HALBMAST

M. D. YUNUPINGU

M. D. YUNUPINGU

17.9.1956, Yirrkala/Arnhemland, Northern Territory, Australien
bis 2.6.2013, ebenda

„Ich will den Leuten von meiner Kultur, meinem Land, meinem Volk und meiner Spiritualität erzählen“, sagte mir Yunupingu vor einem Konzert mit seiner Gruppe Yothu Yindi 2000 in Köln. Zu diesem Zeitpunkt war er schon weltbekannt als erster und bisher einziger Aborigine, der es als Leadsänger und Gitarrist mit seiner Band aus indigenen und europäischstämmigen Australiern schaffte, die Musik der jahrtausendealten Kultur seines Yolngu-Volkes international in die Charts zu bringen. Das Erfolgsrezept, seine Aboriginemusik mit westlichem Pop zu kombinieren, verfolgte er bereits seit 1986 mit Yothu Yindi. 1992 landen der Singer/Songwriter und seine Band dann den Welthit „Treaty“, der die australische Regierung an ihr Versprechen erinnert, mit einem Vertrag der Urbevölkerung Australiens rechtlich den Besitz ihres eigenen Landes zuzusprechen. Den Vertrag gibt es bis heute nicht, aber M. Yunupingu, dessen Vorname nach seinem Tod aus traditionellen Gründen bis auf Widerruf seiner Familie nicht mehr genannt werden soll, wurde 1992 zum Australier des Jahres gekürt. Nach vielen internationalen Kooperationen erlangte Yunupingu mit Yothu Yindi 1998 in Deutschland noch einmal besonders durch die Teilnahme an Peter Maffays Projekt „Begegnungen“ Bekanntheit. Am 2. Juni 2013 erlag er im Alter von 56 Jahren einem langen Nierenleiden. Den Verlust seiner tribal voice, mit der er als Musiker und Sprecher der Aborigines in der Öffentlichkeit stand, beklagten auch Mitglieder der australischen Regierung.

Antje Hollunder

TOSHI-ALINE OHTA SEEGER

TOSHI SEEGER * FOTO: CLEARWATER-ECONOSMITH

1.7.1922, München
bis 9.7.2013, Beacon, New York, USA

Einen Garten zu pflanzen und zu hegen ist nicht nur körperliche Schwerstarbeit, sondern auch und insbesondere ein der Natur entgegengebrachtes tiefes Vertrauen auf Erfolg. Saatkörner tragen die Kraft in sich zu einer Gurke, einer Sonnenblume, einem Kürbis oder einer Erdbeere zu werden. Sorglos in die Erde gesteckt und unbeachtet, ist ein Ertrag eher unwahrscheinlich. Hegt, pflegt und liebt man sie aber, gedeihen sie und tragen im Idealfall reiche Früchte. Es ist kein Zufall, dass Toshi Seeger vollkommen in ihrem Garten aufging.

Das Great-Hudson-River-Revival-Festival des Umweltschutzprojektes Clearwater am Hudson im Staat New York ist nur eines von vielen Saatkörnen, dieToshi Seeger aussäte und hegte. In gewisser Weise steht dies auch für die Balance der beinahe siebzig Jahre währenden Partnerschaft mit ihrem Mann Pete Seeger. Pete sorgte dafür, dass sich unsere Lungen aufblähten und Lieder ausatmeten, dass unsere Herzen höher schlugen, wir neuen Mut schöpften und dass er uns mit der großen Hoffnung inspirierte, der Ungerechtigkeit ein Ende zu setzen.

Toshi handelte keineswegs weniger politisch oder visionär. Sie sorgte aber auch dafür, dass unsere Mägen gefüllt waren, dass es bei Bühnenlicht und Lautsprechern zu keinen losen Stromkontakten kam oder aufstrebende Folksänger in der Dunkelheit hinter der Bühne über achtlos weggeworfenen Müll stolperten.

