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Das Glück des Troubadours

CAROLE KING UND JAMES TAYLOR

Zwei US-Songwriterlegenden feiern ihr Lebenswerk

Carole King und James Taylor
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AUSWAHLDISKOGRAFIE:

Carole King
Tapestry
(1970)
Welcome Home
(Capitol, 1978)
Pearls – Songs Of Goffin and King
(Capitol, 1980)
City Streets
(Capitol, 1989)
In Concert
(Rhythm Safari, 1994)
Love Makes The World
(Rockingale Records, 2001)
Welcome To My Living Room
(DVD; Rockingale Records, 2007)

James Taylor
James Taylor
(Apple Records, 1968)
Sweet Baby James
(Warner, 1970)
JT
(Columbia, 1977)
That’s Why I’m Here
(Columbia, 1985)
New Moon Shine
(Columbia, 1991)
Live
(Columbia, 1993)
October Road
(Sony, 2002)

Carole King & James Taylor
Live At The Troubadour
(CD/DVD; Hear Music/Concord/Universal, 2010)

Live At The Troubadour

Ihre Songs gehören zum amerikanischen Popmainstream wie der Truthahn zu Erntedank. Ihre Stimmen sind seit mehr als vierzig Jahren Teil des Lebens vor allem derjenigen ihrer Landsleute, die in den frühen Siebzigerjahren heranwuchsen. Mit Alben wie Tapestry oder Sweet Baby James fügten sie dem Genre der Singer/Songwriter eine neue markante Facette hinzu. Carole King und James Taylor haben eine Generation weißer Mittelschichtsamerikaner geprägt wie nur wenige andere einheimische Popkünstler. Gerade beendeten die beiden freundlichen Altvorderen des US-Singer/Songwritertums ihre mit siebenundfünfzig Konzerten vor siebenhunderttausend Menschen in den USA, Australien, Neuseeland und Japan ausgetragene „Troubadour-Reunion“-Tour.

TEXT: HARALD MÖNKEDIECK

„Troubadour Reunion“ – die Namensgebung der „hottest tour of the summer“ (Billboard Magazine) erinnert an den Ort, wo alles begann: den Musikklub Troubadour in Los Angeles. Dort begegnete sich das Gespann James Taylor (62) und Carole King (68) zu ersten Kollaborationen im Jahr 1970. Zum fünfzigjährigen Jubiläum des Klubs am Santa Monica Boulevard traf sich das immer noch freundschaftlich verbundene Duo erneut für sechs gemeinsame Konzerte im November 2007. Das im Frühjahr 2010 erschienene CD/DVD-Doppel Live At The Troubadour dokumentiert das Ereignis auf einfühlsame Art und Weise. Der „Troubadour“ hat im übrigen seinen Gründer Doug Weston überlebt. Weston starb im Februar 1999 im Alter von 72 Jahren. Sein Klub war ein Kristallisationspunkt der südkalifornischen Musikkultur und die Wiege der dortigen Songwriter- und Countryrockszene der frühen Siebzigerjahre.

Der Name des Klubs liefert gleichzeitig das entscheidende Stichwort für die künstlerische Identität von King und Taylor. Für ihr amerikanisches Millionenpublikum sind sie die „Troubadoure ihrer Generation“. Sie erschienen auf der Bildfläche, als das Land gezeichnet war von Gewalt und Vietnamkrieg. Sie sorgten mit ihren leisen Songs über wenig kontroverse Themen wie Freundschaft, Zuhause und Sehnsucht für willkommene Momente innerer Einkehr im neuen Jahrzehnt. King und Taylor begleiteten mit ihren Songs die amerikanische Generation, die mit Bill Clinton erstmals ins Weiße Haus einzog. Die „Troubadour-Reunion“-Tour ist daher nicht nur eine Feier zweier verdienter Popkünstler, sie ist gleichzeitig für das zahlende Publikum eine Feier des eigenen Lebenswegs – von der Highschool bis zum Ruhestand.

