Afrocubism

Buena Vista 2.0
Afrocubism

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CD:
Afrocubism
(World Circuit/Indigo, 2010)

Afrocubism

Was war das doch damals gemütlich und überschaubar im Sommer 1996. Ein kleines Büro unterm Dach in der Londoner Innenstadt, drei Leute, drei Schreibtische, drei Bildschirme. World Circuit, eine nette, kleine und auf Qualität bedachte Plattenfirma, bestehend aus ihrem Chef Nick Gold, seiner fleißigen Mitarbeiterin Jenny Adlington und einem Praktikanten. Doch das, woran hier in diesem Sommer gearbeitet wurde, sollte die Welt in Staunen versetzen und aus der kleinen Klitsche ein Unternehmen mit gut ein Dutzend festen Mitarbeitern werden lassen. Das wusste nur noch niemand. Man ahnte zwar, dass man ein paar pfundige Diamanten zutage gefördert hatte. Doch dass diese sich nach dem Schliff als lupenrein erweisen würden, das ahnte man nicht. Gerade erst war Nick Gold aus Havanna zurück, wo er in kürzester Zeit drei Alben in den staatlichen EGREM-Studios zustande gebracht hatte, wenn auch nur eines davon so geplant war. Auf zwei CDs war das Vorhaben ursprünglich ausgelegt. Zum einen die Afro-Cuban All Stars. Das Album sollte an die afrikanische Vergangenheit der kubanischen Musik erinnern. Und dann der Buena Vista Social Club, wo afrikanische und kubanische Musiker zusammen die Gegenwart präsentieren sollten. Als drittes fiel noch das erste Soloalbum von Rubén González dabei ab. Das Album Afro-Cuban All Stars konnte seinen Stapellauf in etwa so erleben, wie vorgesehen. González war eine nette Dreingabe, ganz am Schluss draufgelöffelt wie Schlagsahne auf die heiße Schokolade, aber eigentlich nicht vorgesehen. Was herausragte war Buena Vista. Denn Buena Vista sollte so überhaupt nicht sein, etwas ganz anderes war geplant. Das wurde jetzt mit dem Album Afrocubism nachgeholt.

TEXT: LUIGI LAUER

Afrocubism Montage

Für Nick Gold, den damals noch jungen Chef von World Circuit, spielte sich in Havanna eine Katastrophe ab. Der finanzielle Kraftakt dieses für ihn bis dahin größten Projektes hätte ihn ruinieren können. Doch das, was er aus dem Desaster machte, bewirkte das Gegenteil. Der Buena Vista Social Club, der zu Beginn der Aufnahmen noch nicht einmal einen Namen hatte, wurde zu der Sensation der Sparte Weltmusik schlechthin, und nur Paul Simons Album Graceland verkaufte sich in derselben Liga noch öfter. Den Überblick über die Verkaufszahlen hat Gold längst verloren, irgendwo jenseits der acht Millionen müssen es sein. Sicher aber spülte das Album ein Vielfaches dessen an Geld ein, was die ganze Plattenfirma vorher wert war. Und die Musik der alten Herren aus Kuba ging um die Welt, wozu auch der Film von Wim Wenders beitrug.

Damals in Havanna war eigentlich ein echtes Treffen von afrikanischen und kubanischen Musikern geplant. Aus Mali sollten Bassekou Kouyaté, Ngoni, und Djelimady Tounkara, Gitarre, anreisen. Doch die Pässe, die sie zur Visaerteilung nach Ouagadougou geschickt hatten, kamen nie zurück. Ohne irgendetwas in der Hand, sammelte man in Havanna schnell ein paar Reservemusiker ein, die Auswahl der Lieder geschah teilweise noch im Studio selbst, und heraus kam das wunderbare Album Buena Vista Social Club. Jetzt, vierzehn Jahre später, wurde zu Ende gebracht, was damals aufgrund von ein paar Papieren scheiterte. Afrocubism heißt das wohlklingende Ergebnis, über das Nick Gold in den Livingston Studios in London sprach.

Nick Gold

Das sind doch die Studios von Jerry Boys, der die ganzen Buena-Vista-Sachen und vieles andere für dich aufgenommen und gemischt hat?

Das tut er auch noch. Aber jetzt sind es meine Studios, ich habe sie ihm abgekauft.

Hat er dir einen guten Preis gemacht?

Na ja, da bin ich mir noch nicht so ganz sicher. (lacht)

Wie kam es, dass ihr das Projekt nach so langer Zeit nun doch noch in der ursprünglich geplanten Art umgesetzt habt?

Eliades Ochoa, Djelmady Tounkara und Bassekou Kouyaté

Jedes Mal, wenn ich über die Jahre Bassekou Kouyaté oder Djelimady Tounkara traf, fragten sie: Wann machen wir die Platte denn jetzt? Aber es gab nie einen günstigen Moment. Und dann bekam ich mit, dass Eliades Ochoa mit seiner Grupo Patria und gleichzeitig Bassekou Kouyaté auf Tournee waren. Beide hatte eine Woche frei mittendrin, und beide Gruppen waren in derselben Woche in Madrid. Und da war sofort klar: Das ist eine gute Gelegenheit, wir brauchen nur noch ein paar Musiker einzufliegen. Vielleicht war das ja ein Zeichen von irgendwoher. Es hat sich sozusagen selbst auf dem Silbertablett präsentiert, das musste man machen. Wir haben dann schnell ein Studio in Madrid gemietet, eines mit einem großen Aufnahmesaal, denn wir wollten so arbeiten wie bei Buena Vista, wo alle gleichzeitig in einem Raum zusammen spielen.

