Kontinuität und Brüche

MIKIS
THEODORAKIS

Perspektivwechsel zum Leben einer lebenden Legende

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AUSWAHLDISKOGRAFIE:
Theodorakis Sings Theodorakis
(Intuition, 1991)
Poetica
(mit Maria Farantouri; Pelegrina, 1996)
Mikis
(Pelegrina, 1997)
Asmata
(mit Maria Farantouri; Pelegrina, 1998)
Mauthausen Trilogy
(mit Maria Farantouri; Pläne, 2000)
First Songs
(Intuition, 2005)
Resistance
(Intuition, 2005)
East Of The Aegean
(Intuition, 2008)

AUSWAHLBIBLIOGRAFIE:
Mikis Theodorakis, Liederbuch, Berlin, 1983
Mikis Theodorakis, Die Anatomie der Musik, Echternach, Luxemburg, 1985
Mikis Theodorakis, Die Wege des Erzengels, Frankfurt/Main, 1998
Hansgeorg Hermann, Der Rhythmus der Freiheit, Berlin, 2008.
Mikis Theodorakis/Asteris Koutoulas, Ein Leben in Bildern, Mainz (VÖ: Mai 2010)

Der große griechische Sänger und Komponist Mikis Theodorakis ist eine der herausragenden Gestalten unserer Zeit, im wahrsten Sinne des Wortes. Diese Gestalt ist jedoch auch so tief verwurzelt in den vielschichtigen Widersprüchen griechischer und europäischer Geschichte, dass es zuweilen fraglich scheint, inwieweit künstlerische oder politische Entscheidungen, die Theodorakis über die Jahrzehnte in der ihm eigenen Konsequenz und Klarheit getroffen hat, von hier und jetzt aus tatsächlich noch nachvollziehbar sind. Wir reden nicht nur über historische Fakten.

„Musik macht die
Menschen schöner,
humaner.“

Wir reden auch über emotionale Intensität und persönliche Integrität, soziale Kompetenz und politischen Instinkt – und das alles vor dem Hintergrund eines unerhörten künstlerischen Anspruchs und eines kompositorischen Gesamtwerks, das in seinem Formenspektrum, vor allem aber in der Dimension seiner Rezeption und Resonanz einzigartig in der Musikgeschichte ist. Und wir reden über einen Menschen, der mit seiner Präsenz und seinem eigenen inneren Reichtum unzählige andere Menschen beschenkt und inspiriert hat – seit vielen Jahrzehnten. Er begeht im Sommer dieses Jahres seinen 85. Geburtstag, Anlass für eine Spurensuche.

Text: Cathrin Alisch

Theodorakis mit Maria Farantouri und Petros Pandis, 1975
Mikis Theodorakis (links) mit Familie, 1954

Ein erster Schritt dabei führt mich mitten im Winter aufs Glatteis nach Berlin-Charlottenburg und zu Kostas Papanastasiou, selbst Sänger, Schauspieler und langjähriger Freund von Theodorakis, aber auch zentrale Figur innerhalb der Gruppe griechischer Emigranten im Westberlin der Siebzigerjahre und bis heute Inhaber der Kultkneipe Terzo Mondo, die über die Zeit ihres Bestehens viele berühmte Gäste und viele durchsungene und -diskutierte Nächte gesehen hat. Das Terzo Mondo war damals auch eine Art Basis für Theodorakis, dessen Lieder zur gleichen Zeit in Griechenland verboten waren. Fünf Jahre Gefängnis für ein Lied galt als Strafmaß. Papanastasiou hatte deshalb Mühe, griechische Musiker auf hiesigem Boden zu finden, die es wagten, Theodorakis-Lieder zu spielen. Er unterstützte und begleitete den Landsmann selbst bei Konzerten in ganz Deutschland.

Mikis Theodorakis
„Das Volk singt
seine Lieder.“

An diesem Abend, Anfang Februar 2010, redet Papanastasiou im Terzo Mondo über sein Leben. Die Diskussion dreht sich bald darauf um Theodorakis. Eine Athener Zeitung hatte Mitte Januar ein Statement von ihm zur aktuellen Situation in Griechenland veröffentlicht. Es ist ein Appell an die Würde seiner Landsleute. An einem der Tische flucht eine Griechin mittleren Alters erst in ihrer Muttersprache, dann in nahezu akzentfreiem Deutsch: Theodorakis solle sich um seine Musik, nicht aber um Politik kümmern! Ich bin überrascht, ja schockiert. Wie kommt jemand dazu, so zu reden? Woher aber vor allem kommt dabei diese Wut? Papanastasiou, Weggefährte und zur gleichen Generation gehörig wie Theodorakis, redet lange an diesem Abend, um Antworten auf derartige Fragen zu finden, ringt regelrecht um Klarheit. Dennoch scheint die Geschichte um Spaltungen, rechte und linke Flügel, In- und Ausland, die Verstrickung von Kunst und Politik zunächst uferlos. Irgendwann spät nachts, als fast alle schon gegangen sind, wird er behutsam über das Blatt Papier mit besagtem Artikel streichen: „Bravo, Mikis!“

Mikis Theodorakis in den Vierzigern
„Irgendwie hat Mikis
eine Quelle,
die andere Leute
nicht haben.“

Theodorakis, geboren 1925, ist von klein an unmittelbar mit den Wechseln und Umstürzen innerhalb der griechischen Geschichte konfrontiert. Sein Vater bekleidet als Staatsbeamter, je nach politischer Wetterlage, attraktive oder weit abgelegene Posten irgendwo im Land. Die Familie zieht andauernd um, ein Umstand, der für die Kenntnis der verschiedenen musikalischen Dialekte, für sein Gespür einer Klangtopografie dieses vielgestaltigen Landes mit seinen Bergen, Küsten, Inseln später als Komponist und Konstrukteur eines neuen Griechentums wichtig sein wird. Zunächst und überhaupt aber gibt es wenig Ruhe, wenig Stetigkeit im Leben des jungen Mikis, zugleich jedoch auch die Geborgenheit einer stabilen Familienstruktur. Er erinnert sich selbst sehr genau daran, dass die umfangreiche Bibliothek seines Großvaters aus Kreta ständig wieder ein- und ausgepackt werden musste. Man trug sozusagen die Poesie, um das Leben leichter zu ertragen. Nicht anders ist sein Verhältnis zur Musik. „Sie macht die Menschen schöner, humaner“, wird er viele Jahrzehnte später sagen und mit diesem auf den ersten Blick beinahe schlicht anmutenden Satz die Intention eines ganzen gelebten Lebens zwischen Himmel und Hölle, zwischen unvorstellbarer Demütigung und sagenhaftem Triumph zusammenfassen.

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Update vom
26.04.2010
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