Rezensionen EUROPA


ALDOC
From Tallaght To Halle

(CD-Nr. 253621, go! www.aldocmusic.com )
10 Tracks, 51:29, mit kurzen Infos

Wie ein chilliger Abend unter Palmen, wie ein Zug durch die Nacht im trubeligen Dublin, wie das Eintauchen in die kreative, drogengeschwängerte Atmosphäre eines Dub-Studios und eine immer virtuose, mal ziemlich jazzig-frei, mal nach irischer Trad-Music klingende Flöte – das alles und mehr ist Alan Dohertys neues Album. Der Meister-Flötist (Lord of the Rings, Gráda) hat in seiner neuen Heimat zu einer eher dem Fusion/Club-Segment zuzuordnenden als einer typischen Modern-Irish-Music-CD ausgeholt. Dazu haben er und Gerry Paul (Gitarre) eine Reihe von sensiblen Gästen an Bass, Drums und vielen anderen Instrumenten eingeladen. Anders als bei ähnlichen Projekten wie The Ollam, wo ganz deutlich die auf Irish-Trad basierenden Whistle- und Pipes-Linien im elektronischen Kontext führen, ist ALDOC eine wirklich multikulturelle Klangreise, welche die Beiträge der hochkarätigen Gastmusiker und Alans weitgestreute musikalische Interessen in den Vordergrund rückt. Chanting, sein vorzüglicher Gesang, Sprachkollagen, Scratching, Ambient und ethnische Sounds, alles hat seinen Platz. Anspieltipps: „Feed Me Seymour“, „Feeling So Much Better“, „Euge“, „In Halle“… Im Detail liebevoll, mit fantastischem Sound, findet man jedes Mal mehr in dieser großartigen Produktion. Congrats!

Johannes Schiefner

 

ALDOC  – From Tallaght To Halle


JETHRO TULL’S IAN ANDERSON
Thick as a Brick – Live In Iceland

(Eagle Records EDGCD533/Universal, go! www.jethrotull.com )
Do-CD, 18 Tracks, 108:20, mit wenigen engl. Infos

War’s das jetzt wirklich? Anderson hat schon oft davon gesprochen, dass das Kapitel Tull eigentlich zu Ende sei, das ist es aber wohl noch nicht so ganz. Mit seinem 1972er-Meisterwerk Thick As A Brick tourte er 2012/13 und komplementierte es mit einer Fortsetzung nach vierzig Jahren Thick As A Brick 2 – Whatever Happened To Gerald Bostock, dem Protagonisten des Originals. Apropos Original, da gab sich der verkappte Folkie Anderson alle erdenkliche Mühe, den Teil eins in Island exakt wie auf der LP klingen zu lassen. Nur die Erinnerung an den Werbespot für Prostatakrebs-Vorsorgeuntersuchungen etwa zu dem Zeitpunkt, wo damals die LP umgedreht werden musste, die scheint völlig verblasst zu sein. Ansonsten hat es Teil zwei natürlich schwer, gegen die geballte Nostalgie des Erstlings zu bestehen, denn Thick As A Brick und Aqualung waren zwei legendäre Alben, die durchaus als eine Art Folkrock durchgehen konnten. Nicht von ungefähr sind später zeitweise die Fairport-Musiker Dave Pegg und Maartin Allcock bei Jethro Tull eingestiegen. Gute Musik mit ein wenig Patina.

Mike Kamp

 

JETHRO TULL’S IAN ANDERSON   – Thick as a Brick – Live In Iceland


SALLY BARKER
Maid In England

(Hypertension Music/Soulfood HYP 14305, go! www.sallybarker.co.uk )
13 Tracks, 64:21, mit engl, Infos

Diese Rezension ist eigentlich mehr eine Erzählung. Ab dem Jahr 2000 begannen die Aufnahmen für dieses Album, die meisten folklastigen Songs von der Engländerin stolz (ko-)geschrieben und mit Gästen wie Phil Beer, Maartin Allcock, Patsy Seddon oder Sarah Allen eingespielt. Probleme mit den Mandeln sorgten für eine lange Unterbrechung, nach einer Operation ging es weiter, und 2003 erschien das Werk – ohne jegliche Resonanz, denn ihr Mann erkrankte an Krebs und starb noch im gleichen Jahr. Nun gab es zwei Jungs, deren Erziehung Priorität hatte. Diese beiden – mittlerweile Teenager – überredeten Sally Barker 2013, an der englischen Version der Castingshow The Voice teilzunehmen. Ihre Stimme überzeugte den Juror Tom Jones, der sie einfühlsam ins Finale brachte. Sie wurde zwar nicht die Siegerin, aber es reichte locker, um ihre Karriere neu zu beleben. Sally Barkers alte (deutsche) Plattenfirma erklärte sich bereit, das 2003er-Album erneut zu veröffentlichen, angereichert mit zwei Songs aus der Castingshow (großartig: der Bee-Gees-Song „To Love Somebody“). Maid In England trägt deutlich die Botschaft: Welcome back, Sally! Jetzt wissen wir erst, wie sehr wir dich vermisst haben!

