Rezensionen EUROPA


PETER BLAIKNER
Boulevard Villon

(Tukan Rekords BV-1001, go! www.blaikner.at )
15 Tracks, 48:41, mit Infos

Die Lieder und Chansons des österreichischen Chansonniers Peter Blaikner und seiner Verwandten im Geiste handeln von Liebe und Erotik, ausgelassenen Festen und Trinkgelagen, von Gaunern, Huren, Spielern und Vaganten – sie strotzen vor praller Lebenslust. Gleichzeitig scheint der Salzburger Sänger ein sehr ernsthafter Mensch zu sein, der geradezu penibel die sozialen und politischen Hintergründe seiner Lieder erforscht, sie historisch verortet, um sie möglichst authentisch interpretieren zu können. Im Booklet finden sich leider keine Texte, dafür aber sehr kenntnisreiche Hintergrundinformationen zur Entstehung der Lieder. Peter Blaikner leiht seine Stimme so illustren Persönlichkeiten wie Wilhelm von Aquitanien, Francois Villon, Georges Brassens und H. C. Artmann. Hinzu kommen Lieder aus eigener Feder. Äußerst professionell und ungewöhnlich einfühlsam wird der Sänger und Gitarrist unterstützt von seinen Mitmusikanten Bernd Weissig (Bass) und Reinhold Kletzander (Gitarre). Ein durchaus anspruchsvolles, dabei wunderbar entspanntes akustisches Album voller Wärme und Gefühl.

Kai Engelke

 

PETER BLAIKNER   – Boulevard Villon


BOTTLENECK JOHN
All Around Man

(Opus 3 Records 23001, go! www.bottleneckjohn.com )
SA-CD, 14 Tracks, 54:26 mit engl. Texten und Infos

Jan-Eric Perssons schwedisches Label für akustische Musik veröffentlicht neben Eric Bibb einen weiteren Virtuosen an der akustischen Gitarre. John Eliasson alias Bottleneck John variiert mit seiner beachtlichen Sammlung an Resonator- und Holzinstrumenten eindrucksvoll sein von Akustikblues bis Jazz reichendes Können. Seine enorme Bandbreite umfasst Titel von Robert Johnson („Come On In My Kitchen“) und Tom Waits („Jesus Gonna Be Here“) ebenso wie traditionelles Liedgut („Lonesome Valley“). Aber besonders eigene Stücke wie „Autumn Rime“, „Only A Woman“ und „Mandolinferno“ entpuppen sich als Perlen dieser gelungenen Produktion, auf der auch Bottleneck Johns Stimme durch ihr warmes Timbre absolut überzeugt. Der Sänger und Saitenzauberer wird mit seinem Debütalbum auch außerhalb Schwedens für einen Tornado in der akustischen Musikszene sorgen und dazu beitragen, die entstandene Lücke nach dem frühen Tod des fantastischen Gitarristen Bob Brozman zu schließen. Der Klang der Super-Audio-CD ist vorbildlich. Als Gastmusiker sind dabei: Mattias Nordqvist (p, org), Kent Ögren (b), Mattias Olofsson (perc), Patrik Idell (g), Stefan Swen (harm), Lars Astrand (mand, v), und Karl Eneland (Tuba).

Annie Sziegoleit

 

BOTTLENECK JOHN – Leandra


DIVERSE
México Flamenco

(Bucono Music BUCD0001/Galileo MC, go! www.galileo-mc.de )
14 Tracks, 56:29, span. Infos

Das musikkulturelle, einander beeinflussende „Hin und Her“ zwischen Spanien und Lateinamerika, im Flamenco „ida y vuelta“ genannt, hat Geschichte, viele Blüten getrieben, gar neue Musikstile hervorgebracht. So machen sich spanische Flamencosänger und -Musiker seit langem Stücke aus der Neuen Welt zu eigen, die bisweilen vergessen lassen, dass es sich im Ursprung um einen argentinischen Tango oder einen Bolero Kubas oder Mexikos handelt. So ergeht es einem auch beim Hören dieser superb produzierten Kompositionen, teils Hits renommierter Mexikaner wie José Alfredo Jiménez oder Agustín Lara, die so in die Stile des Flamenco überführt wurden, dass sie ihre mexikanische Verortung verlieren. Es ist eine Gala der Großen des aktuellen Flamenco, etwa der Cantaora Remedios Amaya und des ohnehin schon für diese Grenzgänge bekannten „El Cigala“. Ebenso der fusionsfreudige El Negri, der auf einem Lara-Tribute-Album schon zuvor eine solche Mexiko-Brücke schlug. Aber auch zwei flamencofernere Katalanen sind dabei. Neben dem Bolero-König Moncho ist es die Sängerin Sílvia Pérez Cruz, deren betörende „Cucurrucucú Paloma“ noch am ehesten nach einer wahrlichen Annäherung zwischen zwei Welten klingt.

