Rezensionen EUROPA


A FILETTA
Castelli

(World Village, go! www.worldvillagemusic.com )
Promo-CD, 14 Tracks, 38:34

Castelli, „Schlösser“, sind für das sechsköpfige korsische Vokalensemble Orte der Vergangenheit, der Geschichtsschreibung, aber auch Sandburgen, die ständig in Bewegung sind. Sie bilden das Fundament und die Hülle ihrer im Laufe der letzten Jahre entstandenen Stücke. Ihre Kompositionen für Film, Theater und Ausdruckstanz wechseln sich ab mit sakralen Gesängen, vertonten Texten von Fernando Pessoa oder einfach nur einem wunderschönen korsischen Schlaflied. Das Album schließt mit einer georgischen Hymne. So viele Ingredienzien könnten für ein uneinheitliches Werk sorgen, doch A Filettas Schaffen ist tief in der polyfonen Gesangstradition Korsikas verwurzelt. Der Kontrast ihrer geistlichen und weltlichen ernsten Musik ist reizvoll, die Stücke sind spannend arrangiert, und die Zusammenstellung macht Sinn. Castelli fasziniert vom ersten bis zum letzten Ton. Die Gesangslinien – Altus, Tenor, Bariton und Bass – fließen ineinander, trennen sich, bilden Kontraste und finden wieder eine Einheit. A Filettas Musik ist tatsächlich eine Festung der Tradition und Geschichte. Darin wohnen sechs Männer, deren Sinne offen sind für Neues und Ungehörtes – immer im Dienste einer rauen Schönheit.

Martin Steiner

 

A FILETTA  – Castelli


MARK BILLINGHAM & MY DARLING CLEMENTINE
The Other Half

(Hachette Audio/Hemifrân, go! www.mydarlingclementinemusic.co.uk )
15 Tracks, 64:00 , mit engl. Infos, Kombi aus Hörbuch u. Musik

Schon die Aufmachung der Platte The Other Half erinnert in ihrem Design an einen rustikalen Westernsaloon, wie wir ihn aus dem Fernsehen kennen. Und genauso klingt auch die Musik von My Darling Clementine. Das Duo interpretiert verschiedene Countrysongs derart authentisch, dass eine tolle Atmosphäre entsteht. Dadurch funktioniert das Konzept des Albums sehr gut, denn bei The Other Half handelt es sich um eine Kombination aus Hörbuch und Musik. Mark Billingham erzählt die Geschichte der jungen Marcia, die in einer Bar jobbt und täglich die Freuden und Leiden ihrer Kunden erfährt, während sie Bier und Burger serviert. Doch ein Anruf verändert ihr Leben. Billingham hat eine angenehme Stimme, der man gerne zuhört. Sollte man die Texte nicht auf Anhieb verstehen, so ist Nachlesen im Booklet problemlos möglich. Die Songs zwischen den Textpassagen sorgen für die richtige Stimmung und machen die Geschichte leichter.

Claudia Niedermeier

 

MARK BILLINGHAM & MY DARLING CLEMENTINE  – The Other Half


KETIL BJØRNSTAD & OLE PAUS
Frolandia

(Grappa/Galileo, go! www.ketilbjornstad.com )
17 Tracks 65:32, mit allen norw. Liedtexten