Mike Kamp

 

SALLY BARKER       – Maid In England


THE BEVVY SISTERS
Plan B

(Interrupto Music IM004, go! www.bevvysisters.co.uk )
11 Tracks, 44:28

Die Bevvy Sisters sind in erster Linie drei Damen aus Schottland, die mit geradezu betörenden Stimmen traditionelle (wie „Ain’t No Grave“) und selbst geschriebene Americana-Songs interpretieren. In zweiter Linie gibt es auch noch einen David Donnelly, der im Gesamtzusammenhang nur optisch zu vernachlässigen ist, akustisch und mit seinen Kompositionen jedoch keinesfalls. Und drittens sind die Sisters (plus Brother) auch erfreulich kompakte Instrumentalisten, die jedoch ihr Können immer in den Dienst des Gesanges stellen. Egal ob Trad, Eigenes oder die zwei Sandy-Wright-Kompositionen „Little Bird“ und „Six Degrees“, die Bevvy Sisters interpretieren ihr Material mit ansteckendem Enthusiasmus und großem handwerklichen Können. European Americana at its best!

Mike Kamp

 

THE BEVVY SISTERS  – Plan B


RAY COOPER
Palace Of Tears

(Westpark Music 87267/Indigo, go! www.raycooper.org )
10 Tracks, 47:49, mit engl. Texten u. Infos

Genau die richtige Jahreszeit, um das zweite Soloalbum des Ex-Oysterband-Mannes Cooper zu hören und zu besprechen. Irgendwie passt eine CD nicht in Zeiten blauer Himmel und Schäfchenwolken, die vom Berliner Tränenpalast, den Tränen der Isis, zerstörten Engeln und kriegerischen Spuren im Sand handelt. Da wirken die beiden Instrumentalparts wie zum Beispiel „Maarit’s Waltz“ geradezu optimistisch, auch wenn Letzterer Betrachtungen über verflossene Schönheit folgt. Nein, niemand wird Ray Cooper vorwerfen können, textlich oder musikalisch ein Bruder Leichtfuß zu sein. Sein umfassendes instrumentelles Können (Gesang, Cello, Gitarre, Kantele, Harmonika, Mandoline, Percussion, Harmonium, Bassgitarre) macht Gastmusiker weitgehend überflüssig. Textlich ebenso wie musikalisch lässt sich Cooper zunehmend von seiner schwedischen Wahlheimat inspirieren. Wie gesagt, leichte Kost ist das nicht, und angenehm gepflegte Melancholie kommt auch kaum auf, aber wer Songs mit Tiefgang sucht, der ist bei Ray Cooper goldrichtig.

Mike Kamp

 

RAY COOPER   – Palace Of Tears


MICK FLANNERY
By The Rule

(Universal 00602537757527, go! www.mickflannery.com )
13 Tracks, 46:24, mit engl. Texten und Infos

Spätestens seit den Fleet Foxes und Bon Iver hat sich eine Songwritergeneration etabliert, die in der Tradition des amerikanischen Folkrevivals um Woody Guthrie und Bob Dylan steht und die nicht nur an die musikalischen Parameter der Sechziger anknüpft, sondern auch das Image des männlichen Sensibelchens in voller Konsequenz rekonstruiert. Heute bedeutet das: ein notorischer Bart, zur Schau gestellte soziale Isolation und genuschelter Falsett zur Akustikgitarre. Die Männer der Nufolk-Szene, der Ire Mick Flannery ist einer von ihnen, singen nicht mehr über politische Missstände, sondern über das Private, sei es Liebe, Freundschaft, oder – natürlich – Schmerz. Wenn der Künstler sich nur um sich selbst dreht, ist die Grenze zum Pathos fließend, aber es gelingen auch immer wieder anrührende Songs, denen das Understatement ihrer Macher gut steht. In dem Gerüst aus Gitarre und Klavier geht die Stimme Flannerys förmlich auf, ungeglättet und gespickt mit eigenwilligen Phrasierungen steht sie im Mittelpunkt der Songs und dient – in feinster Songwritertradition – ganz dem Text und ihrer persönlichen Ausdeutung. Mick Flannery reiht sich ein in die Riege irischer Sänger und Bands wie James Vincent McMorrow, Declan O’Rourke oder die Villagers.

