Auf keinem anderen Kontinent sind politische Kämpfe so eng mit Musik verbunden wie in Afrika. Von Algerien über Angola bis Südafrika, vom Senegal über Mali oder den Kongo bis Nigeria … Die musikalischen Traditionen haben auch in Ländern, in denen sie mündlich überliefert werden, im Zeitalter des Internet weiterhin eine wichtige gesellschaftliche Funktion. Lieder haben eine direkte Rückwirkung und lösen Debatten und Polemiken in der breiten Öffentlichkeit aus. Martina Zimmermann bringt Beispiele über Musik und Politik in Afrika: ohne den geringsten Anspruch auf Vollständigkeit.

Singende Rebellen in Afrika

Wo politische Kämpfe mit Musik verbunden sind

„FREE NELSON MANDELA“

go! Playlist „Les cha-cha
des indépendances“ von RFIm

AUSWAHLDISKOGRAFIE:
Awadi, Presidents D’Afrique (Peripheria, 2010)
Bonga, Best Of Bonga (Lusafrica, 2009)
Johnny Clegg & Savuka, Third World Child (Capitol, 1987)
Diverse, Algérie: Musiques Rebelles 1930-1962 (NDH Music, 2012)
Grand Kallé et l’African Jazz, Succès Des Années 50-60, Vol. 1 (Sonodisc, 2006)
Khaled, Rebel of Raï – The Early Years (Nascente, 2009)
Fela Kuti, The Best Of The Black President (Barclay/Universal, 2002)
Lucky Dube, Together As One (Gallo, 1988)
Miriam Makeba, Mama Afrika 1932-2008 (Gallo, 2009)
Hugh Massekela, Phola (Four Quarters Entertainment, 2009)
Lounès Matoub, Lettre Ouverte Aux ... (Believe/Aztec Musique, 1998)
Youssou N’Dour, Dakar-Kingston (Emarcy/Universal, 2010)
Nabil Othmani, Tamghart In (Reaktion, 2010)
Positive Black Soul, Salaam (Mango, 1995)
Cheikh Tidiane Seck, Guerrier (Universal Jazz, 2013)
Steve Shehan et Nabil Othmani, Awalin (Safar/Naïve, 2009)
Tartit, Abacabok (Crammed Discs, 2006)
Terakaft, Kel Tamasheq (Harmonia Mundi, 2012)
Tinariwen, Tassili (V2, 2011)

Der Song des Briten Jerry Dammers als Protest gegen die Apartheidsregierung in Südafrika, die Nelson Mandela gefangen hielt, wurde 1984 zum Hit. 1988 wurde er zu Mandelas siebzigstem Geburtstag von Elvis Costello interpretiert, 2008 zu Mandelas neunzigstem von Amy Winehouse. Wie keine andere Bewegung fand der Kampf gegen die Apartheid Echo und Niederschlag in der westlichen Popszene.

Das ist auch Miriam Makeba zu verdanken. „Mama Afrika“ musste 1959 in ein einunddreißig Jahre dauerndes Exil und wurde zum Symbol des Kampfes gegen die Apartheid. 1963 rief Makeba vor der UNO zum Boykott Südafrikas auf. Ihr Ziel für den ganzen afrikanischen Kontinent: Einheit, Toleranz und Frieden. Der Trompeter Hugh Masekela, den sie 1964 heiratete, war 1961 in die USA ausgewandert. Die Ehe dauerte zwei Jahre. 1987 wurde Masekelas „Bring Him Back Home“ zur Hymne der Befreiungsbewegung für Nelson Mandela. Sein für Makeba geschriebener „Soweto Blues“, beweint das Massaker nach dem Sowetoaufstand 1976. Um diesen Aufstand dreht sich auch das Musical Sarafina, das 1992 mit Whoopi Goldberg und der vor fünf Jahren verstorbenen Miriam Makeba verfilmt wurde.

JOSEPH KABASELE
In Südafrika waren Kultur und Musik die Speerspitze des Kampfes gegeben die Apartheid. Im Land forderten Künstler wie Lucky Dube, Stimela oder Johnny Clegg die Apartheidsregierung heraus.