Den Lyriker, Schriftsteller, Jazzkomponisten und -pianisten Ketil Bjørnstad (*1952) verbindet eine dauerhafte Freundschaft mit dem Musiker, Sänger Schriftsteller und Dichter Ole Paus (*1947), seit sie beide 1973 für ein Album Paus’ zusammenarbeiteten. Bjørnstad sagte einmal, dass er keine Melodie schriebe, ohne Paus’ Stimme im Kopf zu haben. Der geht auf die siebzig zu und dachte ans Aufhören, aber nach so vielen Jahren der gemeinsamen Arbeit war es für beide ein würdiger Abschluss, dieses Auftragswerk für die südnorwegische Kommune Froland zu erfüllen, zumal Bjørnstad sechzehn Jahre dort gelebt hat und Paus sich immer für „sein kleines Land“ stark gemacht hat. So geht es hier auch um eine Huldigung an das norwegische Binnenland mit seinen kleinen Dörfern im Gegensatz zu den Küstenregionen, wo alles groß ist. Die siebzehn Lieder auf dem Album sind fast wie ein Vermächtnis, sehr anrührend durch die inzwischen etwas brüchige Stimme Paus’ und die wehmütigen Melodien und Liedtexte Bjørnstads. Es ist alles gut anzuhören: Piano und Gesang, unterstützt von Annbjørg Lien, die Hardangerfiedel und Nyckelharpa spielt, dem Gitarristen Rolf Kristensen, dem Bassisten Ole Kelly Kvamme und dem Schlagzeuger Tom Rudi Torjussen.

Bernd Künzer

 

KETIL BJØRNSTAD & OLE PAUS   – Frolandia


FLEMMING BORBY
Somebody Wrong

(Divine Records divine010CD/Rough Trade, go! www.flemmingborby.net )
8 Tracks, 33:02

Popfolk aus Dänemark ist oft ein bisschen sperriger und verschrobener als die glatten Hitproduktionen der schwedischen Nachbarn. In diesem Sinne ist das neue Album von Flemming Borby ein typisch dänisches Album. Der seit Längerem in Berlin lebende Künstler hat sein Soloalbum im Vintagestil gestaltet, und auch textlich finden sich Anleihen an die Zeit der Plattenspieler und Nierenmikrofone. Die Kompositionen sind aber alles andere als altmodisch. Zwischen Countryanleihen und Liedermacherfolk klingt der sympathische Weltenbummler hochmodern und man wartet geradezu auf ein Engagement beim Reeperbahn-Festival oder bei Haldern Pop. Manche Songs sind so sehr Americana, dass sie auch Green on Red gut zu Gesicht stehen würden. Vielleicht müssen Lieder, die in einem texanischen Aufnahmestudio eingespielt wurden, eben so klingen. Der leicht rauchige Unterton in der hellen Stimme des Sängers sorgt für einen hohen Wiedererkennungswert, die Songs sind mal verträumt, mal energetisch und laden zum Nachspielen ein. Nach der Karriere in diversen Indie-Folkpop-Bands, von denen man hierzulande Labrador am ehesten kennt, scheint Flemming Borby nun seinen Weg gefunden zu haben.

Chris Elstrodt

 

FLEMMING BORBY  – Somebody Wrong


DAVID DE JACOBA
Jubileo

(Karonte KAR7741/Galileo MC, go! www.galileo-mc.de )
9 Tracks, 36:15, mit span. Infos u. Texten

Gerade der Flamenco bringt nicht selten erstaunlich reife, avancierte Debütalben hervor, bei denen man sich fragt, warum der Künstler nicht eher ans Licht trat. Bis dahin sammeln jedoch die Cantaores und Gitarristen (bestenfalls!) jahrelang Erfahrung im Begleiten anderer Kollegen. So wohl auch im Falle des dreißigjährigen Andalusiers, dessen erste eigene Arbeit heiß erwartet wurde. Er bekam seinen Ritterschlag immerhin von Paco de Lucía, der den Cantaor auf seine letzten Touren mitnahm. Der verstorbene Gitarrist hatte den jungen Kollegen gebeten, dem „puren Flamenco“ treu zu bleiben. Dies, genauso wie der frische Atem des heutigen Flamenco haftet den neun, überwiegend traditionsnahen Stücken an. Der dezent raue Cante des Gitano, bisweilen an sein Idol Camarón, den größten Flamencosänger der Moderne, erinnernd, ist durchweg bestechend und treffsicher, von großer melodischer und rhythmischer Ausgefeiltheit und Intuition. Dass der seit 2008 in Madrid lebende David Maldonado Santiago – so sein bürgerlicher Name – mit seiner Kunst offene Türen eintritt, zeigt die stattliche Gästeliste. Neben einigen der besten Gitarristen (unter anderem Tomatito, Vicente Amigo) kamen auch Flamencoblueser Raimundo Amador, Bassist Alain Pérez und Percussionist Lucky Losada ins mythische Studio „Uno“.