Katrin Wilke

 

DIVERSE  – México Flamenco


FJÄRIN
Mixtur

(GO’ Danish Folk Music GO0313, go! www.fjarin.dk )
11 Tracks, 45:42 mit dän. Infos

Mit Mixtur meinen diese jungen Musiker die Einflüsse ihrer vier Herkunftsländer und die anderer Musikstile auf ihre Spielweise. Schon ihre Debüt Krydsning von 2011 brachte einen neuen Klang in die Folkszene: schöne Melodien, teils folkmusiknah interpretiert, das heißt die Melodien bleiben singbar; dann aber auch mit mehr Jazzanteilen. Das Trio besteht aus Søren Stensby, Violine, von der dänischen Balkanband Tako Lako, Kasper E. Leonardt, Gitarre, der die Harmonien von der traditionsreichen Insel Fanø mitbringt, und Johannes Vaht, Kontrabass, mit dem Hintergrund der schwedischen Liedtradition und des modernen nordischen Jazz. Gäste sind Rune C. Barslund, Flöte/Akkordeon, der in der dänischen Band Kasir Irisches spielt, Oscar Johansson, Piano, aus der Kopenhagener und schwedischen Jazzszene, und die ausdrucksvolle neue Stimme aus Norwegen, Mia Marlen Berg, die 2011 mit der Gruppe IKI den Danish Music Award für Jazzgesang erhielt. Sie singt variantenreich vom einfachen Folkgesang bis zum Scat des Jazz. Ein außergewöhnliches Album zum öfter Hören, denn man entdeckt immer wieder neue Feinheiten. Ein Geheimnis der Qualität liegt in dem perfekten, spannungsreichen Zusammenspiel.

Bernd Künzer

 

FJÄRIN  – Mixtur


BELLA HARDY
Battleplan

(Noe Records NOE06, go! www.bellahardy.com )
11 Tracks, 37:22, mit engl. Texten und Infos

Uneinheitlich wirkt das neue Album der in Edinburgh lebenden Engländerin zumindest auf diesen Rezensenten. Klar ist: Die Reise von der schüchternen Trad-Sängerin zur selbstbewussten Interpretin auch eigener Lieder mit ergreifender Stimme ist abgeschlossen – das bestätigt auch das aktuelle Werk nachdrücklich. Eine hochkarätige vierköpfige Band mit dem schottischen Top-Produzenten Mattie Foulds (Percussion), Anna Massie (Gitarre, Banjo), Angus Lyon (Piano, Akkordeon) und James Lindsay (Kontrabass) lässt absolut nichts anbrennen, und die meisten Songs wie das kraftvolle traditionelle „Whisky You’re The Devil“ oder das selbst geschriebene bittersüße „Drifting Away“ sind absolute Delikatessen. Dann wiederum verwundert beispielsweise der Opener „Good Man’s Wife“ mit unpassend klingenden Arrangements und schrägen Assoziationen: „I’ve been loving you like a soldier in peacetime, waiting for the war …“ Vielleicht eines dieser Alben, die man unbedingt öfter als drei- oder viermal hören muss, um sie umfassend würdigen zu können?

Mike Kamp

 

BELLA HARDY  – Battleplan


LASSE MATTHIESEN
Carry Me Down

(Solaris Empire 25/Broken Silence, go! www.lassematthiessen.com )
8 Tracks, 31:00, mit engl. Texten