INDÉPENDANCE CHA CHA

In der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts führten in den meisten afrikanischen Ländern politische und soziale Bewegungen zur Unabhängigkeit. Die Musik spielte im Kampf eine Rolle. Danach legten Künstler von Togo bis Madagaskar, von Guinea bis Ghana eine außergewöhnliche Kreativität an den Tag, um ihre neuen Nationen zu feiern. „Indépendance Cha Cha“ hieß der Hit in der Demokratischen Republik Kongo: „Wir haben die Unabhängigkeit, wir sind endlich frei!“, sang Joseph Kabasele alias Grand Kallé et l’African Jazz 1960. Millionen Kongolesen erfuhren durch diesen Refrain von der Unabhängigkeit. Es wurde der erste panafrikanische Hit.

BLACK PRESIDENT

Black President ist der Spitznamen des 1997 verstorbenen Fela Kuti. In seinen Songs kritisierte er die durch die Kolonisierung deformierten afrikanischen Gesellschaftssysteme und das diktatorische Militärregime Nigerias. Der Erfinder des Afrobeats machte in den 1970er-Jahren seinen Shrine Club in Lagos zum Mittelpunkt seiner musikalischen und politischen Aktivitäten. Trotz Drohungen, Verhaftungen und körperlicher Gewalt seitens des Regimes prangerte Kuti unbeirrt die Zustände in seiner Heimat an. Damit möglichst viele seine Songs verstanden, sang er auf Pidginenglisch. Die Zeitschrift Rolling Stone bezeichnete ihn als den „gefährlichsten Musiker der Welt“. Er selbst sah sich als antikolonialistischen Panafrikaner.

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Schönfärberei verboten!

Féile an Phobail

Kulturförderung als politisches Konzept


Von Danny Morrison*


An dem Tag, als ich den Sarg meines besten Freundes durch die Andersonstown Road in West Belfast begleitete, wo er geboren wurde und aufgewachsen war, hatte ich keine Ahnung davon, was sich noch alles ereignen würde. Zwei Nächte zuvor hatten
go! www.feilebelfast.com
Kevin Brady und ich auf die Rückkehr dreier IRA-Mitglieder, deren Leichname aus Gibraltar nach Hause gebracht wurden,
AUFBAU DES GROßEN MUSIKZELTES IM FALLS PARK
gewartet. Mairéad Farrell, Dan McCann und Seán Savage waren von der SAS [Special Air Service, eine Spezialeinheit der britischen Armee; Anm. des Übersetzers] erschossen worden. Kevin hatte Dan McCann, Vater von zwei Kindern, gekannt. Ich kannte ihn ebenfalls, und mit Mairéad Farrell war ich befreundet gewesen. Vor ihrer Freilassung hatte ich sie im Gefängnis besucht, wo sie unter schrecklichen Bedingungen eine vierzehnjährige Haftstrafe verbüßen sollte.

» WIR SIND EIN
‚VOLKS‘-FEST. «
Als das Gefolge mit den drei Leichnamen nach Mitternacht West Belfast erreichte, wurden die Toten von der britischen Armee förmlich entführt, wodurch man die wartenden Menschen davon abhalten wollte, den Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen.
AUTOREN-INFO

* Danny Morrison ist Vorsitzender von Féile an Phobail. Er lebt als freier Journalist und Schriftsteller in Belfast. Er war Chefredakteur der Irish Republican News sowie Pressesprecher und Abgeordneter der republikanischen irischen Sinn-Féin-Partei. Zweimal war er auch deren Spitzenkandidat bei Europawahlen. Seine Beiträge werden regelmäßig in nationalen und internationalen Zeitungen veröffentlicht. In seinen Sachbüchern und Romanen befasst er sich hauptsächlich mit dem Nordirlandkonflikt.

www.dannymorrison.com

Über viele Jahre dienten die Beerdigungen irischer Republikaner als Anlass zu großer militärischer Präsenz. Die Trauernden wurden vom Militär geschlagen, beschossen, eingesperrt, unsere Toten wurden entweiht.

