Familie sie bei allem unterstützen.“ Ein Urteil, das immer noch Bestand hat.


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Update vom
09.03.2011
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