Spielen schon, aber in welcher Sprache haben sie denn miteinander gesprochen?

Reden konnten sie nicht miteinander. Die Malier sprachen französisch, die Kubaner spanisch. Musikalisch ging das aber. Wenn sie eine Idee austauschen wollten, haben sie die einander vorgespielt.

Baba Sissoko und Eliades Ochoa

Wurde das Repertoire für das Album im Vorhinein festgelegt?

Wir hatten nur vier Tage, weshalb wir erst mal nicht davon ausgingen, dass wir eine Platte aufnehmen. Es war eher ein Versuchsballon, damit sie sich kennenlernen, um zu sehen, ob es überhaupt funktioniert, um das Eis zu brechen. Ich dachte, wir machen vielleicht drei, vier Lieder, und später kommen wir noch mal zurück, buchen richtig ein Studio und machen dann die Platte. Aber es lief so prima, dass wir am Ende mit siebzehn, achtzehn Liedern dastanden. Das ging unglaublich ab! Die hatten ja nie vorher zusammengearbeitet, die Kubaner und die Malier hatten sich vorher nie getroffen. Ich hatte ihnen vorher die Musik der jeweils anderen geschickt, und sie mochten sie alle auf Anhieb. Sie waren auch ganz aufgeregt, als es losging, alles war mit Energie geladen, und das lag wohl auch daran, dass die Idee schon so lange schwelte. Sie hatten ihre Begeisterung für die Idee nie verloren. Wir haben uns zwar später doch noch mal in Madrid getroffen, aber neunzig Prozent des Albums gingen aus der ersten Session hervor.

Kam der Titel Afrocubism genauso zufällig zustande wie der für Buena Vista? Oder hatte Picasso da seine Finger im Spiel?

Eliades Ochoa, Kasse Mady Diabaté und Bassekou Kouyaté

Als mir der Titel einfiel, wollten wir tatsächlich erst ein Bild von Picasso fürs Cover haben, sein kubistisches Gemälde „Die drei Musikanten“. Aber die Verhandlungen wegen der Rechte wurden mir dann irgendwann zu blöd. Namensgebend war aber eigentlich eine Gruppe aus England in den Fünfzigern, Kenny Graham’s Afro-Cubists, eine Band, die kubanischen Jazz spielte. Aber ich mochte immer schon den Namen „Afro-Cubists“, da kommt er her.

Geklaut also.

Ja. (lacht) Öh, nein! Nur inspiriert von …! (lacht)

Wie nahe kommt Afrocubism dem, was dir damals vorschwebte?

Nick Gold mit Rubén González

Wenn die Afrikaner damals gekommen wären, hätte es ein völlig anderes Album gegeben als das, das wir jetzt gemacht haben. Das Repertoire wäre zu hundert Prozent kubanisch gewesen, da wir keinen Sänger aus Mali vorgesehen hatten. Wir hätten damals also Gastinstrumentalisten, Gastsolisten auf einer kubanischen Platte gehabt. Es wäre nicht das Fifty-fifty-Projekt geworden, das wir jetzt haben. Hätten die Afrikaner damals kommen können, als wir Buena Vista machten, wären nicht so viele Kubaner dabei gewesen, und erst recht nicht die, die wir fanden, als wir uns nach anderen Möglichkeiten umschauen mussten – wie Omara Portuondo, Ibrahim Ferrer oder Rubén Gonzaléz, denn die waren ursprünglich nicht vorgesehen. Sie kamen nur im Rahmen von „Plan B“ dazu. Ohne sie wären auch nicht dieselben Lieder auf Buena Vista gelandet. Wir mussten uns halt etwas anderes ausdenken, weil die Malier fehlten. Buena Vista wäre nicht geworden, was es wurde, wenn die Afrikaner gekommen wären. Ich würde sagen, es ist jetzt mehr, als es damals geworden wäre. Denn diesmal hatten wir zusätzlich den Gesang, und wir hatten Kora, Balafon und Ngoni, diese uralten Instrumente. Sie verschmolzen perfekt in dieser Musik. Außerdem konnten besonders die Malier inzwischen auf vierzehn Jahre internationale Erfahrung in etlichen Kollaborationen zurückblicken, sie haben mächtig dazugelernt in dieser Zeit und waren für dieses Projekt jetzt sicher besser geeignet als je zuvor.

Nick Gold mit Toumani Diabaté

Wie weit mussten sich die Musiker aufeinander zu bewegen, sich öffnen für die andere Musizierpraxis?

Die eigentliche Öffnung kam von den Kubanern. Denn während kubanische Musik in Westafrika seit fünfzig Jahren der Renner ist, war afrikanische Musik in Kuba mit dem Beginn der Sklavenverschiffung vor ein paar hundert Jahren der Renner. Aber alles war von gegenseitigem Respekt geprägt, sie bezichtigten sich gegenseitig, die größeren Meister ihres Faches zu sein. Jeder war gehalten, ein paar Lieder mitzubringen und war für die dann im Studio auch zuständig. Einen Chef gab es nicht.

Toumani Diabaté, Bassekou Kouyaté und Eliades Ochoa

Hätte Afrocubism den Erfolg haben können, den Buena Vista hatte?

(lange Pause) Das kann niemand mehr sagen. Unmöglich, das zu sagen. Ich weiß es nicht. Aber vermutlich nicht.


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Update vom
28.12.2010
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