Am Tag der Beerdigung von Mairéad Farrell, Dan McCann und Seán Savage jedoch hatten sich Polizei und Armee zurückgezogen, was wir als Geste des Friedens deuteten. Stattdessen beschoss ein Amokschütze (Michael Stone) die Menge auf dem Milltown Friedhof und bewarf sie mit Bomben. Seine Waffen und Handgranaten hatte er auf geheimen Wegen vom britischen Geheimdienst erhalten. Drei Menschen wurden dabei getötet, viele wurden verletzt, darunter Frauen und Kinder. Einer der Getöteten war Kevin Brady.

Deutsche Übersetzung: Markus Dehm

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Beschütz mich!

Freemuse

Eine Organisation zum Schutz von Musikkultur


Die Welt ist in Aufruhr! „Krieg, Vergewaltigung und Mord sind nur einen Schuss entfernt, gib mir Schutz“, singen die Rolling Stones in „Gimme Shelter“. Doch was passiert mit Musik(ern) in Zeiten von Krieg und Unterdrückung? Wer bietet ihnen Schutz? Freemuse ist ein Teil der Antwort.

TEXT: HARALD JUSTIN

AUFBAU DES GROßEN MUSIKZELTES IM FALLS PARK
Böse Menschen kennen bekanntlich keine Lieder. Das Dunkelreich der Stille droht. Dort, wo heute der islamistische Terror voranschreitet und Musik in Generalverdacht gerät, etwa im Fall von Afghanistan, wo die Taliban das totale Musikverbot
go! www.freemuse.org

LESETIPPS:
Auf der Freemuse-Website werden zahlreiche Publikationen zum Download angeboten.

WEITERHIN:
Werner Pieper (Hg.), Verfemt – Verbannt –Verboten: Musik und Zensur – weltweit, Der Grüne Zweig, 1999
Werner Pieper(Hg.), Musik & Zensur in den diversen Deutschlands der letzten 500 Jahre, Der Grüne Zweig, 2001
Dietrich Helms/Thomas Phleps (Hg.): 9/11 – The World’s All Out Of Tune. Populäre Musik nach dem 11. September 2001, Transcript, 2004

einfordern und Kritiker, darunter Freemuse-Unterstützer wie Werner Pieper, längst von einem „kulturellen Genozid“ sprechen. Stille droht, wo von Seiten des Staats Ethnien wie in der Türkei die Kurden, in China die Tibeter und Uiguren unterdrückt werden und Musiker, die sich zum Sprachrohr der Unterdrückten machen, mit Repressionen zu rechnen haben. Stille droht allemal, wo in Diktaturen Musiker ihre Stimmen erheben und mundtot gemacht werden.

Um solcherart bedrohten Musikern Schutz zu gewähren, fand 1998 ein Kongress in Kopenhagen statt, der ein Jahr später zur Gründung von Freemuse (Freedom of Musical Expression) führte. Was der internationale PEN-Club für verfolgte Schriftsteller ist, das will Freemuse für unterdrückte Musiker sein. Die Organisation listet akribisch alle Fälle von Gewalt und juristischer Verfolgung gegen Musiker auf. Im schlimmsten Fall ist das eine Mordsarbeit.

Die Fallbreite ist entsprechend. Sie enthält den Fall des ivorischen Reggaestars Tiken Jah Fakoly, der die in Westafrika ausgeübte, religiös begründete Praxis der weiblichen Genitalverstümmelung anprangerte und deshalb den Zorn vieler Muslime auf sich zog. Auch der Fall des kurdischen Sängers Ferhat Tunç, der wegen Unterstützung der verbotenen PKK festgenommen wurde, ist verzeichnet. Sowohl Fakoly als auch Tunç gehören zu den Preisträgern des seit 2008 mehrmals verliehenen Freemuse Award, mit dem Künstler geehrt werden, die sich mit ihrer Arbeit für das Menschenrecht auf Musik einsetzen. Weitere Preisträger waren unter anderem die Iranerin Mahsa Vahdat und Pete Seeger.