Als kluge politische Aktivistin ging sie voran, indem sie Vorbild war, blieb dabei jedoch im Hintergrund. Legendär war ihre Fähigkeit, stundenlang hart zu arbeiten, während sie von anderen nie mehr verlangte, als sie selbst zu tun bereit war.

Toshi verfügte über eine außergewöhnliche Selbstdisziplin und erwartete genauso harte Arbeit und Hingabe von anderen, die sie jedoch niemals unerbittlich einforderte. Sie war streng, wenn es sein musste, wenn nötig mit liebevoller Konsequenz kritisch und witzig, wenn ihr trockener Humor das Eis einer politischen oder musikalischen Auseinandersetzung brechen konnte.

Wenn die Saat in unserem geliebtem Kreis von Musikern oder Musikliebhabern mit sozialem Gewissen aufblühte und wuchs, konnten und können wir uns gewiss sein, dass Toshi Seeger im Laufe ihres langen und erfüllten Lebens ihren Teil dazu beigetragen hat, indem sie uns wie eine Pflanze in ihrem Garten hegte und pflegte. Si Kahn

ROLF SCHWENDTER

ROLF SCHWENDTER * FOTO: ALFRED NAGL

13.8.1939, Wien, Österreich
bis 21.7.2013, Kassel

„Ich lehre abweichendes Verhalten in Kassel“, sagte der „Mann mit der Kindertrommel“, wenn er nach seiner Tätigkeit als Wissenschaftler befragt wurde. Der dreifache Doktor und Professor für Devianzforschung an der Universität Kassel war sicherlich einer der wenigen Menschen, denen in weiten Teilen eine Übereinstimmung zwischen theoretischem Konzept und tatsächlicher Lebensweise gelang. Er erforschte die Subkultur und war gleichzeitig lebendiger Teil seines eigenen Forschungsgegenstandes. Mit seinen unorthodoxen Theorien und Praktiken bereicherte er in den 1960er-Jahren so bedeutende Festivals wie die Essener Songtage, das Open-Ohr-Festival in Mainz sowie das Festival Chansons Folklore International auf Burg Waldeck. Als richtungweisend kann unter anderem sein Buch Theorie der Subkultur bezeichnet werden, in dem er gesellschaftliche Randgruppen und deren Verhältnis zur Mehrheitsgesellschaft untersuchte. Als Liedermacher veröffentlichte er eine LP mit dem Titel Lieder zur Kindertrommel. Um seine Auffassung von Antiästhetik zu verdeutlichen, sang er absichtlich „falsch“, kreischte, plärrte und begleitete sich dazu auf einer Blechtrommel. Der bayerische Musiker Carl-Ludwig Reichert bezeichnete ihn in diesem Zusammenhang als „Urvater der SpokenWordundSoloAcapellaDrumwithoutbassBewegung“. Der vielseitige Künstler, Sozialwissenschaftler, Autor und Organisator Rolf Schwendter engagierte sich bis zuletzt in sozialen, politischen und literarischen Vereinigungen wie zum Beispiel der Grazer Autorenversammlung und dem Wiener Lese- und Stegreiftheater. Viele seiner Arbeiten sind noch nicht veröffentlicht. Wir werden also noch von diesem großen Unangepassten hören.

Kai Engelke

J. J. CALE

J. J. CALE

5.12.1938, Oklahoma City, Oklahoma, USA
bis 26.7.2013, La Jolla, Kalifornien, USA