Katrin Wilke

 

DAVID DE JACOBA – Jubileo


ILARIA GRAZIANO E FRANCESCO FORNI
From Bedlam To Lenane

(Agualoca Records, go! www.agualocarecords.com )
Promo-CD, 13 Tracks, 52:09

Es gibt Musik fürs Hirn und es gibt solche für Bauch und Herz. From Bedlam To Lenane ist reines Gefühlskino: Countryblues, mexikanischer Herzschmerz, Jazz Manouche und italienische Canzoni, abwechselnd und zusammen gesungen von Ilaria Graziano und Francesco Forni, die sich an Gitarre, Ukulele und Percussion begleiten. Die Reduktion auf wenige Instrumente lässt die Musik atmen. Dazu kommt die einzigartige Stimme von Ilaria Graziano, die ein einfaches Lied zu einem Erlebnis macht. Auch Francesco Forni ist kein schlechter Sänger, aber bei den englisch gesungenen Liedern steht ihm die Sprache für den starken Ausdruck ein wenig im Weg. Dafür sorgt der schleppende Blues seiner Eigenkomposition „Rosaspina“, mit starkem Gesang und Slidegitarreneinlage, für den vielleicht hellsten Glanzpunkt des Albums. So aktuell die Musik in ihrer Vielsprachigkeit und den unterschiedlichen Stilen ist, so nostalgisch wirkt sie manchmal. Kein Wunder, weilen doch die Autoren der Fremdkompositionen – Johnny Cash, der Mexikaner José López Alavez und Andy Stroud (Mann Nina Simones) – allesamt nicht mehr unter uns. Zudem verströmt das Album das gewisse Hippiefeeling der stärksten Folkalben der Endsechziger.

Martin Steiner

 

ILARIA GRAZIANO E FRANCESCO FORNI  – From Bedlam To Lenane


GLEN HANSARD
Didn’t He Ramble

(Anti-/Plateau Records 26CD/Indigo, go! www.glenhansardmusic.com )
10 Tracks, 39:20, mit engl. Texten u. Infos

Auch Folkhelden kommen in die Jahre. Selbst wenn bärtige Männer mit Klampfe besser altern als die glattwangigen Erzeugnisse der Boybandindustrie, so sind auch sie nicht gefeit vor den künstlerischen Begleiterscheinungen des äußerlichen Alterns. Statt einer routinierten Vorhersehbarkeit anheimzufallen oder die vormals besungenen jugendlichen Leidenschaften als chronische Beratungsresistenz zu entlarven, geht Glen Hansard auf seinem zweiten Soloalbum Didn’t He Ramble in eine fast klischeefreie Tiefe. Spirituelle Einschläge in seinen Songs wurden schon oft thematisiert und klingen hier besonders in „Her Mercy“ an, das mit seiner hymnischen Schlussapotheose auch einem Kirchendienst entsprungen sein könnte. Die Stärken des Albums liegen jedoch anderswo. Zum einen in der Textgestaltung. Keine ungestüme Liebeslyrik wird bemüht, Hansard findet stattdessen die Poetik in den Krisen des realen Lebens, wie wenn er auf „Wedding Ring“ anzweifelt, dass ein Goldring die ewige Liebe einer Frau an sich binden kann. Oder wenn er ein liebevolles Selbstgespräch mit den dunklen Seiten seiner Persönlichkeit führt („My Little Ruin“), als seien sie gute Freunde. Die andere Stärke Hansards – sein Songwriting – offenbart sich am eindrucksvollsten in dem im Stil eines irischen Folksongs geschriebenen „McCormack’s Wall“, das vom Dubliners-Geiger John Sheehan begleitet wird.