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Das Zebra rockt

Zebrock

Zugang zu Kultur in sozialen Brennpunkten

  Wenn Kevin Ringeval spricht, hören die Schüler aufmerksam zu. „Ich war selbst ein schlechter Schüler und bin nicht mal aufs Gymnasium gegangen“, schmunzelt der 37-Jährige. „Wir verstehen uns.“ Seit einem Jahr arbeitet der ehemalige Musikproduzent als „Mediator“ im Auftrag der Organisation Zebrock in Schulen der Pariser Vorstädte. Er bringt den Schülern eine musikalische Kultur bei. Im vergangenen Schuljahr besuchte er siebenundzwanzig Gymnasien in zum Teil weit entfernten Randgebieten.

TEXT: MARTINA ZIMMERMANN


Das aus vier Teilen bestehende Programm beginnt mit einer Konferenz über Musik, zum Beispiel über die Entstehung des Blues in den Vereinigten Staaten und den Einfluss der Sklaven. Wie sich die schwarze Kultur mit der weißen vermischte, wie der Rock entstand. In zwei Stunden schafft es Kevin Ringeval, den Bogen bis zum Hip-Hop von heute zu spannen. Die Schüler seien „sehr interessiert“ und würden gut mitmachen, freut sich Ringeval. „Sie wollen wissen, wo die Musik herkommt, die sie heute hören.“

» DIE SCHÜLER
WOLLEN WISSEN,
WO DIE MUSIK
HERKOMMT, DIE SIE
HEUTE HÖREN. «
Der nächste Programmpunkt ist der Besuch eines Konzerts. Davor dürfen die Schüler den Künstler, zum Beispiel den Rapper Disiz la Peste, eine halbe Stunde lang interviewen. Bei der nächsten Runde in der Schule bringen die Schüler ihre Arbeiten mit, es wird über Musik gesprochen und auch über Berufe in der Musik. Er lerne selbst dabei, erklärt Kevin Ringeval. „Wenn sie von der Musik aus ihren Herkunftsländern reden, ist es am schönsten.“ Er habe auf diese Weise traditionelle kurdische und chinesische Musik kennengelernt. Es gebe im Kontakt mit den Schülern immer Neues für die Ohren.

Zum Abschluss kommen alle Schüler von allen Gymnasien einen Tag lang nach Paris ins Cabaret Sauvage. Das „Wilde Kabarett“ ist eine der schönsten Konzerthallen. Journalisten, Produzenten, Manager, Festivaldirektoren und andere Musikschaffende geben Auskunft. Bei einem Spiel füllen die Schüler einen Fragebogen aus: Das Spiel ist der Vorwand, damit sie mit den Profis aus der Musikbranche in Kontakt kommen. Das Interesse an Berufen in der Musik sei gesunken, beobachtet Ringeval. „Im Fernsehen wird man heute dank der Realityshows berühmt, ohne dafür zu arbeiten.“

go! www.zebrock.net
Die Mediatoren von Zebrock geben keine Noten. Die Arbeiten der Schüler werden, wenn von ihnen gewünscht, von den Lehrern benotet. Die Lehrer sind es auch, die sich an Zebrock wenden. Die Kulturkämpfer können nicht alle Anfragen erfüllen, sie gehen in maximal dreißig Schulen, die über die gesamte Île-de-France verteilt sind.

Die Idee des Vereins: Musik ist die wichtigste Kulturpraxis der Franzosen im Allgemeinen und der Jugend im Besonderen. Musik ist daher ein geeignetes Mittel, auch in sozialen Brennpunkten Zugang zu Kultur zu verschaffen. „Die Sehnsucht der Jugendlichen auf Musik zu vergrößern“, nennt das Edgar Garcia, der Direktor von Zebrock. Ehrgeizig ist der Traum, mit Musik die Welt zu verbessern und die jungen Leute zu ermutigen, selbst Musik zu machen. „Unser musikalisches Kulturgut muss von allen geteilt werden“, sagt er. Die Musik sei eine direkte Strategie, um die Menschen zum Nachdenken zu bringen.

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Update vom
30.08.2013
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