Rock ’n’ Rumba!

Staff Benda Bilili

Im Rollstuhl zum Erfolg

Staff Benda Bilili
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DAS ALBUM:
Très Très Fort (Crammed Discs, 2009)

Très Très Fort

FOTOREPORTAGE
über Staff Benda Bilili:

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Eine kongolesische Truppe gehandicapter Musiker, die nie etwas anderes wollte, als für ein paar Münzen auf den Straßen Kinshasas zu spielen. Jetzt erneuern sie mit einfachsten Mitteln mal eben die kongolesische Rumba und entern die Bühnen der Welt. Vor ihrem Auftritt in Hamburg kamen sie mit dem Folker ins Gespräch.

„So manche Rockband
sieht dagegen echt
steif aus.“

Text und Fotos: Gunnar Geller

Staff Benda Bilili

Kalt ist es. Und feucht. Dennoch können die Fotos mit Staff Benda Bilili nur draußen gemacht werden, im Hotel gibt es keinen Platz für eine Band mit acht Mitgliedern und fünf Rollstühlen. Und ob es den Musikern, die gerade erst vor drei Tagen aus der Demokratischen Republik Kongo hergeflogen wurden, gefällt, sich bei diesem Scheißwetter draußen fotografieren zu lassen, ist fraglich. Aber ihr belgischer Manager Michel Winter hat für dicke, prallvoll gefütterte und eigens bedruckte knallrote Jacken gesorgt, und überhaupt zeigen sich die Bandmitglieder so euphorisiert, dass ihnen Temperatur und Nieselregen wohl eh nichts anhaben könnten. „Fantastisch! Unglaublich!“, sagt der 55-jährige Ricky Likabu, der Bandleader, auf jede Frage, die auf ihre Ankunft in Europa und die aktuelle Tour zielt. Und während es vorab allerlei Bedenken gab, ob es den Musikern mit Behinderungen denn überhaupt zuzumuten sei, für ein Foto das Hotel zu verlassen, macht sich die kleine Truppe an diesem grauen Morgen jetzt ausgesprochen munter auf den Weg zur verlassenen Garagenrampe, auf der sich Rollstuhlfahrer bestens für ein Foto staffeln lassen.

„Wir sind für
alles offen.
Wir spielen,
was uns gefällt.“
Staff Benda Bilili

Nach den Aufnahmen entscheiden sie sich, auch für das Interview draußen zu bleiben. Und Ricky Likabu beginnt, die wundersame Geschichte seiner Band zu erzählen. Am Anfang seht eine fiese Krankheit: Kinderlähmung. Als jungen Mann, 23 Jahre alt, hat es ihn noch erwischt. Seit die durch Viren ausgelöste Polio damals ihr grausames Werk verrichtet hat, muss er sich mit Lähmungen durchs Leben schlagen. Ein Schicksal, das überall hart ist, aber nirgendwo härter als in einem von Kriegen zerriebenen, von Diktatoren ausgesaugten, bettelarmen Land wie dem damaligen Zaire, der heutigen Demokratischen Republik Kongo. Erst Ende der Neunziger konnte er sich die schlimmsten Fehlstellungen der Beine und Füße korrigieren lassen. Und da kam Coco Ngambali ins Spiel: „Ich habe Coco im Krankenhaus kennengelernt. Er lag da aus dem gleichen Grund. Und beide mochten wir Musik. So ging’s los.“

Staff Benda Bilili

Musikalische Erfahrung hatten sie beide seit ihrer Kindheit, beide hatten sie in Kirchengemeinden gesungen und gespielt. Fortan musizierten sie ab und zu zusammen, eine von vielen Arten des schwierigen Broterwerbs auf der Straße. Likabu: „Später haben wir dann Mitstreiter gesucht, die in der gleichen Situation waren wie wir, um gemeinsam zu spielen.“ Sie gründeten 2003 eine Band, die komplett aus Polio-Opfern bestand, und traten von da an täglich auf, vor Restaurants, auf öffentlichen Plätzen, überall, wo man ein Publikum finden konnte. Ihre Zentrale, ihr Übungs- und Wohnraum war und ist das heruntergekommene Gelände des Zoos von Kinshasa.

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WIE DIE RUMBA IN DEN KONGO KAM
Kleine Geschichte einer großen Musikrichtung

Léopoldville, das heutige Kinshasa, war schon in den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts ein Schmelztiegel, in dem sich auch musikalisch die unterschiedlichsten Einflüsse vermischten: Reiche lokale Traditionen stießen auf die Musik neu angesiedelter Arbeiter aus Angola und dem Senegal, auf die europäischen Klänge der Missionare und auf die Musik der Händler aus Griechenland, dem Libanon und Indien. Die ersten Plattenfirmen wurden schon Ende der Dreißigerjahre gegründet, dokumentiert sind aus der Frühzeit vor allem Vokalaufnahmen kleiner Bands, gesungen in Lingala. Meist hat hier bereits die Gitarre traditionelle Begleitinstrumente abgelöst.

Ab den Vierzigerjahren gab es einen Radiosender, der dazu beitrug, die lokalen Aufnahmen populär zu machen. Über diese neuen Medien verbreiteten sich rasch die lateinamerikanischen Rhythmen, vor allem die kubanische Rumba, deren Kern wiederum afrikanischen Ursprungs ist. Bands in der Region nahmen die neuen Einflüsse schnell auf, die damit einhergehenden Tänze verbreiteten sich überall. Von 1952 stammt die legendäre Aufnahme „Marie-Louise“ von Wendo, dem einflussreichen Gründervater der kongolesischen Rumba. Im Verlauf des Jahrzehnts entstand eine große Szene von mehreren Hundert Orchestern, und es bildete sich ein relativ homogener Stil heraus, instrumental weiterhin bestimmt durch die Gitarre. Die populärsten Formationen waren African Jazz, geleitet von Joseph Kabasele, sowie OK Jazz, mit dem Franco sich seinen legendären Ruf erspielte. Mit Jazz hatte deren Musik allerdings nichts zu tun, vermutlich hatte das Wort nur einen schönen, modernen, internationalen Klang. Während sich rundherum ständig Bands auflösten und neue gegründet wurden, hielt Franco sein Ensemble über dreieinhalb Jahrzehnte bis zu seinem Tod 1989 zusammen. ...

Gunnar Geller

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Update vom
24.12.2009
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