Judith Wiemers

 

GLEN HANSARD  – Didn’t He Ramble


JOHN JONES
Never Stop Moving

(Westpark Music 87277, go! www.jj-rr.org/never-stop-moving )
11 Tracks, 43:54, mit engl. Texten

Diese Stimme ist unverkennbar! John Jones ist der Sänger der Oysterband, und das lässt sich bei seinem zweiten Soloausflug nicht verhehlen. Könnte dieses Album auch eine Oysters-Produktion sein? Ja, warum nicht? Wenn denn die Stimme das Charakteristische ist und der Produzent derselbe, dann wäre auch das denkbar, aber generell ist John Jones solo folkiger, sanfter, optisch zwar immer noch dezent machohaft unnahbar im Booklet, doch der Krebs – besiegt oder nicht – hat ihn verletzlicher gemacht. Seine Songs (plus zwei Traditionals) haben eine durchgängige inhaltliche Qualität, Beliebiges ist Jones fremd. Und immer scheint seine Liebe zu seiner widersprüchlichen englischen und walisischen Heimat durch. Zuneigung, die nie in Pathos ausartet und ausgesprochene oder indirekte Kritik einschließt. Instrumental ist Jones abwesend, aber die ausgewogene Crew mit Produzent Al Scott und Saitenspezi Benji Kirkpatrick an der Spitze macht einen Superjob und bewegt sich zwischen Folk und Rock mit Schwerpunkt auf ersterem. Ein sehr gutes Album eines Routiniers, der seiner Musik definitiv noch nicht überdrüssig ist.

Mike Kamp

 

JOHN JONES   – Never Stop Moving


LAURA MOISIO
Ikuinen Vaio

(Beste! Unterhaltung BU067, go! www.lauramoisio.fi )
9 Tracks, 30:13, mit finnischen Texten

Was wären wir nur ohne das feine Label Beste! Unterhaltung. So manches nordische Kleinod entdeckten die fränkischen Spürhunde und machten es der Folkgemeinde zugänglich. Wie zum Beispiel Laura Moisio, eine finnische Liedermacherin aus Tampere, die bereits mit ihrem zweiten Album auf dem Label startet. Die zarte Stimme der Sängerin, die liebevolle Begleitung auf der Gitarre und die ausgesucht klugen Kompositionen sind von überragender Qualität und verweisen die hippen Akustikfolkveröffentlichungen von „Über-dem-Teich“ auf die Plätze. Ob es nordische Eigenart ist oder ob der fehlende Druck von Publicitymaschinen größere Sorgfalt ermöglicht, Ikuinen Vaio klingt, wie bereits der Vorgänger, ruhiger, persönlicher und einen Tick edler als die Liedermacherkonkurrenz. Man möchte bereits den Opener vor seinen High-End-Boxen genießen und sich von dem glockenhellen Klang der Sängerin verzaubern lassen. Laura Moisio singt ausschließlich auf Finnisch. Ohne Google-Übersetzer müssen die meisten Hörer deswegen leider von nordischen Liebesschwüren und Sonnenuntergängen träumen oder hoffen, dass der Verlag mal ein deutsches Textheft spendiert.

Chris Elstrodt

 

LAURA MOISIO  – Ikuinen Vaio


BRIAN McNEILL & FRIENDS
The Falkirk Music Pot

(Greentrax Recordings CDTRAX383D, go! www.brianmcneill.co.uk )
Do-CD, 22 Tracks, 97:21, mit engl. Infos & Texten

Brian McNeill ist nicht der Typ für einfache Alben mit einfachen Liedern. Bei ihm mussten es schon immer Projekte oder Konzepte sein, damit seine unglaublich vitale Kreativität gefordert ist. Der Falkirk Community Trust konnte daher anlässlich der Verleihung des Titels „Creative Place“ keinen geeigneteren Kandidaten finden, um ein breit angelegtes CD-Projekt durchzuziehen. McNeill sagte seiner Geburtsstadt natürlich zu und was für ein wunderbar-diverses Doppelalbum ist das Ergebnis! Natürlich ist McNeill der rote Faden, die Klammer, die alles gestaltet und zusammenhält, und Interpret etlicher seiner Lieder, aber neben ihm hören wir lokale Singer/Songwriter, Instrumentalisten wie Piperinnen oder Keyboarder, ein Wiederhören mit der ehemaligen Battlefield-Band-Sängerin Sylvia Barnes, Brassbands und einen Chor sowie grandiose Aufnahmen aus Afrika, wo McNeill Sängerinnen der Partnerschule der Falkirk High School aufnahm – die junge Mercy Nyirongo ist ein Erlebnis. Einfach ein fantastisches und variables Album, natürlich mit schottischem Schwerpunkt in Falkirk, eine weitere Glanztat des Brian McNeill.