Judith Wiemers

 

MICK FLANNERY      – By The Rule


SIOBHÁN KENNEDY
Seíd

(Siúnta Music, go! www.siobhan-kennedy.com )
14 Tracks, 49:41

Das Kompendium irischer Folkinstrumentals der irischen Flötistin Siobhán Kennedy beweist einmal mehr, dass es keiner jazzigen Rhythmen oder aufwendigen Produktionen bedarf, um die Varianz und Dramatik dieses Repertoires auszustellen. Ihre Sets kombinieren Reels, Hornpipes, Jigs und Airs und spielen mit Tempo- und Tonartwechseln, begleitet von Vamping an Klavier, Bouzouki und Gitarre. Jens Kommnick, der die zuvor genannten Instrumente bedient, fügt sich einfühlsam in die Tunes ein und bereichert die Melodieführung der Flöte, ohne sie je zu dominieren. Die Stückauswahl stellt Klassiker neben ungewöhnliche Hornpipes und vergessene Reels, die Kennedy auf alten Aufnahmen gefunden hat. Ihr Sinn für die musikalische Tradition und einhergehendes Verantwortungsgefühl gegenüber dem Material ebenso wie ihre Erfahrungen im Set- und Stepdance machen dieses Album so gut. Als weiteren Bonus bespielt Siobhán Kennedy hier fünf verschiedene Flöten aller Register (Whistles, Flutes, Low Whistle) und erschließt so die vielfältigen Klangräume ihres Instruments. Drei Songs komplettieren das versierte Debütalbum der Flötistin.

Judith Wiemers

 

SIOBHÁN KENNEDY  – Seíd


PIIA KLEEMOLA
Pirun Ja Papin Polska

(SEITACD017, go! www.piiakleemola.com )
8 Tracks, 43:25, finn. u. engl. Infos

Piia Kleemola schrieb ihre Doktorarbeit über die Violine in der finnischen Volksmusik. Die Musik, die sie dabei fand, wurde im und um das neunzehnte Jahrhundert komponiert und in Archiven Österbottens gesammelt, dem schwedischsprachigen Teil Finnlands im Westen. Daraus entstand ihr Album Fiddle Feast (2012) mit drei weiteren Violinistinnen, unter anderem Kukka Lehto (Polka Chicks). Ebenfalls auf dieser musikalischen Basis entwickelte sie „Die Polska von Teufel und Pfarrer“. Es ist ein Soloalbum, an dem nur bei zwei Stücken die Akkordeonspielerin Anne-Mari Kivimäki beteiligt ist. Das Geigenspiel von Piia Kleemola ist so raumfüllend, dass andere Instrumente es wohl schwer haben sich durchzusetzen. Sie erreicht das durch die starke Betonung der tiefen Saiten mit vielen Doppelgriffen, oft als Ostinato. Diese traditionelle, sehr rhythmische Spielweise ist darin begründet, dass die Spielleute früher oft solo in einem Saal zum Tanz aufspielten. Das musste dann schon eine gewisse Lautstärke haben. Kleemolas Musik lässt sich stilistisch aber nicht eindeutig zuordnen, denn sie enthält schwedische, finnische und zeitgenössische Anteile. Im Booklet findet man einiges an Erklärungen zu den einzelnen Stücken.

Bernd Künzer

 

PIIA KLEEMOLA          – Pirun Ja Papin Polska


LEVELLERS
Greatest Hits

(On The Fiddle Recordings/Rough Trade OTF019, go! www.levellers.co.uk )
Promo-Do-CD, 35 Tracks, 124:58

