Boris Gott

   Außen vor   

Weltmusiker und Liedermacher bei Ruhr 2010 nur in einer Nebenrolle

Von der „Eh-da“-Kultur, die sich selber trägt

4,8 Millionen Besucher in sechs Monaten – die Veranstalter von Ruhr 2010 konnten zur Halbzeit eine stolze Bilanz präsentieren. Das Image vom grauen Ruhrpott wandelt sich stetig. Seit in den Neunzigerjahren zwischen Wesel und Werne Industriebrachen zu Industriedenkmälern verwandelt wurden, locken Routen der Industriekultur, wo früher Hochöfen schmauchten und Förderbänder rollten. „Wandel durch Kultur – Kultur durch Wandel“, diesem Motto des Folkwang-Museum-Gründers Karl Ernst Osthaus folgen auch die Macher des Kulturhauptstadtjahres, mit rund dreihundert Projekten, zweitausendfünfhundert Veranstaltungen und einem Budget von 62,5 Millionen Euro vorläufiger Höhepunkt des Strukturwandels. Welchen Platz haben Weltmusiker und Liedermacher in dem bunten Reigen? Wie werden ihre Projekte in diesem Jahr der Kultur unterstützt? In der Szene ist von Euphorie und Aufbruchstimmung wenig zu spüren. Das zeigten Gespräche mit einigen ihrer Protagonisten. Eine subjektive Momentaufnahme.

TEXT: SYLVIA SYSTERMANS


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„Ich hab’ kein Heimatland / Nein, das ist abgebrannt / Mir bleibt der Nordstadtstrand / Bei uns hier im Revier regiert Hartz IV / Das ist Bukowski-Land / Mein Freund heißt Bohnekamp / Mir bleibt der Bordsteinrand / Bei uns hier im Revier.“ Boris Gott schmettert seinen Bukowski-Song gegen die
Sonderbriefmarke Ruhr 2010
Betontristesse des Dortmunder Arbeitsamtes. Seit acht Uhr ist er unterwegs. Erste Station war das Arbeitsamt in Unna, von dort ging es weiter Richtung Nordwesten. Bönen, Kamen, Bergkamen, Lünen, Waltrop. Orte, die Nicht-Ruhrgebietler am ehesten aus der Stauschau kennen. Schon zweimal zog Boris Gott durch die Lebensadern des Ruhrgebiets. 2007 mit seiner Kneipentour: zwanzig Kneipen in einer Nacht. 2009 mit der Pommesbudentour: zwanzig Pommesbuden in zwanzig Städten an einem Tag. Die Hartz-IV-Tour ist der Abschluss der Trilogie. Zwanzig Arbeitsämter in zwanzig Städten an einem Tag. Das geht nur im größten Ballungsraum Deutschlands. Nirgendwo sonst liegen Städte so nah beieinander. Das will Boris Gott mit seiner Trilogie erfahrbar machen.

„Die wollen Feuerwerk,
das muss ganz viel knallen
und Funken sprühen.“

(Frank Baier)

Aber vor allem auch die dunkle Seite der Metropolregion mit ihren 5,5 Millionen Einwohnern soll beleuchtet werden: Leben im Schatten von Hartz IV. Im hellen Treiben des Kulturhauptstadtjahres kommt ihm diese Seite entschieden zu kurz. Seit zehn Jahren lebt Boris Gott in der Dortmunder Nordstadt, mitten im sozialen Brennpunkt. Beim Kulturhauptstadtbüro hat er im Vorfeld von Ruhr 2010 einen Antrag für seine Ruhrgebietstrilogie eingereicht. Der Antrag wurde abgelehnt.
Baier Kontra Bass
Überhaupt seien Gelder aus dem Ruhr-2010-Topf an der Liedermacherszene völlig vorbeigeflossen. Allerdings, räumt der Musiker ein, sei diese Szene im Ruhrgebiet auch wenig vernetzt, sofern sie überhaupt auf professionellem Niveau existiert. Sicher einer der Gründe, weshalb außer Stoppok, der inzwischen in Bayern lebt, Liedermacher im offiziellen Kulturhauptstadtprogramm so gut wie nicht vertreten sind. Dennoch zieht Boris Gott eine positive Bilanz: Im Augenblick werde viel kommuniziert, die Region entfalte ein neues Selbstbewusstsein und bislang ungenutzte Potenziale. Nachhaltige Effekte verspricht er sich, weil ein Anfang gesetzt ist, sich überhaupt mit der Kulturszene des Ruhrgebiets auseinanderzusetzen.

„Die Grenze von Bergkamen endet
an der Grenze von Bergkamen,
und was in Dortmund passiert,
kriegen Bergkamener nicht mehr mit.“

(Birgit Ellinghaus)

Dass die Liedermacherszene bei Ruhr 2010 quasi nicht stattfindet, ist auch das Fazit von Ruhrpottbarde Frank Baier. Schockiert und verärgert reagierten er und einige Mitstreiter, als sie mit ihren Projekten bei der Ruhr-Kommission abblitzten. Etwa Ulrich Kind und sein Zeitgeist-Ensemble der Erich-Fried-Gesamtschule Herne mit einer „Musikalischen Zeitreise vom Kohlenpott zur Kulturhauptstadt“. Oder die Grenzgänger und Frank Baier mit ihren „Liedern
Karawane
der Märzrevolution“. Mehrfach waren sie mit dem Programm im Ruhrgebiet auf Tour, ihre CD März 1920 wurde mit dem Preis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet, der „März-Rap 1920“ stand zwei Monate auf Platz eins der Liederbestenliste: „Und dich wundert, / warum das alles so läuft, / warum sich statt der Hoffnung / die Gleichgültigkeit häuft.“ Vermutungen, die Anträge könnten in der Flut von dreitausend Bewerbungen untergegangen sein, weil die Lieder zu politisch seien, bestätigten sich nicht, so Baier. „Jemand aus der Szene war bei den Gesprächen in den Gremien dabei, und als Argument fiel, Projekte wie die von Frank Baier bräuchte man nicht mit Fördergeldern zu unterstützen, denn die Szene sei ja ‚eh da‘.“ Die Degradierung zur „Eh-da“-Kultur, die sich auch ohne Unterstützung von selbst trage, verschlug Baier die Sprache. Die einst von Karl Ernst Osthaus postulierte Folkwang-Idee einer „Kultur für alle“, auf die sich die Veranstalter von Ruhr 2010 explizit beziehen, bliebe bei so viel Ignoranz wohl auf der Strecke. „Wir haben gemerkt, das ist gar nicht das, was die wollen. Die wollen Feuerwerk, das muss ganz viel knallen und Funken sprühen. Das macht ein Grönemeyer mit seiner Revierhymne ‚Komm zur Ruhr‘ bei der Eröffnung auf Zeche Zollverein werbewirksam mit einem Lied und bekommt dafür viel Geld, aber wir sind nicht dabei.“

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Update vom
27.08.2010
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