DIE SEHNSUCHT
NACH ÜBERSCHAUBARKEIT
Mundart
Neue Volksmusik
„DAS ELEMENT, IN WELCHEM
DIE SEELE ATEM SCHÖPFT“
Für den Schwaben Thomas Felder ist es die „Musikalität der Sprache“, der
Niederrheiner Günter Gall schätzt die Möglichkeit, „einen Sachverhalt
bildhafter, liebevoller zu beschreiben“, und der Ruhrpottliedermacher Frank
Baier betrachtet sein Publikum: „Schau in die Gesichter der Leute, der Zuhörer.
Sie fühlen sich wohl, weil der Sänger einer von ihnen ist.“ Der moselfränkische
Barde Manfred Pohlmann „mag es grundsätzlich, wenn man Kunst anmerkt, aus
welcher Region oder aus welchem Kulturkreis sie kommt“, der ostfriesische
Liedpoet Jan Cornelius hat festgestellt, „dass das Plattdeutsche näher an meiner
Seele, an meinem Herzen ist als das Hochdeutsche“, und der Franke Wolfgang Buck
betont die bessere Singbarkeit: „Alles fließt bluesiger als im abgehackten
Hochdeutsch ..., manche Mundarten haben einfach Soul und Blues.“
Text:
Kai Engelke
Und dabei hat es Zeiten gegeben, da wurden Dialekt beziehungsweise Mundart
sprechende oder singende Menschen als ungebildet angesehen, schlimmstenfalls
sogar als intellektuell ein wenig unterbelichtet. Das Stigma des Provinziellen
haftete ihnen an. Mundart roch nach Kuhstall, und wer sie im Alltag benutzte,
wurde als Landei verspottet und galt als einfältig.
Als allerdings zu Beginn der Siebzigerjahre die deutschen Liedermacher und
Folkgruppen sich wieder auf das deutsche Lied besannen, das durch den Missbrauch
der Nazis lange als unsingbar galt – was bekanntermaßen einen Bruch in der
deutschen Volksliedtradition zur Folge hatte -, da waren auch die regionalen
Dialekte und Mundarten wieder da. Künstler wie Walter Moßmann, Frank Baier,
Joana, Rolly Brings, Liederjan, Thomas Felder und viele andere mischten sich
auch politisch ein, ihre Lieder standen in direktem Zusammenhang mit Land und
Leuten ihrer jeweiligen Region.
„
Manche Mundarten
haben einfach
Soul und Blues.“
(Wolfgang Buck)
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So entstand ein Engagement für die eigene
Umgebung „das auch in politischen Dialektliedern seinen Ausdruck findet“,
schrieb Florian Steinbiß 1984 in seinem Buch Deutsch-Folk: Auf
der Suche nach der verlorenen Tradition , um fortzufahren:
„Die neue Heimatliebe weckt das Geschichtsbewußtsein: Was ist
früher hier passiert, wovon erzählen die alten Lieder? Man sucht an verlorene
Traditionen anzuknüpfen; die geschichtslose Nachkriegs- und
Wirtschaftswunderzeit wird durch den Bezug auf das eigene politische und
kulturelle Erbe, zu dem die Volkslieder gehören, überwunden. Die
Deutschfolk-Gruppen können mit Dialektliedern aus allen Regionen der
Bundesrepublik aufwarten.“ In ihrer eigenen Sprache zu singen, galt vielen nicht
länger als rückwärtsgerichtet und verstaubt.
Möglicherweise hat das neu geweckte Interesse an Dialekten und Mundarten auch
etwas mit der Globalisierung zu tun. Wir leben in einer unfassbar groß
gewordenen Welt, gehen durch Fußgängerzonen, die in jeder Stadt gleich aussehen,
essen die gleichen Speisen, trinken die gleichen Getränke, tragen die gleichen
Klamotten, viele hören die gleiche massenkompatible Musik, und manch einer
vermisst schmerzlich die kleinen Unterschiede. So entsteht Sehnsucht nach
Überschaubarkeit, nach einer Welt, in der wir uns auskennen und zurechtfinden,
Sehnsucht nach Eigenart, nach Heimat. Mundartlieder transportieren eine Form
sozialer Zusammengehörigkeit und vor allem regionales Lebensgefühl.
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FOLKER auf Papier
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