Er kann’s nicht lassen

DAVID BROMBERG

Dritte Karriere eines musikalischen Chamäleons

DAVID BROMBERG * FOTO: DORIS JOOSTEN

Auf die Idee muss man erst mal kommen: dem Instrumental „Sheebeg And Sheemore“, einer Melodie des blinden irischen Harfenisten Turlough O’Carolan, den „Cocaine Blues“ folgen zu lassen. Und dann die Chuzpe zu besitzen, den Phil-Spector-Heuler „To Know Her Is To Love Her“ gleich hinterherzuschieben, ohne dabei Schmalz triefen zu lassen. Wenn das Ganze dann schließlich mit dem Hoagy-Carmichael-Jazzklassiker „Georgia On My Mind“ aus den Dreißigerjahren konterkariert wird, kann man fast sicher davon ausgehen, dass sich einen solchen wüsten Genremix nur ein Musiker erlauben kann, der die Stile zu wechseln weiß wie ein Chamäleon die Farbe. Vom akustischen Fingerpickingblues im Piedmontstil eines Reverend Gary Davis über elektrifizierten Chicago-Rhythm-and-Blues zum Rock ’n’ Roll, vom Ragtime zum Bluegrass und von irischen Jigs ’n’ Reels zur Countryballade.

TEXT: ULRICH JOOSTEN

1978, kurz vor seinem vorläufigen Abschied vom aktiven Musikerleben, spielt der Gitarrist und Sänger David Bromberg weitgehend solo das Album My Own House ein, auf dem er sich solche Extravaganzen leistet und ein dennoch homogenes Werk abliefert.
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AUSWAHLDISKOGRAFIE:
David Bromberg (Columbia, 1971)
My Own House (Fantasy, 1978)
You Should See The Rest Of The Band (Fantasy, 1980)
Sideman Serenade (Rounder, 1989)
Try Me One More Time (Appleseed, 2007)
Use Me (Appleseed, 2011)
Only Slightly Mad (Appleseed, 2013)

COVER ONLY SLIGHTLY MAD

Die CD-Wiederveröffentlichung 1999 auf Fantasy Records fügt das 1980 mit großer Gruppe live eingespielte Album You Should See The Rest Of The Band hinzu. Der Kontrast könnte größer nicht sein. Bromberg startet dort mit dem druckvollen Rhythm and Blues „Key To The Highway“, einer Big-Bill-Broonzy-Adaption mit knalligen Bläsersätzen, gefolgt von seinem eigenen „Helpless Blues“ und dem lasziven Talking Blues „Sharon“. Nach einem Bluegrass-Einschub mit „Leather Britches“ entwickelt sich das Album gegen Ende hin zum keltischen Folkrock mit elektrisch verstärkten Versionen von „The Wind That Shakes The Barley“ und „Drowsy Maggie“. Nach zweiundzwanzigjähriger Pause, einem rein akustischen Comeback- sowie einem Konzeptalbum legt der beinahe neunundsechzigjährige Musiker mit Only Slightly Mad ein „typisches“ Bomberg-Album vor, das mit stilistischer Vielfalt und fabelhaften Arrangements seinen Ruf als „Godfather of Americana“ untermauert und nahtlos an seine klassischen Alben anknüpft.
» Die Plattenläden hatten keine
Ahnung, in welches Regal sie
uns einsortieren und wie sie
das Zeugs nennen sollten.
Heutzutage gibt es einen Namen
dafür. Man nennt es Americana. «

Musikalischer Eklektizismus ist schon immer das Markenzeichen des Musikers gewesen, seit er 1971 für Columbia sein überwiegend akustisches Debütalbum David Bromberg teils im Studio, teils live einspielte: „Damals dachte ich, dass wir unsere Marktnische gefunden hätten, wenn die Mischung Anklang fände. Es war kommerzieller Selbstmord. Die Plattenfirmen wussten nicht, in welchen Fachzeitschriften sie Werbung schalten sollten. Die Plattenläden hatten keine Ahnung, in welches Regal sie uns einsortieren und wie sie das Zeugs nennen sollten. Vielleicht einfach ‚Gute Musik‘? Heutzutage gibt es einen Namen dafür. Man nennt es Americana.“
Nach sechs weiteren LPs auf dem Columbia-Label wechselt Bromberg zu Fantasy und schließlich zu Rounder. Ein so vielseitiger Musiker, der nicht nur akustische und elektrische Gitarre mit stilistischer Vielfalt beherrscht wie kaum ein zweiter, sondern auch Slide Guitar, Mandoline, Geige und Gott weiß was sonst noch alles spielt, ist gefragt.
DAVID BROMBERG CIRCA 1971
Aus dem anfangs namenlosen Studiomusiker, der auf zahlreichen Mainstreamproduktionen von Steam bis zu den Archies und vielen anderen mitwirkt, ohne in den Creditsgenannt zu werden, wird ein gefragter „Sideman“. Bromberg ist das, was man einen „musician’s musician“ nennt – von der breiten Öffentlichkeit kaum beachtet, von Kollegen hochgeschätzt. Nachdem er jahrelang rastlos durch die Aufnahmestudios getingelt ist und für Weltstars wie Bob Dylan,die Eagles, Ringo Starr, Gordon Lightfoot, Willie Nelson, Carly Simon, Jerry Jeff Walker, John Prine, The Band oder Rory Block gearbeitet hat (die Liste der „Sessions Credits“ auf seiner Website ist ein wahres Eldorado für Namedropper), ist plötzlich Schluss.

1980 verschwindet David Bromberg, der Hansdampf in allen Musikgassen, von den Bühnen und aus den Studios dieser Welt. Nach zwei Jahren „on the road“ realisiert er, dass er bis an den Rand der Erschöpfung gearbeitet hat, „ohne einmal zwei Wochen zu Hause zu sein“. Er zieht die Reißleine. „Ich war total ausgebrannt, aber zu blöd zu erkennen, dass es Burn-out war. Wenn ich zu Hause und nicht unterwegs war, habe ich nicht komponiert oder geübt und nicht gejammt. Also kam ich zu dem Schluss, dass ich kein Musiker mehr sei, wenn ich denn jemals einer gewesen sein sollte. Ich weigerte mich, einer dieser Burschen zu werden, die auf die Bühne gehen und eine bittere Imitation dessen abliefern, was sie einmal waren.“

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Update vom
26.08.2014
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