GASTSPIEL

Schafe im Wolfspelz

Über den Kummer in der Welt

Michy Reincke * Foto: Tristan Ladwein

Es ist sehr viel Kummer in der Welt. Und Verwirrung. Aber woher kommt die Irritation? Warum scheint das so unerwartet? War die Ablenkung so perfekt? Im Dokumentarfilm Bowling For Columbine von Michael Moore, der nach den Ursachen des Amoklaufs beim Schulmassaker von Littleton forscht, gibt es diese prägnante Szene: Ein Mitarbeiter der ortsansässigen Munitionsfabrik wird interviewt und – während im Hintergrund Teile von Waffen und Raketen durch die Halle transportiert werden – sagt er inhaltsgemäß in die Kamera: „Es ist mir unbegreiflich, wo diese Gewalt herkommt und wie bei uns ein solch unfassbares Verbrechen passieren konnte!“

Text: Michy Reincke *



Die aktuelle Frage, wo so viel Hass und Gewalt nur herkommen, ist doch etwas verblüffend, wenn man bedenkt, wie viel Wind in den letzten Jahrzehnten in der arabischen Welt gesät worden ist. Die Überheblichkeit der westlichen Kultur, die sich befugt fühlt, sich überall einzumischen, militärisch einzudringen, zu töten und staatliche Ordnungen zu destabilisieren sowie bestehende Ungerechtigkeiten mit noch größeren Ungerechtigkeiten zu bekämpfen mit dem Argument, Frieden, Freiheit und Demokratie zu bringen, könnte eine Antwort geben.
Autoreninfo:

* Michy Reincke, Jahrgang 1959, lebt und arbeitet als Musiker, Komponist, Texter, Musikproduzent und Labelinhaber in Hamburg. Zusammen mit seinen Mitstreitern Yvonne Paulien und Hasko Witte veranstaltet er ehrenamtlich die Lausch Lounge und engagiert sich damit seit mehr als zehn Jahren für den popmusikalischen Nachwuchs in Norddeutschland.

Die Originalfassung dieses Beitrags erschien im November 2015 auf michyreincke.de.

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Wobei dieses Vorhaben noch nie erfolgreich umgesetzt wurde. Zudem ist das Argument infam angesichts der Tatsache, dass in Ruanda ein Völkermord mit über einer Millionen Toten zugelassen wurde, ohne dass wirksam eingegriffen oder Flüchtlinge gerettet wurden. Vielleicht einfach nur, weil es dort keine nennenswerten Rohstoffvorkommen gab oder absehbar attraktive Absatzmärkte nicht herzustellen waren?
Für Chaos zu sorgen und sich zu wundern, dass es ein Echo gibt und der Bumerang zurückkehrt, scheint mir naiv und unecht. Die meisten Reaktionen darauf poppen auf wie Gefühlsschablonen, reflexartig, austauschbar. Als würde selbst Anteilnahme zu einer Betroffenheitsmarke aus der Werbung. Es wirkt, als ob wir in einer Gesellschaft leben, die ihre Lebendigkeit und ihren Reichtum, in vielen unterschiedlichen Formen zu leben, zu fühlen und sich zu Wort zu melden, in großen Teilen bereits eingebüßt hat.
Geht es vielleicht doch nicht spurlos an einer Gesellschaft vorüber, wenn man ihren Staat ideologisch als Heile-Welt-Krämerladen organisiert und sie es zulässt, dass Unternehmensberatungsfirmen die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Aspekte des Staates bestimmen? Wenn sie mit deren Hilfe alle „Leistungsschwachen“, „Underperformer“ und alternativ Denkenden auf subtile Weise aussortiert? Wenn die wirtschaftlichen Bedürfnisse einer Gemeinschaft auf Shareholder-Values reduziert und ihre gemeinschaftseigenen Medien von geistigem Wachstum und Meinungsvielfalt „befreit“ werden, um politische Meinungen besser bündeln und kontrollieren zu können? Wenn die monochrome Abbildung von Kultur nur noch seifige Unterhaltung ist und weder geistigen noch seelischen Nutzen besitzt, um unter anderem effizienter für den Verkauf von Reklame zu sein? Eine widerstandsfähige, politisch gebildete, emotional gesunde und handlungsfähige Gesellschaft sieht jedenfalls anders aus, oder?

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