Rezensionen DEUTSCHLAND


MARCEL GEIN
Passanten

(Tapete TR 298/Indigo go! http://marcelgein.tumblr.com )
Promo-CD, 12 Tracks, 39:55

Es gibt Lieder von solcher Schönheit, dass es einem im Bauch und in der Seele schmerzt. Der Text tritt in den Hintergrund, und man fühlt sich von der reinen Musik seltsam berührt und schreibt im Kopf dazu seinen eigenen Text. Marcel Gein bietet auf seinem Debütalbum gleich zwölf Lieder, die dieses Gefühl erzeugen. Bereits nach den ersten Songs spürt man einen Sog, der einen ungeduldig auf den nächsten Track warten lässt. Passanten ist wie ein Weihnachtsbaum, unter dem viele unausgepackte Geschenke liegen, und man freut sich auf jedes einzelne. Mal nur von akustischer Gitarre getragen, mal mit einer punktgenauen Orchesterbegleitung, bietet jeder Song die perfekte Stimmung, um den Hörer in seine eigenen Gedanken zu tragen. Beim zweiten Durchhören erfasst dann das Ohr auch die Texte und der Hörer wird erneut verzaubert. Keine „Dem-geht’s-genau-wie-mir“-Betroffenheitsattitüde, stattdessen kleine Kostbarkeiten aus einem besonderen Alltag, aus einer Welt, die, wenn man sie nur aufmerksam genug wahrnimmt, unendlich viele Geschichten zu berichten hat. Und wie die Songs seiner Hamburger Kollegen Wiebusch oder des unvergessenen Nils Koppruch wird man auch die Lieder von Marcel Gein an Lagerfeuern singen.

Chris Elstrodt

 

MARCEL GEIN   – Passanten


THE KRUSTY MOORS
Kalapso

(Eigenverlag go! www.the-krusty-moors.de )
15 Tracks, 55:15, mit engl. u. dt. Infos u. zwei engl. Texten

Natürlich gibt es auch in Karlsruhe einen Irish Pub, und dieser wartet auch noch mit einem singenden Wirt auf: Der gebürtige Ire und ehemalige Straßenmusiker Paul „Scruffy“ Burke beweist als Frontsänger der Krusty Moors, wie man eine kräftige Stimme, einen ausgeprägten irischen Akzent und wohlbekannte Evergreens des Irish Folk zu einer mitreißenden, fröhlichen und die Laune hebenden Pub-’n’-Party-Musik vereinen kann. Bestehend aus vier Stamm- und neun Gastmusikern, darunter Paddy Schmidt und Andrew Cadie, schaffen die Krusty Moors zudem einen vollen Bandsound, der das Seinige zum Gesamtergebnis beiträgt. Das klingt nach feucht-fröhlichen Samstagabenden im Pub oder nach einer gut gelaunten Fahrt ins Wochenende mit dieser Scheibe im Autoradio. Ob altbekannte Songs wie „Couldn’t Have Come At A Better Time“ und „Black Is The Colour“, Eigenkompositionen wie „Devil On The Shelf“ und „Me-Jere-Me“ (deren Texte man mitlesen kann) oder Instrumentals wie „Surf Maid“ und „Deireath Fomhair Jo“, es sind keine besonderen, aber sehr schöne Performances, die einfach Freude machen. „You may be right, I’m crazy“ heißt es in einem Lied. Ja, aber schön verrückt, auf angenehme Weise eben!

Michael A. Schmiedel

 

THE KRUSTY MOORS – Kalapso


PONCE KÄRGEL/MAURENBRECHER
Klagen ist für Toren ... eine Winterreise

(Reptiphon, Broken Silence 06689 go! www.klagenistfuertoren.wordpress.com )
24 Tracks, 70:13, mit Infos, ohne Texte

Weit entfernt von jeglicher Sentimentalität und frei von düsterem Weltenschmerz interpretieren Marco Ponce Kärgel und Manfred Maurenbrecher Franz Schuberts Winterreise, diese Schilderung einer vergeblichen Liebe, in erfrischend eigenwilliger Weise. Schon als die Sopranistin Nataša Mirkovic-De Ro aus Bosnien und der österreichische Drehleiervirtuose Matthias Loibner 2010 ihre ungewöhnliche Version der Winterreise vorlegten, war von „frevelhaftem Einreißen eines Monuments bürgerlicher Konzertsaalkultur“ die Rede. Maurenbrechers Schmirgelstimme hingegen, die er souverän und ohne überflüssigen Kunstanspruch zu gebrauchen weiß, und Kärgels rau-kantiges Spiel auf der E-Gitarre, das auch vor angedeuteten Metalriffs nicht zurückschreckt, stehen gemeinsam für eine wahrhaft mutige, hochinteressante Herangehensweise, sich derartigen Werken zu nähern. Der 24-teilige Liederzyklus von Franz Schubert und Wilhelm Müller – seltsam nur, dass weder Komponist noch Texter auf dem Digipak eine Erwähnung finden – erfährt durch Kärgel und Maurenbrecher eine kreative, absolut hörenswerte Runderneuerung, die das angegraute Werk charmant-unbekümmert und ohne falschen Respekt in die Gegenwart katapultiert.