Carole King, geboren 1942 in Brooklyn, NY, als Carol Klein, ist auch über ihre historische Bedeutung als singende Songwriterin hinaus eine Poplegende. Schon als Teenager schrieb die ehrgeizige Tochter eines Feuerwehrmanns Lieder, beeinflusst vor allem von Broadway-Melodien und dem schwarzen Rhythm and Blues der Zeit. Die New Yorker Journalistin Sheila Weller schildert in ihrem Buch Girls Like Us: Carole King, Joni Mitchell, Carly Simon – and the Journey of a Generation (Atria Books, 2008) anschaulich die frühen Jahre Kings, die sich ihren Künstlernamen aus dem Telefonbuch suchte: Der jüdische Name „Klein“ schien ihr ungeeignet für die angestrebte Musikkarriere. Ihr musikalisches Talent entwickelte sie schon früh. Es gab in der Familie ein Klavier, Caroles Zuflucht vor den drängenden Problemen der Teenagerjahre – Unsicherheit, Liebeskummer, soziale Akzeptanz.

Carole King

Carole King schrieb jedoch nur Akkorde und Melodien, für die Texte war ein verschlossener junger Mann zuständig, der Vollzeit in einem Chemieunternehmen arbeitete. Sein Name war Gerry Goffin. Mit ihm schrieb King viele Songs, die heute einen festen Platz im amerikanischen Popkanon haben: „Will You Still Love Me Tomorrow“ (The Shirelles, 1961) „Up On The Roof“ (The Drifters, 1962), „Take Good Care Of My Baby“ (Bobby Vee, 1961/The Beatles, 1962), „The Loco-Motion” (Little Eva, 1962), “Chains” (The Cookies, 1962/The Beatles, 1963) oder auch „Natural Woman“ (Aretha Franklin, 1967). Carole King wurde mit Songs wie diesen zu einem Idol für Songwriterkollegen von Randy Newman bis Lennon/McCartney.

Das Gespann Goffin/King schrieb viele seiner frühen Songs unter widrigen Bedingungen. Schon 1962 waren sie zweifache Eltern und balancierten ihre Aktivitäten mit dem aufreibenden Alltag einer jungen Familie. Der psychisch labile Goffin war dieser Belastung nicht gewachsen und damit auch kein Ewigkeitspartner für die ehrgeizige Carole King. Sie verließ ihren (ersten) Ehemann in den späten Sechzigerjahren und ging nach Kalifornien, wohin sich das Epizentrum der jungen Popwelt zusehends verlagert hatte. King bezog mit Kindern, Katze und Haushälterin ein Haus im Laurel Canyon, dem südkalifornischen Hippieparadies jener Jahre. Sie startete noch einmal neu, diesmal auch als Sängerin ihrer Lieder, ermutigt durch den Gitarristen Danny „Kootch“ Kortchmar, mit dem sie zunächst die Band The City gründete.

In den Folgejahren entstanden viele weitere Songperlen aus der Feder von Carole King, zunehmend auch mit eigenen Texten. Ihr zweites Soloalbum Tapestry wurde mit mehr als vierundzwanzig Millionen verkauften Einheiten zu einem der größten Erfolge der Popgeschichte. King wurde auch optisch zu einem Rollenmodell: Mit langem Haar, offenem Gesicht und nachdenklichem Blick verkörperte sie das neue Ideal der „earth mother“ – feminin, lebenstüchtig, naturverbunden und sensibel. Das Cover von Tapestry war in Millionen Schüler- und Studentenzimmern anzutreffen, das Liedrepertoire reichte inhaltlich von Liebeslust („I Feel The Earth Move“) und Liebessehnsucht („So Far Away“) bis zu Freundschaftshymnen („You’ve Got A Friend“) und Scheitern („It’s Too Late“). Ein neuer Klang hatte sich damit der Popmusik bemächtigt – leise, intim und durchaus selbstbezogen. Das neue männliche Idol der Zeit war ein Sohn aus gutem Hause, dazu ein Junkie, sein attraktives Gesicht prangte auf dem Titelbild des Nachrichtenmagazins Time. Sein Name war: James Taylor.

James Taylor

Dieser hatte zum Zeitpunkt seines kommerziellen Durchbruchs mit dem Album Sweet Baby James (1970) eine intensive persönliche Achterbahnfahrt hinter sich. Der zweitgeborene Sohn des Dekans der medizinischen Universität von Chapel Hill, North Carolina, hatte schon früh in seinem Leben mit Depressionen und Drogensucht zu tun. Dennoch hatte Taylor etwas Außergewöhnliches erreicht: Im Zuge eines London-Aufenthalts hatten die Beatles ihn für ihr Apple-Label unter Vertrag genommen. Speziell Paul McCartney und George Harrison fanden Gefallen an den hochmusikalischen Songs des introvertierten Amerikaners. Das Debütalbum James Taylor (1968) entsprach jedoch aufgrund seiner barocken Poparrangements nicht dem wahren Talent des Exilamerikaners. Taylor kehrte zurück in die USA. Der (ebenfalls britische) Produzent Peter Asher half ihm dabei, neuen Songs wie „Fire And Rain“ oder „Sweet Baby James“ ein angemessenes Klangbild zu geben. James Taylor wurde zum „Poster Boy“ einer neuen Innerlichkeit, sein zweites Album erreichte die Spitze der amerikanischen Charts.

