Italienische Blaskapellen

Vom Trauer- zum Protestmarsch

Processione dei Misteri in Trapani
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AUSWAHLDISKOGRAFIE:

Banda della Scuola Popolare di Musica del Testaccio, Azzurro Mediterraneo (CNI Music, 2006)
Das blaue Mittelmeer dehnt sich von Portugal bis Indien aus, und mit „Bhangra Tripper“ erweist die Truppe einer Beatband aus Liverpool die Ehre.

Bandadriatica, Contagio (Finisterre, 2007)
Melodien und Lieder aus Adriahäfen Italiens, Albaniens oder Kretas, von traditioneller Blasmusik bis ganz schön schräg. Der Bandleader der Brassband spielt Akkordeon und singt - und wie!

Banda Ionica, Passione (Dunya, 1997)
Banda Ionica, Matri Mia (Felmay, 2002)

Circo Diatonico, La Banda (Finisterre, 2007)
Musik für den Kleinzirkus. Die Frontfrau der Band spielt Akkordeon und singt.

Fanfara Populara, Vita da Coni (Eigenverlag, 2007)
Stücke wie „Bollywood Party“ oder „Tuba Libre“ wechseln mit Tarantellas ab. Speziell: In der Blaskapelle haben auch Flöten und Dudelsack Platz.

Girodibanda - Cesare Dell’Anna feat. Esma Redzepova, Girodibanda (11/8 Records, 2008)
Live aufgenommen auf der Piazza San Pietro in Galatina, Puglia. Brassband mit vielen Gastsängerinnen und -sängern und einem charismatischen Bandleader. Die beigelegte DVD ist ein herrlicher Beweis für die gewaltige Kraft dieser Musik.

La Banda di Palermo, K. (Sparta Records, 2008)
Ein Akkordeonist und Sänger, drei Bläser, ein Bassist und ein Trommler - auch das ergibt eine Blasmusik

Mirco Menna & Banda di Avola, E L’Italiano Ride (Felmay, 2009)

In deutschsprachigen Ländern spielen Blaskapellen zur Einweihung eines neuen Feuerwehrgebäudes auf. Pauken und Trompeten sorgen für Ausgelassenheit im Karneval. Eine etwas andere Geschichte schreibt die Blasmusik in Italien. Dort schreitet die Blaskapelle hinter dem Sarg und der Trauergemeinde durch die Straßen des Dorfes und spielt das Requiem von Verdi. Andernorts verschaffen sich Straßenaktivisten der linken Szene mit Saxofon, Klarinette und Trompete Gehör. Und der Cantautore Mirco Menna zerpflückt die Italianità zu Klängen einer sizilianischen Brassband.

TEXT: MARTIN STEINER

Karfreitag, Trapani, Sizilien. Ihre Schritte bleischwer, Schweiß auf der Stirn, auf ihren Schultern tonnenschweren Holzheilige. Mit letzter Kraft schieben die Männer sich und ihre zwanzig lebensgroßen Figuren, die den Leidensweg Christi darstellen, durch die engen Gassen der Stadt voran. Bis zur Erschöpfung. Um 14 Uhr, begann die Prozession. Einen langen Tag und eine lange Nacht sind sie unterwegs. Bald haben sie es geschafft. Begleitet werden die Männer und ihre Heiligen von Trommlern mit weißen Kapuzen, heiligen Veronikas, die ein Tuch mit dem Abbild Christi tragen, und – zwanzig Blaskapellen. Unablässig blasen diese Trauermärsche mit fünfzig langsamen Schlägen pro Minute. Ab und an blökt eine Posaune, die Trompeten weinen, dumpf schallen die Paukenschläge auf dem Pflaster. Am Samstagmittag stellen die Männer ihre Figuren wieder an ihren
Banda Roncati  in den Strassen von Sansepolcro
ursprünglichen Platz in der Kirche. Endlich kommen die geschundenen Schultern, Füße, Münder und Ohren zur Ruhe.

„Jeder darf mitspielen,
egal ob er lediglich
drei Noten spielen kann
oder Berufsmusiker ist.“

(Matthias Bürker)

Der Ursprung der Processione dei Misteri, der Mysterienprozession, liegt in Spanien. Seit vierhundert Jahren feiert man sie so oder ähnlich auch in vielen Städten Siziliens und Süditaliens. Die Herkunft der sizilianischen und süditalienischen Blasmusik liegt hingegen nicht in Spanien. Im 19. Jahrhundert schrieben Verdi, Puccini, aber auch weniger bekannte Zeitgenossen wie Amilcare Ponchielli oder Pietro Mascagni Opern und Trauermärsche für Blasorchester. Viele dieser Werke sind in Vergessenheit geraten. Die Trauermärsche jedoch haben vor allem im Süden des Landes überlebt.

„Blaskapellen waren
in Italien schon
immer eng mit der
Arbeiterbewegung
verbunden.“

Einen starken Einfluss auf die Entwicklung der Blasmusik in Italien hatten die ab 1943 dort stationierten US-Soldaten. Neben Jazz hörten die GIs vor allem amerikanische Populärmusik: Doris Day oder Frank Sinatra, die ihre Schlager zur
Mirco Menna und Banda di Avola
Bigbandbegleitung sangen. Italien entdeckte Hollywood – und Hollywood entdeckte Italien. Ennio Moricone, 1928 in Trastevere bei Rom geboren, schrieb Soundtracks zu über fünfhundert Filmen. Der Mailänder Nino Rota war Fellinis Hauskomponist und schrieb die Musik zu Der Pate. Ihr musikalischer Hintergrund – Opern, Trauermärsche und Bigbandjazz – war genau die Mischung für die Epen Hollywoods.

Banda Ionica

Samstag, 24. April 2010, Sansepolcro. Fanfarenstöße von Blechbläsern dringen durch die Altstadtgassen der toskanischen Kleinstadt und locken die zahlreichen Passanten an. Die schräge Kapelle, die auf eine alternative Kulturwoche aufmerksam macht, nennt sich Banda Roncati. Auch ihre Musik lässt Filme im Kopf entstehen. Langsame Parts wechseln mit Volksliedern, Politsongs und Jazz ab. Die Banda Roncati ist eine Überlebende der Blaskapellen, die sich Ende der Achtzigerjahre in der alternativen Szene Bolognas formierten. Ihr Name bezieht sich auf das Ospedale Psichiatrico Roncati, wo die Banda 1992 für die Patienten der Klinik ihr Eröffnungskonzert gab.

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Update vom
27.12.2010
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