Rezensionen DEUTSCHLAND


A DANEEM
Herzöd

(Mundart Ageh/BSC Music BSC 307.0089.2/Rough Trade, go! www.scheedaneem.de )
14 Tracks, 47:41, mit dt. Infos

Nach vier Alben in der elektrischen Fünferbesetzung als Schee daneem haben Pit Holzapfel, Dietmar Forisch und Peter Müller aus Oberbayerns südöstlichstem Zipfel ohne Schlagzeug und E-Gitarre mit Gästen ein akustisches Album eingespielt. Der direkte Vergleich ihrer Version von Hank Williams’ „Mind your own Business“ mit der Version vom letzten Schee-daneem-Album Aufghaxt ist aufschlussreich und durchaus vielsagend: War schon die elektrische Variante ein angenehm abgehangenes Stück lakonischer Abgrenzung zum Nächsten als Nervensäge in entspanntem, leicht swingendem funky Blues, so kommt das Stück im voll tiefenentspannten Folkbluesgewand doch erst so richtig bei sich an: „Ram doch z’erscht bei dir auf / Ram doch z’erscht bei dir auf / Weil wennst du bei dir auframst na hast grad gnug zum doa.“ Glaube aber bloß niemand, das würde mit auch nur der geringsten Emotion dargeboten – nix da: vollkommen sine ira et studio, aber vollkommen! So sind sie, A daneem. Herzöd, benannt nach einem Einödhof in der Nähe, hat kraftvoll die Ruhe weg – das muss man auch erst einmal hinbekommen! Die Weisheit des Alters und des Hinterwalds, Witz, entspannter Folkblues mit Spannkraft – ein Meisterwerk.

Christian Beck

 

A DANEEM  – Herzöd


DIVERSE
Songs of Gastarbeiter Vol. 1

(Trikont US-0453/Indigo, go! www.trikont.de )
16 Tracks, 65:33, mit Textauszügen u. Infos in Türk./Dt.

Die Zusammenstellung präsentiert Lieder aus den Siebziger- und Achtzigerjahren. Überwiegend aus der türkischen Binnenkultur, drücken sie in seltener Offenheit die Erfahrungen der „Gastarbeiter“ in Deutschland aus, vor allem die tiefe Ablehnung, der sie sich ausgesetzt sahen – obwohl sie angeworben worden waren! Das Themenspektrum reicht von Asik Metin Türköz’ Protest beim türkischen Ford-Streik in Köln über die bekannte Klage über „Deutschland, bittere Heimat“ – Selmas „Almanya Aci Vatan“ – bis zum befürchteten Verlust der eigenen Kultur. Zwölf Lieder stehen in türkischer Sprache, vier rein bitterböse deutschsprachige, vorgetragen von Cem Karaca und Ata Canani, wurden von deutschen Autoren geschrieben und waren an ein deutsches Publikum adressiert. Musikalisch reicht das Spektrum von Bardenliedern, die auf akustischen und elektrifizierten Langhalslauten begleitet werden über moderne Arrangements im Stil der Zeit bis zum Discofolk made in Germany von „Derdiyoklar“. Wer die fundamentale, traumatisierende Verunsicherung und Verletzung der türkischen Einwanderer in einer gänzlich fremden Gesellschaft nachvollziehen möchte, für den ist diese klingende Dokumentation nahezu unverzichtbar.

Birger Gesthuisen

 

DIVERSE  – Songs of Gastarbeiter Vol. 1


DIVERSE
Stimmen Bayerns – Die Freiheit

(Trikont US-0437/Indigo, go! www.trikont.de )
Do-CD, 47 Tracks, 150:28, mit ausführlichen dt. Infos

Der Rausch als Nummer drei der fantastischen Trikont-Reihe Stimmen Bayerns, war sicher verlockend – aber so leicht, wie das Thema im Kreis der anderen Ausgaben klingt, so leichtgewichtig kam es halt auch daher. Die Liebe, Der Tod, nun Die Freiheit sind andere Kaliber von ungleich höherem Gewicht – und deshalb wohl auch die dankbareren Themen. Im vorliegenden Fall sogar für das erste Doppelalbum der Reihe, zur guten Hälfte Wortbeiträge, zur knappen Musik – ein Füllhorn spannender, hier natürlich oft politischer Zeitgeschichte, Musik, Klänge und Fragen zur Sache, dem Leben. Dafür bürgen Oskar Maria Graf, Gerhard Polt, Ruth Drexel – auf dem Cover falsch geschrieben … – mit Therese Giese, Ringsgwandl, Hans Söllner, Willy Michl, Gustl Bayrhammer – auf dem Cover … – und, und, und. Die Qualität auch dieser Stimmen-Ausgabe reicht aber – wie die der ganzen Reihe und wie Trikont auch sehr richtig dazu verlautbart – in der Tat über die Meisterschaft der Künstler und das Niveau ihrer Werke weit hinaus auf eine gleichsam tiefere wie höhere Ebene – ins Atmosphärische. Bayern selbst wird mit den Stimmen lebendig! Sein Ton, sein Geschmack, sein Geruch, sein Wesen, sein Gemüt. Absolut phänomenal …