Ziemt es sich für Folk-Rock-Punk-Anarchisten, ein Greatest-Hits-Album rauszubringen? Keine Ahnung, aber sie haben es zumindest selbst zusammengestellt, und es ist praktisch, alle ihre Mitsinghymnen der letzten circa fünfundzwanzig Jahre auf zwei Silberlingen versammelt zu hören, Songs wie „Hope Street“, „What A Beautiful Day“ oder „Just The One“. Wie sich das gehört, hat man noch ein paar Schmankerl eingebaut, Kooperationen mit Imelda May, Frank Turner, Bellowhead oder Billy Bragg. Das kommt ziemlich gut, und das ist auch gut abgepasst, schließlich geht’s Ende Oktober, Anfang November für vier Gigs durch diese Republik. Was allerdings als nicht so nett empfunden wird, ist, dass auch eine politisch denkende Band wie die englischen Levellers (oder ihre Vertriebspartner) diesen Promo-Exemplar-Unfug mitmachen. So erhält der Rezensent zwei Silberlinge plus Tracklisting, wo es doch angeblich auch noch opulente Booklets und eine DVD geben soll. Vielleicht ist dies nicht der richtige Ort für eine solche Kritik, aber wie man unter diesen Voraussetzungen eine Besprechung schreiben soll, die dem Produkt gerecht wird, das der Interessent kaufen kann, das bleibt das Geheimnis der Verantwortlichen.

Mike Kamp

 

LEVELLERS   – Greatest Hits


OQUESTRADA
Atlantic Beat – Mad’ In Portugal

(Jaro Medien 4321-2, go! www.oquestrada.com )
10 Tracks, 41:19, mit Texten

Tasca Beat, der „Rhythmus der Tavernen“, das Debütalbum der Lissaboner Gruppe wurde in Portugal zu einem riesigen Verkaufserfolg. Nun, fünf Jahre danach, folgt Atlantic Beat. Raus aus den Kneipen heißt die Devise. Rauf auf den Dampfer, von wo man einen guten Blick auf die Küste des kleinen südeuropäischen Landes am Atlantik genießt, das vom Rest Europas so gerne vergessen wird und wo die Zeit ein wenig gemächlicher fließt. In „Sweet Old Country“, dem englisch gesungenen Stück des Albums, bringt die Sängerin Marta Miranda die Liebe der Portugiesen zu ihrem Land zum Ausdruck. Dann rattern wir in Fernando Pessoas „Zug nach Süden“ („Comboio Descendente“), halb schlafend, halb wach, blicken aufs Meer Richtung Brasilien. Ja, das Herz des kleinen Landes am Atlantik schlägt ruhiger als anderswo – und doch beschwingt. Marta Miranda, Waschbecken-Bassist Pablo und der Mandolinist João Lima, unterstützt von Gästen an Gitarren, Akkordeon oder einer Trompete schenken dem Herzschlag eine Melodie. Oquestrada tönen ein wenig abgeklärter als auf dem Debütalbum, aber trotzdem einnehmend, und sie spielen mit viel Liebe zum Detail.

Martin Steiner

 

OQUESTRADA   – Atlantic Beat – Mad’ In Portugal


ANDREAS TOPHØJ & RUNE BARSLUND
The Danish Immigrant

(GO’ Danish Folk Music GO1214 EP, go! www.andreasrune.dk )
EP, 5 Tracks, 16:25, engl. Kurzinfo

Einflüsse aus anderen Ländern auf die nationale Folkmusik gab es schon immer. Durch die erleichterten Reisemöglichkeiten hat das in den letzten fünfzig Jahren stark zugenommen und zur Bereicherung beigetragen. Die beiden jungen dänischen Musiker, Violine/Viola und Akkordeon, verarbeiten hier ihre Erfahrungen aus Amerika und Irland in eigenen Kompositionen mit ihrer skandinavischen Basis. Das heißt nicht, dass die Orte, an denen sie komponiert wurden, immer einen besonders starken Einfluss haben. „The Danish Immigrant“ könnte wirklich von einem im neunzehnten Jahrhundert nach Amerika ausgewanderten Dänen geschrieben sein. Die „Kerry Polska“ klingt jedoch ausgesprochen schwedisch. Vielleicht wegen des Heimwehs. Wesentlicher aber ist, wie die beiden zusammenspielen. Das ist so einfühlsam, dass Violine/Viola und Akkordeon manchmal kaum zu unterscheiden sind. Mit diesen fünf sehr anrührenden Melodien ist ein Kleinod produziert worden, bei dem man bedauert, dass es nur eine EP geworden ist. Es ist die Auskoppelung des Soundtracks eines Films, für den es 2012 einen Danish Music Award Folk gab. Bei zwei Stücken begleitet sie der Gitarrist Rasmus Zeeberg, mit dem sie auch in anderen Gruppen musizieren.

Bernd Künzer

 

ANDREAS TOPHØJ & RUNE BARSLUND  – The Danish Immigrant

Update vom
22.10.2014
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