Mike Kamp

 

BRIAN McNEILL & FRIENDS – The Falkirk Music Pot


CEMIL QOÇGIRI & TARA JAFF
Tembur & Harp

(Sony Music Entertainment Türkiye, 88875124302, go! www.tarajaff.com )
11 Tracks, 42: 30, mit engl. Infos u. kurd./engl. Texten

Wie viele Künstler haben versucht, in Worte zu fassen, was Exil bedeutet, die Sehnsucht nach dem Vertrauten. Wohl dem, der – ohne fremde Sprachen zu bemühen – in Ton modellieren oder in Tönen beschreiben kann, was er oder sie fühlt, vermisst, erbittet, vielleicht anruft oder an universellen Gemeinsamkeiten wortlos beschwört. Das ist der erste Eindruck, sind die ersten Assoziationen beim Hören einer in jeder Hinsicht ungewöhnlichen Produktion, die zwei junge kurdische Musiker, unterwegs quer durch Europa, aufgewachsen in Deutschland und Großbritannien, zusammenbringt, um gemeinsam die eigenen Traditionen der Eltern und Großeltern, kurdische Volkslieder, nicht nur nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, sondern in ihrer Intensität einem breiten Publikum zu Gehör zu bringen und somit darauf hinzuweisen, wie wesentlich jedes einzelne farbige Steinchen im bunten Mosaik zwischen Orient und Okzident unserer Zeit ist. Zwei kurdische Musiker führen uns über ihre gewählten Instrumente, die keltische Harfe und die orientalische Langhalslaute, fabelhaft eben diesen Dialog vor, begleiten einander und den fein harmonisierten Gesang, sensibel ergänzt durch Cello, Klarinette, Kontrabass, Ney und Percussion. Betörend schöne Musik, die wie eine Einladung zu Transparenz gehört werden kann.

Cathrin Alisch

 

CEMIL QOÇGIRI & TARA JAFF  –  Tembur & Harp


JOHN RENBOURN
The Attic Tapes

(Riverboat Records/Harmonia Mundi, go! www.worldmusic.net/johnrenbourn )
20 Tracks, 61:25, mit engl. Text

Mac MacLeod, einem Freund John Renbourns, ist es zu verdanken, dass die vorliegenden Aufnahmen aus den frühen Sechzigerjahren aufgetaucht sind. John Renbourn selbst nahm sich dieser Aufnahmen mit großem Engagement an. Klanglich restauriert präsentieren sie einen Künstler, der seine erste Platte bei Transatlantic Records zwei, drei Jahre später veröffentlichen sollte. Sie dokumentieren, was „mir in dieser Zeit widerfuhr und sind eine Reflexion der Szene allgemein“ (Renbourn). Erstaunlich ist gleich der Opener des Albums: Davy Grahams Fingerstyleklassiker „Anji“ in einer sehr frühen Aufnahme, die Renbourn in den Liner Notes als lose und unstabil bezeichnet. Die Sammlung enthält viele Livetakes: Renbourn als Gitarrist und Sänger, aber auch im Duo mit der Sängerin Beverly Martin, besagtem Freund MacLeod, Gesang und Gitarre und last but not least mit Davy Graham persönlich und einer echt feinen Fassung von „Nobody Knows You When You Are Down And Out“. Das fertige Artwork ging tragischerweise gerade einen Tag nach Renbourns Tod im März 2015 an ihn raus, sodass er das endgültige Werk, an dem ihm so viel lag, nicht mehr zu sehen bekam und auch die Datierung der einzelnen Tracks nicht mehr vornehmen konnte.