Christian Beck

 

DIVERSE  – Stimmen Bayerns – Die Freiheit


G.RAG & DIE LANDLERGSCHWISTER
Honky Tonkin’

(Gutfeeling Records GF039/Broken Silence, www.myspace.com/senorgrag, go! www.gutfeeling.de )
12 Tracks, 40:06, mit knappen Infos in mehrsprachigem Kauderwelsch

Zwischen dem Blues des amerikanischen Südens, mit kleinem Blick in die Karibik und den Rest des Landes, und der alpenländischen Blasmusik, die er seit 1998 mit G.Rag y Los Hermanos Patchekos zu beider Bestem so inspiriert kreuzt, tritt „G.Rag“ Andreas Staebler mit dem Ableger G.Rag & Die Landlergschwister seit nunmehr drei Alben ein Schrittchen zur Seite der angestammten Idiome seiner Münchener Heimat hin. Das ändert, zumal die Landlergschwister an sich im Wesentlichen mit den Hermanos identisch sind, am Charakter der typischen G.-Rag-Musik zunächst wenig. Es klingt in dieser Konstellation nur noch etwas durchgehender nach dem gesamten Repertoire an Oompah, wie die Musikfreunde überm Atlantik es nennen – auch wenn ein ureigen amerikanischer Countrysong wie Hank Williams’ „Honky Tonkin’“ interpretiert wird. Kein Wunder, bei der Dominanz von Material wie dem „Fischer-2-Facha“, dem „Föhnwind“ der Volkssängerin Bally Prell oder der Titelmelodie zu Monaco Franze. Kurz spalten sich Stile einmal im mitreißenden „Boogie Krainer“, der ansonsten perfekt verquirlt, was zusammengehört. Wie es sich anhört, geradezu unzertrennbar – in dieser bayerischeren wie in der amerikanischeren Muttervariante.

Christian Beck

 

G.RAG & DIE LANDLERGSCHWISTER   – Honky Tonkin’


HISS
Das Gesetz der Prärie

(Hissmusik HISSCD 007/H’Art, go! www.hiss.net )
14 Tracks, 52:44, mit dt. Texten

Fünf Jahre sind ins Land gezogen seit dem letzten Album der Band aus dem Schwäbischen. Fünf Jahre voller Gefahren, Verlockungen und Sittenverfall. Doch die Mitglieder des Quintetts haben offensichtlich allen Fährnissen widerstanden und präsentieren sich musikalisch wie textlich auf der Höhe. Wie das geht? „Du fragst, wie hab ich mich so gut gehalten / Es ist nicht illegal und es ist kein Trick / Gegen Arthrose, graues Haar und Falten / Helfen Bier und Wurst und Tanzmusik“, verrät Sänger, Akkordeonspieler und Texter Stefan Hiss. Dabei war das Leben voller Aufs und Abs: Die Sehnsucht trieb ihn durch die USA, in die Taiga und nach Hawaii. Wobei er zu „Aloha“ einen Text ablieferte, der so voller Klischees eines Naturparadieses aus den Neunzehnhundertfünfzigern stammen könnte – läge da nicht in der Schlusspointe eine so selbsterkennende Bitternis. Ob es um die Plagen der Liebe im Allgemeinen oder die fatale Beziehung zu einer Muslima im Besonderen geht: Hiss spielen dazu ihre fröhliche Musik – mit dem Akkordeon im Zentrum, in stilistischer und rhythmischer Vielfalt, mit Mitsingrefrains und weiteren aufrechten Texten von Michael Roth und Thomas C. Breuer. Folgen wir dem Gesetz der Prärie!

Volker Dick

 

HISS – Das Gesetz der Prärie


KLAZZ BROTHERS & CUBA PERCUSSION
Classic Meets Cuba II

(Sony Classical 88765455232/Sony, go! www.klazz-brothers.com )
Promo-CD, 17 Tracks, 64:18

Gestandene britische Bluesrocker, experimentierfreudige Niederländer und bewusstseinserweiterte Krautrocker haben es via Rockmusik versucht. Jazzpianisten aus Frankreich und Siebenbürgen probierten es in ihrem Metier. Zwischenzeitlich spülten seit den Achtzigern mehrere Tanzorchesterchefs, ein Kerzenlichtpianist, sowie ein walzernder Stehgeiger das Ding weich, bevor es mit David Garrett ein emeritiertes Wunderkind aus Aachen seit dem Jahrtausendwende wieder härter krachen ließ. Ihr aller Ziel: der Klassischen Musik breitere Zuhörerschichten zu erschließen. Einen neuartigen Versuch unternimmt seit geraumer Zeit ein rühriges Trio aus Dresden mit seiner Idee, nicht nur Klassik mit Jazz, sondern das Ganze auch noch möglichst massentauglich mit südamerikanischen oder karibischen Folkelementen zu mixen. Dies tun sie mit großer Spielfreude und gewitzten Arrangements. Der Autor dieser Zeilen wünscht artig gute Verkaufszahlen, möchte aber weiterhin gerne Purist bleiben und statt „Dvoraks Bolero“ oder „Rock Me Rachmaninoff“ lieber die Originale hören. Vielleicht sogar einmal von jenem Aachener, der seine reinen Klassik- wie seine Crossoverproduktionen mit gleicher Hingabe und Sorgfalt einspielt.