Nach dem Musiker befragt, der er gern sein würde, antwortete Eric Clapton in einem Interview: „J. J. Cale. Er ist einer der großen Meister der letzten drei Jahrzehnte“. Der Mann aus der Ölstadt Tulsa in Oklahoma war zeitlebens eine der am meisten unterschätzten Größen der Gitarren- und Songwriterwelt. Andere machten seine Songs zu Hits. Nicht nur Clapton, der mit den Cale-Songs „After Midnight“ und „Cocaine“ seine Weltkarriere als Solostar startete. Auch Santana, Dr. Hook, Lynyrd Skynyrd, John Mayall, Johnny Cash und Dutzende andere nutzten seine Lieder, beispielsweise „Magnolia“, „Cajun Moon“, „Crazy Mama“ oder „The Sensitive Kind“. Viele – wie die Dire Straits – nannten ihn, wenn sie nach Vorbildern gefragt wurden. Der Ex-Stones-Gitarrist Bill Wyman nannte ein Album nach dem Cale-Stück Anyway The Wind Blows. John Weldon Cale war zeitlebens ein Meister des Understatements. Er liebte seine Unabhängigkeit und Ruhe viel zu sehr, um sich in den Strudel des Musikbusiness’ saugen zu lassen. Den hatte er in den Sechziger- und Siebzigerjahren in Los Angeles und Nashville ausreichend kennengelernt. In L. A. hatte ihm der Besitzer des berühmten Clubs Whisky A Go Go auch das „J. J.“ verpasst, um ihn von Ex-Velvet-Underground-Geiger John Cale zu unterscheiden. Cale sagte dazu nur lakonisch: „Wenn du mir einen Job gibst, kannst du mich nennen, wie du willst!“ „Call Me The Breeze“ ist eines seiner meistgecoverten Stücke und entsprach irgendwie auch seinem Lebensmotto. Wie eine leichte Brise wirkten seine Musik und seine Person – angenehm, zurückhaltend, entspannt. Cale prägte den sogenannten „Tulsa Sound“, eine Mischung aus Blues, swingendem Jazz, Country sowie Rockabilly, und kreierte einen originellen, „laid back“ genannten Gitarrenstil, den so viele kopierten. Inspiriert vom Gesang Billie Holidays, blieb er mit seinen Gitarrensoli immer einen Tick hinter dem Beat und schuf so diese lässige, entspannte Mitternachtsmusik. Wer J. J. Cale genauer kennenlernen will, sollte sich die liebevolle und ausgezeichnet gestaltete Dokumentation To Tulsa And Back (2005) ansehen. Wenige Monate vor seinem 75.Geburtstag erlag der Musiker in einem Krankenhaus in Kalifornien einem Herzinfarkt.

Piet Pollack

WILLIE DUNN

WILLIE DUNN

14.8.1941, Montreal, Kanada
bis 5.8.2013, Ottawa, Kanada

Der halbindianische kanadische Singer/Songwriter Willie Dunn ist am 5. August, gut eine Woche vor seinem 72. Geburtstag, gestorben. Ron Bankley, Gitarrist auf diversen seiner Aufnahmen, mailte mir die traurige Nachricht. Willie stand kurz vor einer Darmkrebsoperation. Sie wollten sich in Kürze treffen. Mit dem ihm eigenen Humor und nach gut überstandener Krebsbehandlung (in Bayern) selbst wieder im Aufwind, merkte Bankeley lakonisch an: „Das wird nun noch ein Weilchen dauern …“ So können sie sein, Künstler zwischen den Fronten, in dem Fall zwischen Weiß und Rot – „Caucasian“ oder „Native American“ (in Kanada sagt man: „First Nations“) –, selbstkritisch, selbstironisch und – sie selbst! William Lawrence Dunns Mutter war eine Míkmaq vom Restigouche River in New Brunswick an der kanadischen Ostküste, der Vater ein Matrose aus Belfast, irisch-schottischer Abstammung, Hafenarbeiter in den Docks von Montreal. Das erklärt Willies ganz eigene Position zwischen den Kulturen: Lieder über Helden und Antihelden indianischer Geschichte (Crowfoot, Crazy Horse, Pontiac, Louis Riel) ebenso wie Rezitationen englischsprachiger Literatur (Shakespeare, Melville, T. S. Eliot) und seine fulminante Vertonung von Samuel Johnsons „The Vanity of Human Wishes“ (1749). Letztere ist auch auf der CD-Kompilation Son Of The Sun enthalten, die 2004 bei Trikont erschienen ist, dem deutschen Verlag, der sich schon in den Achtzigerjahren mit drei LPs von Willie Dunn um sein Werk verdient gemacht hat. Eine sonore, anheimelnde Stimme – „… like the wind amid the trees, or the waves of Waikiki“ (nach dem darin leider nicht veröffentlichten Song „Big Red Sun“). Willie Dunn war ein Pionier der neuen, selbstbewussten Szene mit Ersteinwohnerstatus. Und ein Mensch, der singend, erzählend, Gitarre pickend, immer berührt hat.