Die schlichte Geste steht Lasse Matthiessen. Zurückgenommen und etwas schüchtern klingt der Däne, aber stimmlich und kompositorisch souverän. Trotz Do-it-yourself-Ästhetik und minimalistischer Produktion erzeugt er gemeinsam mit Ian Fisher und der isländischen Sängerin Halla Nordfjörd eindringliche und kurzweilige Klangbilder, die sich thematisch mit den ganz großen Fragen nach Liebe und Tod, aber auch mit den kleinteiligeren Unterschieden zwischen Jahreszeiten beschäftigen. Im Zentrum der Songs steht die Melodieführung der drei Stimmen, unterstützt lediglich von Akkordbrechungen auf Gitarre und – wunderbar subtil – Harfe. Aufgenommen haben die Musiker das Album mit in einer abgeschiedenen Hütte an der norwegischen Küste mitten im Winter. Seitdem Bon Iver das Eremitentum zum Kultstatus erhoben hat, scheint es für aufstrebende Singer/Songwriter unverzichtbar zu sein, in quasi frühromantischer Isolation auf die Kreativität fördernde Einwirkung der Natur zu setzen und im Anschluss medienwirksam darüber zu berichten. Inwiefern dies relevant für das musikalische Erlebnis des Hörers ist, bleibt fraglich, aber in diesem Fall zumindest hat die Einöde ein hörenswertes Album begünstigt.

Judith Wiemers

 

LASSE MATTHIESEN   – Carry Me Down


FRANCO MORONE, RAFFAELLA LUNA
Canti Lontani Nel Tempo

(Acoustic Guitar Records AGR 2013, go! www.acousticguitarecords.com )
16 Tracks, 60:16, mit ital. u. engl. Texten und Anm.

Wenn ein Gitarrist und eine Sängerin ohne Unterstützung weiterer Musiker ein Album aufnehmen und dies vom ersten bis zum letzten Ton bewegt, muss vieles stimmen. Vor einigen Jahren nahm Franco Morone mit Road To Lisdoonvarna ein wunderschönes Album mit dem Untertitel Celtic Fingerstyle Guitar auf. Auch das exzellente, filigran expressive Fingerpicking des aktuellen Werks atmet die Luft der Grünen Insel und verleiht den fast ausschließlich nord- und mittelitalienischen Traditionals eine besonders warme Note. Raffaella Lunas Gesang könnte man vereinfacht mit „schön“ bezeichnen. Da ist kein unnötiges Pathos, aber ihre Stimme verfügt über die nötige Kraft, Energie und Eigenständigkeit, die die Interpretationen dieser zeitlosen Lieder zu etwas Besonderem machen. Wer die Musik piemontesischer Gruppen wie La Ciapa Rusa oder Paroplapi kennt, wird hier mit Genuss einige der Lieder aus ihrem Repertoire in neuer, reduzierter Form wiederentdecken. Abgerundet wird dieses hervorragende Album durch das Beiheft mit englischen Textübersetzungen und Quellenangaben aller Lieder.

Martin Steiner

 

FRANCO MORONE, RAFFAELLA LUNA  – Canti Lontani Nel Tempo


SARAKINA
Dance Of Fire

(Amadeus 006 2012, go! www.sarakina.art.pl )
9 Tracks, 54:53, mit dt./engl. Infos

Die Mitglieder Sarakinas, die sich einst auf der Fryderyk-Chopin-Musikakademie Warschau getroffen haben, verbindet eine Leidenschaft für den Balkan. Gegründet 1999, legt das Ensemble mit Dance Of Fire sein viertes Album vor. Die Stücke – bis auf einen Titel alles Neukompositionen des Bandleaders Jacek Grekow – sind modern und jung, aber trotzdem deutlich geprägt von Tradition und Instrumentarium besonders Bulgariens und Mazedoniens: Akkordeon, Dudelsäcke, Klarinetten, Bass, Kaval. Mit den historischen Quellen und ihrem souveränen Können schafft die Band ein spannungsreiches Auf und Ab musikalischer Intensität und erzeugt stimmungsvolle Assoziationen an den südosteuropäischen Kulturraum. Jedes Instrument bekommt innerhalb eines stimmigen Zusammenspiels seinen Raum. Ein Werk zwischen nachdenklicher Harmonie und – vor allem – flotter Balkantanzmusik. Nur die Percussion scheint diesmal irgendwie nicht zu passen. Der Percussionist zeigt sich als vielseitiger Trommler und soll dem Album wohl ein Element von Jazz hinzufügen. Vielleicht ist es einfach die Verletzung der Rhythmik des Balkans, dass dies mehr als Störung der Spannung und Stimmung denn als interessanter Kontrapunkt wirkt?

Jürgen Brehme

 

SARAKINA – Dance Of Fire


STILLER HAS
Böses Alter

(Sound Service 220313-2/Mäule & Gosch, go! www.soundservice.ch )
10 Tracks, 41:18, mit Dialekttexten u. dt. Übers.