Walter Bast

 

KLAZZ BROTHERS & CUBA PERCUSSION  – Classic Meets Cuba II


MOOP MAMA
Das Rote Album

(Millaphon Records 2 6025675 015 9/Broken Silence, go! www.moopmama.com )
13 Tracks, 47:29

Das zweite Album der zehn agilen Jungmänner mit Blasinstrumenten, Trommeln und Sprechgesang huldigt der Bewegung. In dieser sind sie als gefragte Liveband stets, das Werk entstand unter anderem auch im Tourbus. Das entsprechende Lied „Kilometerfressen“ ist das einzig bläserfreie, ansonsten geben besagte Trompeter, Posaunisten, Saxofonisten und Tubisten synkopisch und staccato bis elegant die Stimmung vor. Darauf singt beziehungsweise rappt MC Keno Langbein in Titeln wie „Krankes Wesen“, „Latte Macchiato“, „Werbepause“, „Taler unser“ oder „Party der Versager“ Texte, die es in sich haben. Kritisch, sarkastisch und manchmal altklug kommentieren sie das aktuelle Weltgeschehen und selbst gemachte Erfahrungen, bewegende Vorgänge. Und dazu kann man sich auch noch selbst bewegen!

Imke Staats

 

MOOP MAMA   – Das Rote Album


SHANTEL
Anarchy + Romance

(Essay Recordings AY CD 31/Indigo, go! www.bucovina.de )
Promo-CD, 14 Tracks, 45:43

Was in Folker 4/2012 vom Künstler selbst schon im Entstehungsprozess wortreich avisiert wurde, ist ein Jahr später Wirklichkeit geworden. Bucovina-Zeremonienmeister Stefan Hantel aus Frankfurt hat nicht zu viel versprochen – doch halt: Auch der Bucovina Club war inzwischen eigentlich bereits einmal! Anarchy + Romance ist wohl nicht ganz so eine Kehrtwende wie Shantels Neunziger-Metamorphose vom Downtempo-DJ zum Balkanbeat-Einpeitscher, aber das Album ist mit seinen Vorläuferinkarnationen jedenfalls nicht mehr zu fassen: Shantel schreibt nun Songs. Dazu bedient er sich nicht nur urbi et orbi weiß Gott welcher regionalen Stile, sondern auch am aktuellen Partystandard, im Rock und im Beat. Und historisch geht er selbst dahinter noch zurück, explizit zum Beispiel mit „Letkis – A Touch of Beauty“, einer entspannten Humppa-Version des finnischen Partykrachers „Letkajenkka“ von 1960, hierzulande als besagter „Letkis“ bekannt. Eingespielt wurde – bis auf einen Sample – alles selbst im berühmten Berliner Hansa by the Wall – mit Rickenbackern, die auch gleich einmal wie frühe Beatles klingen und so weiter. Es geht ab, es macht mächtig Laune. Es geht voran – für Shantel wie für die Idee einer alles umspannenden weltweiten Popmusik.

Christian Beck

 

SHANTEL  – Anarchy + Romance


STROM & WASSER feat. THE REFUGEES
Freiheit ist ein Paradies

(Traumton 4595/Indigo, go! www.strom-wasser.de )
13 Tracks, 62:20, mit dt. Infos

Ob das schon von Anfang an „nur“ zeitlich befristet angelegte Projekt von Liedermacher Heinz Ratz, mittels Musik durch „Betroffene“ auf die miserable Situation von Flüchtlingen in Deutschland hinzuweisen, letztlich etwas gebracht hat? Oder nicht? Jetzt, wo Ratz für sich und seine Band beschlossen hat, sich nun wieder anderen Themen zuzuwenden, die es wert sind, von ihnen angegangen zu werden? Beim Hören dieses zum Abschiedsalbum erklärten Livemitschnitts wird noch einmal deutlich, dass schon allein der Musikmix und die Songtexte – soweit verständlich – ansprechen. Einfach so! Und nicht nur, weil ein politisch engagierter Musiker etwas „Unterstützenswertes“ auf die Beine gestellt hat. Ratz’ Liner Notes ziehen ein bitter-süßes Fazit. Dabei braucht er sich für seinen Rückzug nach über 160 Konzerten und zwei spannenden Alben nicht zu rechtfertigen. Mit Strom & Wasser als Basisband konnten sich Talente als ernst zu nehmende Künstler beweisen – MC Nuri, MC Trelos und Lil Oljay rappen mit Kraft ihre Botschaften, Revelino beeindruckt als Reggae- und Balladensänger, um nur vier von vielen zu nennen. Und gleichzeitig wurde die Flüchtlingsdebatte hierzulande befeuert.

Roland Schmitt

 

STROM & WASSER feat. THE REFUGEES  – Freiheit ist ein Paradies

Update vom
23.12.2013
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