Rolf Beydemüller

 

JOHN RENBOURN –   The Attic Tapes


ROSAPAEDA
Inna Different Stylee

(Felmay fy 8231/Pool Music & Media, go! www.rosapaeda.it )
10 Tracks, 44:13, mit ital./apul. Texten u. ital. u. engl. Infos

So unnachgiebig sie in ihren Texten Beschwerde führt, als Frau wie gegen gesellschaftliche Kälte, so kraftvoll zog Antonella Di Domenico alias Rosapaeda die Synthese ihrer bisherigen Karriere in Eigenregie zusammen. Der Albumtitel führt zurück zur Reggaeband Different Stylee, mit der 1982 alles anfing – verweist aber auch darauf, dass inzwischen auch einiges anders ist. Die traditionelle Folkmusik des italienischen Südens, der sich die Sängerin und Bassistin aus Bari zwischenzeitlich zuwandte, bleibt in der Sprache wie in den Gesangsmelodien präsent – eine große Bereicherung; der vollmoderne Reggae klingt mitunter so sehr nach Club und Lounge, dass er als Reggae kaum noch erkennbar ist, in der Form wie im Geist; produziert haben der italienische House-Produzent Eddi Xedrom Romano und das Londoner Reggae-Schwergewicht Dennis Bovell. Viel Hin und Her also, viel Hü und Hott – und in der Tat ist manche Kombination gewöhnungsbedürftig, namentlich der für Reggaeverhältnisse teils etwas exaltierte Gesangsstil der Cantante. Aber alles passt mit jedem Hören besser zusammen – und schnell ist alles rund wie der stilistische und der Karrierekreis, die Inna Different Stylee beide bravourös schließt …

Christian Beck

 

ROSAPAEDA – Inna Different Stylee


HANK SHIZZOE
This Place Belongs To The Birds

(Blue Rose Records BLU DP0667, go! www.hankshizzoe.com )
10 Tracks, 35:56, mit engl. Texten

Vögel, ja, wer würde sie nicht mögen, wie sie bunt und fröhlich tschilpend durch die Lüfte sausen? Auf seinem vierzehnten Album hat der Schweizer Hank Shizzoe ihnen eine Würdigung komponiert und stellt klar, dass der Himmel den Gefiederten gehört. Ansonsten spielen Vögel in den Songs keine Rolle und auch das Vögeln nur bedingt. Es geht vielmehr in beschaulicher Weise um Weltbetrachtungen, Schönheit, den Sinn von Veränderungen, das Heimweh. Es herrscht Gelassenheit vom ersten Ton an, gepaart mit Nachdenklichkeit. Der Schwerpunkt liegt auf dem Erzählen und dem schönen Klang, weniger auf fesselnden Melodien und erinnerungswürdigen Hooks. Shizzoe spielt viele der Instrumente selbst wie Bouzouki, Ukulele und Banjo, immer im Geiste der US-Wurzelmusik, die er verinnerlicht hat. So gelingt beispielsweise ein Song der Marke „Ballad Of The Warm Bed“, ein Loblied auf jenes, vorgetragen in kultivierter Langsamkeit. Originell sind ihm die Coverversionen gelungen. Bei „I Wanna Be Loved By You“ macht er uns nicht die Marilyn, sondern trägt mit Slidegitarre und wildem Augenzwinkern vor. Und das „End Of The Line“ der Traveling Wilburys kommt erfrischt und entspannt daher. Genauso, wie Hank Shizzoe wirkt.

