EDITORIAL

Liebe Musikfreundinnen und -freunde,

rechtzeitig zum Liederfest 2010 ist das Dreifachalbum Maurenbrecher für alle erschienen. Darauf interpretieren rund sechzig Künstler von Ulla Meinecke bis Reinhard Mey Titel des diesjährigen Liederpreisträgers. Der Preis wird am 19. November im Rahmen einer Gemeinschaftsveranstaltung der Liederbestenliste mit MDR Figaro auf dem Theaterkahn in Dresden verliehen (Infos unter go! www.liederbestenliste.de ). Bei dem Konzert wird auch der Förderpreisträger 2010 der Liederbestenliste, Felix Meyer, auftreten. Maurenbrecher und Meyer sind die Titelbeiträge dieser Folker-Ausgabe gewidmet. Ob die Botschaft des Preisträgerliedes „Hoffnung für alle“ allerdings auch für die Liederbestenliste selbst zutrifft, ist fraglich. Das 27. Liederfest könnte das letzte sein. Nachdem bereits der SWR im vergangenen Jahr seinen Rückzug erklärt hatte, ist dieses Mal auch der BR nicht mehr dabei. DieBayern hielten es nicht einmal für nötig, den Verantwortlichen „offiziell“ mitzuteilen, dass und warum der Sender sich am Mitschnitt des Liederfestes nicht mehr beteiligen will. Inoffiziell hieß es, dass in der Liederbestenliste nicht genug Comedy vertreten sei. Eine Anfrage des Folker nach den Gründen für den Schritt des BR bei der verantwortlichen Redakteurin blieb ohne Antwort. So viel zum Selbstverständnis mancher Vertreter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks!

Sehr zur Enttäuschung aller Anhänger der Haltung „Wo bleibt denn hier das Positive?“ gibt es noch weitere schlechte Nachrichten. Mit Dirty Linen ist in den USA eine weitere Folk- und Weltmusikzeitschrift vom Printmarkt verschwunden, nachdem in diesem Segment bereits No Depression, Rhythm und Performing Songwriter das Handtuch geschmissen hatten. Das letzte, jedoch ebenfalls hart ums Überleben kämpfende US-amerikanische Printorgan ist jetzt das Traditionsmagazin Sing Out!. Und was gibt es diesbezüglich aus Deutschland zu berichten? Nach der Promotionagentur Ueberzahl hat auch das Label Cooking Vinyl seine Pforten in Deutschland geschlossen. Begründet wurde dies mit den schlechten Marktbedingungen für Audiotonträger.

Doch kommen wir zurück zum Inhalt des aktuellen Folker. Wir hatten eigentlich ein Porträt der US-Band Old Crow Medicine Show geplant, die gerne auch als „The Clash des Bluegrass“ bezeichnet werden. Ein Interview war über den deutschen Promoter vereinbart worden. Doch dann rief das US-Management „Halt!“, die Band würde vor Konzerten keine Interviews geben. Als „Ersatz“ wurde ein fünfzehnminütiges Telefoninterview angeboten. Das lehnte die Redaktion dankend ab. Ein sinnvolles Gespräch lässt sich in dieser Zeit nicht führen. Von einem Mitglied der Band erfuhren wir nachträglich, dass die Musiker überhaupt nichts gegen Interviews an Konzerttagen einzuwenden haben und dass auch das Zeitlimit für das Telefoninterview auf das Management in den USA zurückging. Ich lebe und arbeite ja nun seit Mitte der Neunzigerjahre teilweise in New York und habe regelmäßig Kontakt zu US-Managern. Meine Erfahrung ist, dass viele von ihnen eine Arroganz an den Tag legen, die oft schlimmer ist als die der Politiker. Offensichtlich herrscht dort der Glaube vor, alle Welt drehe sich um die USA. Ich kann deutschen Promotern nur empfehlen, sich die Verantwortung für Interviews vertraglich zusichern zu lassen, wenn sie die Tour eines Künstlers organisieren. Denn in der Tat wissen viele Musiker gar nicht, was über ihre Köpfe hinweg entschieden wird.

Im Gastspiel dieser Ausgabe kommt mit Stefan Kahé ein Vertreter der Labelpromoter zu Wort, um aus seinem Alltag zu erzählen. Ich erinnere mich noch gut daran, dass ich mich, als es noch Radio Brandenburg und sein weltmusikalisches Kulturmagazin „Al Globe“ gab, dort als Moderator unter der Überschrift „Waschzettel der Woche“ regelmäßig mit Pressemitteilungen von Plattenfirmen beschäftigt habe. Es ist nämlich wirklich erstaunlich, Texte zu lesen, bei denen man vor lauter heißer Luft kaum noch zum Atmen kommt. Ganz abgesehen davon, dass immer wieder haarsträubende Fehler bei den Fakten gemacht werden, die sich dann in Beiträgen von Kolleginnen und Kollegen wiederfinden, die auf eine eigene Recherche verzichten.Gleich zwei „Neuerungen“ weist der Folker zum Ende des Jahres auf, die vor allem die „aktiven“ Musiker erfreuen werden. Wie in Heft 4/2010 angekündigt, geben wir einmal ab sofort Künstlern und Bands, die am Anfang ihrer Karriere stehen, die Gelegenheit, sich in Form einer Selbstdarstellung vorzustellen. Dies erfolgt regelmäßig in der Rubrik „Szene“ unter der Überschrift „Neu auf deutschen Bühnen“. Bisher gab es eine rege Beteiligung, und auf www.folker.de findet sich weiter der go! Fragebogen , mit dem man sich dafür bewerben kann. Und als Zweites: Für alle, die mehr über die bunte Vielfalt der in der Folk- und Weltmusik zum Einsatz kommenden Instrumente wissen möchten, berichtet ab dieser Ausgabe Hans-Jürgen Schaal in unregelmäßig erscheinenden Folgen. Den Anfang macht er mit der „Harfe der Mali-Leute“, der Kora.

Und damit entlasse ich Sie wieder einmal in die Lektüre einer hoffentlich interessanten und unterhaltsamen Ausgabe des Folker. Schon jetzt wünsche ich Ihnen einen guten Jahreswechsel. Mit dem Versprechen, dass Sie auch 2011 sechsmal das Fachmagazin für Folk, Lied und Weltmusik in Deutschland werden lesen können.

Ihr Folker-Chefredakteur
Michael Kleff

PS: Was gibt es Neues aus dem Land der Freien und Mutigen? Wussten Sie, dass Bono von U2 Miteigentümer von Forbes ist, eines der einflussreichsten Wirtschaftsmagazine der Welt, mit Sitz in New York? In der Septemberausgabe des Magazins gibt es einen Artikel, der die Abschaffung jeglicher Mindestlöhne fordert. Wie sich das mit dem angeblichen Credo des irischen Rockstars als Kämpfer gegen die Armut verträgt? Als er sich vor einigen Jahren bei Forbes einkaufte, begründete Bono seinen Schritt damit, dass die Zeitschrift „eine konsequente Philosophie“ vertrete. Wohl wahr. In dieses Bild passen nämlich die jüngsten Nachrichten über die von Bono und seiner Frau ins Leben gerufene Modemarke Edun. Damit sollten eigentlich Arbeitsplätze in Afrika geschaffen werden. Doch weil man bei Edun mit der Qualität mancher dort erzeugter Waren nicht zufrieden war, wurde ein Großteil der Produktion nach China verlagert. Dort kann von Mindestlöhnen, die zum Lebensunterhalt reichen, wohl ebenfalls kaum geredet werden ...

Update vom
23.10.2010
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