Walter Liederschmitt „Woltähr“

HEIDI ZINK, geb. Karutz

HEIDI ZINK

3.4.1954, Berlin
bis 23.6.2013, Windach

Sie war irgendwie Berlinerin. Und sie war irgendwie Bayerin. Und sie gehörte zu den wenigen, die glaubhaft beides leben konnten. Sie wuchs mit klassischer Musik auf und wurde zu einer der führenden Folkmusikerinnen in Bayern. Heidi konnte in diesen scheinbaren Gegensätzen leben, weil sie selbst keine Grenzen zog, keine Gräben wahrnahm – oder einfach Brücken darüber baute. Das Brückenbauen und vermitteln war ihre große Stärke. In den Endsiebzigern als Studentin, die trotz Berliner Wurzeln im Münchner Wirtshaus Fraunhofer auf dem Hackbrett Stubenmusik spielte. Wie rebellisch damals: Stubenmusik ohne Tracht zu spielen, und das auch noch als „Preußin“.
Warum man Heidi solche „Unverfrorenheit“ in Bayern abnahm? Sie spielte unprätentiös, nahm die Musik in all ihren Schichten und Schichtungen ernst, hatte Respekt vor Straßenmuckern wie Konzertmusikern. Konnte weinen, wenn jemand Pachelbels Kanon, eines ihrer Lieblingsstücke, schön interpretierte, konnte sich genauso einfangen lassen von einem einfachen Jodler. Respekt zeigte sich auch überall dort, wo andere Neid oder Konkurrenzangst empfinden. Das war es vielleicht, was Heidi Zink zu einer so beliebten Netzwerkerin, Lehrerin und Vermittlerin werden ließ.
HEIDI ZINK
Genau so lernte ich Heidi 1978 kennen. Als Konkurrentin, in einer mir nicht eben angenehmen Situation. Heidi hätte mich wegbeißen oder ignorieren können. Wie reagierte sie? Sie erschien zwei Tage später vor meiner Haustür und sagte: „Ich möchte, dass wir Freundinnen sind.“ Das wurden wir – 35 Jahre lang beste Freundinnen. Jahre, in denen sich die Fraunhofer Saitenmusik zu einer deutschland- und europaweit bekannten Gruppe entwickelte, die viele Länder bereiste; Jahre, in denen Heidi ihren Mann Gary, den Fraunhofer-Bassisten kennenlernte und heiratete; Jahre, die neben der Musik auch der Familie galten – Katharina, genannt „das Kind“, wurde 1983 geboren.
Neben ihrem Beruf als Musikerin und Notenschreiberin der Fraunhofer Saitenmusik – sie begann schon früh damit, das Repertoire auch für andere Musiker zugänglich zu machen – arbeitete Heidi als Musiklehrerin in der Musikschule Inning, engagierte sich mit Gary zusammen dort im Vorstand und leitete bis zu ihrem Tod zudem das Büro der Schule. Neben der hohen Kunst der Musik waren ihr auch immer die Dinge wichtig, die die Kunst am Leben halten: der harmonische Umgang mit Kollegen, Schülern und Eltern, genaue Stundenpläne, genaue Gehaltsabrechnungen.