Volker Dick

 

HANK SHIZZOE  –  This Place Belongs To The Birds


SOKRATIS SINOPOULOS
Eight Winds

(ECM 2407, go! www.facebook.com/sokratissinopoulos )
12 Tracks, 57:09

Der aus Athen stammende Gitarrist Sokratis Sinopoulos pendelt traumwandlerisch zwischen Tradition und Moderne, Folk und Jazz, verbindet das Alte mit dem Neuen und schafft dem Universalen Raum. Er spielt Lyra, eine für die Inseln der Ägäis so spezifische Viola mit drei Saiten, die wie eine Kniegeige mit dem Bogen gestrichen wird. Hier ist Stille zu spüren. Die Stille zwischen allen Impulsen, die Stille des Unsagbaren, die Stille im Verwehten, Fliehenden. Musik als flüchtiges Element, sehnend wie klagend und werbend, der gestrichene Ton – das Streichen der Wellen im Ägäischen Meer. In der Antike machte die Lyra Gedichte zur Lyrik. Sie ist die Urmutter aller Saiteninstrumente. Die „Acht Winde“ beschwören das Klangbild einer vom Wind gespielten Harfe, so sanft ihr Ton, so zart der Wohlklang des Quartetts. Man hört wieder, das Klavier ist eigentlich ein Saiteninstrument. Das spartanische Spiel verwandelt weiß geflecktes Azur über den Ebenen und Erhebungen Griechenlands in kontrastreiches Schwarz-Weiß. Ein Wechselspiel von Hell und Dunkel, das sich Wesentlichem widmet – ein lyrisch verführerisches Werk!

Stefan Sell

 

SOKRATIS SINOPOULOS  – Eight Winds


THORHAUGE & FORSKOV
Spillemand! Musik Fra Carl Nielsens Barndom

(GO’ Danish Folk Music GO 0715, go! www.nikolajforskov.dk )
12 Tracks, 37:32, mit dän. Info

Zum hundertfünfzigsten Geburtstag des großen dänischen Komponisten Carl Nielsen haben sich die beiden Geiger Nikolaj Forskov Eriksen und Christoffer Thorhauge Dam mit der Musik seiner Kindheit beschäftigt. Denn Nielsens Vater, Niels „Maler“ Jørgensen, war ein populärer Fiddler auf der Insel Fünen. Es sind Kompositionen des Vaters und einiger Zeitgenossen auf dem Album. Sie beginnt aber mit einer Polka – der ersten Komposition von Carl Nielsen als dieser gerade neun Jahre alt und schon ein brillanter Geiger war, der zusammen mit seinem Vater nächtelang zum Tanz aufspielte. Zu diesem ersten Stück sagte sein Vater allerdings nur: „Du solltest es lassen mit dieser Kunst. Das ist nichts, wozu man tanzen kann.“ Vielleicht schon eine Prophezeiung zur späteren Entwicklung seines Sohnes. Neben seinen eigenen Kompositionen spielte Niels Maler Jørgensen überwiegend die populäre Musik seiner Zeit, die er tanzbar arrangierte. So zum Beispiel „Den Tapre Landsoldat“ von Horneman, das noch heute von Kindern gesungen wird, oder „Dybt I Havet“ von Heiberg nach einer alten schwedischen Folkmelodie, hier gesungen von Laura Thorhauge. Das schön gestaltete Booklet enthält viele Originalzitate mit Erklärungen zum damaligen Musikleben.

Bernd Künzer

 

THORHAUGE & FORSKOV  –  Spillemand! Musik Fra Carl Nielsens Barndom


TRAD-ATTACK
AH!

(Nordic Notes NN068, go! www.tradattack.de )
12 Tracks, 45:31, mit estn. u. englischen Texten u. Infos

