FOLKER – Editorial

EDITORIAL

Liebe Musikfreundinnen und -freunde,

beginnen wir mit einer Rückblende: „Ein neues Musikblatt auf dem deutschen Zeitungsmarkt. Eins von vielen, wenn man an die Fülle der Blätter denkt, die sich mit der aktuellen Popkultur beschäftigen. Eins von den ganz wenigen, die sich in unserem Land um die ‚Roots‘-Kultur kümmern. […] Die Redaktion ist sich der Verantwortung bewußt, der sie sich angesichts des ‚Endes‘ von Folk-MICHEL, Folksblatt und Musikblatt zu stellen hat. Doch sie sieht darin auch die Chance für einen Neuanfang. Wir haben uns vorgenommen, die ganze Breite der Szene in den Bereichen, Lied, Folk und Weltmusik zu präsentieren. […] Das Blatt ist blutjung. Vieles läßt sich noch formen.“ Diese Zeilen stammen aus meinem ersten Editorial – damals in der Funktion des Chefs vom Dienst – in Heft 1/1998 des Folker!, vor fünfzehn Jahren noch mit Ausrufezeichen. Heute, neunundneunzig Ausgaben später, ist dies das letzte Editorial, das ich als Chefredakteur für den Folker schreibe. Zeit also für eine persönliche Bilanz und einen Ausblick auf die Zukunft.

Nach wie vor ist der Folker eine der ganz wenigen Zeitschriften in Deutschland, die sich in ihrer Berichterstattung um die Genres Lied, Folk und Weltmusik in ihrer ganzen Breite kümmern. Wobei sich die Rahmenbedingungen erheblich verschlechtert haben. Im Rundfunk werden Autorensendungen zu unseren Themen großflächig abgeschafft, in den Mainstreamprintmedien finden sie, von wenigen Ausnahmen abgesehen, fast nicht statt. Und die vor allem kommerziell ausgerichteten Musikzeitschriften sind entweder zu reinen Promoblättern verkommen oder suchen im Wandel zu modischen Lifestylemagazinen ihr Heil. Auf der Strecke bleibt der kritische Blick auf die Entwicklungen der Musikszene und der darin Agierenden. Und die deutsche Szene der Macher – der jungen Musiker, der Veranstalter und Initiativen? Außer dem Folker gibt es wohl kaum ein anderes Forum für sie. Wer jetzt einwerfen will, es gäbe aber doch das Internet und die sogenannten sozialen Medien, dem möchte ich mit einem Zitat aus Wenzels Gastspiel in dieser Ausgabe entgegnen: „Was sollen wir träumen, wenn wir uns nur noch zu entscheiden haben zwischen sechzigtausend MP3-Tracks?“ Zudem stellt sich die Frage, wie sich neue Musik entdecken lässt, wenn die unzähligen Internetstreams den Überraschungseffekt ausgemerzt haben und einem nur das anbieten, was man ohnehin gerne hört. Mit dem Ergebnis, dass die meisten gar nicht wissen, was sie mögen, sondern nur mögen, was sie kennen. Hier hat der Folker seine Aufgabe, die Joachim Hetscher vom Woody Guthrie Festival in Münster in seinem Glückwunsch zu unserem Jubiläum so formuliert hat: „Geerdet in der Szene, mit einem ganz weiten Horizont, einem überraschenden Blick für das Wichtige, Neue, Ungewöhnliche, mit Raum für die Debatte und zugleich mit einem intakten Kompass für den politischen Anspruch, den Musik für das Volk haben soll.“

