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Zeit des Erwachens
NATALIE MERCHANT
Tote Poeten sehr lebendig
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www.nataliemerchant.com
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AUSWAHLDISKOGRAFIE:
Tigerlily (Elektra, 1995)
Ophelia (Elektra, 1998)
Motherland (Elektra, 2001)
The House Carpenter’s Daughter (Myth America Records, 2003)
Storytellers (Konzert-DVD; Warner, 2005)
Leave Your Sleep (Nonesuch Records, 2010)

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Sie hat geschwiegen in den letzten Jahren, die „dunkle, resonierende und
dynamische Stimme einer Diva“ (The Times). Natalie Merchant,
der diese Stimme gehört, ist Sängerin und Liedautorin der
Indie-Folkrockband 10.000 Maniacs, mit der sie vier Gold- und zwei Platinalben
einspielt, ehe sie die Gruppe Mitte der Neunzigerjahre verlässt und eine
Solokarriere startet. Von ihrem 1995 veröffentlichten Debütalbum
Tigerlily werden vier Millionen Exemplare verkauft. 1997 folgt
Ophelia – beide Alben festigen Merchants Ruf als Singer/Songwriterin mit
kritischem Blick für gesellschaftliche Missstände. 2003 wendet sie sich mit dem
Album The House Carpenter’s Daughter
mit eher spartanischen Arrangements modernen und traditionellen Folksongs zu.
Nach der Heirat mit dem spanischen Dokumentarfilmer Daniel de la Calle bringt
sie im selben Jahr ihre Tochter Lucia zur Welt. Danach ist Funkstille. Merchant
zieht sich in einen ausgedehnten, sieben Jahre andauernden Mutterschaftsurlaub
zurück, gibt nur gelegentlich Benefizkonzerte und verwaltet ihren Backkatalog.
TEXT: ULRICH JOOSTEN
Nun ist sie zurück – und diese Rückkehr ist ein Paukenschlag mit dem
Titel Leave Your Sleep, ein opulent
mit einem achtzigseitigen Hardcoverbuch ausgestattetes
Doppelalbum, für das Frau Merchant mit der Crème de la Crème zeitgenössischer
Musiker sechsundzwanzig Lieder eingespielt hat. Es ist ihr bislang
ambitioniertestes Projekt, das sie Ende 2009 mit Auftritten im kleinen Rahmen in
Berlin, London und Den Haag vorstellt und mit dem sie jetzt nach einer kurzen
Stippvisite in Deutschland in den USA auf großer Tournee ist.
Der Rolling Stone nannte Natalie Merchant einmal eine Sängerin,
die außergewöhnliche Atmosphären heraufbeschwört. Dies trifft für ihr neues Werk
in besonderem Maße zu – es ist im weitesten Sinne ein Album über die
Kindheit, für das die Musikerin Gedichte aus der Feder mehr oder weniger der
Vergessenheit anheimgefallener Poeten vertonte. Texte, in denen eine tiefe
Weisheit liegt, auch wenn sie auf den ersten Blick wie Kinderreime, Schlaf- oder
Nonsenslieder erscheinen. „Die Stücke meines neuen Albums waren“, so Merchant,
„nie ausschließlich als Kinderlieder gedacht. Es ist eine thematische Sammlung,
eher ein Zyklus von Liedern, die sich alle um Mutterschaft und Kindheit drehen.
Als ich ein Kind bekommen hatte“, erinnert sie sich, „fühlte ich mich plötzlich
mit jeder Frau verbunden, die in der Jahrtausende alten Menschheitsgeschichte
jemals ein Kind geboren hat. Ich fragte mich, wie diese Erfahrung für andere
Frauen gewesen sein muss. Ich fühlte mich von diesem Thema auf sehr verschiedene
Art berührt. Es machte mich zum Beispiel traurig, vom Sterben eines Kindes zu
lesen. Es war eine schreckliche Vorstellung, neun Monate Schwangerschaft zu
durchleben und sein eigenes Leben zu riskieren, um diese kleine Person auf die
Welt zu bringen und sie sofort innig zu lieben, nur um sie dann zu verlieren.
Solche Gedanken brachten mich dazu, Gedichte zum Thema Kindheit herauszusuchen.
Ich wollte wissen, was die Erfahrung, ein Kind zu bekommen, für Frauen
bedeutete, die hundert oder mehr Jahre vor mir gelebt haben.“
„In der klassischen Musik ist es völlig
akzeptabel, älter zu werden, aber in der Popmusik fangen die Leute ab einem
bestimmten Alter an, deine Motivation zu hinterfragen.“
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Während Natalie Merchant in ihrem Haus im Hudson Valley ihre Tochter stillt,
fühlt sie „einen kreativen Schub“, es stellen sich Melodien zu den Texten ein,
und sie beginnt, diese zunächst auf einem Tonband, später direkt in einen
Computer zu singen. „Ich habe ein ganzes Jahr damit verbracht, Mehrspurdemos
aufzunehmen, denn ich habe auch fast alle Arrangements selbst geschrieben und
mit Keyboards und verschiedenen synthetischen Klangfarben eingespielt. Dann habe
ich sechs Monate lang überlegt, welche Musiker bei welchen Liedern mitspielen
sollten. Und es dauerte nochmals sechs Monate, mit ihnen Kontakt aufzunehmen und
Studiotage zu buchen.“
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FOLKER auf Papier
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