Der Namensbestandteil „Attack“ lässt es schon erahnen, aber mit welcher Geschwindigkeit die Band über die Köpfe der Hörer hinwegfegt, überrascht dann trotz Vorwarnung. Der estnische Dudelsack, an dessen Klang man sich erst einmal gewöhnen muss, steht im Mittelpunkt des wilden Ritts. Die Musikerin Sandra Sillamaa spielt ihre Instrumentals, als gäbe es kein Morgen mehr. Begleitet wird die Künstlerin von ihren zwei Mitmusikern an Schlagwerk und Gitarre, die auch in Wacken eine schlanke Figur abgeben würden. Noch gewöhnungsbedürftiger als der Klang des estnischen Dudelsacks ist der Gesang, der Assoziationen mit heiseren Schamanen in Ekstase weckt. Beim Erstkontakt mit der Band schwankt der Hörer noch zwischen Abtanzen, Staunen und Flüchten. Die meisten werden sich aber für die Tanzfläche entscheiden. Dabei lohnt es sich, bei AH! genauer hinzuhören. Leichte Dancefloor-Elemente verbinden sich mit alten Traditionals auf bislang nicht gehörte Weise. Trad-Attack schaffen und betreten Neuland. Dass bereits das erste Album diverse Preise abgeräumt hat, ist nur angemessen. Wenn das Publikum die außergewöhnliche Klangfarbe verzeiht, kann aus der estnischen Band etwas richtig Großes werden.

Chris Elstrodt

 

TRAD-ATTACK –  AH!


LUCY WARD
I Dreamt I Was A Bird …

(Betty Beetroot Records BETTY01, go! www.lucywardsings.com )
9 Tracks, 37:16, mit engl. Texten

Lucy Ward, die Dritte! Obwohl sie auf Tonträger immer eine andere Künstlerin war als live solo, ist eine Entwicklung unverkennbar. Ward ist ein Ausbund an Energie und Fantasie, ihre komplexen Lieder sprengen herkömmliche Schubladen. Selbst das einzige Traditional „Lord Randell“ ist als solches nur an den Urheberangaben zu identifizieren. Nein, Lucy Ward, die Solosängerin in den Folkclubs, kann diesen Sound nicht reproduzieren. Live hat sie ganz andere Qualitäten. Ihre neue vierköpfige Band mit Bass, Schlagzeug, Keyboard und Fiddle bringt das wohl schon eher rüber. Aber Wards überbordendes Talent, aktiv unterstützt von Hausproduzent Stu Hanna, bräuchte wohl eher ein Orchester als Spielwiese. Weil das momentan noch zu teuer ist, darf es bei diesem Album auch mal eine in England sehr bekannte Blaskapelle sein. Bei all diesen Ideen verwundert es nicht, dass Wards oft auch politische Lieder erst auf dem zweiten Blick als solche erkennbar sind. Ist das denn noch Folk? Das ist eine Frage der Definition, es ist auf jeden Fall unglaublich spannende Musik. Normalerweise sind CDs mit 37 Minuten Spielzeit eine Zumutung. Dieses Werk lässt einen nach dieser kurzen Zeit völlig ausgelaugt zurück, und das ist ein Kompliment!

Mike Kamp

 

LUCY WARD  –  I Dreamt I Was A Bird …


ZEPHYR COMBO
Face À L’Orage

(Narrenschiff, go! www.zephyrcombo.ch )
12 Tracks, 44:45

Die Zéphyr Combo ist eine vierköpfige Schweizer Folkband. Ihr erstes Album entsprach vor einigen Jahren noch gehobener Straßenmusik. Inzwischen haben sie sich deutlich weiterentwickelt. Kopf der Gruppe ist wohl der aus Belgien stammende Sänger und Akkordeonist Geert Dedapper, jedenfalls schreibt er fast alle Stücke. Die Geigerin und Querflötistin Esther Nydegger ragt dagegen mit ihren instrumentellen Fähigkeiten heraus. Hinzu kommen noch Fridolin Blumer (Kontrabass) und Ali Salvioni (Percussion). Die Zéphyr Combo spielt gerne bei Bal-Folk-Tanzfesten. Auch auf dem Album ist allen Stücken der passende Tanz zugeordnet, auch wenn man bei „Marion“ den Rond de St. Vincent genauso schwer erkennt wie bei „Saule“ die Mazurka. Höhepunkt des Werks ist die „Route Des Princes“, eine beschwingte Gavotte de L’Aven mit wunderschöner Melodie, effektvoll ans Ende des Albums gesetzt.

Christian Rath

 

ZEPHYR COMBO  –  Face À L’Orage

Update vom
27.10.2015
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