Meine ganz persönlichen Gedanken und Gefühle zu einhundert Ausgaben Folker habe ich im Gespräch mit unserem Beiratsmitglied Jan Reichow zum Ausdruck gebracht, die er in seinem Beitrag in der Reihe „5 Minuten mit …“ zusammengefasst hat. Womit ich Sie auch schon in die Lektüre dieser Jubiläumsausgabe des Folker entlassen möchte. Natürlich nicht, ohne dem Verleger, dem Herausgeber sowie der Redaktion und dem Team der Autoren für die Zusammenarbeit in den hinter uns liegenden Jahren zu danken. Meiner Nachfolgerin Sabine Froese wünsche ich, dass Sie gemeinsam mit der Redaktion auch in Zukunft den im ersten Heft dieser Zeitschrift eingeschlagenen Kurs erfolgreich weiter verfolgen wird, um „die ganze Breite der Szene in den Bereichen, Lied, Folk und Weltmusik zu präsentieren.“ Und, wie es Bernd Köhler ausgedrückt hat, dass der Folker „weiterhin einen wachen Blick [hat] auf das globale Musikgeschehen und im Besonderen auf die sozialen Umstände, aus denen Musik und Lieder entstehen (oder auch nicht entstehen)“. An anderer Stelle im Heft werde ich ab der ersten Folker-Ausgabe 2015 in einer regelmäßigen Kolumne zum Thema Musik und Politik das machen, was Reinhard Mey mir in seinen Zeilen zum einhundertsten Heft für die Zukunft gewünscht hat, nämlich „einen väterlich gelassenen … Blick“ auf „mein“ Magazin haben und „ab und zu die Lust, die Feder für eine paar kluge Zeilen darin zu spitzen“.

Zum letzten Mal Ihr Folker-Chefredakteur
Michael Kleff

PS: Ein Leser hat sein Folker-Schnupperabo nach der Lektüre meines Editorials im letzten Heft gekündigt, wegen meiner „Hasstiraden gegen die Sozialdemokraten“. Auch auf die Gefahr hin, dass weitere Sozialdemokraten mit Scheuklappen unter unseren Abonnenten sind, muss ich meine Kritik an der Haltung der SPD wiederholen. Vertritt sie doch bei der Diskussion um eine Befragung des Geheimdienstinformanten Snowden in Berlin unter Führung von Justizminister Maas die Position, dass eine mögliche Beschädigung der deutsch-amerikanischen Beziehungen schwerwiegender sei als das Auskunftsinteresse des NSA-Ausschusses. Von Sozialdemokraten ist bei der Aufklärung der Überwachungsaffäre also kaum Unterstützung zu erwarten. Dann käme ja auch „offiziell“ heraus, dass es seit 2002 einen Vertrag zwischen dem US-Geheimdienst NSA und dem Bundesnachrichtendienst (BND) für die Kooperation am Lauschposten im bayerischen Bad Aibling gibt. Demnach sind mehr als zweihundert US-Agenten in unserem Land als Diplomaten akkreditiert und belauschen auch deutsche Bürger. Und jetzt wollen die Koalitionäre in Berlin die totale Überwachung des Internets sogar selbst übernehmen. So plant der BND, künftig die Kommunikation auf Facebook live zu überwachen. Die SPD macht sich daher moralisch mitschuldig. Denn, wie Heribert Prantl in der Süddeutschen Zeitung schrieb: „Überwachung ist subtile Vorform der Folter. Sie erzieht zur Konformität, züchtet Selbstzensur.“

Dem Appell „Keine Stimme der SPD“ will ich dann auch noch die Aufforderung folgen lassen „Kauft nicht bei Amazon“. Vor dem Hintergrund der sich derzeit vor unseren Augen abspielenden Erpressung einiger Verlage durch Amazon warnte der Berliner Literaturagent Matthias Landwehr davor, dass wir eines Tages in einer „totalitären Welt“ aufwachen könnten. Denn Amazon-Chef Jeff Bezos will, so Landwehr gegenüber er Süddeutschen Zeitung, nicht nur den Buchhandel, sondern auch die Verlage aus dem Weg räumen, um die gesamte Wertschöpfungskette zu kontrollieren: „100 Prozent der Einnahmen, 100 Prozent der Daten.“ Um das zu verhindern, gibt es nur einen Weg: Autoren und Musiker müssen ihre Verlage und ihre Labels zwingen, ihre Veröffentlichungen nicht mehr über Amazon vertreiben zu lassen. Und wir als Kunden dürfen unsere Bücher und CDs ebenfalls ab sofort nicht mehr dort kaufen. Es gibt genug Alternativen!

Update vom
09.02.2023
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