Ein spezieller Nachruf in Bezug auf Heidi Zinks Profolk-Tätigkeit findet sich in den Profolk-Nachrichten dieser Ausgabe auf den Verlagsseiten in der Heftmitte.
Schon zu unserer Zeit als Studentinnen – Heidi studierte Soziologie – beeindruckte mich ihr Ordnungssinn: Ich konnte es nicht glauben, wie akribisch sie mit Texten, Manuskripten und vor allem Noten umging. Noten waren ihr besonders wichtig. Als Kind eines Notenschreibers konnte sie Musik lesen, lange bevor sie den ersten Buchstaben beherrschte. Musik konnte noch so wild und ungezwungen sein – damit Heidi sie interpretieren konnte, musste sie sich die Klänge zähmen, in ihr Notensystem einordnen. Und in gewisser Weise ordnete sie so auch ihr Leben: eine Partitur von Beziehungen, Pflichten, Gefühlen. Alles, was man tun wollte, durfte oder musste, sollte bei ihr einen harmonischen Gesamtklang ergeben.
Deshalb war sie die ideale Netzwerkerin, vor allem die geeignete Person, einen so wenig homogenen, weil von vielerlei Interessen getragenen Verein wie Profolk zu leiten. Zwischen 1995 und 2003 gehörte sie dem Profolk-Vorstand an, davon vier Jahre als Erste Vorsitzende. Und auch hier glättete, ordnete und steuerte sie. Brachte Menschen und Szenen in ihrer Partitur des Lebens zusammen, von denen man nie gedacht hätte, dass sie sich harmonisch zueinanderfügen würden.
Heidi war eine belesene Frau, in deren Musik immer auch Gedichte von Rainer Maria Rilke, Erzählungen von Adalbert Stifter, Gedankenspiele von Hermann Hesse, stilsichere Stilbrüche von Heinrich Heine mit einflossen. Heidi war eine sehr ernsthafte Frau, pflichtbewusst, bienenfleißig, eine Überin, eine Kümmerin, eine, die anderen schneller helfen konnte, weil ihre Hausaufgaben schon erledigt waren. Heidi war aber auch eine sehr fröhliche Frau, um nicht zu sagen: ein ausgemachter Kindskopf. Ob bei den Proben mit der Fraunhofer Saitenmusik und den vielen gemeinsamen Musikgelegenheiten – ob bei unseren gemeinsamen Wanderungen durch Böhmen oder bei Interviews: Es wurde immer gelacht. Mal auf fast intellektueller, satirischer Ebene, mal richtig albern.
Diese Heiterkeit und Heidis friedliches Wesen waren sicher auch ein Geheimrezept für das lange Bestehen der Fraunhofer Saitenmusik. Folk- und Volksmusik, ob in schönen oder schwierigen Zeiten, macht viel Arbeit. Heidi Zink hat die Arbeit ernst und heiter genommen, eine wunderbare Kombination. So ernst und so heiter ist sie auch mit ihren Mitmenschen umgegangen. Ausgleichend, nie beleidigt oder sich selbst zu wichtig nehmend. Ich habe meine, die beste Freundin, die man hat im Leben, verloren. Und die Folkmusik in Deutschland ist um einen wertvollen Menschen ärmer geworden.