Das alles ist heute vierzig Jahre her. Was im Leben und in der Karriere beider Künstler folgte, waren Episoden, die gewissermaßen zu Standards einer bürgerlichen Biografie geworden sind: Ehe, Kinder, Familie, Erfolg, Misserfolg, (Midlife-)Krise. Der Unterschied zu anderen Künstlern ihrer Generation: Taylor und King waren in den USA zwar mal mehr, mal weniger populär, doch sie waren bis heute nie wirklich verschwunden. Das große Publikum der frühen Jahre blieb ihnen auch durch Krisen hindurch treu. Der seit den frühen Achtzigerjahren (und bis heute) genesene James Taylor glänzte auf alljährlichen Tourneen mit stetiger Präsenz und wurde so zu einer musikalischen Popmarke mit Ewigkeitswert, zu einer „Stimme Amerikas“. Carole King zog sich nach nur mäßigem Erfolg in den Achtzigern zusehends auf ihr Rocky-Mountains-Anwesen im US-Bundesstaat Idaho zurück, ihre Songs jedoch blieben, und King wurde darüber hinaus zu einer prominenten Umwelt- und Politaktivistin für demokratische Präsidentschaftskandidaten. Gleiches gilt für Taylor, der eine lange Reihe demokratischer Kandidaten aktiv unterstützte, von George McGovern 1972 bis Barack Obama 2008. Zwei Tage vor dessen Vereidigung gehörte Taylor – neben Koryphäen wie Bruce Springsteen, Stevie Wonder und Pete Seeger – zum exklusiven Künstlerkreis des „Concert for Obama“ vor dem Lincoln Memorial.

Carole King und James Taylor

Im Jahr 2010 nun also die „Reunion“ dieser beiden Popveteranen, die vor vierzig Jahren jeweils auf den Alben des anderen spielten und damit ein Bild freundschaftlicher Verbundenheit etablierten, das bis heute hält. Bei den insgesamt siebenundfünfzig Konzerten der „Troubadour-Reunion“-Tour zumindest wurde es auf überzeugende Art bestätigt. Mit einer Bühne in der Hallenmitte und einer konzertanten Großproduktion zogen die beiden durch die größten Mehrzweckarenen der Vereinigten Staaten, Australiens, Neuseelands und Japans und spielten für ein dankbares und glückliches Publikum. Sie taten es vital und auf musikalisch höchstem Niveau, gemeinsam mit alten Freunden wie Gitarrist Danny Kortchmar, Drummer Russ Kunkel und Bassist Leland Sklar. Entscheidend für den immensen Erfolg der Unternehmung war jedoch vor allem eines: Taylor und King sangen drei Stunden lang ihre alten Songs noch immer so frisch wie beim ersten Mal und ließen damit eine Zeit wiederauferstehen, in der das Gros ihres Publikums eine Orientierung in der Welt erst noch vor sich hatte. Auf diese beiden scheint Verlass, auf die Welt außerhalb des musikalischen Geschehens nicht mehr. Das ist tröstend und gibt Halt. „Wenn es noch die Vorstellung von amerikanischen Songwritern als Förderer von Mitgefühl, Aufrichtigkeit und Vertrauen gibt“, schrieb der Kritiker der New York Times im Juni, „dann erfüllen diese James Taylor und Carole King.“

Die Feier der Musik wurde so auch zu einer Feier der eigenen Biografie. Innovativ dabei: Die besten Tickets bekam man nicht etwa bei Ticketbrokern sondern direkt über die Website der beiden Künstler vorab. Die vielköpfige solvente Hörerschaft konnte neben den regulären Preisen bei Belieben auch 1.000 Dollar investieren – 350 Dollar für einen privilegierten Platz an einem Tisch am Bühnenrand, zuzüglich einer Spende für Umweltorganisationen nach Wahl der Künstler. Über eine Million Dollar kam dabei zusammen.


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