Kai Engelke

 

PONCE KÄRGEL/MAURENBRECHER  – Klagen ist für Toren ... eine Winterreise


MARKUS SEGSCHNEIDER
Sketchbook

(Acoustic Music Records/Rough Trade go! www.markus-segschneider.de )
14 Tracks, 44:15

Segschneider, die Vierte! Und wieder ein Erlebnis für den Freund akustischer Gitarrenmusik. Ausgereifter Ton, perfekte Spieltechnik, interessante Kompositionen … – das sind nur einige Attribute, die das Schaffen des Kölner Steelstringgitarristen umschreiben. Musik für Herz, Hand und Verstand. Den komplexen Arrangements sollte man ein aufmerksames Ohr schenken, denn sonst entgehen einem die delikaten harmonischen und melodischen Finessen seiner „Moving Landscapes“ oder das elegante rhythmische „Stolpern“ in „The Skipped Beat“. Interessant sind auch die Adaptionen von Thijs van Leers „Silvia“ oder des Beatles-Klassikers „And I Love Her“. Segschneiders lyrische Tonsprache unterscheidet sich deutlich von den oft gehörten gitarristisch-musikalischen Mustern, die, wie man erstaunt zur Kenntnis nimmt, nur bedingt in der technischen Begrenztheit des Instrumentes begründet sind. Und ob er in guter Atkins-Manier lässig dahintreibt, wie in dem zauberhaften „Chatting With Sim“, einen feinen Funkgroove webt wie in „Pocket Dancer“ oder impressionistisch anmutend ein „Poem For A Nice Day“ formuliert: Das alles hat große Klasse!

Rolf Beydemüller

 

MARKUS SEGSCHNEIDER – Sketchbook


HANNES WADER
Sing

(Mercury Records/Universal, go! www.hannes-wader.de )
Promo-CD, 10 Tracks, 61:45

Wader verfügt wahrscheinlich über ein Alleinstellungsmerkmal im deutschsprachigen Liedermachersegment. Er ist ein Texter und Komponist, dem immer wieder der Spagat zwischen zeitgemäßem Arrangement und gradliniger Melodieführung gelingt, während er darüber hinaus ein begnadeter Geschichtenerzähler voller Witz, Ernsthaftigkeit und Einfühlungsvermögen ist. Auch eine – häufig durchaus berechtigte – Angriffslust ist ihm nicht fremd. Sein neues Album Sing ist zwar kein Konzeptalbum, doch das Singen und Musizieren als solches bildet eindeutig den inhaltlichen Schwerpunkt. „So wie der“ thematisiert das Leben als Straßenmusikant, „Wo ich herkomme“ kommt als Talking Blues daher, eine von Wader oft aufgegriffene musikalische Form, die es ihm ermöglicht, eine Geschichte in möglichst vielen Facetten zu schildern. Hier geht es konkret um die lebenslange Suche nach innerer und äußerer Heimat. Plastischer als in „Folksinger’s Rest“ kann irische Pubatmosphäre kaum dargestellt werden. Und es gibt viele kluge, pointierte Blicke auf die zurückgelegte Lebensstrecke. Der Titelsong „Sing“ – untermalt von einem übermütig hüpfenden Wechselbass und dargeboten mit beeindruckendem Tonumfang der Singstimme – erzählt vom Segen des Singens. „Und geht’s mir schlecht, / dann sing ich erst recht.“

Kai Engelke

 

HANNES WADER – Sing

Update vom
28.02.2015
Links
go! Home
go! Vorige Rezis
go! Nächste Rezis
FOLKER auf Papier
Dieser Artikel ist ein Beispiel aus der Print-Ausgabe!
Bestelle sie Dir! Einfach das
go! Schnupper-Abo! bestellen und drei Ausgaben preiswert testen. Ohne weitere Verpflichtung!
Oder gleich das
go! Abo ?
Anzeige
Den FOLKER liest auch:Anzeige
Mit etwas Glück...
go!
...bist Du dabei. Ein Klick auf das hier gezeigte "Ticket" bringt Dich weiter.
Termine online eingeben
Hallo Folker-Freunde!
Wollt ihr uns
go! Termine zusenden, dann benutzt bitte das Terminportal go! Folk-Lied-Weltmusik.
Die go! Termine sind auch als RSS Feed zu abonnieren.
Anzeige

Mehr Links zum Thema Folk auf
TOP50
Top 50 Folk