„Das größte Übel der heutigen Jugend besteht darin, dass man nicht mehr dazugehört.“ Dieses Zitat von Salvador Dalí findet sich auf dem Beiheft des aktuellen Albums der Berner Band. Nein, jung ist er nicht mehr, der bald 58-jährige Endo Anaconda. Doch mit einem guten Bluessänger verhält es sich wie mit einem guten Wein – je älter er ist, desto besser wird er. Ein Lied wie „Nachtzug“, das düstere Bild eines ewig Suchenden, hätte auf einem Abstellgleis enden können. Dank der kongenialen Unterstützung seiner Band, allen voran des Gitarristen René „Schifer“ Schafer, rumpelt und rollt die Band, dass die Schienen Funken sprühen. In der Ballade „Chätschgummi“, einem sanften Blick zurück auf die erste Liebe, bremst der Blueszug kurz ab, bevor er wieder mit etwas erhöhter Geschwindigkeit weiterfährt. „Toti Sigarette“, der Ausklang des Albums, würde selbst Hank Williams im Grab Herzklopfen verursachen. Ob Rhythm and Blues, etwas Cajun oder Americana – Schafer fertigt den Texten Anacondas einen musikalischen Maßanzug, der so perfekt sitzt, dass man dem Hasen noch ein langes böses Alter wünscht. Wohl bei keiner anderen Schweizer Band gehen Text, Gesang und Musik eine solch tiefe Verbindung ein.

Martin Steiner

 

STILLER HAS – Böses Alter


HEIDI TALBOT
Angels Without Wings

(Navigator Records 074, go! www.heiditalbot.com )
11 Tracks, 43:40, mit engl. Texten

Beziehungen sind das halbe Leben, und diese Weisheit gilt natürlich auch in der Musik. In der schottischen Folkszene ist kaum jemand umfassender vernetzt als die Irin Heidi Talbot und besonders ihr Gatte, der Fiddler und Produzent John McCusker. Wenn die beiden ein Album einspielen, verschließt sich niemand der Mitarbeit, und daher würde alleine die Auflistung der an Angles Without Wings beteiligten bekannten Namen den Rahmen dieser Rezension sprengen. Beim Songschreiben kooperieren Talbot und McCusker vornehmlich und erfolgreich mit Boo Hewardine. Vom Pariser Chansonflair des Titelsongs über das herzerweichende „Button Up“ mit King Creosote bis zum traditionsbasierten „When The Roses Come Again“ mit Tim O’Brien und Karine Polwart ist so ein starkes Album entstanden. Seine Klasse nahe der Perfektion wird nur von ein, zwei etwas schwächeren Songs dezent gemindert. Talbots Gesang klingt beim ersten Hören etwas piepsig, ein Eindruck, der sich später relativiert. Und geradezu prädestiniert ist ihre Stimme offenbar für die zahlreichen Harmoniegesänge auf diesem Album, das sicherlich in den britischen Folk-Top-Ten des Jahres 2013 landen wird.

Mike Kamp

 

HEIDI TALBOT  – Angels Without Wings


TURDUS PHILOMELOS
Grive Générale!

(Homerecords.be 4446101, go! www.turdus.be )
11 Tracks, 60:34

Diese Band macht Spaß. Turdus Philomelos ist ein belgisches Quintett, das überwiegend instrumentale Musik spielt. Insofern ist der Name „Singdrossel“ – nichts anderes bedeutet der Fachbegriff Turdus philomelos – schon mal die erste kleine Fopperei. Auch der Titel des neuen, dritten Albums, Grive Général, ist ein Wortspiel: „Grève générale“ bedeutet auf französisch Generalstreik, während grive das französische Wort für – wiederum – „Singdrossel“ ist. Turdus Philomelos will aber nicht, dass alles still steht. Vielmehr bewegt die Musik, auch wenn es keine klassische Bal-Folk-Begleitung ist. Die Musiker beschreiben ihren Stil als Mischung aus bäuerlichem Funk, nicht traditionellem Folk und zweifelhaftem Klezmer. Aber damit werden nur die wichtigsten Zutaten angesprochen. Geschrieben hat die Musik überwiegend Akkordeonist Julien de Bormann. Mit dabei sind noch ein Geiger, ein Saxofonist, ein Schlagzeuger und ein E-Bassist. Irgendwie passen die fünf zu Belgien, wo es viele Avantgarde-Folkbands gibt. Anders als die meisten ist Turdus Philomelos aber kein bisschen verkopft, sondern ganz am Boden vergnüglicher Tatsachen.

Christian Rath

 

TURDUS PHILOMELOS – Grive Générale!

Update vom
30.06.2013
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