Ulrike Zöller

MARIANNE BRÖCKER

MARIANNE BRÖCKER

1.11.1936, Greifswald
bis 4.8.2013, Gedern/Wetterau

Marianne Bröcker war zuletzt emeritierte Professorin für Musikwissenschaft in Bamberg. Sie hat mit ihrer Doktorarbeit Die Drehleier. Ihr Bau und ihre Geschichte (1977) ein Standardwerk geschrieben für alle, die weltweit traditionelle Musik und die Tänze dazu lieben, in denen sie auch als Assistentin am musikwissenschaftlichen Seminar in Bonn und dann als Bamberger Professorin die Studenten unterwies. Sie hat ihre Wissenschaft immer von der Praxis her verstanden und wollte in die Tat umsetzen, was sich sonst an der Universität so gern im Theoretischen aufhält, hat Instrumentenbauer angeregt und bei Festivalplanungen geholfen, hat sich und ihre historisch orientierte Disziplin geöffnet für die Zukunft. In alles, was sinnlich und greifbar, hör- und tanzbar war, mündete ihre Ästhetik, mit der sie denen zur Seite stand, die wie sie zusammenbringen wollten, was eigentlich immer zusammengehört hat: Melodie, Klang, Rhythmus und körperliche Bewegung.

Marianne Bröcker war Rheinländerin und lachte gerne, aber ihr großer Humor war nicht laut und sie hat wenig von sich hergemacht. Ganz am Ende wollte sie nicht, dass jemand weiß, wann und wo sie beerdigt wurde. Aber alle, die sie kannten, berichten von großer Beliebtheit in ihrem Umfeld, so schwer es auch war, ihr persönlich nahezukommen. Gelang es doch, so hat ein Freund ihr Wesen als „warmherzig, nah und scharfsinnig“ beschrieben. Generöses Wohlwollen und gewahrte Distanz sind bei ihr jene seltene Verbindung eingegangen, die man einer Grande Dame zuschreibt, Noblesse ohne Kälte. Sie hat alleine gelebt und sich auf einem randständigen Gebiet der Wissenschaft große Anerkennung erworben. Die ätherischen Schwingungen nicht zu greifender freischwingender Seiten, wie sie von manchen der Instrumente ausgehen, die sie so geliebt hat, und die Atmosphäre, die damit verbunden ist, die bleiben uns immer von ihr, auch wenn sie sonst nicht mehr da ist.

Christof Stählin

FRITZ RAU

FRITZ RAU * FOTO: INGO NORDHOFEN

9.3.1930, Pforzheim
bis 19.8.2013, Kronberg/Taunus

Er galt als einer der bedeutendsten Konzert- und Tourneeveranstalter Europas, sich selbst bezeichnete er untertreibend als „Kofferträger der Stars“. In einem Interview erwähnte er seine frühe Vergangenheit als „strammer Hitlerjunge“, der sich durch „Jazz, Swing und Blues selbst entnazifiziert“ hatte. „Wenn du die Musik von Louis Armstrong und Ella Fitzgerald liebst und begeistert bist vom schwarzen Blues, dann kannst du kein Rassist mehr sein“, sagte er schmunzelnd. Schon während seines Jurastudiums in Heidelberg betätigte er sich als Konzertveranstalter, zunächst vornehmlich im Bereich des Jazz. Nachdem er 1963 gemeinsam mit dem Jazzpromoter Horst Lippmann die berühmte Konzertagentur Lippmann + Rau gegründet hatte, verlagerte sich sein Interesse bald hin zum Blues. Er lud das legendäre American Folk Blues Festival nach Deutschland ein und engagierte so illustre Musiker wie Howlin’ Wolf und Willie Dixon, aber auch Jazzgrößen wie Miles Davis und Dave Brubeck. Auch die internationalen Heroen des Rock und Pop hatten es ihm angetan. Die größten Stars der damaligen Zeit verpflichtete er für Konzerte in Deutschland: Bob Dylan, die Rolling Stones, Eric Clapton, Jimi Hendrix, Madonna, Frank Zappa und Freddie Mercury. In Deutschland förderte er über Jahre Musiker wie Peter Maffay und Udo Lindenberg. Mit vielen Künstlern verband ihn eine enge Freundschaft. Beim Bluesfestival in Lahnstein 2009 war es der da schon fast Achtzigjährige, der sich als Erster erhob, um dem erst neunzehn Jahre jungen Musiker Oli Brown stehend seinen Respekt zu zollen. Rau hatte sich bis zuletzt eine junge Seele bewahrt, was Seltenheitswert hat im Haifischbecken des Musikgeschäfts. „Der Rockmusik gehört mein Respekt“, sagte Rau einmal, „dem Jazz gehört mein Herz, und dem Blues gehört meine Seele.“

Kai Engelke

Update vom
04.09.2013
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